Käserei Sedrun: Ein Trauerspiel

Centrala da Latg SedrunSeit ich denken kann, kaufe ich in der Cascharia Sedrun ein. Das Schild “Centrala da Latg” ist einer meiner frühesten Kindheitserinnerungen.

Seit einigen Monaten brodelt es aber spürbar im Bündner Oberland: Die Käseproduktion der gesamten Cadi soll in Disentis zentralisiert werden.

Jahrelang machte die Familie Manser in der Sedruner Käserei solide Arbeit – da wusste man, was man hat. Die Bedienung war freundlich und herzlich. Die Milch und der Käse dufteten noch nach Kuh, es gab offenen Rahm, Rohmilch ins eigene Kännli und vieles mehr.

Leider kamen dann ein paar “findige” Köpfe auf die Idee, über Jahrzehnte gewachsene Strukturen über den Haufen zu schmeissen – der auch andernorts grassierende Fusions- und Zentralisieungswahn begann auch hier zu wirken.

Seit Thomas Manser Sedrun im Zuge der drohenden Umstellungen verständlicherweise den Rücken gekehrt hat, mochten auch viele Einheimische den Laden nicht mehr besuchen. Ich sagte mir: Nun denn, einheimische Produktion muss man trotz allem unterstützen, einige Spezialiäten gabs noch, und ein Schwatz mit Bea hinter der Theke war eh immer gut.

Heute dann die Ernüchterung…

Jammerschade: Die Käserei Sedrun ist noch ein Selbstbedienungslokal - und wenn dann doch jemand da ist, fühlt man sich alles andere als willkommen

… der Laden ist nur noch ein Selbstbedienungslokal, es hat in Plastik vakuumierten Käse, Eier, Butter, Naturejoghurt in Plastikbehältern (Glas-Mehrwegkonzept adieu), Rahm, Fonduemischung und einiges weniges mehr. Ein unfreundlicher Herr, der scheinbar zufällig da war, weigerte sich zuerst, das Depot für die noch vom Herbst vorhandene Milchflasche rauszurücken. “Das ist nicht mein Problem, ich bade doch nicht Sachen meiner Vorgänger aus. Irgendwann ist Schluss, Sie können nicht nach Monaten noch mit alten Flaschen kommen.” – Wie bitte?

Er wusste nicht einmal den Depotbetrag, schlussendlich gab er mir widerwillig einsfünfzig und riet mir, den Behälter in die PET-Sammlung zu geben. Da hat sich scheinbar einer perfekt auf seine neue Aufgabe vorbereitet und sich extrem gut informiert! Dass es der treuen Kundschaft (die jahrelang die selben Rituale mitmachte) reichlich egal ist, ob irgendwas bei den Besitzverhältnissen geändert hat und dass die meisten Gäste im Oktober gehen und im Dezember ahnungslos wiederkommen, schien ihn gaaaaanz und gar nicht zu interessieren.

Was man denn tun müsse, wenn man den passenden Betrag fürs Kässeli nicht dabei habe und etwas kaufen wolle… der mürrische Mann fand, da müsse man halt irgendwo wechseln gehen. Kundendienst wie aus dem Bilderbuch. Korrekt: hier fühlt man sich alles andere als willkommen.

Immerhin: Ein Flyer weist darauf hin, dass es “spätestens ab 2011” an einem neuen Standort wieder einen bedienten Laden gebe und bittet um Verständnis für die “Zwischenlösung mit dem Selbstbedienungsladen”.

Das einzige grosse Plus: Der Selbstbedienungsladen ist täglich (auch am Wochenende) zwischen 8 und 19 Uhr offen – das ist gut. Von Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit aber keine Spur, was von verschiedenen Seiten im Dorf bestätigt wird. Das Netteste, was ich zum Thema “Käserei” aufschnappte, war noch: “Vergiss es, da ist alles den Bach runter”.

Kann man wohl sagen. Eine lange Tradition scheint zu Ende. Ein Bergdorf, in dem Kühe en masse weiden, ohne gute Käserei? Das kanns ja wohl nicht sein.

Wer an dieser Misere Schuld ist, erschliesst sich mir bisher noch nicht so richtig. Wie so oft ist alles ziemlich verworren und vielschichtig hier oben. Aber dass man es soweit hat kommen lassen, ist auch aus touristischer Sicht jammerschade.

