Was soll die Empörung über Google Street View?

Da empören sich zig Leute in Foren, da gebrauchen Politiker das Wort “katastrophal” – warum? Weil auf dem praktischen Google Street View ein paar nicht anonymisierte Gesichter sichtbar und ein paar Autonummern lesbar sind.

Was soll dieser neue Auswuchs des Privatsphären-Hypes? Haben diese Leute keine wesentlichen Probleme?

Ich halte es vielmehr für einen Skandal, dass der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte seine Zeit mit solchen Überflüssigkeiten vergeudet anstatt in wesentlichen Bereichen tätig zu sein – zum Beispiel mit dem Missbrauch von Adressen zu Werbezwecken, namentlich aus dem Handelsregister. Der verursacht mir etlichen Aufwand, währenddem von einem Foto meines Gesichtes genau null Gefahr ausgeht.

Allen, die sich ernsthaft darüber aufhalten, dass sie vielleicht auf zufälligen Alltagsfotos zu finden sind, sei empfohlen, schnellstens in eine Höhle in Sibirien, Nordkanada oder irgendwo im Australischen Outback zu ziehen, wo vermutlich diese ach so bösen Auswüchse des Internetzeitalters so schnell nicht Einzug halten werden.

Einmal mehr frage ich mich grundsätzlich: Woher kommt diese seltsame, diffuse Angst vor etwas, das weder gesundheitliche Probleme verursacht noch das persönliche Wohlbefinden beeinflusst? Diese Prinzipienreiterei mit meist abstrus konstruierten Geschichten, was da so alles passieren könnte, oder seltensten Einzelfällen (“nicht anonymisierter Mann vor Sexshop”)?

Oder ists einfach pure Eitelkeit? Welche übertrieben extensive Auslegung von “Privatsphäre” oder “Persönlicher Freiheit” liegt einer solchen Attitüde zugrunde?

Wieso gibts keinen Aufschrei, wenn die Tagesschau Strassen-Alltagsszenen sendet oder Zeitungen klar erkennbare Personen in Menschenansammlungen abdrucken, was täglich zig-fach vorkommt, wie diese Woche im “Bund”?

Zeitungs-Fotos (hier als Beispiel im Bund), über die man sich theoretisch mehr ärgern könnte als über Google Street View...

Rufen die Abgebildeten umgehend die Redaktion an und verlangen, dass das Foto aus dem Archiv gelöscht wird? Bereitet Hanspeter Thür bereits die Klage vor?

Es ist eine groteske Herabsetzung der Begriffe “Persönliche Freiheit” oder “Privatsphäre”, wenn eine Lappalie wie “Street View” damit in Verbindung gebracht wird.

Mir kommen nebst dem Missbrauch von Adressdaten viele andere relevante Dinge in den Sinn, die eine gewisse Unruhe tatsächlich rechtfertigen: Kundendatensammlungen privater Firmen zum Beispiel. Die Unterwanderung linker Organisationen durch rechtsgerichtete Kreise. Die Liste liesse sich beliebig verändern – gerade auch in Ländern, wo “Meinungsäusserungsfreiheit” nichts gilt.

Da werden im Jahre 2009 Frauen ausgepeitscht, weil sie Bier trinken oder Hosen tragen – und gewisse Kreise veranstalten lieber einen Riesenaufstand wegen einiger Föteli auf Google. Schämen sollten sie sich.

82 Kommentare

  1. Besten Dank für diesen Artikel. Ich schliesse mich dir zu 100% an und bin ziemlich verwirrt über diese künstlich hervorgerufene “Tragik”.
    Wie du bereits erwähnt hast, mit den Gesichtern kann eh niemand was anfangen. Wenn ein Mann aus dem Sexshop kommt oder eine Frau im Stadtpark im Bikini rumliegt, sieht das nicht nur Google-Streetview – sondern jeder, der vorbeiläuft. Das gleiche gilt für Autonummern, auch diese: Für jeden sichtbar.
    Und jetzt kommt der Hammer: Diese ganze Realität, die jeder ohne Kontrolle betreten kann, die ist komplett UNZENSIERT 😉

  2. Das zeigt einfach die mangelnde Internetkompetenz auf den Redaktionen. Und zwar nicht nur bei Tamedia/Newsnetz, sondern auch bei Ringier: Ausgerechnet “Blick” und “Blick am Abend”, die ja sonst gerne auf allen Internetkanälen ihre Netzpräsenz markieren, wird täglich Quatsch erzählt.

  3. @Christian – zentral finde ich diese Aussage bei Dir:

    Ich halte die Wahrung der Privatsphäre und der Datenschutz für enorm wichtig. Das Argument Ich habe nichts zu verbergen ist ungültig. Aber ich fühle mich nicht bedroht von monatealten Momentaufnahmen von öffentlichen Plätzen auf denen ich vielleicht zu sehen bin. Ich sagte es bereits in meinem ersten Artikel über Street View: Die Nützlichkeit von Google Street View überwiegt über das Vorhandensein eines schwammigen undefinierten Missbrauchspotential.

    Das kann ich nur unterschreiben, danke!

  4. danke für den artikel ich stimme deinen aussagen voll zu..die bilder und videos die täglich sind viel gefärlicher und auch viel aktueller und was damit geschieht weiss man ja auch nicht…ob diese urheber das anders(besser) machen als google will ich mal bezweifeln!

  5. @sultan: Also, ich versuchs nochmals. Juli Zeh wäre sicher mal ne interessante Lektüre für die grossen Ferien im September, ich überleg mir das.

    Vom Text auf der Website her schliesse ich aber schon mal drauf, was ich dazu sagen werde:

    Niemals würden Sie es anderen Menschen erlauben, in Ihren privaten Sachen zu schnüffeln, Sie zu bespitzeln oder zu belauschen.

