Whatsapp und Datenschutz: Wegen Facebook den Messenger wechseln?

TL;dr: Whatsapp passt seine AGB an und kommt noch näher an Facebook. Auch wenn ich einen sinnvollen Datenschutz natürlich befürworte, halte ich es für übertrieben, die bewährte Messaging-App nun zu löschen. Wer will schon auf vier verschiedenen Kommunikationsplattformen Nachrichten austauschen? Sinnvoll ist es hingegen, z.B. auf dem politischen Weg festzulegen, welcher Techgigant was darf. Ob die sich aber daran halten, steht auf einem anderen Blatt.

Ein Kollege hat mich heute gefragt, was ich zu Threema denke, da er “den Wechsel weg von Daten-Krake WhatsApp in meinen WhatsApp-Chat-Gruppen lancieren” wolle. Meine Antwort geriet dann eher zu einem Rant, da schon andere Freundinnen und Freunde Andeutungen machten, dass jetzt dann “gnue Heu dune” sei. Ich halte den Hype für übertrieben und antwortete ihm:

Threema hat einen guten Ruf. Ich weiss aber kaum mehr darüber.

Zur Grundproblematik: Ich respektiere es, wenn jemand Whatsapp nicht mehr nutzen will. Das soll jede und jeder selbst wissen und für sich entscheiden. Natürlich ist es immer sinnvoll, sich rund um Datenschutz Gedanken zu machen und für einen sinnvoll ausgestalteten Datenschutz einzustehen.

Ob aber das Löschen von Whatsapp im Zuge der neuen AGB ein wichtiger Schritt für mehr Datenschutz ist, wage ich – zumindest fürs Gros der Benutzerinnen und Benutzer von Whatsapp – zu bezweifeln. Ich denke, man richtet mit dem symbolischen Akt eher kommunikativen Schaden an als dass man viel erreicht.

“Ich benutze kein Whatsapp” als Statement: Kann man machen, muss man aber nicht.

Ich habe selbst keine Probleme mit Whatsapp, das etwa 99% meines Freundeskreises nutzen. Ich persönlich mag meine eh schon zu verzettelte Kommunikation nicht noch auf 3-4 weitere Messenger ausweiten, zumal ich Facebook sowieso nutze und “die dort” alles wissen, was für sie interessant ist (was ich bewusst in Kauf nehme, da ich es nicht für grauenhaft teuflisch halte, wenn man mir sinnvolle statt sinnlose Empfehlungen macht… wobei die Algorithmen offenbar eh nichts wert sind, da ich stets Anzeigen für Dinge sehe, die ich doof finde: Autos, Banken, Investment, Games).

Und wer verbergenswertes Zeug, das nicht öffentlich werden soll oder von Behörden in Erfahrung gebracht werden soll, per (irgend einen) Messenger oder E-Mail teilt, oder davon ausgeht, dass man mit dem Wechsel einer Messenger-App etwas wahnsinnig Gutes für den Planeten tut, hat von mir aus gesehen noch andere Probleme mit der sinnvollen Einschätzung von Datenschutzproblemen.

Natürlich gibt es Graustufen, und Zuckis Organisation ist wohl eine der übleren, wenn einem grundsätzlich Pickel wachsen bei Datensammlungen. Aber verglichen mit anderen Problemen dieser Welt und der Tatsache, dass 99% der Internet-User ohnehin unwissenderweise gigantische Datenschleudern sind, mache ich mir da aus Verhältnismässigkeitsgründen nicht allzu viele Gedanken und geniesse mein Leben und die Kommunikation auf möglichst übersichtliche Art (d.h. primär per E-Mail und Whatsapp – hat sich historisch halt so entwickelt, und niemand garantiert uns, dass Messenger X nicht in drei Jahren irgend einen skandalösen Move macht).

Aber das war nicht deine Frage, sorry für den Rant! Übersetzt heisst das: Ich benutze ausschliesslich Whatsapp, da es momentan quasi alle tun, und ich hoffe, dass das so bleibt – über andere Messenger weiss ich nur, was man so liest.

Wer auf Social Media niemals aktiv ist (vor allem nicht auf Facebook) und in seinem Browser und auf seinem Smartphone alle Aufrufe von Social-Media-Plattformen mittels Extensions und anderen Sperren konsequent blockiert (sofern das überhaupt geht) und/oder solche Apps nicht nutzt, den/die verstehe ich sehr wohl, wenn er/sie wechseln möchte. Bei allen anderen lächle ich einfach still vor mich hin und denke “man kann sich Probleme ja auch selbst basteln, wenn man zu viel Zeit hat”. (Mit “Problem” meine ich hier vor allem die Verzettelung der Kommunikation auf zig Plattformen, was natürlich an sich bei Lichte betrachtet auch nicht wirklich ein Problem ist, oder dann ein klassisches “first world problem”.)

Wenn du noch etwas hören willst, was du nicht gefragt hast: Ich persönlich bin allergisch auf “religiöses Hausieren” – wenn mir jemand sagt, dass Whatsapp “böse” sei und ich doch einen anderen Messenger nutzen soll, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich das genau wegen dieses Aufrufs eben nicht tue, da mich das ein wenig an “Reformiert ist viel besser als Katholisch, weil mimimimi…” erinnert. Ich bin alt genug, um einschätzen zu können, welchen Dienst ich weshalb wie nutze.

