25.02.2018

Vintage-Skifahren, Teil 33: Rastello-Turra (Mondolèski, Piemont)

Sommer 2017: Schöne, heisse Tage im Monregalese, wie die Gegend rund um die piemontesische Stadt Mondovì heisst (nach dem römischen Namen „Mons Regalis“). Niemand denkt ans Skifahren.

Nur die Doppelmayr-Standseilbahn vom der Unter- in die Oberstadt erinnert doch sehr an Szenen, die man eher aus den Bergen kennt:

Die Anlage aus dem Jahre 1886 (!) wurde 1975 stillgelegt und rostete lange Jahre vor sich hin, bis sie 2006 komplett neu gebaut wurde. Herausragend ist vor allem die Integration in die alten Gebäude:

Vom Aussichtspunkt im kleinen Park am höchsten Punkt der Stadt sieht man schön in die ersten Alpenhügel mit den Skigebieten des Monregalese hoch:

Schon da war mir klar: Ich muss unbedingt wieder einmal im Winter in die Provincia di Cuneo kommen.

Die Skigebiete in den ligurischen Alpen bieten wunderbare Abfahrten von mächtigen Hügeln durch Laubwälder – die Szenerie erinnert ein wenig an die vielen Bilder aus Südkorea, die in diesen Tagen über unsere Monitore geflimmert sind.

Aber auch an die Kindheitstage mit Skitagen auf der Wasserfallen oder Langenbruck im Baselbiet. Und die erste Winter-Piemont-Reise anno 2014 war leider geprägt von schlechtem Wetter.

Doch letzte Woche war es endlich so weit: Der Wetterbericht war prächtig; es stand ohnehin eine Housekeeping-Reise nach Südfrankreich an – ideal!

Als Zwischenstopp etwa in der Mitte zwischen Bern und Seillans hatten wir uns ein Hotel in einer alten Keramikfabrik in Villanova Mondovì ausgesucht – gleich am Fuss der Berge. Selbstverständlich gab es im Ort auch eine gemütliche Beiz, die gepflegte Piemonteser Hausmannskost anbot. In dieser Gegend sein heisst immer auch: Schöne Dörfer Geniessen, am Abend fein essen.

Wie komme ich aber auf „Rastello“ und „Turra“?

Es gibt viele Foren von Ski- und vor allem Skiliftbegeisterten. Im deutschsprachigen Raum sind das vor allem das Alpinforum, bergbahnen.org und für die ganz grossen Freaks sommerschi.com. Manchmal werden einfach nur Skibilder gepostet, oftmals wird über Seilbahntechnik diskutiert, und vor allem im letztgenannten Forum haben verrückte Reisen eingefleischter Skiliftfreunde ihren festen Platz, die nebst der Erkundung schöner Hänge auch industriearchäologisch unterwegs sind und eindrucksvolle Bilder von Seilbahnruinen schiessen. Oder die besten Gebiete mit Blick aufs Mittelmeer finden.

User „Starli“ fährt mit dem Forumsgründer „Trincerone“ gut und gerne schon einmal 6000km (ein Weg!) mit dem eigenen Auto durch Russland, um einen verrosteten „Tellerfluglift“ in Zentralasien zu dokumentieren oder Habegger- und Bühler-Lifte in Kirgistan zu finden, die der Davoser Hans-Peter Pleisch hierher exportiert hat und die einst im Unterengadin oder Berner Oberland ihre Runden drehten.

Diese Berichte lesen sich dann wie spannende Romane und lassen natürlich uns Ferrophilen das Herz höher schlagen. Ebenfalls zur Lektüre empfohlen: Russland 2016 und Südosteuropa 2013!

Nun, 6000 Kilometer muss ich wegen eines Skiliftes bei 10cm grasigem Schnee nicht am Steuer sitzen. Aber wenn ich die Gelegenheit habe, ausgefallene Ski-Erlebnisse wenige Stunden von zu Hause zu erleben, dann nehme ich das gerne: Dazu gehören auch Ausflüge mit User „ATV“ nach Grandval im Jura. Oder eben die Suche nach kultigen Orten im Piemont, wie sie „Starli“ vor ein paar Wochen entdeckt hat.