    Wenns bespitzeln oder belauschen ist, klar nein – aber wenns z.B. drum geht, ob ich ein Foto meines Zimmers im Internet finde… wieso nicht? Ist mir völlig egal. Was erwächst mit für ein Nachteil, wenn die Welt über die uninteressante Tatsache in Kenntnis gesetzt ist, dass ich derzeit violett-bordeauxrote Satin-Bettwäsche angezogen habe?

    Gehen wir einen kleinen, intimen Schritt weiter: Selbst wenns “undefinierbare Flecken” drauf hätte – was ist daran so privat? Alle holen sich ab und zu einen runter oder haben Sex im Bett. Also auch nichts Besonderes. Selbst wenn ein Bild davon im bett wäre – mir egal. Es erwächst mir null Schaden draus.

    Hier verstehe ich aber durchaus, dass das nicht jedermanns Sache ist. Es geht hier und jetzt aber nicht um Bespitzelung, um Aushorchen, um Beschatten. Sondern um die Empörung über ein paar harmlose Bilder mit Alltagsszenen und minimale Einblicke hinter ein paar Fenster, die von öffentlich zugänglichen Orten aus mit einer nicht wahnsinnig hohen Auflösung gemacht wurden.

    Wieso findest Du das denn so schlimm? Welche konkreten Nachteile erwachsen dir draus?

  6. @blöker: ich weiss du möchtest gerne bei der satin-decke mit den spermaflecken bleiben, aber ich kann der grundhaltung ‘ich habe ja nichts zu verbergen’ (und diese steckt hinter deinem beispiel), wenig abgewinnen, da sie für mich einem extrem naiven verständnis von privatsphäre entspringt. du hast genau so lange nichts zu verbergen, bis dir jemand in einem unangenehmen kontext etwas präsentiert von dem du dachtest, dass würde nie in dem zusammenhang auftauchen. dann ists leider zu spät.

    dank streetview und dem honigbärli weiss ich ja nun auch wo er wohnt (80er-betonblock in der agglo), dass vor seinem haus regelmässig BE486392 und BE429170 parkieren. Etwas das ich sonst nie rausgefunden hätte (ich spaziere nun mal nicht am eggweg 8 in bolligen vorbei). also weiss ich nun auch etwas mehr übers privatleben vom honigbärli und seinen netten nachbarn.

    das alles mag das honigbärli nicht gross kratzen, aber es gibt bestimmt menschen, die das nicht so doll fänden (die gründe dafür bleibt denen überlassen – und sei es nur weil sie gerne anonym leben möchten).

  7. Das Verlogene an dieser Medien-Empörung ist doch, dass genau diese Medien liebend gerne im Privatleben der Bürger herumwühlen, um irgendwelche “Skandale” auflagenfördernd zu inszenieren. Beispiele gibt es genügend, hier nur eines von vielen. Ich wette, dass die sog. Journalisten in den nächsten Wochen und Monaten immer wieder “intime” Screenshots aus Streetview in ihre Print- und Onlineprodukte copypasten, um irgenwelche Petitessen zu skandalisieren.

  8. ich kann der grundhaltung ‘ich habe ja nichts zu verbergen’ (und diese steckt hinter deinem beispiel), wenig abgewinnen

    Das stimmt nicht ganz – es ist mir einfach schlicht egal, wenn jemand weiss, was ich für Bettwäsche habe, da diese Info niemandem etwas bringt. Genau so egal wäre mir, wenn jemand wüsste, welche Zahnpasta ich benütze, welches Deo, welchen Kaffee ich bevorzuge, dass ich Unterhosengrösse M habe usw usf.

    Im Gegenteil – ich erzähle sogar gern drüber, wenns jemanden interessiert oder gar jemandem hilft. Aus meiner Beinbruch-Krankengeschichte zum Beispiel wurde das einzige deutschsprachige Forum zu Tibiakopffrakturen … also hab ich aus meinem Intimbereich (Gesundheit, ui, gaaanz intim!) sogar was gebastelt, das diesen netten Planeten hier ein kleines bisschen weiter bringt. (Ja, ich hätte das auch bei Herpes Genitalis oder sowas gemacht.)

    du hast genau so lange nichts zu verbergen, bis dir jemand in einem unangenehmen kontext etwas präsentiert von dem du dachtest, dass würde nie in dem zusammenhang auftauchen

    In welchem Zusammenhang sollte denn irgend etwas, das einige Leute so schützenswert finden, so kritisch sein? Auf genau diese Beispiele warte ich sehnlichst, versuch mich zu überzeugen. Bitte!

    Ich sehe als Beispiele: Die Kredikartendaten (da kann jemand meine Kohle abzweigen). Persönliche Briefe, wo z.B. Beziehungskram Dritter diskutiert wird. Videos, die mich beim Sex zeigen. Solche Dinge eben. Da verstehe ich, dass das niemand im Netz sehen will.

    das alles mag das honigbärli nicht gross kratzen

    Das würde auch mich nicht kratzen – steht eh schon alles viiiiel detaillierter im Web 🙂 Im Ernst: Was soll man mit der von Dir über Honigbärli gesammelten Info denn anfangen können, was macht sie so intim, dass sich zig Leute nerven und der Datenschützer Ausschläge bekommt?

    aber es gibt bestimmt menschen, die das nicht so doll fänden (die gründe dafür bleibt denen überlassen – und sei es nur weil sie gerne anonym leben möchten).

    Das ist gut und schön, doch ich möchte ja eben so gerne ein wenig mehr über diese meiner Ansicht nach von niemandem je konkret ausformulierten Gründe wissen, dieses “Diffuse”, das ich immer wieder antreffe, dieses “Prinzipielle”, das doch niemand so recht begründen kann. Help me, please, es interessiert mich wirklich!