Darum bewirken solche Aufrufe bei mir eher das Gegenteil. Wenn hingegen jemand einfach sagt “ich bin hier nun nicht mehr erreichbar, ich wechsle auf den Messenger XY”, finde ich das natürlich völlig OK. Meine Antwort ist dann jeweils: “Da ich meine Kommunikation nicht auf zig Kanäle verzetteln will, bleibe ich bei Whatsapp. Du erreichst mich nun immer noch per Mail oder SMS – das ist kein Problem; wir lesen uns dort, wenn auch wohl weniger regelmässig.”

Aber eben: Da kaum jemand das technische Know How besitzt, um Facebook & Co. ganz aus seinem Leben fern zu halten, heute halt “alles online läuft” und die einzige “datenschutzkonforme” Methode der Kommunikation ohne Datenschutzbedenken das direkte Gespräch an einem 100% unüberwachten Ort ist, finde ich die Aufregung offen gesagt lächerlich.

Wir alle – ausser einer handvoll bewusster Totalverweigerer oder Techfreaks – streuen täglich zig Megabytes an Daten zu Diensten, die wir als Laien im Traum nicht erahnen können. Angesichts dessen ist der Wechsel des Messengers purer Slacktivism und bringt höchstens Probleme mit sich, da man sich tendenziell “unerreichbarer” macht oder den Kontakt erschwert.

Ich persönlich bin zum Beispiel bin nicht nur ein leidenschaftlicher Kommunizierer, sondern auch ein Archivfreak; ich geniesse es, wenn ich in alten Nachrichten stöbern kann. Dinge wie “kein Cloudbackup möglich” oder – nun leider auch bei Whatsapp – “selbstlöschende Nachrichten” sind mir ein Graus, da dies das Archivieren erschwert oder verunmöglicht.

Ja, ich habe sämtliche SMS seit den 1990er Jahren noch. In Exceltabellen. HistorikerInnen in 300 Jahren werden das garantiert lustig finden, wenn sie es noch lesen können.
Wenn jemand Bedenken hat, dass Kontaktdaten von Personen, die das sicher nicht wollen (und die sich ansonsten “datenschutzmässig vorbildlich” verhalten), aus dem Adressbuch zu irgendwelche Plattformen gelangen: Ja, das kann tatsächlich problematisch sein, und das ist für mich der einzig valable Grund, das ganze zu hinterfragen.

Allerdings halte ich es hier a) für etwas naiv, sich heute solchen Dingen komplett entziehen zu können, wenn man nicht als Einsiedler im Wald lebt – das geht so ein wenig in Richtung 5G-Gegnerschaft oder “Strahlungssensitive”, die das Gefühl haben, in einer Gesellschaft irgend etwas bewirken zu können, in der fast alle Menschen ein Smartphone besitzen. (Ich bin auch chronisch krank, gehe aber nicht davon aus, dass sich diese Welt nach meinen Sörgeli richten wird – irgendwo hat halt alles Grenzen.)

Und b) wäre der sinnvollere Weg, statt seine Freundinnen und Freunde mit Aufforderungen zum Messengerwechsel zu traktieren, sich für sinnvolle gesetzliche Regelungen rund um den Datenschutz einzusetzen und entsprechende Politikerinnen und Politiker zu wählen.

Dann sind wir aber auch schnell wieder bei Punkt A – denn wer davon ausgeht, dass sich alle Firmen dann auch daran halten, hat vermutlich die letzten 10 Jahre kontaktfrei in der Sahara verbracht. Ich finde, momentan überwiegt der Nutzen den Schaden noch bei weitem, auch wenn mir Facebook unsympathisch ist und ich lieber 5 Franken pro Monat für Whatsapp bezahlen würde als diese Verstrickungen mit dem Fratzenbuch zu haben.

“Sinnvoller Datenschutz” hiesse für mich im Zusammenhang mit Datensammlungen: Ein Art pauschaler “Stopp-Kleber” fürs Netz. Also sicher nicht das Netz mit Cookiewarnungen vollpflastern oder Pseudo-Datenschutz wie “du darfst nun nicht mehr wissen, wem die Domain xy.ch gehört”, sondern grundsätzlich mal alles verbieten, was in Richtung Tracking, Sammlungen persönlicher Präferenzen und dergleichen geht, ohne dass jemand dem explizit zugestimmt hat. Und zwar nicht durch das Platzieren von Warnungen auf Websites, sondern mittels einer Art elektronischen ID, in der man selbst bestimmt, was man will und was nicht. Ohne diese ID (die auch gleich Grundkenntnisse von Netzbenutzung umfasst, wie z.B. das Erkennen von Phishing) kommt man gar nicht erst ins Netz. Das Teilen von Daten Dritter (z.B. “Facebook darf nach dem Adressbuch auf dem Handy fragen und bekommt es auch, wenn man das anklickt”) sollte grundsätzlich unter Strafe gestellt und geahndet werden.

Natürlich weiss ich selbst, dass so einen Zustand niemand jemals erleben wird, der heute am Leben ist.

Bottom Line: Weder Facebook noch alle anderen grossen Silizium-Tal-Firmen sind “prinzipiell lieb”. Aber so lange keine sinnvollen Datenschutzgesetze vorhanden sind, die mehr als nur Millionen von Cookiewarnungen zur Folge haben, und so lange in der Bevölkerung nicht mehr Sensibilität für Datenschutzfragen herrscht, ist das Löschen von Whatsapp pure Homöopathie: Nutzlos – bzw. eine reine Glaubensfrage.

Und wenn doch jemand den Messenger wechseln will: Das kann allenfalls ein hilfreicher aktueller Link sein.

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