Ein Radio ward geboren: 10 Jahre RaBe

Heute vor zehn Jahren ging das Berner Alternativradio “RaBe” auf Sendung – und was die Gründermütter und -väter damals kaum für möglich gehalten hätten: Den Sender gibts heute noch! Der RaBe hat sich aus ideologischen Fesseln gelöst, ist seinem Credo aber treu geblieben und leidet nach wie vor unter chronischem Geldmangel. Vieles kommt professioneller daher als in den ersten Lebensjahren – dennoch hat das andere Berner Radio einen Jekami-Charakter, im positivsten Sinne gemeint, behalten. Angesichts des sonstigen Äther-Mainstreams: Zum Glück – und weiter so.

Lustigerweise sind viele der Sendesignete, die wir mehr oder weniger spontan in den Tagen und Stunden vor dem Sendestart in Bern und bei “Radio Unispital” in Zürich produziert haben, heute noch im Einsatz. Das nennt man Kontinuität in einer schnellebigen Zeit!

Uff – es waren wohl einige der schlaflosesten Tage für viele RaBe-Menschen, und umso grösser war die Erleichterung, als am 1. März um punkt 17 Uhr unsere kleine Eröffnungsgeschichte ertönte, die man sich weiter unten nochmals zu Gemüte führen kann.

Der erste RaBe-Hochglanzprospekt mit "Promi-Quotes" (Ende 1995) - KlickAus heutiger Sicht kommt der Start langfädig daher – doch damals hörte man auch Stimmen à la “das war viel zu professionell, so wollen wir doch eben grad nicht tönen!” – Nun denn, allzu viele dürften es eh nicht gehört haben – wir hatten erst zwei Tage zuvor daran gedacht, dass wir noch einen illegalen Plakatkleber anstellen müssen, um den Sendestart einem breiten Publikum bekannt zu machen. Und die Prospekte, welche die “Werbegruppe” in Fronarbeit in möglichst viele Berner Briefkästen geworfen hatte, lösten auch nicht gerade ein berauschendes Echo aus.

In diesem Posting leben die guten alten RaBe-Zeiten wieder auf – viele von uns arbeiten nach wie vor im Medienbereich, einige organisieren nach wie vor fleissig den Widerstand gegen WEF & Co, andere sind ganz woanders, manchen begegnet man zufällig nach 10 Jahren auf dem Niesen und erkennt sich kaum wieder. Das Schweizer Fernsehen machte für die Sendung “Zebra” Aufnahmen vom Sendestart – die ungeschnittenen Originalsequenzen sind hier als WMV abrufbar (langer Download, 67 MB). Erkennbar sind Valérie Gysi, Dani Landolf, Karoline Arn, Sämu Loosli, Madeleine Marolf, Katrin Rieder, Urs Wunderli, Gabor Balazs, Sabina Brunner, Martin Winter, Pesche Brügger und viele mehr, an deren Namen ich mich beim besten Willen nicht erinnere.

Ich arbeitete seinerzeit noch als Freier bei “Radio Raurach” im Baselbiet – RaBe war die ideale Abwechslung zum Kommerzfunk und was total anderes; zudem wars ne gute Schule für einen sturen Kopf, dass nicht immer alles so sein muss, wie er will. Kein Wunder bei Dutzenden Freiwilligen, Info-Flyer anlässlich des RaBe-Kurzversuches 1994 - Klickdie noch nie ein Mik in der Hand gehabt hatten. Eintägige Radioschnellbleichen halfen da in der Regel.

Die RaBe-Leute waren ein bunter Haufen von Feministinnen, Möchtegern-DJs, echten DJs, Medienstudis, PolitikerInnen, Radiomachern auf der Suche nach Abwechslung, mehr oder weniger beweglichen Bewegten, Punks, Realos, Fundis, KommunistInnen, eingemitteten Linken, Schuwlen, Lesben, Kommunikationsmenschen, Fremdsprachigen, Grünen, Roten, Spezialthemenfixierten, Unimenschen, MusikerInnen, Mitteilungssüchtigen, IG-weissnichtwas-lerInnen, MigratInnen, Kulturschaffenden, – ein Querschnitt durch das kreative und engagierte Berns der 1990er-Jahre. Die ersten Sitzungen fanden noch dort statt, wo heute anonyme Hochglanzbüros stehen – in verlotterten Räumen beim Kocherpark, wo ich mich 1993/94 als Neo-Berner doch leicht gschmuech fühlte. Schon 1994 ging ein Kurzversuch über den Äther – damals tönte RaBe noch eher nach “die linke Kampfstimme”:

Die erste Ausgabe des StattRadio (Januar 1995) - KlickIm Laufe des Jahres 1995 gründeten wir – auf eine definitive Konzession hoffend – das RaBe-Magazin “StattRadio”, und etliche Arbeitsgruppen kümmerten sich um den Aufbau des definitiven Betriebs.

