25.08.2009

Was passiert mit unserer Online-Identität, wenn wir tot sind?

Letzten Samstag ist der – laut seiner Todesanzeige – Produzent der besten Salatsauce der Welt gestorben.

Eric Baumann war in den 1990ern mit mir in der Fachschaft Medienwissenschaft an der Uni Bern, seither führten wir einen sporadischen Mailaustausch über dieses und jenes. Seit 2004 natürlich auch über seinen Hirntumor – Eric pflegte mit seiner Krankheit einen offenen Umgang, schrieb ein Buch dazu, verfasste Kolumnen im „Magazin“ und trat am 16. April auch bei Aeschbacher auf:

 

Das war aber keineswegs der erste Auftritt bei Aeschbacher – angesichts dieser traumhaften Videos aus Erics Kindheit, die mich verdächtig an meine Teeniezeit erinnern, denke ich mir seufzend: Himmel, wieso hab ich das nicht zu seinen Lebzeiten schon entdeckt? Was hätten wir über die gute alte Zeit der Schülerzeitungen und Jugendfilmchen schwärmen können.

Eric wird mir als Journalist und Autor auf seiner Wolke oben nicht böse sein, wenn ich seinen Tod gewissermassen als Aufhänger zu einem Thema verwende, das seit Jahren als Draft vor sich hin dämmerte (und nebenbei pietätslos behaupte, dass ich auch sowas wie die beste Salatsauce mache).

Was passiert, wenn ich Eric nun ein E-Mail schreibe? Ist da noch jemand, der das anschaut – oder wird der Account samt Inhalt nächstens brutal gelöscht? Was geschieht mit allfälligen Social-Networking-Profilen?

Das XING-Profil eines anderen kürzlich verstorbenen Kollegen war nach zwei Wochen verschwunden: „Fehler – Die gesuchte Seite konnte nicht gefunden werden.“ So kann mans auch nennen.

Aber eben, irgend jemand muss sich darum kümmern.

Was steht im Facebook, wenn ich tot bin? „Andi lässt ausrichten, er sei gestorben“? – „Andi hat diesen Planeten verlassen“? – „Blöker has left the building“? Wer löscht, was zu löschen ist, und weshalb? Weils so im Testament steht? Wer darf das überhaupt?

Als Internetfreak ists mir natürlich auch ein Anliegen, einen „möglichst geordneten Abschluss“ zu hinterlassen und einen sauberen Schlusspunkt zu setzen – damit meine Leserinnen und Leser nicht denken „was hat denn der Typ, wieso schreibt er denn nichts mehr?“

Viele werden sagen: Spielt eh keine Rolle mehr, wir sind ja dann eben… tot.

Als Archäologennachkomme und Archivierungsfreund denke ich aber ein Stück weiter. Nehmen wir an, man findet doch noch einen Weg, Informationen so zu konservieren, dass sie auch noch ein einigen Jahrhunderten lesbar sind – zum Beispiel wie die sprechenden Ringe in „Die Zeitmaschine„. Schlecht fände ich’s nicht, wenn in ein paar zehntausend Jahren eine „grosse Internet-Kopie“ ausgegraben würde – da wären ein paar Leute einige Jährchen mit unserem Unsinn hier beschäftigt.

Auch die Website eines im vorletzten Jahr verstorbenen Berner Politikers, die noch viele Monate nach seinem Tod unverändert mit der Ankündigung von Kandidaturen zu verschiedenen Ämtern online war und die Tatsache, dass seine Domain inzwischen wieder zu haben ist (was, wenn sie nun ein besonders dreister politischer Gegner schnappt?), beweisen: Es ist nicht eitel, sondern schon einen kurzen Gedanken wert, was im Netz noch laufen soll, selbst wenns für den Urheber keine Rolle mehr spielt.

Genau so wie Kremation, Bestattung, Trauerkarten undsoweiter gehört es heute dazu, die Online-Identität eines Verstorbenen würdig stillzulegen oder einzufrieren.

Darum, wenn wir hier grad dabei sind: Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Bekannte und Verwandte – damit’s allfällig interessierte copypastieren können und falls ich kein Testament hinterlassen sollte… ich möchte gern kremiert werden (ohne Handy, auch wenn ich immer wieder drüber scherze, dass ich einen Notruf starten kann, sollte ich dann doch nicht so ganz tötelig sein, wenn die Flammen mich wärmen), auf keinen Fall solltet ihr eine kirchliche Feier veranstalten (es sollen auch keine Pfarrer, Prediger usw. auftreten) und jeglichen religiösen Krimskrams sein lassen (wirklich!), sondern ein möglichst ungezwungenes grösseres Fest irgendwo an einem schönen Ort machen, viel zusammen plaudern und fein essen. Wenn jemand zu allen etwas sagen möchte – nur zu. Mein Lieblingssong „Feels Like Heaven“ von Fiction Factory wäre textlich auch irgendwie passend, würd ich meinen.