  9. Ich geht drauf – Thür bezeichnet “Street View” als “unzumutbar” und fordert dessen Abschaltung. Auch so kann man den Ruf eines an sich wichtigen Amtes runieren…

    In der Tagesschau sprach er soeben davon, dass man in der Schweiz nicht damit rechnen müsse, in der Öffentlichkeit fotografiert zu werden und dieses Foto nachher ins Netz gestellt werde. In welcher Zeit lebt dieser Mann genau, was hat er genau für Prioritäten? Wieso unternimmt er nichts gegen all die Fotos in den Medien, in denen Menschen sichtbar sind?

  10. @sultan: wie der blöker schon geschrieben hat braucht es kein streetview von google um zu erfahren wo ich wohne wer meinen blog kennt hat die ganze adresse und auch noch die richtige telefonnummer dazu!
    und was an einer adresse so privat sein soll kann ich auch nicht nachvollziehen…

    erstaunt mich eh immer warum ich noch nie überfallen wurde hier in meiner wohnung..ich behaupte: das wenn leute sich aktiv verbergen das für viele interessanter wirkt…denn man hinterlässt tagtäglich spuren wo es auch sehr einfach ist zu ergründen wer das ist und welche vorlieben er hat!

    und wenn jemand nicht zu dem steht was er tut ist das mir schon sehr suspekt… das fängt bei mir schon an wenn jemand wenn er mich anruft seine rufnummer unterdrückt!

  11. Das Problem bei der Veröffentlichung eigener Bilder im Internet ist einfach, dass sich niemand fürs Recht auf sein Bild einsetzt respektive dass wir durch Facebook, Flickr & Co. geradezu dazu motiviert werden, frisch fromm fröhlich frei Bilder von uns – aber auch von anderen – ins Web zu stellen.

    Ich wage die Vermutung, dass 90 % der Internet-Benutzer wahrscheinlich noch gar nie vom Recht aufs eigene Bild gehört haben und deshalb auch munter uploaden, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob die anderen Abgelichteten damit überhaupt einverstanden sind. Es ist einfach nur «geil», den Tinu stockbesoffen aller Welt in Flickr zu zeigen…

    Und so gilt es in der Auffassung vieler als «normal», dass Bilder von anderen ohne deren Wissen ins Web gestellt werden.

    Und genau da orte ich eben das Problem von Google Street View. Für viele gelten nicht unsere rechtlichen Vorgaben, sondern das, was andere machen – oder was andere vormachen. Dies für zu einer Art Legitimierung, denn – hey – Google macht’s ja, nicht wahr?

    Insofern betrachte ich Street View eben nicht als eine so kleine Bagatelle, wie’s auf den ersten Blick aussieht. Dahinter steckt eben auch dieses Vormachen, dieser der «Vorbild»-Charakter.

    Wenn ICH will, dass ein Bild von mir im Internet zugänglich ist, dann will ICH das (mit)bestimmen können – oder wenigstens darüber informiert sein. Ich schätze es nicht, wenn andere über mein Bild bestimmen, egal ob es sich dabei um Google, Der Bund oder wer auch immer handelt. Darum habe ich vollstes Verständnis, wenn Leute sich plötzlich selber unter Street View wiederfinden und sich daran stören.

    Das alles schliesst natürlich nicht aus, dass sich der EDÖB auch um Dinge kümmert, von denen wir kaum etwas mitbekommen und die vielleicht gerade deswegen noch fragwürdiger sind, wie eben auch der ganze Adresshandel & Co.

  12. Interessanter Punkt, danke.

    Vielleicht ist das Recht am eigenen Bild, wie wir es kennen, einfach ein etwas altmodisches, auf einer gewissen Eitelkeit beruhendes Auslaufmodell? Ich wage mal die These, dass viele von uns (die heutigen Teenies sowieso) das in 30 Jahren so sehen werden.

    Jedenfalls, was die Street-View-Fotos angeht. “Tinu stockbesoffen” ist wiederum ein anderes Thema – der Tinu sollte aber von mir aus einfach aufpassen, dass er nicht besoffen wird statt sich nachher zu beschweren, dass die entsprechenden Bilder im Netz erscheinen… der ist da schlicht selber schuld.

    Wenn du nun sagst, dass du bestimmen willst, was mit deinem Bild passiert, verstehe ich das ein Stück weit. Aber bleiben wir bei Street View: Die Bilder bilden Alltagssituationen ab und haben keinen künstlerischen Wert; sie werden vermutlich kaum weiter verbreitet. Man sucht nicht Person X oder Y, sondern will schauen, wie eine Kreuzung aussieht (der Dienst hat mir vor so manchem Ausflug sehr geholfen).

    Auch wenn du den Vorbildcharakter ansprichst – sind die Reaktionen, gerade des EDÖB, nicht vollends übertrieben, wenn man anschaut, welche anderen weitaus relevanteren Gebiete es im Bereich Datenschutz gibt?

    Ich bin mir sicher, dass Hanspeter Thürs heutige Aussagen in einigen Jahrzehnten in Nostalgiesendungen hervorragende Lacher abgeben werden – genau wie wir heute Leute schräg angucken, die in den 1950ern über die immensen Gefahren des Fernsehens sprachen. Sie hatten ein Stück weit Recht, aber die Gesellschaft fand im Grossen und Ganzen einen guten Weg, mit dem Neuen umzugehen.

  13. Warum sollte das exhibitionistische verhalten von teenies nun als rechtsvorlage für das recht am eigenen bild gelten, nachdem hier im blog ebengerade diese teenies als schlecht erzogen und doof präsentiert werden, weil sie ein exhibitionistisches mitteilungsbedürfnis in der öffentlichkeit an den tag legen?

  14. Die exhibitionistischen Teenies sind weder mein Ding noch bin ich der Meinung, sie sollen als Vorbild dienen – QED (sultan spielt darauf an).