Aus der gesamten Zeit von 1994-1996 sind hier einige Protokolle, Prospekte, Medienberichte, Sendungsmanuskripte, Medienmitteilungen usw. für die Nachwelt konserviert.

Plötzlich war die Sendeerlaubnis da: Medienkonferenzen mussten organisiert werden (die PR-Agentur, für die ich damals arbeitete, möge mir die Hunderten nach Büroschluss hergestellten RaBe-Kopien verzeihen), halbwegs professionelle Prospekte entworfen und geduckt, Werbematerial erfunden und Kontakte geknüpft. Irgendwie bogen wir dann auf die Zielgerade ein – und es Das Originalband des Sendestartes (Einstiegs-Hörspiel) am 1.3.1996 - Klickging los (rechts abgebildet ist das Originalband des Sendestartes, an dem zig Leute mitwikten – damals natürlich noch ohne digitale Hilfsmittel von Hand geschnitten und geklebt):

Geradezu visionär war, dass wir das “berüchtigte Frequenzenfeld”, durch das der RaBe navigieren musste, ausgerechnet “BE1” getauft hatten.

Nebst der “Nacht – mit Salome und Andi” (wir jammern heute noch, sind wir keine Late-Night-Talker geworden) und einigen Info-Sendungen produzierte ich in den ersten Sendemonaten zusammen mit StudienkumpelInnen die Medien-UniBox, bis heute das einzige tönende Berner Medienmagazin. Einer der ersten redaktionellen Beiträge handelte vom “Forum for European Journalism Students” in Athen – wo wir erstaunt zur Kenntnis nahmen, dass das Internet die Welt nicht zusammenschweisst, sondern spaltet. Der Beitrag dazu von Matthias Wipf und mir ist hier abrufbar (MP3, 8 MB).

Noch nicht genug RaBe? Hier sind einige Ausschnitte abrufbar, die aus dem 21. Jahrhundert gesehen teils recht skurril daherkommen – featuring Nicole Gysin, Salome Meyer und Frank Lenggenhager. Ganz heiss hören sich heute die Hinweise aufs Internet an – besser noch als das Buch aus dem Jahre 1997, das mir kürzlich in die Hände geraten ist, wo vom “neuen Netscape 3” geschwärmt wird, “dem mit Abstand meistverwendeten Browser”:

  • Was zum Henker ist das “3W”? – Frank erklärts – und erwähnt die “neue Website des ISC”. Zudem wimmelte es schon damals von “stinklangweiligen Seiten” – immerhin, gottseidank gabs noch keine Blogs. Die Internettips aus der Medien-UniBox vom 16. April 1996 (MP3, 1.8 MB)
  • Aus einer Zeit, als Windows 95 noch der letzte Schrei war und ich mich mit Windows 3.1 abmühte… Gewisse Angebote sind nur über Compuserve erreichbar, oder was war der URL-minder schon wieder? Und wieso muss man ächtscht Faxen oder schreiben, um mehr Infos zu den vorgestellten Websites zu bekommen? Die Internettips aus der Medien-UniBox vom 24. Mai 1996 (MP3, 2.5 MB)
  • “Ich bin da nicht so der Web-Spezialist” – Von wem könnte dieses Zitat stammen? Und wieso findet man die besten Medienseiten via “Bilanz”-Website? Die Internettips aus der Medien-UniBox vom 17. September 1996 (MP3, 2. MB) – In diesem Manuskript haben wir den SRG-Medien, die den Internetzug verpennt hatten, tüchtig eingezeizt.

Nebenbei: Den hippen Hintergrundsound haben wir auf einem Revox-Tonband als Endlosschlaufe geklebt, ein Ende um einen Bleistift gespannt und das Ding so lange auf MiniDisc überspielt, bis uns die Hand abfiel.

Weiter im Radio-Text:

RaBe verpasst sich übrigens zum 10. Wiegenfest ein neues Programm und lässt ein dreitägiges Fest steigen – mehr dazu hier. Ein Gespräch von RaBe-Inforedaktorin Cheyenne Mackay mit Karolone Arn, Willi Egloff, Dani Landolf und dem Schreiberlin dieser Zeilen ist hier abrufbar (RaBe-Info, 2. März 2006 – MP3, 4 MB).

5 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.