8 Kommentare

  1. Ich habe mich noch etwas umgehört: Der erwähnte unfreundliche Mann sei inzwischen entlassen worden – das ist sicher ein guter Entscheid. Die Frage ist nur: Wer hat den angestellt? Etwas Menschenkenntnis hätte wohl genügt, um zu wissen, dass das nicht gut kommt.

    Ansonsten scheint das ganze Trauerspiel vor allem auf ein Bastler-Management verschiedener Exponenten zurückzuführen sein, auf Null-Erfahrung mit Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, nicht vorhandener Kreativität, aber auch auf einen Mix aus Neid und Missgunst unter verschiedenen involvierten Stellen (und Talschaften).

    Ich hoffe, dass das ganze Projekt mit der Zentralisierung in Disentis aufgegeben wird und jemand wieder ein gutes Käsegschäft in Sedrun eröffnet, mit einheimischer (Tujetscher) Milch, Butter Joghurt usw. Dieser ganze Zentralisierungswahn ist doch einfach zum K…. – jahrelang liefs tipptopp, dann wird innert weniger Monate alles über den Haufen geworfen und heruntergewirtschaftet.

    Das kanns ja wohl nicht sein!

  2. Aus gut unterrichteten Quellen hat JacoBlök erfahren, dass sich etwas tut – womöglich gibt es schon bald eine für Einheimische und Gäste gute Lösung in dieser leidigen Geschichte. Hoffen wir, dass sich die Beteiligten und die Tujetscher Bauern zusammenraufen und dieser unbefriedigenden Situation ein Ende setzen!

  3. Leider hat sich die oben erwähnte Lösung zerschlagen. Und noch mehr: Als ich heute Milch holen wollte, war die Käserei ganz geschlossen. Kein Schild an der Türe, einfach Jalousien unten, Kunden im Dunkeln gelassen. Das Trauerspiel geht weiter.

  4. Vielen Dank für die Blumen.
    Wir sind Fam. Manser
    Wirklich schade für das ganze Region.
    Manche Köpfe haben noch nicht begriffen, dass regionale Entwicklung vom Schaffen einzelner und dem Miteinander abhängig ist.
    Das hat uns bewogen nach vorne zu schauen.
    Wir haben in Sedrun eine intensive schöne Zeit erlebt, die uns auch als Familie stark gemacht hat.
    Von dem profitieren wir auch heute auf unserem neuen Betrieb im Toggenburg.

  5. Grüsse ins Toggenburg! Freut mich, wieder einmal von euch zu hören! Weiterhin alles Gute und danke für eure grossartige Arbeit im Bündnerland.

    Aber wie siehts aktuell in Sedrun aus?

    An der Türe, hinter der einen bis vor kurzem noch Mansers begrüsst haben, steht nun das:

    NEIN – wir haben KEIN Verständnis für diesen Käse! Sehr trist ist das. Wirklich super gemacht, Associaziun Cascharia Mustér. Das habt ihr perfekt hingekriegt! Ein Tourismustal im Bündnerland mit 2000 Einwohnern ohne Käserei – wirklich, das muss man zuerst mal schaffen.

    Den ewigen Zentralisierern, Optimierern und Zauderern müsste man den Hintern versohlen, jawohl!

    Wenn auch nur ein Drittel von dem stimmt, was man im Dorf hört, solltet ihr euch schämen. Nun – ich gehe davon aus, dass das meiste stimmt, denn meine Erfahrungen mit der “neuen Situation” waren ja alles andere als positiv.

    Übrigens gibts in der Sedruner Metzgerei Curschellas immerhin einheimischen Käse. Diego und Marianne sind mit einem Minimalangebot in die Bresche gesprungen.

  6. O Wunder – während der Weihnachtstage war an der Hauptstrasse in Sedrun (beim Coop) ein Käsestand installiert:

    Feiner Sedruner Geisskäse und auch Käse aus Kuhmlich wurde hier feil geboten. Endlich tut mal jemand was!

    Mössjö Geissenpierre hat auch entlang des Winterspazierweges in Zarcuns einen Selbstbedienungsstand installiert:

    Unter http://www.geissenpierre.ch kann man sogar Ziegenpatenschaften übernehmen. Das nenn ich doch innovativ!

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