Dürfen wir als ganz normale Reisevögel dank einer unheiligen Allianz der Angsthasen womöglich bald wieder an der Grenze anstehen oder Visa beantragen?
Blicken wir etwas tiefer. Gilt wie bei der Steuerhinterziehung gilt die Weisheit: Wer sich nichts zuschulden kommen lässt, hat auch nichts zu befürchten? Was ist der Grund für diese seltsame Ur-Angst, registriert zu sein oder beobachtet zu werden?
Die Situation ist an sich grotesk: Die GegnerInnen des biometrischen Passes schreiben vermutlich ihren PIN-Code auf die Bankkarte, versenden E-Mails ohne Verschlüsselung, besitzen Süperkard und Hänzicumulus, wissen nicht, was ein BIOS-Passwort ist, legen sensible Dokumente ins Altpapier. Selbst in Facebook – bekanntermassen Hort des Bösen punkto Datenschutz – wurden Gruppen gegen die Vorlage gegründet. Ein Widerspruch in sich.
Natürlich ist man konsequenterweise auch gleich gegen jegliche Videoüberwachung. Ob letztere womöglich die vereinfachte Aufklärung von Verbrechen ermöglicht, ist ihnen egal – sie sind es ja nicht, die beraubt wurden. Sich ins Opfer hineinversetzen? Nein danke – die oftmals ideologisch verblendete Phobie gegen das ach so weh tuende Gefilmtwerden in der Bahnhofunterführung ist sooo viel stärker.
Zurück zu den Pässen und der geplanten Datenbank: Müssten die GegnerInnen der Ausweis-Vorlage vom Sonntag konsequenterweise ihren Nachwuchs nicht im Geheimen zur Welt bringen und tunlichst jegliche Registrierung vermeiden? Ihre Patientendaten und Röntgenbilder von der Ärztin umgehend vernichten lassen – hui, sie könnten ja in falsche Hände geraten? Alle Kundendaten bei allen Firmen umgehend löschen lassen? Der Einwohnerkontrolle melden, man möge bitte umgehend alles über sie löschen?
Klar: Es ist bedauerlich, dass es der Bundesrat versäumt hat, eine weniger angreifbare Vorlage zu präsentieren und erschwingliche Preise sowie konsumentenfreundliche Erwerbsmöglichkeiten für die neuen Ausweise festzulegen.
Eine Totalopposition bringt aber nichts. Ausser Ärger für viele Menschen. Oder was soll mit den vorhandenen Daten genau angestellt werden können? Sollen sich nun plötzlich in 007-Manier alle Bösewichte plötzlich mit Nachbildungen von Fingerkuppen unbescholtener BürgerInnen ausrüsten, die sie irgendwie aus den neuen Ausweisen extrahieren konnten?
Letztlich hat der Mensch hat immer schon gemacht, was technisch möglich war. In einigen Dutzend Jahren werden wir alle einen Chip implantiert haben wie heute schon Haustiere – reichlich naiv, wer dies negieren würde. Was solls? – Vieles wird dadurch einfacher werden. Banknoten bekamen auch irgendwann ein Wasserzeichen, dann einen “Goldfaden” und andere Sicherheitsmerkmale. Pässe wurden irgendwann maschinenlesbar; heute wird eben nachgerüstet, was möglich ist.
Ich verstehe diese weit verbreitete Phobie vor einer angeblichen Bespitzelung nicht, auch wenn ein Grossteil meiner Verwandtschaft und Bekanntschaft fichiert war und ich selbst es in den 1980ern wohl auch gewesen wäre, wenn ich älter gewesen wäre. Natürlich läuft es mir kalt den Rücken runter, wenn ich die feinsäuberlich archivierten Polizei-Karteikarten in einer linken Beiz lese. Doch – haben sich die Zeiten seit den finsteren 1970ern und 1980ern nicht leicht geändert?
Ich verstehe diesen Abwehrreflex gegen jegliche theoretische “Freiheitsberaubungen” oder einen “Überwachungsstaat” inzwischen schlicht nicht mehr.
Wir sind weder die DDR noch Burma. Welcher Muskel zuckt genau, wenn man ohne weitere Kommentare in einer Datenbank gespeichert ist? Wieso kann man sich gegen eine Videokamera wehren, die weder Schläge noch Stromstösse austeilt? Kein Mensch käme auf die Idee, Blechpolizisten, die Verkehrssünder überführen, abzumontieren.
Selbst wenn der RFID-Chip im neuen Pass aus Distanz ausgelesen werden könnte – ja gut, dann weiss ein (sehr theoretischer) Spitzel, dass ich zum Zeitpunkt X am Ort Y war. Und?
Woher rührt das? Haben im CCTV-Land Grossbritannien alle hässliche Pickel bekommen vor lauter Kameras? Warum ist die Speicherung von Fingerabdrücken ein Grundrechtsverstoss? Ich kann solcherlei als konsumentenschützerisch veranlagter Linker und früherer Besucher von Grundrechtsvorlesungen schlicht nicht nachvollziehen.
Anstatt Fundamentalopposition zu betreiben, sollten sich die kritischen Geister lieber konstruktiv damit auseinandersetzen, wie die Sicherheit der neuen Ausweise laufend optimiert werden könnte, sich primär gegen den Missbrauch von Kundenprofilen und Datenbanken in den Händen privater Unternehmen wehren sowie sich dafür einsetzen, dass möglichst strenge Datenschutzrichtlinien den Missbrauch der neuen Mittel verhindern – einen neuen Fichenskandal wollen wir keinesfalls. Aber auch nicht aus Prinzip nützliche Technologien ablehnen.
Find’ ich gut.