30.11.2012

Wieso fallen immer noch viele Menschen auf Kettennachrichten rein?

Gestern war auf dieser Seite ein Artikel zum Thema “Scam” zu lesen. Warum versenden Betrüger täglich immer noch Millionen dieser Lotto- und Geldtransfer-Mails? Auch wenn die meisten ohnehin in Spamfiltern landen, scheint sich die Masche zu lohnen, sonst würde sie schnell aufhören.

Wer fällt auf solchen Mist heute noch rein? Auch wenn es unfassbar scheint: Einige. Sogar Leute, die es in Chefetagen gebracht haben (auch wenn wir aus unserer täglichen Erfahrung mit Kaderleuten natürlich wissen, dass dies gar nichts heissen muss).

Die Tatsache, dass noch heute Kettenmails und Hoaxes en masse verbreitet werden, lässt allerdings nichts Gutes erahnen.

Facebook-Hoax, November 2012 Natürlich scheint es ein grosser Schritt zu sein vom Glauben an Millionenversprechen hin zur Weiterverbreitung von Texten wie “Whatsapp wird kostenpflichtig, sende das an 10 Personen, um es zu verhindern”.

Aber die wichtigste Barriere ist bereits geknackt: Der Gesunde Menschenverstand.

Waren es in den Urzeiten des Internets Mails wie “Penpal Greetings” oder “Goodtimes”, zehren heute noch regelmässig neue Kettenmails mit ähnlichen Mustern an den Nerven der – politisch korrekt ausgedrückt – aufmerksameren User.

Manchmal reibe ich mir verwundert die Augen. Selbst Kollegen, mit denen ich einmal über die Thematik gesprochen habe, verbreiten Monate später ähnliche Meldungen mit gleichem Inhalt weiter. Es sind keine dementen Senioren, die im Dämmerzustand auf den Enkeltrick reinfallen, und wir befinden uns auch nicht im Jahre 1938, als Orson Welles’ SciFi-Hörspiel Tausende in Panik versetzte.

Woher kommt das? Ich bin nicht Psychologe. Und brauche darum Hilfe.

Ich pflanze diesen Blogbeitrag fortan bei Hoaxes ins Kommentarfeld und bitte euch, liebe Kollegen und Freundinnen, um zwei Minuten Zeit. Auch wenn ich hier bisweilen etwas fies formuliere… es ist nicht persönlich gemeint. Verzeiht mir. Aber helft mir bitte auch ein wenig – benutzt die Kommentarspalte weiter unten. Erklärt uns doch kurz, was euch dazu bewegt, Dinge weiterzuleiten, die für uns “Netzmenschen” so glasklar in die Kategroie “unwahres Kettenmail” fallen. (Die Kommentarregel “keine Anonymität” ist für diesen Beitrag aufgehoben – ihr müsst auch also nicht mit vollem Namen exponieren.) Danke!

Wenn ihr vorher noch kurz weiterlesen wollt, nur zu.
Verzeiht mir gewisse Fiesheiten zwischen den Zeilen.

Warum ist das Verbreiten von Hoaxes und Kettenmails schlecht, sie schaden doch niemandem?

Nun: Verbreiten Sie gerne Lügen in Ihrer Umgebung und finden es lustig, andere zu verunsichern und dazu zu motivieren, den Quatsch weiter zu streuen? Schön! Die meisten finden es nicht so cool, wenn z.B. ihre Facebook-Timeline von den immer gleichen Kettenmails verstopft wird.

Der “Social Hacker” hat eine schöne Zusammenstellung ins Netz gestellt, die weitere Punkte aufzählt.

Der aktuelle Fall: “In response to the new Facebook guidelines I hereby declare that my copyright is attached to all of my personal details, illustrations, comics…” usw. Oftmals habe ich solche oder ähnliche Kommentare daneben gelesen: “kei ahnig öb das was bringt….aber so het mers mol gschrebe :-)”

*Augenverdreh*… das ist genau das Problem – die Attitüde “ich habe jetzt einfach mal gemäss dem BLICK-Horoskop gehandelt, nützt’s nüt so schdt’s nüt!”

Selbst Medienschaffende, eigentlich von Haus aus krtisch eingestellt, haben das fröhlich gepostet. Müssen wir annehmen, dass die Themenauswahl für die nächste Zeitungsnummer mit ähnlichen Massstäben vorgenommen wurde? Nun gut, in einer Welt, in der sich selbst gebührenfinanzierter Rundfunk sich noch hanebüchenen Unsinn wie “Madame Etoile” leistet, wundern uns vielleicht hoaxweiterleitende Schurnis weniger. Einverstanden.

Facebook-Hoax, Sommer 2012 Klar, weltbewegend ist das Posten einer Kettenbotschaft nicht, aber mal ehrlich: Nerven notorische Hoaxweiterleiter während des Nachtessens ihre Freunde auch mit solchen Stories? “Hast du gewusst, dass die Erde eine Scheibe ist? Echt! Es stimmt im Fall, erzähle es doch gleich der Daniela! Ich bin im Fall nicht sicher, aber ich glaube es stimmt schon.”

