11.03.2013

Vintage-Skifahren, Teil 22: Heiligkreuz-First im Entlebuch

Die hierzulande einst verbreiteten Bügelskilifte der Firma Oehler in Aarau mit ihren filigranen T-Masten sind selten geworden: Im Freiburgischen La Chia fährt noch einer, in Hemberg in der Ostschweiz steht noch einer (mit Betonung auf „steht“ leider), in La Cierne bei Châtel-St-Denis – und der eine der beiden Oehler in Bennau SZ hat es gar ins Inventar erhaltenswerten Anlagen geschafft.

Auch wenn der Bennauer Lift wohl der am nächsten am Originalzustand erhaltene ist, so halte ich den Skilift Heiligkreuz-First in Hasle LU für den schönsten – wegen seiner Geschichte und seiner Steilheit.

Skilift Heiligkreuz, 9. März 2013

Es ist eigentlich ein kleines Wunder, dass der Oehler-Lift im Entlebuch noch läuft: Vor 13 Jahren geriet die Betreibergesellschaft in Nachlassstundung. Seither wird die Anlage mittwochs und am Wochenende (während Schulferien täglich) weiter betrieben.

Skilift Heiligkreuz, 9. März 2013

Dabei hatte alles so gut angefangen: Heiligkreuz-First gehörte zu den ersten Skigebieten des Landes. Bereits ab 1938 zog eine sogenannte Funi-Schlitten-Anlage Skifahrerinnen und Skifahrer von 1200 auf 1500 Meter. Diese Idee hatte man im Rahmen einer kleinen Industriespionage in der Ostschweiz geklaut.

Auf der Website des leider verstorbenen Toggenburgers Jörg Walker, einem der grossen Funi-Spezialisten der Schweiz, ist nachzulesen:

François Meienberg schrieb über diese Funi: „In Heiligkreuz im Entlebuch setzte Franz Röösli 1938 die erste Bahn für Skifahrer der Innerschweiz in Betrieb. Die einfache Anlage, ein Hornschlitten, der von einem Zugseil den Hang hochgezogen und an der Bergstation First von den Gästen gewendet werden musste, hatte Erfolg. Zumindest bei den Skifahrern. Weniger bei den Behörden aus Bern, welche die Konzession verweigerten. Franz Röösli machte sich deshalb mit Freunden im Frühjahr 1938 auf die Suche nach bereits bewilligten Anlagen. Im Toggenburg kopierten sie, in einer Form der Werkspionage, den Funi-Schlitten von Wildhaus und bauten die Anlage in Heiligkreuz/LU nach.

Funischlitten, Heiligkreuz (Quelle: jwalker.ch)

«Hänsel» und «Gretel» hießen die beiden Schlitten für je 21 Personen, welche die Skifahrer nun mühelos von Heiligkreuz (1127 m) auf die Firsthöhe (1430 m) brachten. Im oberen Teil betrug die Steigung immerhin 72 Prozent.“ Der Erfolg war gross, sogar aus Bern und Luzern kamen die Skisportler mit speziellen Sportzügen nach Schüpfheim und ließen sich mit den Schlitten von Heiligkreuz zum First hinauffahren.

Schon 1946 wurde die Schlittenanlage durch einen Oehler-Gurtenskilift nach dem System Hefti ersetzt, der – je nach Quelle – anno 1968 oder 1970 dem heutigen Bügellift wich. In der Literatur ist stets von 1968 die Rede, bei Jörg Walker von 1970 .

Anhand der samstags entdeckten Tagebuchnotizen an der Wand des Bergstations-Wärterhäuschens scheint sogar 1971 möglich zu sein. Das Liftteam hat es sich zur Tradition gemacht, mit Bleistift persönliche Notizen zur Lage am Berg an die Holzwände zu kritzeln. Und für den 15. Dezember 1971 steht deutlich:

Skilift Heiligkreuz, 9. März 2013

Mit dem „neuen Skilift“ ist allerdings vermutlich der inzwischen stillgelegte WSO-Kurzlift „First Süd“ beim Berghaus gemeint…

Skilift Heiligkreuz, 9. März 2013

… der laut den meisten Quellen 1971 eröffnet wurde. Hier sind noch ein paar Recherchen nötig – die Liftmänner haben uns eingeladen, im Sommer ihre Fotoalben zu durchforsten.

Einige der Originalgurten aus Holz und Leder sind übrigens noch im Berghaus First zu besichtigen – ebenso das Metallteil, an das die Gurten zur Talfahrt gehängt wurden:

Oehler-Gurtenlift-Teile, 9. März 2013

Am Schliessbügel des Gurtes ist der Hersteller „Firmann Bulle“ zu erkennen – ein mir bislang unbekanntes Detail aus der Geschichte der Gurtenlifte:

Hersteller des Gurtes am Oehler-Lift: Firmann Bulle

Die „Ateliers Firmann“ gibt es laut Web-Einträgen heute noch (u.a. stellt oder stellte sie auch Kuhglocken her).

