Heute vor 40 Jahren – am 24. Oktober 1986 – spazierte ich wieder einmal mit der Videokamera durch Itingen im Oberbaselbiet. Es war der “goldene Herbst” der 1980er-Jahre. Wochenlang Sonnenschein und Wärme.
Im Januar explodierte die Challenger, im April Tschernobyl, das Waldsterben war in aller Munde – es tat gut, den Spätsommer für ein paar Wochen zu verlängern und zu geniessen.
Wer hätte gedacht, dass die Idylle eine Woche später durch die Schweizerhalle-Katastrophe weggefegt würde? Der Rhein war rot und tot, es stank nach faulen Eiern. Doch dazu in einer Woche.
Auch die “Schweizer Illustrierte” – damals umfasste jede Ausgabe der Wochenzeitschrift fast 200 Seiten – widmete dem “Herbst, der ein Sommer ist”, eine Titelseite und Bildstrecke:
Die Herbstferien verbrachte ich als 14-Jähriger mit meinen Eltern im Unterengadin. Im Fotoarchiv sticht besonders dieses Bild vom Dorfplatz in Sent hervor – das waren noch Autos!
Ansonsten “business as usual”: gelbe Lärchen, Sonne allenthalben, Wandern durch die Seitentäler, Stosass-Wasser abfüllen und das Gefühl haben, dass man dadurch mindestens zehn Jahre länger lebt.
Auf dem brandneuen knallroten SONY-Walkman WM-F15 liefen vor allem Gianna Nannini (“Bello e impossibile”), Madonna (“Papa Don’t Preach”), Bruce Hornsby (“The Way it is”), Peter Cetera (“Glory Of Love”), Stan Ridgway (“Camouflage”), Huey Lewis And The News (“Stuck With You”), OMD (“Forever Live And Die”), Kenny Loggings (“Danger Zone” aus “Top Gun”) und Tina Turner (“Typical Male”). Ordentliches Airplay hatte seinerzeit auch die Band Matia Bazar aus Genua mit “Ti Sento“.
Ach ach, der WM-F15! Dieser Walkman war damals mein Ein und Alles. Die Verkäufer vom kleinen “Zihlmann“-Shop in Sissach schauten im August 1986 etwas schräg, als ein Teenager das teuerste tragbare Gerät im Laden kaufte. “Jä dörfsch du das vo dine Eltere us?” – Aber ich hatte mich natürlich genauestens informiert und wollte exakt dieses Teil. Es war kaum grösser als eine Cassette, trotz des eingebauten FM/AM-Radios. Herr Bitterlin hatte zuvor die etwa 350 Franken am Schalter der BLKB in Sissach natürlich bereitwillig rausgerückt, als ich das grüne Jugend-Sparheft unter dem Sicherheitsglas rüber schob. Der kleine Sony-Knüller wurde mir leider 1990 in Nizza geklaut, daraufhin erstand ich bei Eschenmoser in Basel den Sony WM-F2085. (Foto: eBay)
A propos Musik: Während der “Fera” (eine Fernseh- und Radioausstellung) strahlte das Schweizer Fernsehen 1986 jeweils mittags eine Sendung namens “Ohren-Clip” aus. Den Stereoton dazu gab es auf Radio DRS3, ein junger Beat Schlatter war für die Kabarett-Einlagen zuständig. Hier der Teil mit Kurt Maloo und Felix Haug (aka “Double”), die damals mit ihrem “Captain of Her Heart” in den US-Charts waren:
Und was hat es mit dem “Atom” auf sich, das ich auf dem SI-Cover so akribisch markiert hatte? Das Magazin stellte sich ein halbes Jahr nach Tschernobyl vor, wie die Schweiz ohne Kernkraftwerke auskommen könnte.
Erstaunlicherweise waren die Ringier-Journalisten davon überzeugt, dass das problemlos geht und 1999 Beznau sowie 2019 Leibstadt als letztes AKW vom Netz gehen würden. Dass man heute ernsthaft über den “Ausstieg aus dem Ausstieg” spricht, sagt doch einiges über die Entwicklungsfähigkeit der Menschheit aus 🙁
Und was hatte die “Schweizer Illustrierte” im Herbst 1986 sonst noch auf Lager? Hannes “Uli” Schmidhauser wurde 60, ein neues Buch über die Fliegerabwehr (willkommen im Kalten Krieg!), Gabriela Sabatinis Tennis-Stern ging mit 16 gerade auf, Georges Bregy spielte bei Sion und wollte Meister werden, Raichle stellte einen neuen Skischuh vor. Dazu gab es eine (noch nicht so benannte) Publireportage über Panasonic-TV- und Video-Trends:
In der Nummer 35 unserer FGOI-Zeitung (PDF) berichteten wir über die Fussball-WM im Mexiko und es gab eine Reportage über die Itinger Badi. Nummer 36 (PDF) behandelte u.a. die Klassenparty in Diepflingen und die Einführung von Recyclingpapier an unserer Schule:
Unser medialer Output in diesem Jahr war geradezu gewaltig – Nummer 37 (PDF) erschien auch noch vor den Herbstferien und damit war bewiesen, dass das für uns Jungs das andere Geschlecht so langsam auf eine völlig neuartige Art und Weise interessant wurde:
Für die folgenden Berichte mussten wir beim Rektor antraben, wenn ich mich richtig erinnere:
Ernster wurde es hingegen in diesem Text rund um die “Waldjugendwoche 1986” – wer mit dem Töffli in die Schule kommt, solle doch “Bleifrei fahren”, forderten wir. Und “Katalysatorautos” waren auch etwas ganz Neues:
Und schliesslich war da noch die Schulreise im August 1986: Ich hatte mich mit meinem Vorschlag “Pazolastock” im Voting durchgesetzt und die Klasse 3a quasi in meine Tujetscher Heimat eingeladen. Die Route vom Oberalppass auf den Pazola und zurück via Tomasee hatte ein paar tückische Stellen, zudem lag noch etwas Neuschnee, und so nahmen wir als Helfer Ninas Eltern und Gino aus Sedrun mit.
Natürlich lief alles problemlos ab, und viele sahen mit 14 erstmals die Quelle des für uns damals gigantischen Flusses in Basel, der wenig später mit dem roten Löschwasser der Sandoz-Katastrophe kontaminiert werden sollte.






























































