Vor 40 Jahren: Das erste Schweizer Jugendpresstreffen

An diesem Wochenende vor 40 Jahren fand in Olten das erste Schweizer Jugendpressetreffen statt. Organisiert wurde es im Jugendzentrum “Färbi” von der Kindernachrichtenagentur (Kinag). Zum ersten Mal konnten sich Macherinnen und Macher von Schülerzeitungen mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Landesteilen austauschen. Mein ältester Kumpel Tanner und ich waren als 13-Jährige mit dabei.

Jedes Medium konnte sich auf einem Marktplatz an Pinnwänden vorstellen: “Teeny Journal”, “Feschli”, “Aarezitig”, “Klecks”, “SZB Allschwil”, “Wecker”, “Dä Rägeboge”, “Chötti”, “Falk”, “Schüler-Echo Hägendorf”, “Der Punkt”, “Der Schlüssel”, “lies emol”, “Bumm Bumm”, “Doppelt belichtet”, “Nachrichten-Taube”, “Ginök”, “Bumerang”, “Zeitbrecher”, “Bodyflottt Comics”, “Birsdampfer” und wie sie alle hiessen:

Es gab damals weder Internet noch Mobilfunkgeräte oder KI – dafür aber Schreibmaschine, Scheren, Klebestifte und Kopierer. “Tipp-Ex” (flüssig oder vom Streifen) war eines unserer wichtigsten Instrumente. “Early Adopter” benutzten bereits Computer und Nadeldrucker für die Produktion ihrer Blätter – nur dumm, wenn das Farbband zu abgenutzt war.

Wenn man bedenkt, dass für heutige 13-Jährige das Jahr 1985 genauso weit zurückliegt, wie für uns damals 1945 (es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass wir langsam echt alt werden), lohnt sich eine kleine Einordnung. Ein gutes Gefühl für den damaligen Zeitgeist vermitteln zum Beispiel diese Perlen aus dem SRF-Archiv:

Mitte der 1980er genossen wir auch die letzten richtig strengen Winter im Flachland mit bis zu 60cm Schnee und wochenlangem Frost und Dorfskirennen im März auf 350müM. Es fiel aber auch schwarzer Schnee wegen der Luftverschmutzung und wir konnten nicht schlafen, da wir Angst vor dem “Atomkrieg” hatten.

Mit anderen Worten: Eine völlig andere Zeit. Damit aber zurück zur Jugendpresse!

Tanner und ich machten im Oberbaselbiet schon eine Weile unsere “FGOI”-Zeitung – sie erschien von 1982 an, wenn wir gerade Lust und Zeit hatten. Bis zu unserem 16. Geburtstag (1988) kamen immerhin 50 Ausgaben zustande. Wir schrieben chronologisch einige Wochen am Stück, und wenn ein paar Seiten zusammen waren, erschien das Blatt – mitunter auch dank netter Eltern, die in ihren Betrieben mehr oder weniger heimlich den Kopierapparat für uns heiss laufen liessen.

Die Jahre zuvor waren wir nicht gerade durch harten Recherchierjournalismus aufgefallen. Ferienberichte, Schul-Softnews, Witze oder “Neuigkeiten” aus der Verwandtschaft standen auf dem Programm.

Das sollte sich nach dem Jugendpressetreffen ändern. Plötzlich knöpften wir uns in Kommentaren unliebsame Lehrer vor (die noch Ohrfeigen verteilten und vor denen wir regelrecht bibberten) und fielen durch Lehrpersonen-Rankings unangenehm auf.

Tatsächlich wurden wir einmal vom Rektor vorgeladen, wie ich dem DRS3-Journalisten Peter Jäggi ein Jahr später ins Mikrofon sprach, der unsere aus heutiger Sicht unerträglich duckmäuserische Selbst-Zensur thematisierte:

Aber eben: Es war eine andere Zeit – und wir waren erst noch Kinder vom Lande.