    Aber es gibt in den Generationen nach uns zweifellos eine gewisse Lockerheit gewissen Bildern gegenüber, bei denen sich vielen so um 40+ die Nackenhaare offensichtlich sträuben. Das ist ein grosser Unterschied zu dem, was viele meiner Cousinen anstellen, nämlich Bilder ins Netz stellen, bei denen ich bezweifle, dass es vernünftig ist.

    Aber eben, hier gehts um harmlose Street-View-Fotos. In diesem Sinne wiederhole ich gerne nochmals (und ich hoffe, dass du diesmal dabei bleibst) das Obige:

    In welchem Zusammenhang sollte denn irgend etwas, das einige Leute so schützenswert finden, so kritisch sein? Auf genau diese Beispiele warte ich sehnlichst, versuch mich zu überzeugen. Bitte!

    Was soll man mit der von Dir über Honigbärli gesammelten Info denn anfangen können, was macht sie so intim, dass sich zig Leute nerven und der Datenschützer Ausschläge bekommt?

  15. Ich verstehe nicht ganz warum man einen Grund deponieren muss, wenn man gerne sein Leben ohne öffentlich abrufbare Bilder von sich oder vom parkierten Auto fristen möchte? Reicht das Einfühlungsvermögen und Verständnis für die Befürchtungen anderer nur gerade bis zum eigenen Blog-Eintrag?

    Muss man wirklich begründen, dass man weder in Bund, BZ, Tagi, Blogs, StreetView, Flickr sichtbar sein möchte? Reicht die Begründung: “Mind your own business” nicht aus? Oder genügt auch nicht: “Das ist mein Privatleben, publiziert über euch so viel ihr wollt, aber ich mache da nicht mit”?

    Wie borniert und spiessig ist das denn, dass man gewissen Leuten das nicht mehr gönnen mag? Wie langweilig muss ein Leben sein, wenn man meint: “Wer besoffen auf StreetView für die nächsten 10 Jahre sichtbar ist, soll sich halt vorher überlegen ob er sich besaufen will!”. Da kann ich nur hoffen, dass das eigene Leben keine anstössigen Ausrutscher bietet und man sich entsprechend normiert in der Halböffentlichkeit benimmt, damit man immer und überall ohne rote Ohren zu bekommen sauber weltweit abgebildet werden kann!

    Auch mag ich das ganze Thürler-bashing nicht so recht verstehen. Griechenland hat StreetView verboten aus den exakt gleichen Gründen wie sie hier in der Schweiz genannt werden. Die Griechen sind wohl ähnlich paranoid wie Herr Thürler oder der EU-Datenschutzbeauftragte und haben eh keine Ahnung was StreetView eigentlich ist.

    Machts gut.

  16. An sich muss man keinen Grund deponieren, nee. Aber da wir hier und jetzt und heute so schön am Diskutieren sind… es interessiert mich einfach grundsätzlich, warum es Leute gibt, “die das einfach nicht wollen”.

    Zumal ich anders gestrickt bin – obviously – interessiere ich mich einfach, was es ausmacht, dass man so ein Brimborium veranstalten kann wie H.P. Thür und andere sowie die Griechen.

    Also bitte bleib diesmal dabei, ich versuche so sachlich wie nur möglich zu bleiben. Ich hoffe, “macht’s gut” heisst nicht einmal mehr, dass du dich am spannendsten Augenblick einer Diskussion, wenns etwas tiefer geht, verabschiedest.

    “Wie langweilig muss man sein” – ich weiss nicht, was das mit langweilig zu tun hat; es ist doch genau dasselbe wie sonst im Leben, Street View ist einfach ein Element mehr, wo “man ertappt werden” kann. Wer nicht ertappt werden will, soll halt entweder einfach zu seinem Verhalten stehen oder schauen, dass er nicht ertappt wird. Vor 200 Jahren war das halt einfacher als heute. Mir gehts hier nicht um “gesellschaftskonformes” Verhalten – wer irgendwas tun will, soll alles tun, solange er andere nicht schädigt.

    Das ist auch ein Punkt: Deswegen eine nützliche Applikation einfach zu verdammen und verbieten, ist für mich nicht akzeptabel. Es gab und wird immer solche Dinge geben, die halt neu sind und den einen aus bestimmten Gründen nicht passen. Die Gesellschaft hat bisher immer einen Weg damit gefunden, damit umzugehen, siehe oben. Verbote finde ich eine sehr phantasie- und hilflose Massnahme.

    Zumal es mich eben immer noch brennend interessiert, weshalb man etwas gegen diese Bilder haben kann… und nein, “es ist für mich einfach so” ist kein besonders interessantes Argument. Ich würde gerne wissen, was dem zugrunde liegt.

  17. es interessiert mich einfach grundsätzlich, warum es Leute gibt, “die das einfach nicht wollen”.

    Ich denke es gibt diese Menschen weil für diese der Begriff ‘Privatsphäre’ einen anderen Stellenwert einnimmt. Ich kann nur von mir her argumentieren: ich glaube nicht, dass wir wegen dem Internet Grundrechte aushöhlen oder verabschieden sollten die durch Generationen vor uns manchmal blutig und schmerzhaft erkämpft wurden. Ich finde es bizarr, wenn sich die Diskussion hier primär darum dreht, dass doch diese Menschen die sich nicht auf StreetView, Flickr, Blogs verewigt sehen wollen, eigentlich schon etwas ‘komisch’ sind und immer noch an einem ‘altmodischen Auslaufmodell’ des Rechts auf persönliche Integrität festhalten.

    Ich finde es hingegen bizarr warum hier nur wenige Stimmen zu finden sind, die etwas nachdenklicher sind. Es ist nicht etwa so, dass uns dieses Grundrecht auf Privatsphäre geschenkt wird oder das dieses Recht einfach so auf Ewigkeiten immer felsenfest vom Staat garantiert wird. Ich hätte gerne hier ein paar kritische Geister gelesen. Ein paar Voten die sich kritisch damit auseinandersetzen wie viel an Privatsphäre wir generell bereit sind preiszugeben. Wo ist die Schmerzgrenze für uns erreicht? Warum verstehen wir einen Datenschutzbeauftragten (er ist von uns beauftragt worden!) nicht mehr, nur weil er diese Grundrechte für einen Grossteil der Bürger gegenüber der Privatwirtschaft versucht einzufordern?

