Kritik- und Kontrollfunktion in Reinkultur

Der “San Francisco Chronicle” ist meine tägliche Morgenlektüre. Pardon: Mittagslektüre natürlich. Prominent auf der Aufschlagsseite des Regionalteils befindet sich seit Herbst 2002 jeweils ein gelber Kasten “Chronicle Watch – Working for a better Bay Area“. Das Prinzip ist einfach: Leserinnen und Leser melden der Redaktion, dass in ihrer Umgebung etwas kaputt, unpraktisch oder dringend reformbedürftig ist. Die Motivation: “It is the responsibility of a newspaper to represent our readers and to shine a light on the way public or private officials use public money”.

Die Zeitung sortiert allzu doofe Wünsche aus, kontaktiert die verantwortliche Behörde und hält den Medienfinger so lange auf dem wunden Punkt, bis das Problem gelöst ist. Von fehlenden Fussgängerstreifen bis zur kaputten öffentlichen Toilette kann die Bevölkerung so ziemlich alles melden.

Chronicle Watch, 11. August 2006

Gar Boulevardesk? Vielleicht. Aber immerhin: Der “Chronicle” bleibt dran – setzt Druck auf, indem Punkte auf der “Watch List” immer wieder erwähnt, mit der Anzahl vergangener Tage seit der Meldung. Online sind stets alle Fälle abrufbar. Bei jeder Nennung eines Ereignisses werden Telefonnummern und E-Mail-Adressen der Verantwortlichen veröffentlicht – Beamte, die sich vor nervigen Anrufen von Bürgerinnen und Bürgern schützen will, tun gut daran, den Finger raus zu nehmen.

Vor etwa zehn Jahren musste ich Medienfunktionen auswendig lernen – die Kritik- und Kontrollfunktion ist halt immer noch the most fun. Und wird hier wohl am einfachsten verständlich angewendet. (Man flüstert mir grad zu, dass es sich hierbei vom Konzept her um Public Journalism oder Solutions Journalism handelt. Danke, ex-Boss!)

Etwas stossend ist höchstens, dass es – in den USA wenig verwunderlich – vor allem löchrige Strassen oder fehlende Signalisierungen sind, die moniert werden. Trotzdem: Wie wärs mit sowas bei “Bund” oder “BZ”? Ich hätte da schon ein paar all time favourites, wo etwas mehr Mediendruck sicher hilfreich wäre: Mehr gedeckte Velo-Gratisparkplätze am HB, elektronische Busabfahrts-Anzeigetafeln auch in der Altstadt. Doch BITTE KEINE Beschwerden über Sprayereien… oder wie es immer so schön heisst “Schmierereien”.

Selbstredend wird natürlich auch der “Chronicle” überwacht – vom “Chronicle Watch“. Deren Betreiber Jim Sparkman ist laut eigener Aussage seit 25 Jahren Leser der Zeitung, nervt sich aber die “immer linker werdende” Redaktion – er fühlt sich dadurch “insulted and violated. More importantly, the taste of that first cup of coffee is ruined.” So zieht er auf seiner Website regelmässig gegen das Blatt vom Leder. Klar: DAS gibts auch back home

11 Kommentare

  1. aber letzteres erscheint sicher nicht im chronicle und wird nicht mit name und adresse des verantwortlichen versehen und verfolgt, bis sich etwas ändert…

  2. ufff… es bliebe dann also der Redaktion überlassen, den Filter anzuwerfen? nehmen wir mal an, DER BUND würde diese ‘Dienstleistung’ in sein Repertoire aufnehmen. Eine konservative Redaktion würde nun alle ‘Verbesserungsvorschläge’ der Bürger in Sachen ‘Randständige, Säufer und Penner weg vom Bahnhof’ gleich mit der Nennung des Verantwortlichen des entsprechenden Sozialamtes und der Polizei publizieren. Mei mei. Da könnte man aber fesche und zackige Politik machen (Law and Order Now!). Sowas geht sicher im Wilden Westen, wo alle mal in die Luft ballern dürfen, aber eventuell, hat der/die Bürgerin ja bereits bei einer Abstimmung seine Meinung zum Problem kundgetan und die Politik der Stadt ist etwas weniger auf kurzfristige Bürgerunzufriedenheiten abgestummen? Ich glaube, diese Idee ist ev. sogar extrem kontraproduktiv.

