17.03.2010

Vintage-Skifahren, Teil 15: La Corbatière / Roche aux Crocs – auf Theo Brunners Spuren

Für den vermutlich letzten Teil dieser Serie in diesem Winter gings Ende Februar in einen skilifttechnisch extrem spannenden Landesteil: Den Jura rund um die Vue des Alpes.

Hier steht zum Beispiel der vermutlich letzte regelmässig laufende Tebru-Lift der Welt mit den klassischen Portalmasten, wie sie auch der abgerissene Skilift in Saas im Prättigau besass. Im St. Gallischen Gähwil steht noch ein Tebru-Lift, Theodor Brunner, ca. 1980er-Jahre (Quelle: Peter Brunner)allerdings mit schwereren Stützen. Aber… was oder wer ist „Tebru“?

Theo Brunner („Tebru“) war eine der schillernden Figuren im Schweizer Seilbahnsektor – er arbeitete u.a. für Walter Städeli in Oetwil am See (WSO). Die beiden waren Charakterköpfe und hatten das Heu nicht auf den gleichen Bühne. Das führte zu Spannungen.

Diverse Gerichtsakten und Versöhnungsversuche sind in unserem Archiv dokumentiert (klicken für komplette Fassung dieser Vereinbarung von 1961):

Versöhnungsversuch zwischen Walter Städeli und Theo Brunner, März 1961 - klicken für vollständige Fassung

Jedenfalls scheint heute gesichert, dass ein Grossteil der WSO-Skilifttechnik (1950er- und frühe 1960er-Jahre) aus Brunners Feder stammt – dafür spricht auch, dass die Firma anfangs unter dem Namen „Tebru“ und dem Zusatz „W. Städeli Oetwil am See“ zeichnete (hier eines der seltenen erhaltenen Firmenschilder sowie ein Inserat von 1958):

TEBRU: Firmenschild und Inserat aus der Zeitschrift Terra Grischuna vom April 1958

Später machte dann Städeli unter dem eigenen Label „WSO“ das grosse Geld mit Tebrus Ideen (natürlich später verfeinert durch das WSO-Team); Brunner versuchte sein Glück später mit mässigem Erfolg alleine bzw. bei der Firma Skima. Mehr Dokumente WSO-Maschinenfabrik: Firmenschild aus den 1960ernund Bilder zu Tebru sowie Skima hier – auch mit Skima lieferte sich Brunner später einen jahrelangen Rechtsstreit rund um Konstruktionspläne. Zuguterletzt betrieb er eine Velowerkstatt in Illnau-Effretikon, war aber weiterhin als Berater im Seilbahnbereich tätig, u.a. auch im Bereich Pistenmaschinen. Zudem erfand er einen Glace-Portionierer. So schwierig seine Persönlichkeit gewesen sein mag – er muss ein hochinteressanter Kerl und Tüftler gewesen sein, die Schweizer Seilbahnbranche verdankt Brunner zweifellos viel. Schade, dass er heute weitgehend unbekannt ist.

Walter Städeli, 1985 (Privatarchiv Andi Jacomet)Schon als Kind stand ich in regelmässigem Briefkontakt mit Walter Städeli – er war so etwas wie ein Held meiner Kindheit. Als ich 13 war, lud er mich zu einer Firmenbesichtigung nach Oetwil ein (von diesem Besuch stammt auch das Bild rechts). Von der scheinbar etwas unschönen Tebru-Geschichte erfuhr ich erst zwei Jahrzehnte später; aber wie so oft bekommt man verschiedenste Versionen aufgetischt, je nach dem, mit dem man redet.

Der langen Rede kurzer Sinn: Seit mir Theo Brunners Sohn Peter vor einigen Jahren freundlicherweise diverses Material aus dem Tebru-Nachlass vermacht hat, war es immer mein Traum, mal mit der Anlage in La Corbatière fahren; Ende Februar 2010 wars endlich soweit. Zum ersten Mal konnte ich ein Stück Tebru-Hardware in der freien Wildbahn erproben:

Téléski La Corbatière, 27. Februar 2010

Der Brunner-Lift im Hochtal von La Sagne wurde angeblich 1966 erbaut, ich vermute aber, dass es eine Occasion war. Das Baujahr passt schlecht zur bisher bekannten Tebru-Geschichte, und der HR-Eintrag der Betreibergesellschaft stammt aus dem Jahre 1951.

