Kinderjournalismus

Wird der Blöker einfach alt, oder sind die pubertierenden Journalistinnen bei “heute” wirklich einfach nur blöd? Wir haben als Teenies beim Radio auch gerne Klamauk gemacht, der primär uns selbst gefiel, und den Chef gehörig genervt – bei “heute” scheint der Chef aber den Müll sogar zu forcieren.

Bestes Beispiel: “Zora Off” auf der letzten Seite. Irgendwie lesen wir ja alle gerne über Sex. Aber bitte nicht penetrant (jawoll) täglich irgendwelche voll weichen Stories!

Zora Off: Sex, einmal mehr

Das hätten wir angesichts des Lieblingsthemas von Zora aber nicht gedacht. Weiter unten müssen wir uns solche Sachen reinziehen:

Menstruationsklimax: Wie phantasievoll

Uff. Wie phantasievoll, welch edler Gehalt. Nichts gegen freche Sprache und Sex in den Medien – aber Style hat das nicht.

Gut, “Zora Off” auf der letzten Seite kann man noch unter “Spielweise ganz am Schluss” abbuchen.

Ganz bedeppert sind dann aber die mit comicartigen oder an SMS-Sprache erinnernde Ausrufe gespickten “Interviews” von “Fröilein Claudia” mitten im redaktionellen Teil. Die nerven etwa gleich wie Werbung, die im Layout der journalistischen Texte gehalten ist – keine Seltenheit in “heute”. Einmal wären die Ergüsse (jetzt nehm ich schon den ClaudiaZora-Jargon an, arghhh, pling, plung, zack) des Fröileins ja noch halbwegs lustig, aber alle paar Tage ist dieser Unsinn kaum auszuhalten.

Darf irgendwie nicht wahr sein, dass einer der grössten Schweizer Verlage in einer tagesaktuellen Publikation so etwas erlaubt:

Aus einem "heute" vom Mai 2007 - Claudias birnenweiche Interviews wären einmal lustig, alle paar Tage aber nerven sie aber einfach nur noch!

Aber halt: Stimmt eigentlich. Warum bin ich eigentlich so behämmert und schreibe noch über diesen Karsumpel?

Geht ja alles ins gleiche Kapitel wie Spam, Telefonwerbung, Religion, Horoskope oder hirnrissige nächtliche Telefonspiele am Fernsehen: Die Menschheit ist grösstenteils dumm, und so lange es eine Nachfrage oder stille Duldung gibt, existiert auch ein Angebot.

11 Kommentare

  1. Religion mit Spam, Telefonwerbung und co in den gleichen Topf zu werfen ist beleidigend. Auch wenn Du Dich krampfhaft zu den Atheisten zählst, kannst Du Andersdenkenden etwas mehr Respekt entgegenbringen.

  2. Krampfhaft…? Ich hänge einfach an der Naturwissenschaft, das ist alles. Beweise mir, dass es Gott (oder was/wen auch immer) gibt, und ich lasse mich gerne davon faszinieren oder überzeugen. Aber das diskutierst du lieber hier oder hier!

    Zugegeben hat Religion (nebst sehr viel Negativem) auch seine positiven Seiten. Ich kenne und kannte viele religiöse Menschen – die meisten davon friedfertig und sympathisch. Aber es ändert nichts daran, dass Religion letztlich Aberglaube ist – ein (zumeist schönes) Märchen, das etwas respektvoller ausgedrückt auf Naivität beruht. Also geht das schon in die selbe Richtung wie die anderen aufgezählten Dinge. Bei Religion (zumindest was nicht missionierende, nicht frömmlerische und nicht gewaltbereite Religiöse angeht) möchte ich “Naivität” im positivstmöglichen Sinne des Wortes verstanden haben – sogar ich gehe ja davon aus, dass die Seelen unserer verstorbenen Vorfahren irgendwie irgendwo noch sind. Bei Spam & Co. weniger, da driftets dann eher Richtung Dummheit ab.