    Es sollte hier nicht vergessen geraten, dass niemand sich gegen StreetView ausgesprochen hat, die ganze Kritik dreht sich einzig und alleine darum, dass immer noch Personen in StreetView identifzierbar sind.

  18. In totalitären Staaten wird Überwachungsinfrastruktur regelmässig gegen “unliebsame” Bürger verwendet, die z. B. wegen eines Blog-Eintrags oder eines Fotos im Internet Besuch vom Staatsschutz bekommen. Wenn wir, die wir (noch) in Rechtsstaaten leben, uns nicht gegen den momentan sehr rasch voranschreitenden Ausbau dieser Infrastruktur und die Entsorgung von Bürgerrechten wehren, werden wir solchen Staaten auch kaum mehr Vorwürfe machen können.

    Ausserdem sollte man sich nie darauf verlassen, dass heutige Rechtsstaaten niemals zu totalitären Staaten werden. Die Geschichte hat genügend Beispiele geliefert, und es gibt auch sehr fliessende Übergänge. Gerade Schweizer tendieren m. E. dazu, diese Gefahr zu unterschätzen.

    Am Rande bemerkt, bieten systematisch gesammelte Bilder mit genauester Ortsangabe im Internet durchaus andere Möglichkeiten für Nachrichtendienste als einzelne Zeitungsfotos, auf denen auch mal Gesichter zu erkennen sind.

  19. Es geht für mich auch um die Frage von Selbstbestimmung.

    Ein konkretes Beispiel: Mittels Street View kannst Du wunderbar in Wohnungen im Erdgeschoss unseres Hauses schauen.

    Die fraglichen Nachbarn gewähren diesen Einblick im Rahmen der Nachbarschaft. Man ist ja irgendwie auch eine Art Familie untereinander. Sie bestimmen in dem Falle, wer wann wiviel sehen darf.

    Wenn sie der Welt zeigen wollen, wie sie leben, können sie Fötelis ihrer Wohnung machen und ins Internet stellen. Auch da bestimmen sie selber, ob die Welt sehen soll, wie sie leben.

    Wenn aber völlig Unbekannte ohne Vorankündigung die eigene Wohnung ausleuchten und das dann ins Netz stellen, ist’s dahin mit der Selbstbestimmung.

    Ich steigere das Ganze noch etwas. Gehen wir davon aus, meine Nachbarn hätten bei sich zu Hause einen van Gogh hängen. Street View sei dank, weiss das nun die ganze Welt… Es muss ja nicht immer ein van Gogh sein, aber es ist auch nicht immer bloss eine Zahnbürste.

    Street View zeigt eben mehr als bloss Strassen und was gezeigt wird, kann man selber nicht bestimmen. Ein Stückchen Freiheit weniger für die, welche über solche Dinge eben selber bestimmen möchten…

  20. Zunächst: Danke für Euren Widerspruch und die engagierte Diskussion!

    @sultan und Bernhard:

    ich glaube nicht, dass wir wegen dem Internet Grundrechte aushöhlen oder verabschieden sollten

    Eben – wieso zählt es zu den Grundrechten, “nirgends abgebildet zu sein”? Was ist für Dich die Idee dahinter? Ich verstehe das immer noch nicht. Warum soll ausgerechnet die Ansammlung von Pixeln, die deinem Gesicht entspricht, einen derartigen Wert haben, dass man darum auf die Barrikaden geht?

    Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, dass “man das einfach schon lange so sagt”, ohne noch zu wissen, was denn der tiefere Sinn dahinter ist… drum versuche ich das hier so akribisch zu ergründen und hinterfragen.

    Wo ist die Schmerzgrenze für uns erreicht?

    Die ist da erreicht, wenn die gesammelte Information – wie soll ich sagen – vereinfacht; in politischer/ideologischer Art gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen oder die gesamte Bevölkerung verwendet wird, die sich in keiner Art eines Vergehens schuldig gemacht hat, sondern Grundrechte wahrnimmt. Oder wenn systematisch Infos auf “luschen Wegen” beschafft werden. Beispiel: Fichenskandal.

    So etwas darf nie mehr passieren, bei diesem Video sträuben sich mir die Nackenhaare!

    Einem nahen Verwandten gings ähnlich, wenn auch nicht so krass. Ihr seht also, ich bin auf die Grundthematik durchaus sensibilisiert.

    Bilder von mir im Netz sind für mich weit, weit unter der Schmerzgrenze, solange sie im Rahmen von Street View eingesetzt werden. Nicht in Ordnung wäre natürlich, wenn mein Kopf plötzlich auf einer Werbekampagne abgebildet wäre. Vielleicht bin ich naiv – auch ich glaube an eine gewisse Selbstregulierung des Internets. Und Street-View-Fotos können kaum zweckentfremdet werden.

    Warum verstehen wir einen Datenschutzbeauftragten (…) nicht mehr, nur weil er diese Grundrechte (…) versucht einzufordern?

    Weil es soooo viel Relevanteres und Wichtigeres gäbe, das uns tatsächlich unmittelbar betrifft, als ein paar harmlose Fötelis.

    Mir kommt das vor wie ein Arzt, der dringend einen Lebertumor heilen müsste, aber sich zuerst auf die Pickel auf der Stirn konzentriert.

    Sideline: Wir suchen derzeit ein Haus zum Kaufen. Street View ist eine ausgezeichnete Hilfe für die erste Triage und erspart uns so manche Reise “is Chrutt use”. Wegen solch praktischer Anwendungsfälle nervt mich die ganze Anti-Hysterie noch mehr – aber ich gebe gerne zu, das darf und soll in dieser Diskussion keine Rolle spielen.

