Am Sonntag feierte DRS3 “40 Jahre Hitparade“. Schön! Aber was Nostalgiker am liebsten hören – Originalausschnitte aus früheren Sendungen – gabs nur am Rande. Holen wir das doch hier nach.
Das JacoBlök-Privatarchiv ist voller Erinnerungen an die Schweizer Radio-Hitparade – im Frühling 1979 zeichnete ich die ersten Songs auf. Die Erinnerungen hingegen reichen zurück in den Herbst 1976, als ich meine Eltern schier wahnsinnig machte, weil ich ständig den “Kiosk” hören wollte. Das sind wohl bezeichnenderweise meine allerfrühsten Kindheitserinnerungen, zu denen ich noch viele Bilder im Kopf habe.
Die Aufnahmetücken waren gleich wie bei allen Kids damals – der Moderator beginnt zu sprechen, man drückt die Pausentaste am Cassettengerät zu spät, was dann so tönt:
Gottseidank löschte ich aber nicht alle Wortmeldungen, sonst gäbe es diesen Blogeintrag nicht. Die wirklich interessanten Aufnahmen beginnen im Sommer 1983. Die Moderation war noch extrem brav bis förmlich, hier Peter Hammann am 19. Juni 1983:
Immerhin gabs ab diesem Sommer den “Hitbewerb” – man spielte drei Songs vor, und wer deren Chartplatzerungen korrekt auf eine Postkarte (!) kritzelte, kam mit etwas Glück zu einem Haufen Vinyl:
Die Zusammenfassung, Platz eins und auf der Warteposition eine kleine Erinnerung an die damals noch nicht geborenen 2raumwohnung-Fans, die hier vorbeischauen: Inga Humpe sang vor 25 Jahren im Sommerhit “Codo” von DÖF mit, einem Projekt iher Schwester Annette, gemeinsam mit Joesi Prokopetz und Manfred Tauchen:
Am 4. Juli 1983 sass der heutige 10vor10-Redaktor Martin Eggenschwyler am Mikrofon, hier war “Codo” schon in den Charts drin:
Ein Video mit Martin anno 1986 ist übrigens hier zu finden.
Am 10. Juli 1983 war wiederum Peter Hammann an der Reihe, dies ist auch das einzige erhaltene legendäre Sgt-Pepper-Signet meines Archivs:
Thomas Gloor moderierte sodann am 24. und 30. Oktober 1983 die beiden letzten Radio-Hitparaden auf DRS1. Ja – das sind nur sechs Tage Unterschied; wegen der eidgenössischen Wahlen verschob man die Hitparade vom Sonntag, 23. Oktober, auf den Montag, 24. Oktober (in die Abendsendung “Tandem”), wie der elfjährige Blöker mit einer Piepsstimme kleinlaut auf dem Tape bemerkt (neeee, nix da, das erspare ich euch).
Herrlich ist dieser frühe Trailer der DRS-Geschichte, ein Hinweis auf die Sendung “Treffpunkt Studio Bern” vom 28. Oktober 1983.
Den “Piano Paul” gibts übrigens heute noch! – Hier zwei weitere Ausschnitte aus der Sendung vom 24. Oktober:
Eine Archivperle sind auch ein DRS3-Trailer – Werbung für den brandneuen Sender – sowie die Ansage der letzten Nummer eins auf DRS1, Culture Clubs Karma Chameleon. Am Schluss meldet sich noch eine bekannte DRS1-Frauenstimme mit der Mitteilung, dies sei die letzte Hitparade gewesen; von nun an heisse es sonntags um diese Zeit “Schlagerparade” mit Georges Pilloud…
Im Herbst 1983 wechselte die Hitparade also den Sender – DRS1 war nun für die Alten da, DRS3 für die Jungen. Der 1. November 1983 war auch Startpunkt für die ersten “legalen” Lokalradios auf Basis der bundesrätlichen Rundfunkverordnung (RVO) von 1982, die zum jahrelangen Providurium wurde; unter dem Druck von Italo-Pirat Roschees “Radio 24″ erliess die Regierung kurzerhand diesen Erlass. Zu den ersten Lokalradios gehörten unter anderem “ExtraBE”, “Basilisk”, “LoRa” – aber auch das basellandschaftliche “Radio Raurach”, für das ich von 1986-1996 als freier Mitarbeiter amtete. Als Elfjähriger verfolgte ich gespannt die ersten privaten Töne im Äther – davon dann mehr im Herbst zum 25jährigen Jubiläum.
An dieser Stelle als Schmankerl das “Radio-Raurach-Lied”, eine heute seltsam anmutende Eigenwerbung des Senders, der anfangs wunderbar “sälber gmacht” daherkam. Wer gut zuhört, erkennt Bo Katzman als Sänger:
Den Raurach-Song (der es auf die Nummer eins der lokalen Charts schaffte – auch wenn wir stets “Radio Saukrach” sagten, wir liebten den Sender) gabs auch als Dixie-Fassung der legendären “Steppin Stompers” (“Waldeburger Tschu Tschu“), hier ein kleiner Ausschnitt:
Ab dem ersten November vor 25 Jahren gabs also DRS3 – und fortan “Formel Drei”, neu mit der Top 30 und der legendären Jasmin Kienast als Moderatorin. Auf Platz 27 der ersten Ausgabe am 6. November 1983 war Gary Byrd & The G. B. Experience mit “The Crown” – der Rapper fertigte offenbar zum Start des “Jüngsten der SRG” (O-Ton zum Sendestart samt Babygeschrei) eine gerappte Spezialversion seines Songs an:
Mit dabei bei der ersten DRS3-Chartshow war offenbar auch Ernst Buchmüller und eine weitere (mir unbekannte) Stimme. Telefonieren war damals noch teuer – da konnte man schon mal der ganzen Deutschschweiz eine Telefonnummer ausposaunen, auf die aber nur genau eine Person anrufen durfte. Was wohl dieser auserwählte Marco Steiger heute macht?
Offenbar schwafelte man mehr als geplant – bevor die Spider Murphy Gang ihre Herkunft besingen durfte (was uns damals wunderbar gefiel), musste Jasmin bekanntgeben, man komme halt üüüberhaupt nicht weiter heute:
Später dann: Zwei unterdessen zerstrittene Freunde auf Platz 18 – und moderne Liebe auf Platz 17:
Die Tapes mit all diesen wunderbaren Erinnerungen sahen übrigens so aus – Low Noise, High Fidelity, im Fall, also!

Irgendwann war dann auch die erste DRS3-Hitparade zu Ende – und Jasmin verlas die Zusammenfassung:
Die Hitparaden-Listen wurden bis 1983 übrigens feinsäuberlich mit Schreibmaschine abgetippt, hier ein Beispiel vom Mai 1982:

Mehr Beispiele gibts auf meiner 80er-Page. Mit meinem Radio-Raurach-Kollegen und späteren DRS3-Hitparaden-Moderator Jean-Luc Wicki zusammen kopierte ich all diese Listen aus den Original-DRS-Archivordnern in den frühen 1990er-Jahren auf dem Bruderholz; in unserer eigenen Chartshow verwendeten wir sie, schon damals etwas nostalgisch angehaucht, für die Rubrik “Remember – die Hitparaden der Vergangenheit”.
Wie sich das anhörte? Mehr Archiv-Perlen demnächst in diesem Theater.