Auch die Tagesschau berichtete am 24. November 1985 über das erste Jugendpressetreffen. In der Abmoderation erwähnt Moderator Pierre Freimüller, dass auch er seine Laufbahn bei einer Schülerzeitung begonnen habe:

Auch die Kameratechnik war damals noch etwas aufwändiger als heute. Und der Typ mit der Minolta um den Hals im Bericht wäre also meine Wenigkeit.

 

Der Anlass setzte einiges in Bewegung. Kurz darauf entstanden der Verband Schweizer Jugendpresse (VSJP) und der Jugendpresseclub Basel (JPCB), unter anderem mit Dominik, den man zuvor im Radiobeitrag hören konnte. Diese Vernetzung bildete das Fundament eines Beziehungsnetzes, das bis heute Bestand hat.

Dazu gehört auch André, den ich ebenfalls am 23.11.1985 kennengelernt habe.

Als Jungmoderator präsentierte dieser wenige Wochen zuvor die “Hitparade” beim Baselbieter Lokalsender “Radio Raurach”, wo ich später auch mein Unwesen trieb. (Damals war es noch problemlos möglich, als 14-Jähriger Radio zu machen, wenn man nicht gerade auf den Mund gefallen war).

links: André und Tanner am Jugendpressetreffen 1985 / rechts: der Schreibende (rechts) mit einem Jungschurnikollegen

Natürlich schnitt ich damals die Songs der Hitparade auf Cassette mit – auch Sandra, als sie mit “Maria Magdalena” auf Platz eins war (habt ihr euch auch gefragt, was eine “Krietscher ofde Neid” ist?).

Die Aufnahme muss gemäss der Statistik also zwischen dem 15.9. und 13.10.1985 entstanden sein. Nun vergass André aber das Mik zu schliessen, und so hört man ihn unfreiwillig im Sandra-Intro brabbeln und sich mit dem Moderator der nachfolgenden Sendung absprechen, bis er einen Anruf annimmt (er sagt nach einem Klicken seinen Namen und den des Senders), dann folgt ein kaum hörbares “öh?”, und dann ist das Mikrofon zu 🙂

Kürzlich musste ich ihm versprechen, dass ich ihm das Tape vererbe, wenn ich dereinst den Löffel abgebe. Wir haben das Original gemeinsam auf einem 80er-Tapedeck angehört…

… und fanden, dass wir zum 40-Jahre-Jubiläum dann mal Cordon Bleu zu dritt essen sollten.

Ein kurzer Exkurs: Inzwischen wissen wir, dass der Anrufer niemand Geringeres war als der heutige Gemeindepräsi von Nusshof, den mein ebenfalls jungjournalistischer Cousin – it runs in the family – kürzlich gekonnt in der BaZ porträtiert hat. Rolf war vor 40 Jahren so etwas wie unser Radio-Lehrmeister und grosses Moderatoren-Vorbild. Und ein harter Kritiker – als André und ich zusammen im Juli 1987 eine ziemlich chaotische Sommersendung voller WC-Spül-Jingles (hahaha) produzierten, legte Rolf sein Veto ein. Zu unserer Enttäuschung wurde das Band nie gesendet und es setzte einen tüchtigen ZS ab. Irgendwo hab ich das vermutlich auch noch auf einem Archiv-Cassettli…

Sieben Jahre später fragte mich André, ob ich beim Zürcher “Radio Unispital” mitmachen wollte, einem Freiwilligenprojekt, das nur über die internen Kanäle der Uniklinik zu hören war. Es sollte sich als Kaderschmiede für die Schweizer Medienlandschaft erweisen. Zwei meiner allerliebsten Menschen im Leben lernte dort kennen (die eine verbietet mir leider immer noch hartnäckig, den ersten Radiobeitrag ihres Lebens zu veröffentlichen, dabei wäre er sooowas von süss).

Kurz: Das Jugendpressetreffen 1985 war ein immens wichtiges Scharnier zwischen Kindheit und Erwachsenenleben. Danke, Kinag!

Vielleicht erkennt sich jemand auf diesen Bildern? Hier alle Fotos, die ich am 23./24. November 1985 in der “Färbi” Olten gemacht habe:

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