Charakteristisch sind die Portalmasten in Leichtestbauweise, dessen Originalpläne von 1954 – handsigniert von Theo Brunner – bei mir zu Hause hängen…

Plan von Theo Brunner: Rohrmast (1954); dieser Typ wurde auch in La Corbatière verwendet (Nachlass Theo Brunner / Archiv Andi Jacomet)

… ebenso wie Prototypen von Holzbügeln oder Rollenbatterien aus den 1950ern. Der Lift hat bereits 140’000 Betriebsstunden auf dem Buckel, an diesem sehr flachen Hang bei L’Abbaye lernen die Kids der Region Skifahren. Die Skischule betreibt einen vorbildlichen Aufwand für die jüngsten Pistenflitzer. Bis vor kurzem war die Umlenkstation noch grün…

Tebru-Skilift La Corbatière im Sommer (Foto: stahlseil.ch)

… inzwischen wurde sie blau gestrichen:

Tebru-Skilift La Corbatière, 27.2.2010

Weiter hinten im Kessel führt der anfangs steile Lift „Roche aux Crocs“ (laut Landeskarte eigentlich „Cros“, man findet aber beide Bezeichnungen und sogar „Roche des Crocs“) aus dem Jahre 1988 auf eine Jurakrete:

Skilift Roche aux Crocs, 27.2.2010

Charakteristisch ist das Gemisch aus drei Produktionsfirmen (u.a. Bircher Adelboden – sehr selten!) und die Bachmannkurve in der Liftmitte. Von oben sieht man nicht nur auf La Chaux-de-Fonds…

La Chaux-de-Fonds, Skilift Roche aux Crocs, 27.2.2010

… sondern auch auf zahlreiche weitere Skilifte der Gegend, z.B. das wiederbelebte Skigebiet an der Tête de Ran und die kurze Einzelanlage Crêt Meuron. Auch an der nahen Vue des Alpes surren zwei Poma-Schlepper. Ein paar wenige Verbindungslifte ergäben ein cooles Juraskigebiet mit atemberaubendem Alpenpanorama!

Video: Skilifte und Pisten in La Corbatière / Roche aux Crocs, 27. Februar 2010 – mehr Fotos hier

Am späten Morgen gings via Vue des Alpes (nomen est omen, und wie!)…

Panorama von der Vue des Alpes, 27.2.2010

… via Val de Ruz weiter nach Les Bugnenets-Savagnières. Kurz vorher steht bei Le Pâquier der angeblich längste Skilift des Juras:

Der längste Bügellift des Juras: Skilift Le Pâquier, 27.2.2010

Und nur damit niemand denkt, es sei schon voll krass, alten Skiliften nachzufahren: Das, was die hier und hier machen, ist krass – und extrem spannend zum Mitlesen. Auf Seilbahnspuren in Griechenland, im Kosovo oder in Rumänien… diese Leute haben wahrlich den Skilift-Fan-Olymp erklommen.

Die bisherigen Teile dieser Serie: Eggiwil / Marbach und Bumbach / Les Breuleux und Tramelan / Nachtskifahren Linden / Selital (Gantrisch) / Hohe Winde / Grandval / Engstligenalp / Langenbruck / Prés-d’Orvin / Faltschen / Aeschiallmend / Gantrisch-Gurnigel / Les Bugnenets-Savagnières

Kommentare

Hallo Blöker
Danke für den Artikel über Theo Brunner und Walter Städeli.
Wir haben auf dem Grenchenberg normalerweise auch noch einen TEBRU (Baujahr 1958/59) in Aktion; letzten Samstag haben wir jedoch die Anlage eingesommert. Ich hoffe, wir sehen uns nächsten Winter einmal auf dem Grenchner Hausberg!

Hallo Adrian, danke vielmals für den Hinweis! Ihr habt aber die etwas stärkeren Stützen à la Städeli Typ US-50, siehe hier.

Ein Video der Anlage, die ich sehr gerne mal besuche im nächsten Winter, gibts übrigens hier.

Ihr seid vermutlich auch die letzten, die noch ein Tebru-Firmenschild besitzen, whow…

Kürzlich berichtete auch „Spiegel Online“ über den „Hardcore“-Teil-Zweig unserer verschworenen Seilbahn-Nostalgikertruppe…

[…] noch früher gabs natürlich erst einen enzigen Skilift; erbaut hatte ihn 1958 der Seilbahnpionier Theo Brunner. Die Anlage läuft übrigens heute noch – im Tal unten als Skilift Rachögna. In den […]

[…] Der Skilift Corbatière im Jura: Die meines Erachtens weltweit letzte Anlage von Tebru (Theo Brunner) mit den […]

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