Facebook-Seiten wie “Zuerst denken – dann klicken! Hier findest du aktuelle Fakemeldungen” oder schlicht Google helfen in der Regel schnell, wie zum Beispiel bei Fällen wie “Ich würde gerne privat mit euch in Verbindung bleiben”. Da findet man schnell diese Seite und liest den Satz:

Die Geschwindigkeit, mit der solche Statusmeldungen unbedacht weiterverbreitet werden, zeigt, dass viele Nutzer keine Ahnung davon haben, wie sie bei Facebook ihre Privatsphäre tatsächlich schützen können. Ob das an der Vielfalt und Undurchsichtigkeit der Facebook-Einstellungen liegt oder am Desinteresse des Nutzers sei dahingestellt.

Andere schreiben es in Kommentarspalten etwas weniger nett:

Only a completely insane person can believe this hoax.

Dann ist diese Welt aber doch reichlich insane. OK, auch das wussten wir, aber etwas nachdenken vor dem Veröffentlichen kann nichts schaden. Zurück zu Whatsapp: Was genau soll das massenhafte Weiterleiten immer gleicher Nachrichten bringen ausser einer Überlastung des Systems, das aufgrund solchen Unsinns womöglich dann wirklich kostenpflichtig wird?

Im Zweifelsfall gilt:

- ALLES, wo draufsteht “Verbreite es an alle weiter”, “Poste das an deine Pinnwand”, “Schicke das an 10 Leute” usw. ist zu 100% ein Hoax (oder zumindest komplett überflüssiger Unsinn).

– ALLES, was Sie mehr als dreimal in gleicher Form in Ihrer Timeline lesen, ist zu 100% ein Hoax.

Nochmals zum Mitschreiben: ALLES!

(Auch nicht besonders beliebt machen Sie sich übrigens bei vielen Menschen mit dem unablässigen Teilen von Videos mit Beschreibungen wie “Richtig tolles Video! Schaut es euch an und teilt es!”, mit dem Liken von Bildern, unter denen der Text steht “LIKE wenn du das auch findest!” oder mit dem Übertölpeltwerden durch die altbekannte Spam-App “WOAH! Ich kann nicht glauben kann man schon sehen, wer dein Profil gesehen! (…) Klicken Sie hier, um zu sehen, wer Ihr Profil angesehen hat”.)

Ich frage mich manchmal in sehr fiesen Momenten, ob ich die Freunde, die Kettenmails weiterverbreiten, mit irgendwelchen verrückten Konstrukten (Ausserirdische, Feen und andere lustige Sachen) erpressen soll – vermutlich ein einfacher Weg, leicht an Geld zu kommen.

Weit hergeholt? – Immerhin hat Tony Mendez sechs Ami-Botschaftsangestellte auch mit einem grandiosen Fake aus Teheran geholt, und der damalige Khomeini-Machtapparat galt nicht unbedingt als Hort des grenzenlosen Vertrauens. (“Argo” sei hiermit als extrem spannender Film mit einer grandiosen Frühe-1980er-Stimmung empfohlen.)

Aber bleiben wir höflich und empfehlen bloss allen Hoffentlich-Ex-Hoax-Weiterleitern in aller Freundlichkeit: Alles, wo draufsteht “leite das weiter”, einfach gleich löschen.

Stimmt im Fall. Wirklich. Diesmal.

Demnächst auf JacoBlök: Ein weiterer Teil unseres besserwisserischen Netz-Knigges – “wie ein gutes Passwort Sie und Ihren Freundeskreis schützt”. Denn alle coolen Facebook-Verweigerer, die jetzt denken “auf Twitter passiert sowas nie”, täuschen sich.

______________

Edit – Soeben auf netzwertig.com entdeckt: “Einblick in eine widersprüchliche Wirklichkeit. Wir schreiben das Jahr 2012. Noch immer fallen Anwender auf Kettenbriefe herein. Ein aktueller Facebook-Hoax gibt Einblick in die widersprüchliche digitale Wirklichkeit vieler Internetnutzer.”

Find’ ich gut. (6 weitere Leute finden diesen Beitrag auch gut.)

Kommentare

Tja, die Social Media-Online Gesellschaft beisst sich wohl ab und zu selbst in den Schwanz. Damit müssen wir wohl leben.

Soll ich jetzt diesen Beitrag posten oder nicht? – denn ich finde ihn gut … aber … ;-)

Aber?

[…] Mensch und das Internet – nicht immer eine Liebesbeziehung” kürzlich das Thema “die Psychologie des Kettenmail-Weiterleitens” behandelt haben, kommen wir zu einer weiteren Glatteis-Strecke auf den grossen, weiten […]

[…] Wieso fallen immer noch viele Menschen auf Kettennachrichten rein? – weil der wichtigste Filter fürs Leben im Internet immer noch im Kopf sitzt und leider sehr viele Menschen noch ein paar Nachhilfestunden nötig haben. […]

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