Kommerz vs. Velo und Fussgänger: Vollgestellte Altstadt, nervige Sammler

Die IG Velo Bern moniert laut “Bund” vom Freitag fehlende Veloständer am Bahnhof. Ein klassisches Luxusproblem mit erst noch temporärem Charakter während des grossen Umbaus – nebenbei gesagt demolieren gewisse Ständer auch eher die Velos als dass sie helfen würden, und ohne Ständer haben vermutlich mehr Velos auf dem engen Raum Platz.

Ich schätze die IG Velo sehr – zum Beispiel, weil sie sich für Dinge wie die Wiedereinführung des Velo-Gegenverkehrs in der Amthausgasse einsetzt oder sich des neuralgischen Punktes Waisenhausplatz annimmt.

Sehr nützlich wäre für uns RadlerInnen, wenn die IG weitere dauerhaft vorhandene Probleme ansprechen würde, über die man sich als Bahn- und Velofahrer auf dem Weg zum Bahnhof täglich nervt: Zu teure bezahlte Veloparkplätze und die von der Stadt tolerierten Behinderungen auf den Haupt-Fahrradrouten durch die Altstadt. Davon lese ich in der IG-Stellungnahme zum Velo-Richtplan (PDF, 50 KB) leider nichts.

Es gibt keine (keine!) Gasse, durch die man mit dem Velo flüssig von der unteren Altstadt an den HB kommt. Bundesgasse: Fahrverbot. Amthausgasse: Endet am falschen Ort – fernab des Geleisezugangs. Marktgasse: Fahrverbot. Zeughausgasse: Chaos. Waisenhausplatz: Oft vollgestellt. Neuen- und Aarbergergasse: Mischzone mit Fussgängern. Nägeli- und Speichergasse: Fahrverbot; enden fernab des Bahnhofs.

Einige Beispiele:

Kornhausplatz: Stände an der Ecke machen die Einfahrt noch schwieriger

Kornhausplatz: Überdimensionierte Stände von Versicherungen, Hilfswerken und stresstestenden Scientologen an der Ecke machen die Einfahrt noch schwieriger. Zudem war der Kornhausplatz kürzlich durch eine private Veranstaltung mitten auf der Velospur komplett bockiert. Fussgänger bewegen sich oft auf der Velospur beim Pyri quer über die Tramschienen – in einer deutschen Grosstadt undenkbar, da wird man als Fussgänger bisweilen unsanft von der (meist separat vorhandenen, so wie das eben sein sollte) Velospur gebimmelt, siehe Berlin:

Velospur in Berlin: So muss es sein!

Die gegenseitige Rücksichtnahme wird – auch von der Stadtregierung – immer wieder propagiert: Ja, klar – ich rase auch nicht durch die Stadt. Und als Auch-oft-Fussgänger weiss ich: Man ist immer der Rolle am nächsten, die man gerade einnimmt. Aber Rücksichtnahme beinhaltet auch, dass man als FussgängerIn nicht in Gruppen auf der Strasse rumsteht, wenn man merkt, dass dies auch eine Veloroute ist, und dass man durchaus auch die Laube oder das Trottoir benützen kann, wenn man ein wenig den Kopf schräg hält… nur tut das fast niemand.

Weiter im Text: Vom Kornhausplatz gehts in die Zeughausgasse – der Durchgang ist im Sommer oft zugestellt durch eine Bar und/oder Bänke der Räblus / Anker / Pery-Bar. Wieso wird sowas bewilligt?

Mühsame Feten in der Gegend Anker / Pery-Bar: Kein Durchkommen für Velos mehr (Juli 2007)

Strassencafés sind cool und beleben eine Stadt, aber der Langsamverkehr soll nicht behindert werden.

In der Zeughausgasse dann…

Zeughausgasse: Wild haltende Autofahrer, durch Container verbaute Sicht

… wild irgendwo haltende oder lahm nach Parkplätzen suchende AutofahrerInnen, tiefe Löcher im Belag, durch Container und Swi$$com-Kabinen verbaute Sicht auf von links kommenden Verkehr. Gefährlich! Hier muss eh ein Fahrverbot für Privatautos hin. Die Migros-Anlieferwagen sind bei weitem genug.

Auf dem Waisenhausplatz…

Waisenhausplatz: Oft durch Markt oder Veranstaltungen verstellte Durchfahrt in die Aarbergergasse

… ist die Durchfahrt gen Aarbergergasse oftmals durch Marktstände, Anlieferungsautos, birnenweiche Veranstaltungen z.B. von “Bluewin TV” oder “Smart” verstellt (ist es logisch, dass in einer rotgrün regierten Stadt einer Autofirma Werbung erlaubt wird?). Hat die IG Velo auch erkannt – gut so.

Wer übrigens von der anderen Seite kommt – aus der Aarbergerasse Richtung Waisenhausplatz, hat sich garantiert schon über das Dauerärgernis der Swisscom-Kabinen an einem völlig verfehlten Standort genervt…

Swisscom-Kabinen am falschen Ort: Nehmen einem die Sicht komplett

… genau, die nehmen einem bei der Ausfahrt aus der Aarbergergasse die Sicht auf von rechts nahende Fahrzeuge komplett. Prädikat hier “sehr gefählich” – wir wollen ja zügig vorankommen und nicht auf dem Rad durch die Stadt schleichen.

