7.10.2017

WSO Oetwil am See: Ein spannendes Stück Schweizer Industriegeschichte

Ein Ausflugstipp der anderen Art: Noch bis zum 5. November ist im Ortsmuseum Oetwil am See (Zürcher Oberland) eine Sonderausstellung zur Geschichte der WSO-Maschinenfabrik zu sehen. WS steht für „Walter Städeli“ – die Städeli Lift AG gehörte bis in die 1980er-Jahre zu den wichtigsten Seilbahnherstellern der Schweiz. Dieses Wochenende (7./8. Oktober, Chilbi-Wochenende) ist das Museum von 13-17 Uhr offen; weitere Daten in diesem Flyer (PDF).

Wieso poste ich das? – Als Kind war ich ein grosser WSO-Fan, da Skifahren schon früh meine grosse Leidenschaft war und es in Sedrun hauptsächlich Städeli-Lifte hatte, siehe u.a. hier. Wenn meine Eltern alleine fahren wollten, schaute ich bei der Bergstation stundenlang den Bügeln zu und war fasziniert vom Mechanismus, der die Sitze wieder einzog. Später brachte ich Verwandte zur Verzweiflung, weil ich ständig Skiliftteile vom Schrotthaufen zum Spielen und Sammeln mit nach Hause nehmen wollte. (Immerhin bin ich dank dieses Spleens heute Besitzer des letzten Bügels des ersten Sedruner Skiliftes)

Mit 11 schrieb ich Walter Städeli, ob ich so einen Bügel haben könnte – der alsbald prompt als Paket ins Baselbiet kam. Daraus entwickelte sich ein jahrelanger Briefwechsel mit der Städeli Lift AG, um den sich vor allem die Sekretärin liebevoll kümmerte. 1985 besuchte ich die Oetwiler Fabrik: Das Highlight des Jahres!

Als Teenager und Studi waren andere Dinge wichtiger, aber um 2003 herum entdeckte ich im Web, dass es tatsächlich noch andere Menschen gab, die sich für Skilifte interessierten. Eine Art Reinkarnation meiner Ferrophilie war die Seite „New England Lost Ski Area Project„, wo man u.a. Städeli-Lifte sah, die in Wäldern Nordamerikas vor sich hin rotteten. Faszinierend!

Auch dank Foren wie diesem konnten plötzlich Seilbahnfreaks aus aller Welt über ihr Hobby diskutieren und debattieren. Mit der Zeit begannen sogar Publikumsmedien über Industriearchäologen zu schreiben, es entstanden kultige Webprojekte – und mit Sammlern und Kennern wie Jakob Schuler, Michael Meier, Dani Sepulcri oder Claude Gentil ergaben sich interessante Treffen.

In dieser Zeit fand auch ein gewisser Peter Brunner meine Website www.skiliftfotos.ch – und schrieb mir „komm mal nach Illnau-Effretikon, ich habe da was für dich, du wirst begeistert sein.“ Und tatsächlich: Was Peter mir im Stall seines dannzumal verstorbenen Vaters Theodor zeigte, schrieb die Geschichte der WSO-Maschinenfabrik auf einen Schlag komplett um.

 

Da lagen Prototypen von Rollen, Bügel und Masten herum, die eindeutig nach WSO aussahen, aber „TEBRU“ aufgedruckt hatten, für „Theo Brunner“. Hatte er das alles von Städeli geklaut?

Nein, es war genau umgekehrt, wie sich später in Gesprächen und Recherchen herausstellte: Städeli und seine Entourage hatten geschickt unter den Teppich gekehrt, dass Theo Brunner in Tat und Wahrheit der Urheber von so ziemlich allem war, womit WSO später gross wurde. Alle frühen Konstruktionsdesigns stammten von „Tebru“. In den Akten ist ein erbitterter und teils amüsanter Streit zwischen zwei Alphatieren dokumentiert – zwischen dem als jovialen, charmanten Patron auftretenden Walter Städeli, der aber natürlich auch ein knallharter Geschäftsmann war, und dem begeisterten und genialen Techniker Theo Brunner, der aber mit Marketing und Patenten weniger am Hut hatte.

In einem Brief vom 20. März 1960 ist z.B. zu lesen, dass sich Brunner wünscht, dass Städeli „einen Gipsverband von innen her betrachten“ könnte. Die Briefe sind auch gespickt mit Ortsnamen von in den USA und in Kanada geplanten Anlagen, die damals vor der ersten Erschliessung standen. So dokumentieren die Piesackereien zwischen Brunner und Städeli auch die Pionierzeit der Seilbahnen, als Skistationen wie Pilze aus dem Boden schossen. In diesem PDF haben wir die Rolle Brunners in seiner Zeit bei WSO lose dokumentiert.

Nichtsdestotrotz wurde die Städeli Lift AG später weltbekannt und lieferte Anlagen bis nach Japan. WSO war neben Oehler, Habegger, Müller, Bühler, Küpfer, Garaventa und wie sie alle hiessen ein wichtiger Player in dieser für ein Tourismusland so zentralen Branche. Dazu trugen auch Originale wie Fritz Schmutz bei, der die Städeli-Anlagen im Westen der USA erfolgreich vertrieb und den ich 2006 in Colorado besuchte – Schmutz baute für den Konkurrenten Müller schon in den 1950ern Sesselbahnen in Neuseeland.

In Oetwil am See ist die Städeli-Zeit weitgehend in Vergessenheit geraten. Die feine, von Theodor Marty kuratierte Sonderausstellung im Ortsmuseum lässt die Zeit wieder aufleben, als WSO der wichtigste Arbeitgeber der Gegend war. Dank unserem losen Skilift-Fan-Zusammenschluss kommt dabei auch die Rolle von Theo Brunner nicht zu kurz, zudem sind verschiedene Exponate aus Jakob Schulers Sammlung zu sehen.

Ein nicht unwichtiges Stück Schweizer Industriegeschichte – der Besuch lohnt sich!

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