Wenn Wirte den Beruf verfehlen und für Hahnenwasser Geld wollen

Es sind die Augenblicke, in denen man sich für die Schweizer Gastronomie schämt: Man bestellt zu einem Mehrgänger Wein und beschliesst spontan, dass man Lust auf kohlensäurefreies Wasser hat – “und noch etwas Hahnenwasser bitte”. Schliesslich ist das Wasser hierzulande massenhaft vorhanden, meistens fein und praktisch gratis.

Was vielerorts im Ausland längst ungefragt auf dem Tisch stehen würde (vielfach sogar eisgekühlt), kostet in diesem Langnauer Restaurant extra: “Gern, dafür muss ich Ihnen einfach etwas verrechnen.”

An sich ein Grund, aufzustehen und ein anderes Lokal zu suchen. Oder Stress anzuzetteln, nach dem Chef zu verlangen und ihn zu fragen, wie er “Gastfreundschaft” genau definiere. Und ihn anschliessend in Tripadvisor abzukanzeln, auf dass er Pleite gehen möge.

Wir haben auf beide Varianten keine Lust an diesem Samstagabend, der doch so gemütlich begonnen hatte, aber zumindest mir mit dieser elenden schweizerischen Abzockermentalität schon mal zumindest teilweise verdorben wurde.

Immerhin bekam ich weniger später noch meinen Steilpass.
In meinem Salat steckte ein Stück Plastikfolie:

Plastikfolie im Salat, aber dem Gast für Hahnenwasser Geld abknöpfen - schöne, feine Schweizer Gastronomie (Langnau, Juli 2012)

Der musste dann sein: “Wenn ich für Hahnenwasser Geld bezahlen muss, das Sie etwa 3 Rappen pro Liter kostet, erwarte ich dafür immerhin einen Salat ohne Plastikzugabe.”

Da wurde jemand bleich, und die – vermutlich – Chefin kam sich wenig später entschuldigen. Zwei Espressi wurden offeriert. Das ist eine gute Reaktion und der Grund, warum ich den Namen des Lokals hier nicht nenne.

Einmal mehr: Wirtinnen und Wirte, welche Gästen, die mehrere Gänge bestellen und dazu Wein bestellen, für Hahnenwasser etwas verrechnen, sind schlicht und ergreifend Halsabschneider und haben ihren Beruf verfehlt.

Diese Leier von wegen “mit Hahnenwasser hab ich ja soooo viel Aufwand und das muss ich doch verrechnen”, die auch in vielen Aussagen kürzlich im Tagi durchschimmerte, zeugt von einer Leck-Mich-Doch-Du-Blöder-Gast-Einstellung, die bestraft gehört.

Boykottiert Restaurants, die Geld für Hahnenwasser verlangen!

Wie wäre es, wenn z.B. die Stiftung für Konsumentenschutz einen Internetpranger einrichtete, auf dem fehlbare Beizer aufgeführt werden können? So könnte man die unfreundlichen Wirte von Anfang an meiden. (Natürlich müsste sichergestellt sein, dass einsichtige Lokale, welche die skandalöse Hahnenburger-Abzocke abschaffen, schnell von der Liste verschwinden.)

Liebe Wasserwucherer! Tut uns den Gefallen und erspart uns in der Kommentarspalte das kindische Gejammer, dass “eine Dienstleistung halt etwas koste”. Damit gesteht ihr ein, dass euch das Geld wichtiger ist als zufriedene Gäste. Schreibt lieber, dass ihr einsichtig seid und den skandalösen Zuschlag sofort abschafft. Aus Liebe zum Gast – und aus Sorge um das Image der Schweiz bei ausländischen Besucherinnen und Besuchern.

Wer derart rechnen muss, dass er sich genötigt fühlt, 2×8 Meter Personal-Gang, das Waschen einer Karaffe und einen Liter H20 in Franken umzurechnen, mit 1000 zu multiplizieren und auf die Rechnung zu setzen, muss finanziell ohnehin auf derart wackligen Füssen stehen, dass man fast schon einen betrügerischen Konkurs voraussehen könnte.

Wer Gästen, die einen Salat bestellen, das ganze Brot aufessen und als einziges Getränk Hahnenwasser nehmen, einen extra-Obulus abknöpft… von mir aus. Kann man machen. Das ist schon etwas unanständig seitens des Besuchers.

Ich würde selbst das nicht tun, da ich unter Dienstleistungsdenken und Gastfreundschaft etwas anderes verstehe als zum Beispiel dieser Ökonom, der sich Wirt schimpft und vor drei Jahren hier eine wacklige Rechtfertigung für sein Verhalten hinterliess.

Alle Gastronomen sollen es sich ein für allemal hinter die Ohren schreiben:

Frisches, kaltes Hahnenwasser gehört – selbst für Durchschnittsbesteller – zur Basisdienstleistung in einem gastfreundlichen Hause.

Das ist andernorts auf der Welt, wo man weitaus günstiger isst und meistens auch zuvorkommender bedient wird als in der Schweiz, der Normalfall.