Im Prinzip spielte sich hier im Luzernischen also eine ähnliche Geschichte ab wie beim „Heimspiel“ von Beda Hefti in La Berra (FR): pioniermässig früh in den Skisport einsteigen, dem Gurtenlift einen Bügellift folgen lassen, um dann später das dicke Geschäft den „Industrieskigebieten“ in den Alpen überlassen zu müssen.

Heute kümmert sich ein engagiertes Team um die Anlage, sogar der wohl über dem Pensionsalter stehende Sohn des Skigebiets-Gründers reicht mit einer Zigi im Mund lässig die Habegger-Bügel.

Alle Anwesenden erzählten am letzten Samstag gerne aus vergangenen Zeiten und fachsimpelten mit den angereisten begeisterten Liftnostalgikern über robuste Lifttechnik von früher und Hydropümpli (das Aufsteck-Teil auf den Bügel-Einzugsapparaten, das die Verzögerung bei der Anfahrt bewirkt). Passt eine BSG77-Pumpe von Borer auf einen Habegger HA75? – In Grindelwald funktioniert das jedenfalls, wie wir bei einem von Hanspeter bei der Bergstation offerierten Kaffischnaps erörterten.

Skilift Heiligkreuz, 9. März 2013

Skilift Heiligkreuz, 9. März 2013

Skilift Heiligkreuz, 9. März 2013

Mehr Bilder dieses Liftnostalgie-Highlights gibt es übrigens auf skiliftfotos.ch.

Der Oehler-Lift befindet sich dank der guten Pflege in einem tadellosen Zustand. Die Töne, welche die Rollenbaterien bei der Gehänge-Überfahrt von sich geben, lassen das Herz jedes Seilbahnfreundes höher schlagen. Kein Wunder, dass der Lift bei uns ein kleines Mekka darstellt: Bereits vor uns hier waren unsere Kollegen Michael und Dani, die eifrig Berichte (hier und hier) sowie Videos und Berichte produziert haben.

Skilift Heiligkreuz, 9. März 2013

Skilift Heiligkreuz, 9. März 2013

Skilift Heiligkreuz, 9. März 2013

Heiligkreuz ist seit dem Mittelalter als Wallfahrtsort bekannt – manchmal begegnen sich Religion und Skisport am Rande der Piste auf interessante Art und Weise:

Skilift Heiligkreuz, 9. März 2013

Vom First aus reicht der Blick vom Gibloux und dem Dent de Vaulion weit im Südwesten (als Erinnerung an frühere Nostalgie-Skitage) über Ulmizberg und Bantiger bis weit ins Mittelland, das Napfgebiet, den gesamten Jura, den Schwarzwald bis ins Zürcher Oberland und zum Säntis – mit Glück erspäht man hinter den Ausläufern des Pilatus und dem Schimbrig zudem den Gross Spannort und den Titlis, und nach der Schafmatt kommen gegen Südosten hin auch schon die Berner Alpen.

Skilift Heiligkreuz, 9. März 2013

Skilift Heiligkreuz, 9. März 2013

Im Entlebucher Talboden surrt übrigens in Schüpfheim bei guter Schneelage auch ein Habegger-Lift, der für den Katzen- UND Liftfreund am Samstag ein ganz spezielles Bild bot:

Skilift Schüpfheim, 9. März 2013

Doch zurück nach Heiligkreuz zum grossen Video-Schlussbouquet: Leider war gestern Sonntag vermutlich Saisonschluss. Ich kann das kleine, feine Skigebiet mit seiner familiären Atmosphäre jedoch nur wärmstens für die nächsten Winter empfehlen. Für die Kleinsten steht im Flachstück bei der Talstation übrigens noch ein kleiner Babylift.

Video des Skiliftes Heiligkreuz (9. März 2013). Mehr Bilder hier.

Die bisherigen Teile dieser Serie: Eggiwil / Marbach und Bumbach / Les Breuleux und Tramelan / Nachtskifahren Linden / Selital (Gantrisch) / Hohe Winde / Grandval / Engstligenalp / Langenbruck / Prés-d’Orvin / Faltschen / Aeschiallmend / Gantrisch-Gurnigel / Les Bugnenets-Savagnières / La Corbatière / Rüschegg-Eywald / Dent de Vaulion / L’Audibergue (F) / Gréolières-les-neiges (F) / La Berra / Habkern

Find‘ ich gut. (5 weitere Leute finden diesen Beitrag auch gut.)

Kommentare

Skilift First Süd
Baujahr: 1971
Lieferant: Städeli
Länge: 356m
Höhenunterschied: 110m
Geschwindigkeit: 2,8m/s
Förderleistung: 750p/h
Antriebsleistung: 44kW
Stützen: 5
Stationen: 2
Kategorie: 4

Schreibe einen Kommentar (Hausregeln hier)

Dein Kommentar
(Anonyme Kommentare werden gelöscht.)

  (Hausregeln beachtet?)

Kategorien