SMS aus 10’000 Metern

Als am Sonntag plötzlich von angeblichen Abschieds-SMS aus dem über Griechenland abstürzenden Flugzeug die Rede war, litt ich wie üblich mit den Passagieren mit, die kurz vor ihrem Tod einen Horrortrip durchgemacht haben müssen. Wie hätte ich an deren Stelle reagiert? Wie fühlt sich dieser ultimative Stress an? – Während CNN und Konsorten die SMS-Meldung stundenlang kolportierten, begann ich zu grübeln.

Aus einem unkontrollierbaren Flugzeug via SMS melden, der Pilot sei blau angelaufen und man erfriere? Hmm… klar: Der Helios-Pilot stürzt sich hollywoodmässig mit letzter Kraft durch die Passagierkabine, da er nur dort das Flugzeug unter Kontrolle bringen kann, und alle sehen dann, dass er blau angelaufen ist. – Blau angelaufen? Ja wie denn, was denn? Auf 10’000 Metern sei man angeblich bei einem Druckabfall nach wenigen Sekunden bewusstlos. Und droben auf Flight Level 350 hat man schliesslich auch glänzenden Handy-Empfang! Die schicken ja nun so Satelliten hoch, gell, die da oben GSM-Signale abstrahlen. Klar. Und selbst wenn das Helios-Flugi auf 2000m geflogen wäre: Handy-Antennen strahlen waagrecht ab, kaum nach oben. Einzig in Skigebieten habe ich je nach oben (gegen die Pisten) abstrahlende Handysender gesehen.

Der psychologische Aspekt: Was tut man, wenn die Hälfte der Passagiere und die Piloten ohnmächtig sind? Man versucht was zu tun, um am Leben zu bleiben. Zumindest mal nen Funkspruch abzusetzen. Ein mittelmässig versierter Technikfreak dürfte zumindest dies schaffen; alles andere gehört dann wohl ins Reich der “Airport’75”-Legenden. OK, nehmen wir an, andere taten dies bereits. Das Flugzeug ist im Sinkflug; dennoch wird es kälter, das Bewusstsein schwindet, der Sauerstoff geht aus… und wie durch ein Wunder findet das Handy ein Netz. In diesem Zustand ein SMS schreiben? Kaum: Dann versucht man wohl eher, jemanden anzurufen, als das Risiko einzugehen, kurz vor dem Drücken des “Send”-Buttons am nächsten Berg zu zerschellen. Und haben Sie schon mal auf dem Skilift bei minus zehn Grad ein SMS geschrieben? Viel Spass dann bei minus 30 Grad und weniger.

Inzwischen muss sich der Typ, der behauptet hatte, ein SMS von seinem Cousin erhalten zu haben, vor Gericht verantworten – wegen “Verbreitung falscher Informationen”. Schon mal was von diesem Straftatbestand gehört? Den gibts wohl in Nordkorea, Kuba und Schorschs beliebten “Schurkenstaaten”, aber in Griechenland? Bestenfalls müsten also Schurnis wegen ” Verbreitung falscher Informationen” verknackt werden, weil sie jeden mit gesundem Menschenverstand widerlegbaren Unsinn unreflektiert übernehmen. Dazu passt auch, dass das SMS in vielen deutschen Übersetzungen plötzlich “Lebe wohl, meine Cousine” hiess, obschon ein Mann das SMS erhalten habe. Kein Mensch kam auf die Idee, das SMS zu filmen oder fotografieren.

Der tragische Absturz führte auch zur Verbreitung von weiteren abstrusen Geschichten: Einige Leichen seien gefroren gewesen, hätten Rettungskräfte berichtet. Was für Leichen sind das, die nach einem Absturz mit Feuer bei 35 Grad Lufttemperatur gefroren bleiben?

Ich bekam von Zürcher Medienschaffenden auch schon ein Hoax-Kettenmail weitergeleitet, das 100 Meter gegen den Wind als solches erkennbar war. Medienleute sind manchmal einfach ein sehr unkritisches Völklein.

8 Kommentare

  1. und wie erklärst du dir die sms vom 11. september 2001 aus dem flugzeug? ich nehem mal an, dass der flieger nicht etwa auf baumwipfelhöhe unterwegs war…

  2. von sms aus diesen flugzeugen habe ich nie etwas gehört – das lässt sich auch via google kaum verifizieren. remember, das war erstens zu einer zeit, als im amiland noch keiner wusste, was sms sind – und zweitens kamen die anrufe (die gab es sehr wohl) aus den entführten flugzeugen nicht von mobiles, sondern von in den sitzen eingebauten telefonapparaten (“airfones“, inzwischen wurde der service von verizon übernommen). die gibts in sehr vielen US-flugzeugen.

  3. Das mit der Abstrahlung von GSM-Antennen ist nicht so einfach, wie du das beschreibst. Du siehst zwar die Richtung der Antenne, aber jede Antenne besitzt eine Abstrahlcharakteristik. Eine Antenne ist nicht wie ein Gartenschlauch, der einfach in eine bestimmte Richtung Wasser spritzt, sondern sie baut ein kontinuierliches Elektromagnetisches Feld zwischen Antenne und Erde auf. So hat jede GSM-Antenne auch unvermeidliche Nebenkeulen (neben den Hauptkeulen), mit denen man sehr gut auch noch in grosser Höhe genügend Feldstärke erhält. Zudem werden wohl gerade in dünnbesiedelten Gebieten Rundstrahler eingesetzt. Und da zwischen Strahler und Flugzeug nichts Störendes ist (Luft) kann man wohl noch mit ziemlich geringen Feldstärken in grosser Höhe rechnen. So ganz wegwischen lässt sich das SMS aus dem Flugzeug leider nicht. Das einzige reale Problem beim Senden dürfte wohl das zu schnelle Handover zwischen den einzelnen GSM-Zellen sein. Wäre aber wohl nur bei einer hohen Zellendichte ein Problem…

  4. Ja gut, da kann man nix dagegen sagen. Trotzdem: Die Idee, dass jemand im Angesicht des Todes SMS schreibt, ist relativ abstrus. Das würde nicht mal ich machen, und das will was heissen…

  5. schabernac – manche machen mit der liebe schluss via sms, dann gibt’s bestimmt auch solche, die damit das leben abschliessen. fini.

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