Wirte, die das anders sehen und sich über diesem Text ärgern, haben den Beruf verfehlt. Sie sollen umgehend den Job quittieren und in einer Schrüblifabrik arbeiten gehen. Oder sich zumindest von Berufen im Dienstleistungssektor fernhalten, in denen sie mit Menschen zu tun haben.

Schämt euch, so eine sackschwache, kundenfeindliche Einstellung und wie Dagobert Duck nur Dollarzeichen in den Augen zu haben.

Ihr seid eine Schande für die Schweizer Gastronomie!

3 Kommentare

  1. man merkt gut, dass du von den kalkulationen im gastrobusiness null ahnung hast. würdest du deine denke extrapolieren, sähe es so aus: du würdest nie mehr irgendwo ein kafi trinken. denn beim kafi sieht es so aus, dass der kafi an sich ca. 25 rappen kostet, die milch oder der kafirahm hoch geschätzt ca. 5 rappen, der zucker ca. 2 rappen, schätze ich mal.
    dein kafi kostet also an material nur gerade knapp 35 rappen. aber du bezahlst ohne murren 3.80 bis 5 franken.
    was natürlich nicht heisst, dass sich der wirt mit den 3+ übrigbleibenden franken auf die insel verschleichen kann. denn er braucht eine kaffeemaschine, geschirr, er zahlt miete, und-und-und.
    ich kenne eine wirtin, die innert eines jahres wegen der gratiswassermode an den rand des ruins kam. sie nahm jeden mittag 100 bucks weniger ein, was aufs jahr fast 40k machte. 99 von 100 schweizer wirten können das nicht wegstecken.

    hör mir auf mit dem ausland. da sind die kultur und die kalkulationen einfach anders. aus den verschiedensten gründen.

  2. Live von einem Apero in deiner Stadt kurz und bündig: Andi Jacomet bleibt bei seiner Darstellung.

    Wer rein ökonomisch argumentiert, soll sich aus dem Wirteberuf fernhalten. Ich könnte vermutlich auch 10-20k mehr im Jahr absahnen, wenn ich jede Minute und Sonderleistung abrechnen und auf die Einhaltung sämtlicher AGB-Klauseln pochen würde. Tu ich aber nicht. Lieber zufriedene Kunden als jedes Jahr nach Übersee in die Ferien können oder das Maximum in die 3. Säule blechen.

  3. Derzeit läuft eine interessante Diskussion auf Manuel C. Widmers Facebookseite aufgrund des Artikels im Bund “Hahnenwasser ist kein Menschenrecht” – http://www.derbund.ch/14159721

    Ich ärgere mich über Mänus Argumentation “Wer die tiefen Löhne im Gastrobereich kritisiert, soll auch für Leitungswasser was zahlen.”

    Nach 5 Wochen in den USA und Kanada (sowie nach zig mal gratis Hahnenwasser in änderen Ländern Europas) kann ich über solche Sachen nur lachen und merke: Bei der ganzen Sache geht es nicht ums Geld, sondern um einen Mentalitätsunterschied kleinlich vs. serviceorientiert.

    Die Schweizer scheinen einfach von Natur aus eher zur Abzockerei geboren zu sein.

    Wer oft im Ausland isst, merkt das sofort.

    Wir waren auch heute in Québec ville wieder essen – diesmal in einem leicht gehobenen Restaurant, allerdings weit weg von “gastronomique”, man könnte sagen “leicht über normal”. Auch hier: Ungefragt Hahnenwasser (sogar ohne Chlorgeruch heute). Wie bisher in jedem Lokal in diesen Ferien – ob im Truckstop auf dem Lande, im Diner in der Kleinstadt oder in Trendlokalen der Metrpolen.

    Die Bedienung war très sympa und gesprächig, ich fragte sie also frech, was sie davon halte, dass man in der Schweiz über Dinge wie “Darf ein Wirt für Hahnenwasser was heuschen” spreche. Sie sagte in ihrem wie üblich hier stark québecgefärbten Französisch, dass es in grossen Städten schon einige wenige “très fancy” Restaurants gebe, die eher kein Hahnenwasser ausschenken, in der Hoffnung, dass die Gäste für Mineralwasser zahlen.

    Es sei aber sonst auf fast allen Stufen der Gastronomie Standard in Nordamerika, dass man den Gästen ungefragt “tap water” oder eine “carafe d’eau” zur Verfügung stelle. Man erwarte auch nicht, dass der Gast noch etwas dazu bestelle.

    Mänu argumentierte mit den generell tieferen Löhnen und Mieten ausserhalb der Schweiz.

    Nun, dass die Löhne tiefer sind, stimmt natürlich. Der Mindestlohn in Kanada beträgt je nach Provinz rund 10 CAD pro Stunde (derzeit ca. 8.80 CHF); sie sagte, gewisse Ausnahmen gelten für Branchen mit Trinkgeld.

    Ich fragte sie zum Schluss noch, ob sie das Gefühl habe, dass die tieferen Löhne etwas damit zu tun hätten, dass Wirte spendabler seien. Sie schien die Frage gar nicht richtig zu verstehen und rümpfte das Gesicht. Sie fände es “stupide”, für etwas, das fast gratis ist, vom Gast Geld zu verlangen. “C’est simplement normal de servir de l’eau. Je ne comprends pas comment on peut en discuter.”

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