Zurück nach Norditalien, wo am Südrand der Pianura Padana (bei uns als Poebene bekannt) zahllose den meisten Schweizerinnen und Schweizern unbekannte Skigebiete warten. Zum Beispiel „Mondolèski“, ein Tarifverbund aus den drei Sektoren von Frabosa, Prato Nevoso und Artesina, allesamt Skigebiete mit einer jahrzehntelangen Geschichte, die zum Beispiel „Simolimo“ aufgezeichnet hat.

Aus dem Gebiet hat man von fast überall her eine wunderbare Aussicht auf den Alpenbogen hinter der Pianura – und natürlich den guten alten Monte Viso. Weiter hinten würde man aber auch Matterhorn, Monte Rosa und viele andere bekannte Berge erkennen.

Die Highlights von Mondolèski befinden sich an den beiden Rändern des Gebietes. Die Einersesselbahn von Frabosa Soprana wird im nächsten Teil dieser Serie vorgestellt. Hier soll es zunächst um die Anlagen und Pisten zwischen Rastello und Rocche Giradina gehen.

Zwar wimmelt es im Skigebiet von lahmen Sesselbahnen, die nur selten echten Nostalgiewert besitzen. Dafür kostet auch in der Hochsaison die Tageskarte für 120km Pistenspass nur 34 Euro. Zu viele alte Skilifte wurden für unseren Geschmack schon ersetzt oder verrosten am Pistenrand. Am rechten Rand auf dem Pistenplan  findet man aber unter anderem:

  • Die Abfahrt nach Rastello
  • Den Doppeltellerlift Turra
  • Den Tellerlift Rocche Giardina

In medias res!

Dieser Montag, 12. Februar 2018, begann wettertechnisch schon einmal wunderbar:

Der Einstieg ins Skigebiet ist an fünf Orten möglich. Dummerweise hatten wir uns für Prato Nevoso entschieden, einem Retorten-Ort, der aber einen grossen Parkplatz hat. Vielleicht sollte man doch nicht allzu sehr auf das Hotelpersonal hören.

Von hier oben sieht man gen Mittelmeer…

… aber auch in die Ebene im Norden hinunter.

Um an den Zielort Rastello zu gelangen, muss man per Ski zunächst in den architektonisch ebenfalls an einen fremden Planeten erinnernden Ort Artesina hinunter fahren, dann wieder hoch nach Turra:

Damit also zur urchigen Abfahrt ins Valle Ellero. Die Erschliessung des Skigebietes aus dem Weiler Rastello wurde erst 2006 gebaut – warum auch immer, sie drängte sich keineswegs auf. Es gab ja schon vier Zugänge.

Wohl ein Italo-Klassiker à la „hm, wir haben wir irgendwo ein nicht aufgebrauchtes Restbudget gefunden, was tun wir bloss damit?“

Die Abfahrt aus dem Artesina-Sektor ist traumhaft. Zumal (zum Glück) kein Mensch auf die Idee kommt, hier runter zu fahren – die Piste wird wohl mehr als Talabfahrt für ganz am Schluss angesehen (und die Anlage wird nur einmal, als Einstieg, genommen). Um die Piste zu finden, muss man wissen, dass man beim schwarzen Pfeil rechts abzweigen muss und dann durch das Tal rechts im Bild (weisser Pfeil) zur Sesselbahn wedelt, die beim blauen Gebäude ankommt:

Nach dem Ziehweg geht’s dann links runter durch einen Laubwald. So hat man das gerne, genau so! (Natürlich könnte man auch eine der zahllosen Off-Piste-Variante wählen, klar.)

Die Piste hier runter wurde schon eine Weile nicht mehr maschinell präpariert. Und da keine Menschenseele weit und breit zu finden war, konnte ich ungestört den Moment in diesem abgelegenen Tobel geniessen.

Ein rauschender Bach, ein schöner Wald mit knorrigen Eichen, Kastanienbäumen, Birken, Buchen. Ein paar zerfallende alte Häuser, Sonne, viel Schnee. Keine Sekunde hat man das Gefühl, in einem der grössten Skigebiete der Region unterwegs zu sein. Was will man mehr!

