20.02.2019

Vintage-Skifahren, Teil 40: Schwanden-Sigriswil

Vorbemerkung: Die Bilder mit Nebelmeer in diesem Bericht stammen vom 20. Januar 2017, diejenigen ohne Nebelmeer vom 18. Februar 2019. Das Video stammt vom Januar 2017.

Die Gemeinde Sigriswil liegt auf der Sonnenterasse am rechten Ufer des Thunersees, oberhalb von Gunten. Die Bekanntheit der Gemeinde wurde unlängst durch die Hängebrücke über die Gummischlucht gesteigert.

Die vielseitigen Nordwesthänge des Sigriswilergrates erschliessen zwei Skilifte, die Anfang den 1970er-Jahre von zwei unterschiedlichen Firmen erstellt wurden: Die Skilift Wilerallmi AG liess von der Steffisburger Firma Küpfer einen rund 1000m langen Kürzbügler hinauf zur Alpiglen aufstellen.

Die Skilift AG Schwanden hingegen erschloss die etwas weiter nördlich gelegenen Hänge um Surrenbergli ebenfalls mit einem Steffisburger Produkt, aber einem weitaus spannenderen: Bachmann & Co, kurz Baco, ist bekannt für seine komplexen Kurvenkonstrukte. Eine Bachmannkurve kam auch beim anderthalb Kilometer langen Skilift zum Einsatz.

Ende der 1980er kam der Borer-Tellerlift Allmedschwanden am Übungshang dazu; dieser dient auch als erweiterter Zubringer von zusätzlichen Parkplätzen.

Jahrelang gab es hier zwei separate Skipässe – leider ein Klassiker in der kleinräumigen und manchmal kleingeistigen Schweiz. Diesen Missstand hat man zum Glück behoben. Mitte dieses Jahrzehnts kam dann endlich auch eine zeitgemässe Website dazu, die auch die Loipen im Justistal abdeckt.

Die Pisten liegen zwischen 1000 und 1500m; sie sind interessant trassiert und vielseitig. Gerade bei wenig Schnee spürt man das schön coupierte Gelände. Wenn mehr von der weissen Pracht liegt, findet man zahllose lange Carvinghänge. Es stehen an beiden Liften je vier Pistenvarianten in allen Schwierigkeitsgraden zur Verfügung.

Das Skigebiet ist der perfekte Beweis dafür, dass man für vielseitigstes Skivergnügen nicht 70 Franken ausgeben muss und 35 Anlagen braucht. Die Tageskarte für Erwachsene ist mit 32 Franken preislich fair angesiedelt; allein schon für die sensationelle Aussicht auf den See könnte man so viel verlangen.

Leider findet man nur einen Lift im schweizerischen Seilbahninventar – und dazu den prinzipiell uninteressanteren Küpfer-Skilift Wilerallmi. Der Bachmann-Schlepper hätte mit seinen rund fünf  verschiedenen Gehängetypen (davon zahllose alte Baco aus den Anfängen und eine bislang unbekannte Mischung aus Poma und Liftbyggarna), den angewinkelten Stützen und der 35-Grad-Kurve ebenso einen Eintrag verdient. Auf der Talstation desselben steht übrigens auch eine Solarstromanlage, die rund 46’000 Kilowattstunden jährlich produziert.

Der Lift (und vor allem die Kurve, siehe Video) machen ordentlich Geräusche. So muss ein Schlepplift sein!

Derzeit (Mitte Februar 2019) kann man ab 12.30 Uhr auch ruhig eine Halbtageskarte für 25 Franken lösen, vor dem Mittag sind die Pisten pickelhart. Die Pisten sind trotz einiger brauner Stellen super – man muss aber Sulzschnee mögen, klar. Lange wird es wohl nicht mehr reichen.

Aber auch wer diesen Bericht Jahre später liest: Für mich ist es von der Vielseitigkeit und Erreichbarkeit her, aber auch punkto Technik-Nostalgiefaktor DAS Skigebiet ab Bern. Es ist auch Teil des Verbundes „Voralpen-Charme„.

Vorbildlich: Im Vergleich zu anderen Miniskigebieten herrscht hier auch an Wochentagen Vollbetrieb, nicht nur am Wochenende und am Mittwochnachmittag. Und: Auch Off-Piste-Fahrerinnen und -Fahrer kommen auf ihre Kosten, wenn es die Schneelage erlaubt.

Verpflegen kann man sich bei den Talstationen – Variante „klein, urchig, einfach, währschaft“.

Fazit: Ich erlebte hier im Januar 2017 und Februar 2019 sensationelle Skitage, einmal mit traumhaftem Nebelmeer und Powder, einmal bei frühlingshaften Verhältnissen. Hier stehen wunderbare alte Anlagen (mit Kurven) von lokalen Herstellern (dazu ein Borer aus der Nordwestschweiz), die ordentlich Heavy-Metal-Lärm machen.

Malerische Landschaft mit Wiesen, Nadelwäldern und grossen Laubbäumen am Fusse des Sigriswiler Rothorns; beidesmal wenig Leute (aber so viel, dass die Lifte ein wenig was verdienen); recht kurze Anfahrt ab Bern (per Auto in 50 Minuten); engagierte Skiliftteams; Aussicht auf den Thunersee, Niesen, Stockhorn und bis in die Stadt Bern. Empfehlenswert und unterstützenswert!

Alle Bilder aus Schwanden-Sigriswil in dieser Galerie auf skiliftfotos.ch; meine Alpinforum-Berichte sind hier und hier zu lesen. Hier das Video vom Januar 2017:

Die bisherigen Teile dieser Serie

Eggiwil / Marbach und Bumbach / Les Breuleux und Tramelan / Nachtskifahren Linden / Selital (Gantrisch) / Hohe Winde / Grandval / Engstligenalp / Langenbruck / Prés-d’Orvin / Faltschen / Aeschiallmend / Gantrisch-Gurnigel / Les Bugnenets-Savagnières / La Corbatière / Rüschegg-Eywald / Dent de Vaulion / L’Audibergue (F) / Gréolières-les-neiges (F) / La Berra / Habkern / Heiligkreuz / Vallée de Joux / Elsigenalp / Eriz / Eischoll-Unterbäch / Le Pâquier Crêt du Puy / Chuderhüsi und Linden / Grenchenberg / Ottenleuebad / Homberg / Lauchernalp / Rastello-Turra (Piemont) / Col de Rousset (Drôme, Frankreich) / Mont Gibloux (Fribourg) / Heimenschwand / Ste-Croix Les Rasses / Blumenstein / Fischenthal

 

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Kommentare

Grossartiger, leidenschaftlicher Bericht! Skifahren mit Seesicht habe ich erst gegenüber in Aeschiried vor ca. 5 Jahren erlebt – ein wirklich spezielles Erlebnis

Der Bericht zu Aeschiried bedurfte dringend neuer Fotos – bei meinem ersten Besuch war es bewölkt. Nun habe ich einige Bilder von 2015 ergänzt, danke für die indirekte Erinnerung! (Mehr Aeschi-Bilder in diesem Album)

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