Mitte der 1980er-Jahre begann das Videozeitalter. Nicht im Sinne der VHS-Cassette – die gab es 1986 schon lange. Sondern mit eigenen Aufnahmen.
Als Teenager und schon damals angehendem Archivar schien mir die Möglichkeit, den Alltag für spätere Zeiten (in denen man das alles wahnsinnig nostalgisch finden würde) zu konservieren, extrem faszinierend zu sein. Und so rückte ich ab 1984 immer wieder mal mit der Familien-Videoausrüstung einfach so aus und nahm den Alltag in Itingen auf – dem Oberbaselbieter Dorf, in dem ich meine Kindheit verbrachte.
Seit dann ist das Leben seit damals nicht nur mit statischen, sondern auch bewegten Bildern dokumentiert. Heute vor 40 Jahren konnte ich – anno 2026 undenkbar! – sogar in der Itinger Badi unbehelligt filmen.
Wo man inzwischen nicht ganz zu Unrecht Zeter und Mordio schreien würde (halb nackte Kinder! Persönlichkeitsschutz! Spanner!), kümmerte sich niemand um mich, als ich als 14-Jähriger meine Schulkolleginnen- und kollegen beim Spass im Freibad festhielt. Wie durch ein Wunder blieb die Panasonic A2 sogar trocken.
Ja, die Ütiger Badi!
Unser Kleinod, mit einer langen Geschichte, früher ein Froschtümpel, in den frühen 1980ern dank dem Erlös des Dorffestes 1979 totalsaniert, die schönste Badi im Baselbiet, und – o Wunder – die einzige mit Gratiseintritt. Bis heute! Die Badi war und ist der allsommerliche Brennpunkt des Dorfes. Hier lernen die Itinger Kids schwimmen, hier wird wild herumgerannt, angebändelt, sich vergnügt, sich über die Auswärtigen ereifert, die schmarotzen und nichts ins Kässeli geworfen haben.
Und in den 1980ern vor allem Ping Pong gespielt (“Rundlauf”, “aasuuge”) – hier ein Bild von mir und Kumpel Tanner (zusammen waren wir u.a. “Metro Goldwyn Hansi” und machten Filme) aus dem Sommer 1986:
Seit 1986 hat sich die Badi und ihre Umgebung natürlich ziemlich verändert. Hier ein paar Vergleichsbilder 1986/2016 aus Videostills und Aufnahmen von Mitte Juli 2016, neuere Bilder habe ich derzeit nicht:
Nun aber zum Video. Zum 40-jährigen Jubiläum gibt es den Film (vom Tag, als die LP “True Blue” von Madonna erschien, dem Soundtrack der 80er schlechthin) neu auf HD upscaled und stabilisiert.
Die Tonspur ist nicht komplett erhalten, aber man hört deutlich, dass wir Teenager waren. Mir war es als 14-Jähriger natürlich obernotpeinlich, dass mir Fränzi, Barbara und Sandra (oh! Mädchen!) die Kamera kurzerhand wegnehmen und ihren eigenen Film drehen. Zum Beispiel eine Nackenmassage für den Kameramann, kicher kicher:
Vorher haben sie sich vorzüglich vor dem Kameramann im Wasser produziert. So eine Cam war damals auch ein ausgezeichnetes Mittel, das andere Geschlecht auf sich aufmerksam zu machen.
Keine Sorge: “Pussy” war damals im Sinne von “Bussi” gemeint. Die andere Bedeutung… naja, die waren wir erst so ein wenig… sehr zaghaft am entdecken. Ähm, natürlich alle anderen. Dem Nerd Andi waren Videokameras wichtiger.
Die Badi war aufgrund ihrer sozialen Bedeutung vor 40 Jahren auch Stoff für eine Schülerzeitungs-Reportage. Ich wollte ein wenig hinter die Kulissen schauen. Dafür musste ich den gefürchteten Schulabwart “anbinden”, der in unseren fünf Primarschuljahren einen Ruf als strenger Hardliner hatte. Wenn “dr Oberer” auftauchte, nachdem wir Mist gebaut hatten, wussten wir: Jetzt ist Feuer im Dach! Er ähnelte damals ein wenig Ex-Schiri Collina, war grossgewachsen und für uns Kids angsteinflössend. Er war zugleich für die Wasseraufbereitung im Schwimmbad zuständig.
Christian Oberer – erst kürzlich verstorben – war kein Unbekannter. Er war Leichtathletiktrainer und auch Vater der früheren Siebenkämpferin Simone. Für mich erwies er sich 1986 als äusserst freundlicher Interviewpartner und erklärte dem Jungreporter einen Morgen lang geduldig die Geheimnisse von Salzsäure, Chlor und pH-Wert.
Die Zeitung ist hier als PDF abrufbar (12 MB), die Badi-Repo ist auf den Seiten 11-13. Mehr Abenteuer von vor 30 Jahren sind in den anderen “FGOI”-Ausgaben des Jahres 1986 konserviert. Dies sind die für die Reportage angefertigten Schwarzweissfotos:
In der ersten Sommerferienwoche des Jahres 1986 filmte ich zudem ein Gewitter in Itingen und eine archäologische Ausgrabung im Luzernischen Egolzwil, wohin ich meine Mutter samt Kamera begleitete. Auch diese Aufnahmen gibt es dank aktueller Technik nun geschärft und optimiert.