Meine Asche soll von verschiedenen Leuten an meinen Lieblingsorten verstreut werden (ihr wisst dann schon, wo – manchmal brauchts ne kleine Wanderung und einmal auch einen 16-Stunden-Flug bzw. DHL), richtet bitte für meine Mailadresse einen Autoresponder ein und beantwortet ein Jahr lang beantwortenswerte Mails, denkt euch eine kreative Facebook-Statusmeldung aus und löscht das Profil nach einem Jahr, lasst das XING-Profil löschen, schreibt eine letzte Blogmeldung, deaktiviert hier die Kommentarfunktion (mit einem kleinen Hinweis in der comments.php, damit sich niemand wundert), entfernt die Kontaktformulare auf den anderen Websites, passt die Geschäftswebsite nach eurem Gusto an (vielleicht will ja jemand weitermachen?) und lasst dann einfach alles so laufen, bis ihr selbst in die ewigen Jagdgründe eintretet – und am Wichtigsten: kümmert euch um Himmels Willen vor allem um meine Kundinnen und Kunden. Den Zugang zu den Passwörtern hat jemand von euch.

Wer damit keine Verwandten oder Bekannten betrauen möchte, kann sein posthumes Netzschicksal übrigens auch in die Hände von Lisa Granberg legen – der Dienst webwill kümmert sich um alle Online-Belange nach dem letzten Atemzug. In eine ähnliche Richtung zielt der Last Messages Club.

Und die Todesanzeige? Gleich selber schreiben? Lust hätt ich schon – anstatt eines unbrauchbaren Bibelspruchs würde wohl eher etwas aus meinem Lieblingssong aller Zeiten darüber stehen: „Heaven is closer now today, the sound is in my ears“ zum Beispiel. Aber hey – alles weitere ist Euer Bier, viel Spass.
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Drüben im Altersheim ist Schlafenszeit. Ich höre durch die offenen Fenster die Pfleger wie mit kleinen Kindern sprechen, die selbst noch nicht reden können.

Wir coolen Typen, die zu allem und jedem eine Entgegnung haben und uns manchmal tüchtig aufs Dach geben, werden auch alle so enden. Irgendwann erscheint auf dem Monitor tatsächlich nur noch jene Meldung, die heute beim Aufruf der eigenen Domain „Alarmstufe rot“ auslöst…

Eines Tages – und es wird niemanden mehr kümmern – steht auch hier nur noch „Error 404 – Not Found“.
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Im Februar schrieb ich Eric nach seinem Auftritt im „Club“ und schwärmte unter anderem von den neuen Freiheiten im Leben dank meines Übertritts ins Freelancerleben. Er antwortete ein paar Tage später: „es freut mich für dich, dass du dich selbstständig gemacht hast und das offenbar auch zu schätzen weisst. ohne das gepolter vor vier jahren wäre ich wohl nie soweit gekommen, mir genug zeit fürs schöne zu nehmen.“

Das soll für uns alle gelten – auch ohne Gepolter.

Die Trauerfeier findet am kommenden Freitag (28. August) um 15 Uhr in der Johanneskirche Zürich statt.

Machs guet, Eric.

Wenn Leute wie Du sterben, hoffe ich wider besseres Wissen eben doch wieder, dass Vera Lynn im Abspann von „Dr. Strangelove“ Recht hat: „We’ll meet again, don’t know where, don’t know when – but I know we’ll meet again some sunny day.“

Find‘ ich gut. (3 weitere Leute finden diesen Beitrag auch gut.)

Kommentare

Ja, man kann den Tod selbst in der virtuell verwurzelten Multioptionsgesellschaft nicht einfach ausklammern.

Was Du hier geschrieben hast, Andi: Touching. Danke!

Soweit ich weiß, gibt es schon die ersten Dienstleister, die sich im Todesfall darum kümmern – wenn man ihnen zu Lebzeiten entsprechende Vollmachten gegeben hat, sprich: Geld und sämtliche Passwörter…

Da sind Freunde wohl doch die bessere Wahl.