  3. Quatsch. Eine verantwortungsvolle Redaktion – und wie wir den BUND kennen, sitzen dort solche Leute – würde eben all den Schmierereien-, Randständigen- und sonstigen SVP-Junk eben rausfiltern. Wie wir alle wissen und täglich spüren, haben Demokratie und Verwaltung etwas sehr Träges an sich – und auch manchmal was Bizarres: Siehe Statthalter AvG, der Volksentscheide mal so kurz umkippt. Kurzfristige Bürgerunzufriedenheiten sind meistens Dinge, die einen zwar nerven, aber gegen die man dann doch nichts machen kann, da man eine Nummer zu klein ist. Da helfen solche Rubriken – der Schurni als Advokat. Man nehme so Beispiele wie die Bernmobil-Abfahrtstafeln oder die Veloparkplätze – Tschäppät versprach mal die Signalisierung von Abstellplätzen links von der Rolltreppe zum Migros, wo die unsäglichen A4-Verbotsschilder hängen. Was ist passiert? Nix. Genau dafür sind solche Rubriken da. Fehlende Velostreifen, zu klein signalisierte 20er-Zonen… das hat mit Wild Wild West grad gar nix zu tun, sondern damit, dem "kleinen Bürger" oder der "kleinen Bürgerin" eine kraftvolle Stimme bei Anliegen zu verleihen, die zwar ev. nur einzelne nerven, aber von deren Lösung schliesslich viele profitieren. Sultan, ich kenne die Verwaltung von innen – solcher Druck ist manchmal mühsam, aber ganz hilfreich.

  4. @blöker: ich wollte mit meinem post auch nur darauf hinweisen, dass eben das Filter in den Händen der Redaktion liegt. ob die Redaktion nun ‘Links und Nett und Verantwortungsvoll’ oder ‘Rechts und Fies und Dreckig’ ist, ist nur eine Frage des Vorzeichens und der Sichtweise. eine Zeitungsredaktion kann damit ganz gäbig auch gleich in der ‘Stadtpolitik’ rumwursteln. Das mag ja dann ganz gern im Sinne von ‘uns, den Guten und Grünen’ sein, aber ob damit die Glaubwürdigkeit einer Zeitung steigt? Würde denn die Zeitung auch Bürgeranträge wie ‘Am Bahnhofplatz endlich Schluss mit wilden Veloparkierereien!’ unterstützen? Konsequenterweise müsste sie das eigentlich und die Polizei würde am nächsten Tag dann alle illegalen abgestellten Velos abschleppen. Garantiert würde dies dann den Protest der Velofahrer lostreten und die Zeitung würde die private Nummer von AvG veröffentlichen, damit der endlich mehr Parkplätze schaffen würde…Das meinte ich unter ‘wild west’. Vielleicht ists eben nicht immer gut, wenn jedeR eine kraftvolle Stimme bekommt.

  5. Ich habe bisher kein Anliegen im Chronicle Watch gesehen, das allzu politisch gefärbt gewesen wäre (ausser vielleicht die ewig diskutierte Graffiti-Sache). Es sind eher Sachen, die der Allgemeinheit dienen und über die sich alle nerven, von links bis rechts, oder die keinen stören, wenns behoben wird (z.B. ein – für uns nicht so verständlich, aber wir haben auch nicht so viele Beben – überwachsenes Mahnmal für die Opfer der Loma-Prieta-Erdbebens, das jemanden gestört hat).

  6. aha.. na dann wirds wohl auch nicht so wichtig sein. dieses ‘Chronicle Watch’ wäre ja höchstens interessant für relevante dinge (eben wie versperrte veloparkplätze und zeugs das wirklich nervt wie altstadt-plakat-reglementierungen die infodisplays von BERNdebil verbieten), aber wenn es sich nur um die verbogene kinderschaukel oder nicht geleerte mülleimer handelt, bezweifle ich ein wenig den sinn und zweck (ausser das die ämter mit sinnlosen telefonanrufen belästigt werden) des ganzen.

  7. Wieso denn? Sind nicht geleerte Mülleimer oder verbogene Kinderschaukeln denn nicht mühsam für die Leute, in deren Umgebung solche Dinge auftreten? Wieso sind Anrufe bei den Behörden deswegen sinnlos? Wir zahlen (in Bern recht viel) Steuern, da kann man auch eine gewisse Bereitschaft verlangen, Probleme schnell zu lösen und nicht mit dem üblichen "aber wir müssen zuerst abklären und vielleicht ein kleines Projektmanagement dafür aufziehen und hmm ja ich weiss nicht" zu kommen. Ich will jetzt das nicht 1:1 mit der Ladenöffnungszeitenfrage verknüpfen, aber es geht ein wenig ins gleiche: Faulheit und Lethargie bzw. kein Sinn für BürgerInnenanliegen in gewissen Amtssuben und beim Gewerbe.

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