    Wenn wir, die wir (noch) in Rechtsstaaten leben, uns nicht gegen den momentan sehr rasch voranschreitenden Ausbau dieser Infrastruktur und die Entsorgung von Bürgerrechten wehren.

    Wo werden denn genau Bürgerrechte entsorgt? Und wieso sollen westliche Demokratien plötzlich zu Diktaturen werden? – Ich denke, gerade das Internet sorgt für eine gewisse Demokratisierung, zu einer Abflachung extremistischer Tendenzen, da der Organisations- und Informationsgrad viel höher ist als früher.

    Wenn irgendwann in einer fernen Zukunft eine Aussage oder ein Bild mir halt zum Verhängnis wird, dann ist’s halt so. Ich stehe zu dem, was ich sage. Oder ich fliehe als politischer Flüchtling aus der Schweiz, wie meine Grosseltern 1956 aus Ungarn. Wenn mich in 30 Jahren der Schweizer Diktator deswegen auf dem Bundesplatz hängen lässt, dann hat das Land weitaus grössere Probleme. Heute deswegen übervorsichtig zu leben und jede Minute tunlichst drauf achten, was mir eines Tages mal zum Verhängnis werden kann, ist nicht mein Lebensstil.

    @Titus:

    Wenn sie der Welt zeigen wollen, wie sie leben, können sie Fötelis ihrer Wohnung machen und ins Internet stellen. Auch da bestimmen sie selber, ob die Welt sehen soll, wie sie leben.

    Das ist grundsätzlich in Ordnung. Aber wieso soll die Familie genau einen Aufstand machen, wenn eine einigermassen schlechte Fassung ihres Zimmers einmal auch sonst im Web steht? Ihr erwächst kein relevanter Nachteil dadurch, ausser das – Achtung, Zynismusmodus – irgend eine veraltete Denkweise verletzt wird und sie sich deswegen wochenlang aufregt und womöglich überflüssigerweise noch einen Herzinfarkt hat.

    Im Ernst: Das Beispiel mit dem Van Gogh halte ist leider genau für eines dieser überkonstruierten Einzelfälle – und falls… dann ist Google ja problemlos bereit, sowas auf Wunsch zu entfernen.

    Ein Stückchen Freiheit weniger für die, welche über solche Dinge eben selber bestimmen möchten…

    Da sind wir wieder bei der Frage, die ich sultan so oder ähnlich immer und immer wieder stelle: Was hat die – meiner Ansicht nach – Lappalie eines verpixelten Bildes genau mit dem wichtigen Begriff “Freiheit” zu tun? Wieso soll man über solche Dinge, die für den Lauf der Welt sowas von irrelevant sind, unbedingt selbst bestimmen wollen? (Nochmals, ich rede von Street View, nicht von hochaufgelösten DSLR-Fotos von Gesichtern und Wohnungen!)

  21. > Wo werden denn genau Bürgerrechte entsorgt?

    Der Schutz der Privatsphäre ist ein Bürgerrecht, das den Bürger gegen den Staat schützen soll.

    Ich tendiere in meiner Paranoia vielleicht ein bisschen dazu, verschiedene aktuelle Entwicklungen in einen Topf zu werfen. Die aktuellen Bemühungen weltweit sehr vieler Staaten, gerade auch westlich-demokratischer, den angeblich “rechtsfreien” angeblichen “Raum” Internet dauerhaft zu überwachen, ist die eine Hälfte – die freiwillige Zulieferung privater Informationen von den Bürgern selbst und von Datensammlungsunternehmen wie Google, deren Datenbestände staatlicherseits jederzeit, auch geheim, ausgewertet werden können, ergänzt die Nachrichtendienstliche Infrastruktur zu einer Vollkommenheit, die sich George Orwell nicht ausgemalt hätte. Ich weiss nicht, ob Dir bewusst ist, was der Stand der Technik bei automatischer Gesichtserkennung auch in erstaunlich unscharfen Fotos ist – aber einer komplett automatischen Rasterfahndung steht hier schon heute nichts im Weg, und wenn die Möglichkeiten da sind, dann werden sie auch “rein präventiv” routinemässig genutzt. Bist Du zur falschen Zeit am falschen Ort von einer Überwachungskamera oder Google abgelichtet worden und Deine gespeicherten Telefonverbindungsdaten weisen irgend ein ungewöhnliches Muster auf, kann es schon sehr unangenehm werden, und das auch gerade in westlichen Demokratien, wie jüngere Beispiele aus den USA und Grossbritannien zeigen.

    Wenn die allgegenwärtige Überwachung von denen, die “nichts zu verbergen haben”, akzeptiert wird, wird jeder, der aus welchem Grund auch immer mehr Privatsphäre sucht, automatisch ins Fadenkreuz der Ermittler genommen.

    > Und wieso sollen westliche Demokratien plötzlich zu Diktaturen werden?

    Wieso sollte sich zum ersten Mal seit Jahrtausenden die Geschichte plötzlich nicht mehr wiederholen?

    Sieh Dir nur einmal die Geschichte der EU an. Da gibt es viele Entwicklungen, aber die Demokratie ist leider gerade auf dem Rückzug.

  22. Das das Bürgerrecht auf Privatsphäre so schleichend aufgeweicht wird, liegt zu einem grossen Teil an der Naivität und Sorglosigkeit die wir im Netz an den Tag legen. Noch Ende der 80er gab es grosse Boykottaufrufe gegen die damalige Volkszählung. Man wollte dem Staat nur die wichtigsten persönlichen Daten zugestehen. Heute veranstaltet kein Staat mehr eine Volkszählung, die Bürger liefern die Daten gerne elektronisch und protestfrei ab.