[…] Shared Was passiert mit unserer Online-Identität, wenn wir tot sind? […]

Facebook und Co. sollten einen Status «verstorben» einführen … und Todesanzeigen sollten endlich online verfügbar werden, diesbezüglich sind Schweizer Medien noch rückständiger als in anderen Belangen.

[…] den folgenden Artikel bin ich heute auf BildBlog.de gestoßen. Das Thema ist “Was passiert mit unserer Online-Identität, wenn wir tot sind?“. (blog.jacomet.ch, Andi […]

Wie hier schon gesagt: Freunde und Angehörige sind die beste Wahl. Passwörter zu treuen Händen geben, testamentarisch verfügen.

Alles vor kurzem am eigenen Leib erlebt.

Eine oft sensationslüsterne und bisweilen makabre Website, die über gestorbene amerikanische MySpace-Mitglieder informiert und ihre Profile verlinkt, ist
MyDeathSpace.com: voll mit Verbrechensopfern, Selbstmördern, Unfalltoten – hoffentlich nicht repräsentativ.

Hallo Andi – ich habe deinen Beitrag über Eric mit ganz grossem Interesse gelesen – ich finde diesen sehr gut – kürzlich habe ich auf facebook – ich einen Bekannten auf Facebook zum Geburtstag gratuliert – der zu diesem Zeitpunkt genau einen Monat vorher gestorben ist – aber seine Online-Identität war immer noch absolut aktuell – ich fand dies ziemlich makaber und irgendwie unwirklich. Erst durch ein Gespräch in der nicht virtuellen Welt habe ich erfahren was wirklich geschehen ist …

Ja, genau an solche unwirklichen Erfahrungen für die uns Überlebenden dachte ich eben genau auch bei diesem Text…

[…] JacoBlök » Was passiert mit unserer Online-Identität, wenn wir tot sind? Ein wirklich interessanter und nachdenklicher Blogartikel. Er beschäftigt sich damit, was eigentlich mit den Onlineprofilen nach unserem Tod passiert. […]

Unter dem Titel „Facebook erhält Tote am Leben“ schreibt auch der „Tages-Anzeiger“ heute über das Problem: Was passiert mit dem Facebook-Account von Toten?

Dummerweise scheint Facebook eine etwas seltsame Ansicht zur Thematik zu haben und weigert sich, Profile Verstorbener zu löschen.

Nur – was ist mit jenen, die gar nicht gelöscht werden möchten, zumindest nicht sofort? Sondern die auch in ihren Online-Profilen gerne einen würdigen Abgang hätten, beispielweise – wie im Haupttext erwähnt – mit einer letzten Statusmeldung?

Eine kaum mehrheitsfähige Idee – viele haben wohl ein leicht verkrampftes Verhältnis zum Tod – wäre, bei der Anmeldung selbst festlegen zu können, wer im Todesfall was mit dem Account machen darf, wie lange er noch online bleiben soll und was danach geschieht (stillegen und alles löschen, als Memorial-Site X Monate online lassen usw.). Wäre mir persönlich am liebsten – das kann ja auch ein etwas vesteckter Reiter sein, der nicht zwingend auszufüllen ist.

Ansonsten setzt sich wohl die nicht ganz saubere, aber effiziente Methode durch: Das FB-Passwort ganz einfach (wie auch alle anderen wichtigen) an einem sicheren (!) Ort verwahren und diesen der besten Freunin oder dem besten Freund verraten. Samt der Anweisung, was mit welchem Account zu tun ist im Falle der Fälle.

Das letzte Zitat im Text ist zentral: „Die Problematik wird je länger, je akuter werden.“ Korrekt.

[…] Was passiert mit unserer Online-Identität, wenn wir tot sind? – Weil zahlreiche Medien die Geschichte, die bald 15 Jahre “nach Internet” immer akuter wird, nachgezogen haben. […]

Stimmt. Aber viele kommen nicht auf die Idee, dass sie aus dem Haus gehen, irgendwo ausrutschen und auf der Stelle sterben.
Und…woher soll Facebook wissen, dass ich gestorben bin?

Mich würde es quälen auf die Facebook-Seite einer geliebte Person, die verstorben ist, immer wieder besuchen zu müssen. Dadurch wird man ja verrückt. Sicher stellen sich einige noch vor die Person wäre noch am leben und schreiben ihr, schauen ihre Bilder an usw. Naja, das kann man auch positiv betrachten…man hat wie eine kleine True voller Erinnerunger dieser Person.

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