Drehen wir aber nun wieder gen HB: In der Aarbergergasse ist im Sommer eh nur noch ein langsames Durchkommen wegen zu grosszügig bemessenen Strassenbeizen möglich. Wer den Zug nicht verpassen will und entgegen der Vernunft etwas schneller fährt, bringt sich, die (zumeist in Gruppen mitten auf der Strasse langsam dahertrottenden) FussgängerInnen und entgegenkommende (angesichts des Chaos meist schon grimmig-konzentriert schauende) VelofahrerInnen in Gefahr.

Aarbergergasse: Zu breite Beizen, oft Fussgänger, die konsequent nicht schauen und nicht aus dem Weg gehen (Juli 2007)

Und – ja, da hat die IG Velo recht – wer dann kein (zu teures) Jahresabo der Velostation hat, darf am HB auch noch eine halbe Stunde einen vernünftigen Veloparkplatz suchen.

Einmal mehr fragt sich der Blöker: Wofür wähle ich eigentlich rot-grün?

Einige Zweifel an den Stadtbehörden gehen dem geneigten Stadtbesucher und der geneigten Stadtbesucherin wohl auch durch den Kopf, wenns um weitere Behinderungen im öffentlichen Raum durch Werbefritzen geht: Dass überall jederzeit Unterschriften für Initiativen und Referenden gesammelt werden können, ist OK – aber die Stadt Bern sollte bezüglich kommerzieller Anlässe auf öffentlichem Grund dringend eine restriktivere Praxis fahren.

Wichtige Zugänge sind zugemüllt durch Stände und aggressive Anmacher privater Firmen und Spendensammler – zwei Beispiele von letzter Woche:

Alltagsspammer am Werk: Kaum ein Tag ohne dumme Anmache von Telekommunikatiönlern und Spendensammlern

Alltagsspammer am Werk: Kaum ein Tag ohne dumme Anmache von Telekommunikatiönlern und Spendensammlern

Am Mittag zählte ich nicht weniger als acht ausschwärmende Leute-AnsprecherInnen von Swissaid, Cablecom, World Vision und anderen Organisationen am Käfigturm.

Am Briefkasten helfen (meistens) Kleber gegen Spam – wer sorgt dafür, dass man die Stadt durchqueren kann, ohne ständig von irgendwelchen Firmen- und OrganisationsverteterInnen angesprochen zu werden? Wieso schützt mich die Stadt nicht vor solchem Quatsch, sondern erteilt auch noch Bewilligungen dafür?

Gesteigerter Gemeingebrauch sagt man dem – und ich hab die Nase gestrichen voll davon:

a) Mich interessieren dämliche Massenveranstaltungen und dieser ganze Werbeschrott nicht. Also, liebe Stadt: Verbannt doch Spammer & Konsorten zumindest bis zum Ende der grossen Baustelle in der Stadt aus der selbigen.

b) Eine schnelle Velospur von der unteren Altstadt bis zum Bahnhof ist ein Muss in einer velofreundlichen Stadt, in der kein öV mehr vom Zytglogge bis zum HB fährt. Auf der Hauptachse Rathausgasse – Kornhaus – Zeughausgasse – Aarbergergasse – HB soll mögichst zügiger Veloverkehr möglich sein. Was spricht gegen die Markierung je einer Velospur in beide Richtungen? Das würde das Nebeneinander von zu Fuss gehenden und Velofahrenden massiv erleichern. Die propagierte “gegenseitige Rücksichtnahme” ist nett gemeint – aber naiv gedacht. Beim Frauenspital gehts ja auch problemlos, den Langsamverkehr zu separieren:

Na also, geht doch: Velo- und Fussgängerverkehr ideal auseinanderdividiert, alle sind happy (Juli 2007, Insel-Areal, beim Frauenspital)

c) Ich schätze die Berner Märkte sehr, aber die Stände sollen am Waisenhausplatz den Langsamverkehr nicht behindern: Wir wollen mit unserem umweltschonenden Transportmittel vernünftig und rasch zum Bahnhof gelangen können, wo wir sodann genügend kostenlose sowie auch günstige überwachte und überdachte vorfinden.

Und sobald sich die IG Velo auch lautstark für solche Dinge einsetzt, ein Formular statt einen Mail-Link für die Meldung solcher Probleme aufschaltet, eine framefreie Website anbietet und PDF-Downloads auch als solche kennzeichnet (grrr), werde ich dann vielleicht auch Mitglied…

16 Kommentare

  1. Zieh doch aufs Land…
    Wer in einer Stadt lebt, muss mit einem gewissen Mass an Zentrumslasten zurecht kommen – insbesondere in einer touristisch interessanten Altstadt.

