Best of Diascans Teil 4 – detailversessen

Schon in Teil 1 dieser losen Serie legten wir den Fokus auf die interessanten Details am Rande. Auch heute greifen wir wieder tief in die Lichtbilder-Kisten und reisen zuerst ins Jahr 1962.

Auf diesem Familienfoto aus San Marino…

San Marino 1962

… interessieren mich nicht primär meine Vorfahren – OK, natürlich auch, aber diese Bilder gibts zuhauf – sondern die Stände am linken oberen Bildrand:

San Marino 1962

Was gibts da zu kaufen… Toast? Was ist das links unten… etwas mit “arioti” oder “arioli”…? Heisst das “Sandwich” rechts unten? Solche “Dia-Archäologie” könnte ich stundenlang betreiben.

Oder dieses Foto aus Riccione im Sommer 1962:

Riccione, Sommer 1962

Interessant wirds erst, wenn man googelt, wie das “Grand Hotel” im Hintergrund heute aussieht – Tripadvisor hatten meine Urgrossmutter (rechts) und mein Urgrossvater (links) noch nicht zur Verfügung. Sonst wüssten sie, dass das Etablissement immerhin als Nummer 21 von 195 Hotels in Riccione bewertet wird.

Gut, auch das nötige Kleingeld hatte die sechs Jahre zuvor aus Ungarn geflüchtete Familie dafür nicht – das waren vermutlich die ersten Ferien am Meer im ganzen Leben. Dank Google Maps wissen wir heute ziemlich genau, wo das Bild aufgenommen wurde.

Oder das zerrissene Plakat links im Fokus:

Riccione, Sommer 1962

Offenbar eine Mitteilung für Touristen in mehreren Sprachen, “Syndicat d’initiative de Riccione” heissts rechts und links irgendwas mit “Tourist… of Riccione”. Und “REMERCIE” – aber wofür dankte man den Ur-Touris der frühen 1960er? Dafür, dass sie wiederkamen und es weitersagten? Dass sie den Abfall korrekt entsorgten? Dass sie die lokalen Damen in Ruhe liessen?

Der Text ist leider unlesbar, dieses Geheimnis wird ebensowenig je gelöst werden wie wir nie erfahren, was mit diesem Radel passiert ist, das schon vor 50 Jahren recht mitgenommen aussah:

Riccione, Sommer 1962

Und wer ist “Martino”? Oder ist das ein Feiertag? – Ihn können wir leider nicht mehr fragen…

Riccione, Sommer 1962

… zumal er vermutlich gestorben ist. Ob der Riccionese ein glückliches Leben hatte? Und die beiden Typen da hinten, überfallen die gleich den Bilderladen? Oder kaufen sie ihrer Mamma ein schönes Gemälde? We’ll never know, und das ist irgendwie schade.

Dieses Bild war ebenfalls im Magazin “Riccione San Marino Sommer 1962” eingeordnet:

Spanien, frühe 1960er

Meine Grossmutter kauft Blumen, schön – nur… muss angesichts der Kleidung eine andere Jahreszeit herrschen. Und die Aufschriften im Hintergrund…

Spanien, frühe 1960er

… zeigen: Da muss auch noch irgendwann eine Spanienreise stattgefunden haben. Leider sind meine Grosseltern tot und auch sonst kann sich niemand an eine Spanienreise erinnern; selbst dieses familieninterne Geheimnis bleibt auch eines.

Machen wir einen Zehnjahressprung. Dies sind zwei der ersten Fotos, die von mir existieren:

Blöker ano 1972

Nun tragen auf den ersten Blick natürlich sowohl mein Vater als auch mein Sedruner Tat reichlich seltsame Gewänder, klar. (Und ich weiss endlich, woher meine Geheimratsecken kommen.)

Aber zoomen wir mal das Büchergestell heran, erst dann wirds spannend:

Allein diese Tapete ist bereits eine Erwähnung wert – erinnert ein wenig an den Filzboden aus den frühen 1970ern, den wir im Herbst entfernt haben beim Umbau. Rechts eine dieser grässlichen Glückwünschkarten mit netten Zeichnungen: “Wenn vorerst”… ja was denn? – War das eine Geburtsgratulation? Vielleicht finden wir die noch in einer Estrichkiste eines Tages.

Links dann die Bücher: Der legendäre Mittelschul-Weltatlas, der noch in so mancher Schweizer Wohnwand steht. Ein Buch über Olympische Spiele. Und eins über die 9. Fussball-Weltmeisterschaft. Passt – Mexiko 1970, das war zwei Jahre, bevor das Bild entstand. Rechts davon wohl ein Bildband über US-Nationalpraks? Roter Fels, Strasse mit gelbem Mittelstreifen… könnte passen.

Woraus trank Gion Giusep Jacomet denn im Juli 1972 seinen… hmmm, ja was denn: Kaffee? Tee mit Milch? Kaffifertig? Oder was ist im Bierhumpen?

Sedrun 1972

Gehört der Tee vorne der vermutlich fotografierenden Tatta oder dem ebenfalls als Fotograf in Frage kommenden Erzeugers der Penntüte im gelben Kleidchen? Ist das eine Wurst-Schnur links?

Ans plastifizierte Tischtuch kann ich mich jedenfalls noch bestens erinnern, das war noch lange im Einsatz und enthielt vermutlich soviel krebserregende Stoffe, dass mans heute als Sondermüll entsorgen müsste. Nun gut, ich lebe noch. Und dieser Fensterschliess-Mechanismus, da konnte ich stundenlang ummenäggele:

Sedrun 1972

So richtig abfahren tun Berufsnostalgiker aber auf alte Zeitungen. Rechts aussen hats tatsächlich eine ins Bild geschafft (samt dem kultigen Seifenhalter und dem Keramiklavabo):

Sedrun 1972

Und siehe da, wenn man genug heranzoomt…

Sedrun 1972

… erkennt man “DDR” in der Überschrift. In einigen hundert Jahren werden Forscher davon sprechen, dass dieses Foto wohl vor 1989 entstanden sein müsse.

Ich bin froh, dass ich meine Lebensjährchen heute noch etwas feiner einteilen kann – auch wenn bereits jetzt viele Fragen für immer unbeantwortet bleiben werden.

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