    Diese Bürgerrecht auf private Integrität ist eines der fundamentalsten Grundrechte und deshalb auch in der EMRK verankert. Demokratische freiheitliche Strukturen verschwinden natürlich nicht einfach so über Nacht, sondern werden Schritt für Schritt verwässert und aufgehoben. Oft genug wird dies durch den Staat oder die Privatwirtschaft damit begründet, dass wir als Bürger mehr Sicherheit (Biometrischer Pass oder Videoüberwachung) gewinnen würden.

    Wer denkt das sei alles Schwarzmalerei und paranoid, soll sich folgendes Szenario vor Augen halten:
    Nach dem Einkaufen im Coop fordert uns ein Wildfremder auf die Tasche zu öffnen und ihm zu zeigen welche Produkte wir gekauft haben, eine Strasse weiter werden wir von einer anderen Person aufgefordert ihr unsere sämtliche Korrespondenz auszuhändigen und die nächste Person möchte gerne unsere Ferienbilder während jemand anderes unsere Geldtransaktionen einfordert und unsere Fingerabdrücke möchte er auch noch gleich.

    Eine Mehreheit würde wohl sehr entrüstet dagegen protestieren und sich weigern. In der aktuellen Realität gebe wir jedoch bereitwillig all diese persönlichen Informationen preis und vertrauen sie Institutionen an die wir nicht kontrollieren können. Ich halte es für eine sehr naive Vorstellung zu glauben, dass das Internet selbstregulierend sei und das schon niemand diese Daten zu unserem Schaden verwenden wird.

  23. In der aktuellen Realität gebe wir jedoch bereitwillig all diese persönlichen Informationen preis

    Mir ists eigentlich wie gesagt egal, wenn jemand weiss, was ich einkaufe, meine Mails liest – jedenfalls bei 99% davon 🙂 -, meine Ferienbilder anschaut, sieht, wofür ich Geld ausgebe. Die Fingerabdrücke kann der Staat auch gern haben, wenn er sie nicht weiter gibt und es eine klare gesetzliche Regelung gibt.

    Wir haben die Frage noch immer nicht beantwortet: Warum sollen all diese Sachen so immens wichtig sein für die Persönlichkeit? Ich verstehe das immer noch nicht. Es ist doch für der Welten Lauf 100% unerheblich, wenn jemand diese Dinge über mich weiss? Das “ich”, meine Persönlichkeit wird dadurch nicht tangiert, ich werde nicht zu einem anderen Menschen, wenn jemand bestimmte Dinge über mich weiss.

    Aber eben, darum gehts ja gar nid – es geht immer noch um harmlose Street-View-Fotos und nicht um Fingerabdrücke, Einkäufe usw. – wo die Frage noch berechtigter ist, was daran so schlimm sein soll.

    Sogar der NZZaS-Kommentator findet heute, eine Abschaltung wäre übertrieben. Warum allerdings grossmundig von “Street-View-Opfern” die Rede ist auf der Front… das geht dann wieder ins Kapitel “oje, liebe Schurnis”.

    Wer stoppt Herrn Thür bei seinem Kreuzzug gegen eine harmlose und praktische App und sagt ihm, dass er sich bitte auf Wesentliches konzentrieren soll?

    Damit zu Bernhard…

    aber einer komplett automatischen Rasterfahndung steht hier schon heute nichts im Weg, und wenn die Möglichkeiten da sind, dann werden sie auch “rein präventiv” routinemässig genutzt. (…)

    Ja, und? Siehe https://blog.jacomet.ch/?p=2538

    Bist Du zur falschen Zeit am falschen Ort von einer Überwachungskamera oder Google abgelichtet worden und Deine gespeicherten Telefonverbindungsdaten weisen irgend ein ungewöhnliches Muster auf, kann es schon sehr unangenehm werden.

    Das halte ich für schlicht paranoid – und auch hier würde es mich interessieren, woher diese diffuse Angst kommt, wenn selbst ich als Angehöriger von einst Fichierten mir null Sorgen mache diesbezüglich.

    Wenn die allgegenwärtige Überwachung von denen, die “nichts zu verbergen haben”, akzeptiert wird, wird jeder, der aus welchem Grund auch immer mehr Privatsphäre sucht, automatisch ins Fadenkreuz der Ermittler genommen.

    Auch hier: mit Verlaub, Paranoia, zuviel Orwell gelesen imho, zuviele Verschwörungstheorien gehört, nehme ich mal bescheiden an. Und selbst wenns soweit ist, dass jemand Unschuldiges in sowas reingerät – das wäre ein gefundenes Fressen für sehr viele Medien!

    Nun sind wir also an diesem schönen Sonntagmorgen schnell wieder von den Street-View-Fotos zu Orwell, Fingerabdrücken usw. gekommen – mich nimmt immer noch Wunder: Wieso?

    Bernhard und sultan machen sehr schnell den direkten Schritt von Street View zu Dingen, die man zumindest schon kontrovers diskutieren kann. Offenbar steckt in ihnen eine tief verwurzelte Angst vor dem Staat (dem sie aber dennoch Steuern zahlen), vor Überwachung, davor, dass irgend jemand irgendwelche Dinge über sie weiss, die für mich wiederum total unwichtig erscheinen.

    Ich frage einmal mehr: Wieso dieser Unterschied (wir bewegen uns alle in nicht soooo verschiedenen Kreisen, wenn man das sagen darf). Woher kommt diese Sorge? Bitte klärt mich auf.

  24. @ Andi
    Die fraglichen Bilder sind doch ziemlich scharf, worüber ich übrigens beim ersten Blick auf Street View sogar überrascht war (schliesslich bewegte sich das Auto ja ständig vorwärts).

    So würde ich meinen, dass bei Dir zu Hause auch endlich einmal wenigstens die Fenster ausgewechselt werden sollten. Da sieht man die Wärme ja geradezu entweichen… Auch die Fassade mit dem grauen Berner Sandstein sieht verglichen mit der restlichen Häuserzeile inzwischen etwas schäbig aus…

    Und eigentlich geht mich das ja alles nichts an, aber eben, Street View sei dank sind eben solche Einblicke möglich.