    Aber das war eigentlich nicht der Punkt hier…

  3. Ich finde Fröilein Claudia meistens ziemlich lustig. Für müde Nachhausependler kann man solche Schreibexperimente tolerieren. Die neue Gratiszeitung .ch soll ja angeblich eine “Qualitätszeitung” werden – ob das wohl klappt? Ich warte jedenfalls schon gespannt auf den Blog-Eintrag zu Altapierbergen in Berns Hauseingängen 😉

  4. Gut gebrüllt, mein Lämmle!

    Grundsätzlich finde ich “heute” gar nicht mal so übel. Kurz und rasch kann man sich über allerlei Geschehnisse des noch nicht vergangenen Tages informieren. Aber ehrlich gesagt, stören die pseudokreativen Ergüsse der weiblichen Redaktorinnen doch sehr. “Fauch”, “Grunz” und “Brüll” in Ehren, aber die Comicisierung des Journalismus ist dann doch mit der Zeit eher nervig – und zeugt eben dann auch von fehlender Kreativität (hüpf, hüpf, hüpf und dann die Augenniederschlag)…

    Aber eben, man bzw. frau muss es ja nicht lesen… Ist ja auch klar: Wenn etwas gratis ist, sollte man bzw. frau sämtliche Ansprüche runterfahren und sich ehrfürchtig vor den geistigen Ergüssen von “Journalistinnen” verbeugen. Und kritisch sollte man ja auch nicht sein.

    Aber vielleicht verstehen Blöker und Miauer ja einfach alles falsch. Vielleicht steht ja eine Mehrzahl der Leserinnen und Leser auf die Comicsprache in Nachrichtenheftli – später werden dann nur noch Piktos für alle gewordenen ANALphabeten, die sich heute noch PENETRANT ob der TastaturMASTURBATIONEN von ZORA OFF und FRÖILEIN CLAUDIA freuen, eingefügt… “Stöhn”, “Hechel”, “Grunz” und “Schrill aufschrei”, “Ja, Ja, JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!”

  5. @TV-Junkie: Hmm… “müde Nachhausependler” sind also eine abgekrampfte Manipuliermasse, denen man jeden Scheiss anschmeissen kann und die alles akzeptieren? Da fühl ich mich aber von Ringier gar nicht ernst genommen, wenn dem so ist.

    Schreibexperimente in Ehren, doch wenn “heute” für diese Aufgaben keine wirklich kompetente Leute hat, sollen sie’s doch einfach sein lassen. Ist einfach schade für die Druckerschwärze bzw. den Platz. Lieber eine Newsstory mehr – denn wie Miauer schätze ich das Blättchen als Schnellkurzfutter am Abend schon noch.

    Das Problem dürfte da liegen: Irgendwie weiss man vielleicht ab einem bestimmten Alter eher, was man kann und was man lieber sein lässt. Wenn man mich bitten würde, eine Theaterkritik zu schreiben, würde ich antworten “sorry, aber das kommt nicht gut, frag lieber jemand anderes” – erst wenns unabdingbar ist, würde ichs versuchen.

    Das sollten sich Fröilein & Co. auch zu Herzen nehmen. Es gibt sicher Dinge, die sie können.

    Das Wigdorovits-Projekt könnte ein interessanter Ansatz eines Quality-Gratis-Papers werden, doch setze ich grosse Fragezeichen hinter die Vetriebsart. Und letztlich nerve ich mich, dass solche Projekte den Druck auf renommierte Medien erhöhen, wertvolle Zeit (und vor allem Geld) von “Bezahlmedien” abzuziehen und in Fastfood-Schurnalismus zu stecken. Falls die Tamedia erwägt, einen “Schnell-Tagi” (wie wäre mit “The Free Daily Indicator”?) einzuführen und dafür meinen geliebten “Bund” abschiesst, mach ich die Schraube!

  6. Sie geht leider nicht ganz und bleibt zumindest dem Mittelland erhalten – Graus – ein weiterer Grund, ja nicht in den Aargau oder den Kanton Solothurn umzuziehen… Aber ich teile Blökers Ansicht, dass es schon ein Gewinn ist, dass Fröilein Claudia künftig nicht mehr täglich Mist schreibt. Und vielleicht lernt sie den Journalismus noch.

    Und trotz der Freude: Welch lange Gesichter wir wohl machen werden, wenn eine von Claudias geistige Schwestern deren Nachfolge übernimmt – *diehändeverwerfunddenblickflehendindenhimmelgerichtet.

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