Damit ist man am Talboden des Valle Ellero angekommen, bei der Talstation der Sesselbahn Rastello, mit einer kleinen Bar. Vom Trubel drüben beim Retorten-Ort Prato Nevoso merkt man gar nichts. Der Motor der Bahn ist oben, hier unten unterbricht nur das Rattern der Rollenbatterien die Ruhe.

Auf der gemächlichen Sesselbahnfahrt durch den Wald kommt man an diversen Ruinen vorbei:

Oben angekommen liegt eine kleine Pistenbeiz, die ein wahnsinniges Buffet und – natürlich – frische Pasta „halb gratis“ anbietet. Kein Vergleich zu überteuerten, kulinarisch fragwürdigen Schweizer Pistenbeizen. Die plärrende Lokalradiomusik nervt, aber eben: Willkommen in Italien.

Danach folgt eine weitere Sesselbahnfahrt nach Turra, wo ein altehrwürdiger doppelter Leitner-Tellerlift aus den 1980ern beginnt.

Was die Italiener genau mit diesen Tellerliften haben? Wäre wohl ein Fall für eine Masterarbeit. Hätte man zwei „normale“ Bügellifte gebaut, hätte man etwa die doppelte Kapazität. Was natürlich für jeden Tellerlift gilt. Nun… es ist halt einfach typisch italienisch, also nehmen wir es gerne!

In der Ferne taucht bereits das nächste Vintage-Ziel auf: Der Skilift Rocche Giardina!

Und am Horizont thronen natürlich nach wie vor die Meeralpen und der Monviso.

Nach einer kleinen Abfahrt Richtung Artesina kommt man an einer Skiliftruine all’italiana vorbei – das Land ist ein Paradies für Industriearchäologen, hier lässt man einfach alles mal stehen. Das religiöse Brimborium am Rande der Piste gehört natürlich auch zu Italien…

… erinnert uns Rost-Fans aber daran, dass eher solche Dinge unsere Altare und Götzen sind:

Ein paar Meter weiter beginnt die Anlage, die gemäss den Ausbauplänen schon längst durch eine Sesselbahn hätte ersetzt werden sollen: Der Skilift Rocche Giardina, der durch eine wunderbare Geländekammer führt. Hier oben fühlt man sich nicht mehr in den Piemonteser Hügeln, hier beginnt das hochalpine look and feel.

Bei so vielen schönen Schleppliften sind die Pisten fast Nebensache – zumal die meisten hier Mitlesenden aber wohl des Skifahrens und der Aussicht wegen nach Artesina reisen, hier zum Schluss doch noch ein paar entsprechende Fotos.

Das heutige Video beginnt im Talkessel vor dem Valle Ellero:

Fortsetzung folgt demnächst – wer das Video bis zum Ende geschaut hat, kennt sie schon: Die legendäre lange Einersesselbahn Monto Moro.

Mehr gefällig?

Wer die Geschichte mit grösseren und vor allem mehr Bildern und Erzählungen lesen will, schaut sich die Fassung im sommerschi-Forum an. Wer nur (viel) mehr Bilder aus dem ganzen Gebiet „Mondolèski“ will, kann sich diese beiden Alben ansehen:

Die bisherigen Teile dieser Serie

Eggiwil / Marbach und Bumbach / Les Breuleux und Tramelan / Nachtskifahren Linden / Selital (Gantrisch) / Hohe Winde / Grandval / Engstligenalp / Langenbruck / Prés-d’Orvin / Faltschen / Aeschiallmend / Gantrisch-Gurnigel / Les Bugnenets-Savagnières / La Corbatière / Rüschegg-Eywald / Dent de Vaulion / L’Audibergue (F) / Gréolières-les-neiges (F) / La Berra / Habkern / Heiligkreuz / Vallée de Joux / Elsigenalp / Eriz / Eischoll-Unterbäch / Chuderhüsi und Linden / Grencheberg / Ottenleuebad / Homberg / Lauchernalp

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