Nach Challenger und Tschernobyl auch das noch: In der Nacht des 1. Novembers 1986 brach in einer Sandoz-Lagerhalle bei Schweizerhalle ein Grossbrand aus. Ich war damals 14, wohnte in der Region Basel und war nicht der einzige, der bei den ersten Tönen aus dem Radiowecker Hühnerhaut bekam.
Ich habe im Archiv gewühlt und einiges gefunden – zum Beispiel das “Extrablatt” der “Basler Zeitung”, die am Nachmittag in der Stadt verteilt wurde und den “SonntagsBlick” vom Folgetag (Frontseiten rechts, vollständige Ausgaben unten als Fotogalerie) oder eine der ersten Durchsagen auf Radio Raurach (später “Radio Edelweiss”, dann “Radio Basel One”, dann “Radio Basel”, heute “Energy Basel”): Morgenmoderator Rolf Wirz verkündet um etwa 6.15 Uhr in der Früh den aktuellen Stand.
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Für Bewohnerinnen und Bewohner der Region Basel ist Schweizerhalle punkto
Erinnerungsstärke sowas wie 9/11 im Kleinformat – alle wissen noch, wo sie am 1. November waren. Eine meiner ersten Erinnerungen ist ein klassischer Reflex, der an jenem Morgen fatal hätte sein können: In unserem Badezimmer hatte es einen Ventilator, der ansprang, wenn man das Licht anschaltete. Meine Mutter hatte mir gesagt, ich solle vorsichtshalber den Lichtschalter nicht drücken. Man wisse noch nicht, was für Stoffe in der Luft seien. Verpennt, wie ich war, tat ich es natürlich dennoch – und schloss panikartig die Tür, nicht wissend, ob ich nun ersticken würde.
Bei uns in Itingen im Oberbaselbiet roch man aber wegen dem Ostwind nichts – so drückte ich wieder die Aufnahmetaste an diesem Radiorecorder; um halb sieben kamen die ersten Stimmen einer improvisierten Medienkonferenz auf den Sender:
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Improvisiert war ohnehin so ziemlich alles – die Durchsagen für die ausländische Wohnbevölkerung hörten sich reichlich handgestrickt an:
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Im Nachhinein betrachtet gar locker wirkt der folgende Radio-O-Ton. Andrea Müller, damals Basler Korrespondent von Radio DRS, verkündete in den DRS-Nachrichten um 7 Uhr euphorisch das Ende des Alarms:
“Man kann sich wieder frei bewegen, es wird zwar noch einen Moment weiterstinken. Was einen Riesentrubel brachte, hat sich in Minne aufgelöst.”
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Lokalradios waren ein junges Medium – viele feierten am just am 1. November ihren dritten Geburtstag, so auch Radio Basilisk. Für die beiden 19-jährigen Radioleute Dani Fornaro und Cathy Flaviano wurde diese Nacht wortwörtlich zur Feuertaufe. Anstatt wie vorgesehen Geburtstag zu feiern, informierten zwei Teenager die Öffentlichkeit als erste Medienschaffende über den Brand.
In diesem Ticker-Remake der Basler Zeitung sind die O-Töne von Radio Basilisk abrufbar. Dani (1992 unter tragischen Umständen verstorben) war anderthalb Jahre später mein Live-Moderations-Lehrmeister bei Radio Raurach – ich bewunderte ihn dafür, wie er fünf Sekunden vor der Sendung unvorbereitet seelenruhig ins Studio spazieren und eine Sendung abliefern konnte, die einfach perfekt war.
- Der SRF-Podcast “Geschichte” blickt anno 2026 zurück auf “Schweizerhalle”, mit dabei ist auch Cathy Flaviano. Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4
- Aus dem Archiv von 2016: Text der bz basel – Cathy Flaviano schaut zurück
Auf Radio Raurach fassten Peter Rusch und Regula Nebiker am Mittag die Ereignisse zusammen; die Statements der Pressekonferenz erinnern an die frühen Kindheitsjahre der Informationspolitik – die Verantwortlichen und Politiker waren noch alles andere als mediengewandt:
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Im DRS-Mittagsjournal war erstmals davon die Rede, dass giftiges Löschwasser in den Rhein gelangt sein könnte:
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Der Journalist Peter Kleiber war einer der ersten Augenzeugen; in einem Gespräch mit Peter Rusch von Radio Raurach schildert er am Samstagmittag seine Eindrücke.
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Die Information der Öffentlichkeit war gelinde gesagt nicht besonders glücklich – es hiess, die Schulen seien geschlossen, dennoch waren aber etliche Schulen geöffnet. Auch meine, die Sekundarschule Sissach: Wie wir den 1.11.1986 erlebten und am Nachmittag mit zitternden Knien nach Basel an die Messe fuhren, was die Leute im Tram sprachen, wie wir noch am Nachmittag den Gestank wahrgenommen haben – das alles steht in einem grossen Bericht in der Ausgabe 38 unserer Schülerzeitung “FGOI” ab Seite 6 (Original vom November 1986 als PDF, 4 MB).
In der DRS-Tagesschau-Hauptausgabe vom 1.11.1986 – präsentiert von einem jungen Charles Clerc – ist der rot verfärbte Rhein sichtbar. Erste tote Fische künden vom Unheil, das bald zu Tage treten sollte:
Am Montag war das Ausmass des Fischsterbens immer noch unklar; es finden erste Schuldzuweisungen statt. Der Baselbieter Regierungspräsident sinnierte ernsthaft darüber nach, der Bevölkerung nun Gasmasken zu verteilen (Regionalnachrichten von Radio Raurach vom 3. November 1986, 7 Uhr, mit Rolf Wirz).
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Die Idee mit den
Gasmasken hatten auch findige Abzocker – Inserate wie hier im Schülerzeitungsbericht gab es zuhauf. Erinnert an die ach so nützlichen Fallschirme für Hochhaus-Büroarbeiter im 21. Jahrhundert, die nach dem 11. September 2001 angeboten wurden.
Später wurde die Diskussion teils gehässig geführt – an Podien flogen Farbbeutel, während die Sandoz weiter verharmloste. Am 10. November 1986 rief auf Radio Raurach Peter Rusch in einem Kommentar beide Seiten dazu auf, alle Fakten auf den Tisch zu legen bzw. keine sinnlosen Gewaltakte zu begehen (man beachte, damals brachten Lokalradios noch Kommentare; anmoderiert ist der Beitrag von Harry Heusser, der heute TV-Produzent ist).
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Noch mehr Erinnerungen an den 1.11.86 in diesem Film des Schweizer Fernsehens (2003).
Hier einige Zeitungsausschnitte aus den Tagen und Wochen nach dem ersten November.
Sonderausgabe der “Basler Zeitung” vom 1. November 1986 (Nachmittag)
“SonntagsBlick” vom 2. November 1986
“Schweizer Illustrierte” vom 3. November 1986
“Basler Zeitung”, “Brückenbauer” und “Volksstimme” aus diversen Tagen im November 1986
“Schweizer Illustrierte” vom 10. November 1986










































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