Schamlos Kranke reinlegen

Es war eines der Erlebnisse, bei denen man das Gefühl hat: “Da stimmt doch was nicht.” Aber was?

Zu den Grundlagen: Ich habe Morbus Bechterew, eine rheumatische Erkrankung, die man meist schon als Jugendlicher spürt. Die ganze Geschichte kann bei Bedarf hier nachgelesen werden – seit 2002 bekomme ich allerdings alle zehn Wochen eine Infusion mit einem Medikament, das hochwirksam ist und die Krankheit praktisch ausschaltet. Soweit so gut.

Kürzlich meldete sich eine Frau S. aus der Nordschweiz über das Kontaktformular meiner Website. Ich solle sie doch bitte anrufen. Ich dachte zuerst, das sei eine neue Webpublishing-Kundin, die sich im Fomrular geirrt hat und sich die Telefonkosten sparen wollte.

Ich telefonierte ihr; sie sagte, sie habe meine Bechterew-Page gefunden und erzählte mir dann die Geschichte ihres kranken Mannes, der mit Hilfe eines bestimmten Pflanzenextraktes eine Linderung seiner Beschwerden erreicht habe. Im Laufe des Gesprächs wies ich sie immer wieder darauf hin, dass sie oder ihr Mann sich auch an die Schweizerische Vereinigung Morbus Bechterew wenden könne – die helfen sehr gern und professionell, ich sei nur ein Patient, und inzwischen erst noch einer ohne Beschwerden.

Sie kam allerdings immer irgendwie wieder mit diesem Pflanzensaft mit einem fernöstlich-karibisch klingenden, kurzen, einprägsamen Namen. Mit der Zeit fühlte ich mich ein wenig an ein Verkaufsgespräch erinnert.

Ich wünschte ihr einen schönen Abend und ihrem Mann unbekannterweise alles Gute. Nach einigen Tagen kam dann auch noch ein Mail, angereichert mit diversen wirren Attachments, in denen die Wirkung diverser Pflanzen für so ziemlich alle Krankheiten dieser Erde angepriesen wurde.

Darin stand auch: “Im Moment macht er [ihr Mann] ein Experiment, er nimmt keinerlei Medis, hat aber die Trinkmenge von XYZ [Name des Pflanzenextraktes] drastisch erhöht, was sofort den Blutdruck in normale Werte brachte. XYZ wirkt erst in höheren Dosen schmerzstillend , kommt auf 85% von Morphium, hat aber nur die “Nebenwirkung”, dass das Immunsystem gestärkt wird. (Aber auch überschiessendes Immunsystem wird ausbalanciert). Es ist ein Kostenpunkt, XYZ bezahlt man selber (in A hat es einige Bechterewpatienten, die das Humira dank hoher Einnahme von XYZ ausschleichen konnten und nun dafür kämpfen, dass sie wenigstens einen Teil ans XYZ bezahlt bekommen,was für die KK viel günstiger wäre.) Da Sie im Internet wahrscheinlich nicht korrekte Angaben übers XYZ erhalten, hänge ich Ihnen (…) etwas an.”

Tönt dubios. Klar. Jeder mit einem Quentchen Gespür beginnt da schon die Augenbrauen hochzuziehen.

So richtig interessant wurde es aber erst hier: “Noch etwas, ich weiss nicht , wo Sie wohnen, falls Sie nicht zu weit fahren müssten, ist in ABC [Ort in der Innerschweiz] Montagabend um 19.30 Uhr im Restaurant BCD [hier stand die genaue Ortsangabe] ein Info-Abend (kein Verkauf) über die bioaktive Wirkung von XYZ. Falls Sie XYZ mal ausprobieren möchten, könnten Sie mit unserer Nummer bestellen zum Einkaufspreis. (Etwas günstiger als auf der Website) www….. [hier stand die Webadresse] – ich müsste Ihnen die Bestell-Telnummer dann schreiben.”

Spätestens hier läuteten dann alle Alarmglocken, und siehe da, die “inkorrekten Angaben im Internet” waren Hinweise auf ein illegales Schneeball-Vertriebssystem, auf falsche Heilsanpreisungen, auf verurteilte XYZ-Distributoren, fehlerhafte Wirkstoffangaben. Wikipedia schreibt zu XYZ: “Tatsächlich gibt es zu den angepriesenen Wirkungen keinerlei wissenschaftlich gesicherte Belege.”

Nicht nur einschlägige Konsumentenmagazine berichten seit Jahren über die Scharlatanerie, auch das Bundesamt für Justiz “rät dringend von einer Teilnahme oder der Weiterverbreitung ab”. Auf der von Frau S. angegebenen Website wimmelt es von Seltsamkeiten – so können die Wiederverkäufer wohlklingende “Titel” erreichen (sie selbst ist, wie man via Google leicht herausfindet, auch schon zu höheren Weihen gekommen) und interne Kurse besuchen. Und: Vier Liter des Wundersaftes kosten 230 Franken.

Mein Vedacht: Ihren Mann gibts gar nicht. Die bemitleidenswerte Frau ist vermutlich in die Fänge eines luschen Vertriebssystems geraten und versucht ihren Absatz anzukurbeln. Darum möchte ich sie gar nicht verurteilen – sie möge aber unbescholtene Menschen (vor allem chronisch Kranke) in Zukunft mit ihrem Quark verschonen, sich schnell professionelle Hilfe suchen und sich vor allem ein wenig schämen.

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