  2. Ich lebe gerne mit den meisten “Zentrumslasten”.

    Aber ich habe in diesem Post ja gar keine Zentrumslasten zur Diskussion gestellt – Märkte, Spendensammler und Kabelkommer gibts nicht nur in den Zentren. Es geht um einen für die Leute erträglichen Umgang mit solchen Dingen auf dem engen Raum einer Altstadt, also primär um gesunden Menschenverstand, um die aktive Förderung des so genannten Langsamverkehrs und das Zurückbinden privater kommerzieller Interessen im öffentlichen Raum.

    Ich sehe es z.B. nicht ein, warum es eine rotgrün regierte Stadt in den vielen Jahren nicht schafft, eine sinnvolle Velopolitik zu betreiben, die diesen Namen verdient.

    Und was das ständige Angehauenwerden mit Zentrumslasten zu tun haben soll, ist mir schleierhaft – solcherlei müsste man einfach verbieten, punkt. Im Bahnhof geht das ja auch – wieso nicht auch auf dem Rest des Stadtgebietes?

    Die Stadt nebebnei gesagt touristisch weitaus interessanter, wenn man dafür sorgen würde, dass die TouristInnen die Stadt auch geniessen können und sich nicht ständig gegen Cablecom und Konsorten erwehren müssten, die ausgerechnet an den neuralgischen Punkten zu Stosszeiten im Weg stehen.

    Also, omo: Was konkret zur Sache beizutragen oder nur einfach kurzfuttermässig am rummötzerln heute?

  3. @blöker: du verlinkst auf die beschwerde-stelle der ig-velo bern. aber dein waisenhausplatz-problem mit marktständen und verkaufsheinis haben die dort schon seit einer halben ewigkeit als ärgernis eingestuft (sogar mit videos zu den betreffenden schwachpunkten). siehe hier und hier (mit Videos).

  4. Korrekt. Nur: Auf dieser chaotischen IG-Website findet man nichts. Ich hab gestern die Seite nach brauchbaren Sachena abgegrast, mit mässigem Erfolg. Wie lange hast Du das denn gesucht? Ich hab den Waisenhausplatz nun im Text oben verlinkt. Gute Seite und ganz meine Rede – danke!

    Ohnehin ist die IG Velo punkto Reaktionszeit einsame Spitze: Hatte heute Mittag schon ein Mail des Beauftragen für Velomassnahmen mit einer ausführlichen Stellungnahme in der Box. Super. Werde wohl doch bald Mitglied 🙂

  5. @blöker: ich habe lange gesucht. allerdings bevor die ig velo bern ein redesign verbrochen hat. da war es noch viel einfacher diese dokumente zu finden. jetzt wurde alles in frames gepappt und die site wirkt wie vor 10 jahren gebaut.

  6. Der Beitrag ist gut, persönlich akzeptiere ich allerdings auch in einer grünen Stadt Smart etc Ausstellungen auf dem Waisenhausplatz.

    Es gäbe sicher noch dutzende schlechte Beispiele anzufügen aber erwähnenswert auf dem Bärenplatz ist ganz sicher die Kiosk Mistkiste und der Zaun vom Käfigturm Richtung Vatter.
    Der Kiosk gilt ausser bei unserer Regierung als öffentliches Ärgernis und zusammen mit dem Zaun werden dann Fuss- und Velo sowie Fahrzeugströme auf ein paar Meter konzentriert.

  7. @cestmoi: Danke fürs Feedback – aber ich denke, der Zaun hilft vor allem dem öV, besser durch das Nadelöhr Käfigturm zu kommen, ohne dass allzu viele FussgängerInnen unter Tram und Bus kommen… dass es hingegen den 763. Kiosk in der Stadt ausgerechnet da braucht, genau, das ist – hanebüchen.

  8. Der Generalsekretär der Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün der Stadt Bern schreibt am 31. Juli dazu:

    “Ich danke Ihnen für Ihr Mail vom 23. Juli 2007 und nehme dazu gerne wie folgt Stellung: Der öffentliche Raum der Stadt Bern steht unter stetig wachsendem Nutzungsdruck. Die damit verbundenen Probleme – welche Sie zu Recht aufwerfen – nehmen entsprechend zu und sind uns bewusst. Der Gemeinderat der Stadt Bern hat daher noch vor der Sommerpause beschlossen, einerseits mittels kleineren Sofortmassnahmen Verbesserungen zu erzielen (zB. Einschränkung der Werbe- und Verkaufsständer; Einschränkung der kommerziellen Verkaufsstände etc.) und anderseits ein Projekt auszulösen, welches die Problematik grundsätzlich und nachhaltig aufnimmt. Ziel wird es sein, die jeweiligen Primärfunktionen des öffentlichen Raumes zu gewährleisten (idR Mobilitätsbedürfnisse: öV, FussgängerInnen, RadfahrerInnen, motorisierter Individualverkehr) und die überlagernden Nutzungen tendenziell zu beschränken. Damit sollte die Attraktivität des öffentlichen Raumes insgesamt wieder gesteigert werden können. Ich hoffe, Sie können daraus ersehen, dass die zuständigen städtischen Stellen durchaus Anstrengungen in die von Ihnen gewünschte Richtung unternehmen.”

    Na dann hoffen wir mal!

    Eine für Berner Verhältnisse schnelle Anwtort, die auf die Fragen eingeht – gut so.

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