    Natürlich hast Du nichts zu verbergen, wie 99 % der Bevölkerung auch nicht. Und trotzdem wurmt es auch Dich, wenn wildfremde Menschen Deine Umgebung «aushorchen» und dann womöglich noch falsche Interpretationen daraus ziehen. Daraus können dann – entgegen Deiner Aussage – durchaus Nachteile entstehen.

    Wie wichtig ein professioneller Webauftritt ist, muss ich Dir wohl nicht erklären. Das reicht wegen Street View nicht mehr, denn: «Was? Andi wohnt an so einem schäbigen Ort? Ne ne, von so einem lasse ich meine Website nicht machen.»

    Ich hoffe, ich konnte Dir damit etwas verdeutlichen, dass Street View nicht so harmlos ist, denn das Problem hierbei ist nicht unbedingt Street View, sondern die Interpretation der Nutzer, welche Du nicht beeinflussen kannst. Zugleich hoffe ich, Dir mit diesem Beispiel nicht zu nahe getreten zu sein.

    Die Persönlichkeitsrechte und der Einsatz für diese Rechte sind meiner Ansicht nach gar nicht altmodisch. Im Gegenteil: Sie sind aktueller denn je, insbesondere aufgrund der unzähligen Möglichkeiten des Internets.

    Vor 20 Jahren musste ich mir keine Gedanken machen, wenn mich jemand ablichtete. Bestenfalls fand dieses Foto Eingang in irgendein Fotoalbum. Heute ist ein Foto in Sekunden auf dem Web, egal wie kompromittierend es auch sein mag…

  25. @Titus: Du hast völlig Recht mit dem Nydeggstalden, es ist ne ziemliche Bruchbude innen und aussen – aber mit viel Cachet. Der Besitzer machte jahrelang nichts, im Sommer ists bei mir in der Dachwohnung (da, wo die vielen Pflanzen sind) brütend heiss, im Winter bei Bise muss ich heizen, was das Zeug hält. Du kannst dich aber vertrauensvoll ans Grundbuchamt und dann an die Bieler Besitzerfamilie wenden.

    Wobei ich dir sagen kann… es ist zu spät, wir werden früher oder später alle raus müssen, denn es steht in den nächsten Jahren eine grössere Sanierung an – dann ists vorbei mit den günstigen Mieten, schade. Immerhin, die zehn Jahre hier waren famos, bei allen Bruchbuden-Nachteilen ists ein flottes Haus mit durchwegs coolen BewohnerInnen.

    Und trotzdem wurmt es auch Dich, wenn wildfremde Menschen Deine Umgebung «aushorchen» und dann womöglich noch falsche Interpretationen daraus ziehen.

    Nein – ehrlich nicht. Das ist ihr Problem, wenn sie daraus falsche Infos ziehen, nicht meins. Wenn sie etwas genauer wissen wollen, können sie mich fragen. Meine Kontakdaten sind öffentlich. Wenn sie nicht fragen: selber schuld.

    Wir sind hier wieder beim Kernpunkt: Du unterstellst mir aufgrund deiner Lebenseinstellung, dass es mich wurmt, wenn andere meine Gegend aushorchen, was barer Unsinn ist. Wieso soll mir das etwas ausmachen? Wieso kommt ihr auf so eine Idee? Das ist öffentlicher Raum, und Street View ist eine Möglichkeit mehr, ihn zu erkunden.

    Wie wichtig ein professioneller Webauftritt ist, muss ich Dir wohl nicht erklären. Das reicht wegen Street View nicht mehr, denn: «Was? Andi wohnt an so einem schäbigen Ort? Ne ne, von so einem lasse ich meine Website nicht machen.»

    Das finde ich nun sowas von an den Haaren herbeigezogen. Erstens: 90% der Aufträge kommen via Mund-zu-Mund-Propaganda bestehender zufriedener Kunden zustande. Ich bräuchte inzwischen nicht mal mehr eine Website.

    Zweitens: Kunden, die so denken, interessieren mich nicht.

    Drittens: Wir können das leider nie stichhaltig nachprüfen können, aber ich wette mir Dir 1000 Franken, dass dieser Fall so nie eintreten wird.

    Viertens: Die Kunden, die ich daheim zu Schulungen und Sitzungen empfange, sind begeistert von Wohnung und Umgebung und finden es recht cool, in einer familiären Atmosphäre zu sein (Einzimmerwohung, das Bett steht also quasi auch noch im Sitzungszimmer). Wenn jemand ein Problem damit hat – wie gesagt, auf solche Kunden kann ich gut verzichten.

    Zu nahe getreten? Nee, im Gegenteil, wie gesagt, ich erläutere das sehr gerne.

    Heute ist ein Foto in Sekunden auf dem Web, egal wie kompromittierend es auch sein mag…

    Was heisst denn für dich kompromittierend? Falsche Frisur? Bundesrat oder bekannter Lobbyist an Deiner Seite? Vielleicht kommen wir der Ur-Frage hier doch noch etwas näher, dem “warum” zu euren Einstellungen… würde mich freuen.

  26. @andi
    Das ist doch genau diese naive argumentation ‘ich habe doch nichts zu verbergen und wenn der staat meine privaten daten will soll er sie haben, wir leben schliesslich in einer demokratie mit funktionierenden gesetzen’

    Dieser staat ist nicht einfac so vom himmel gefallen und ist auch nicht gottesgleich unfehlbar. Dieser staat kann nur exisitieren und freiheitlich sein wenn er entsprechend kritisch hinterfragt wird. Du vertraust blind darauf, dass die reduktion deiner grundrechte vom staat ‘gut gemeint’ ist. Warum eigentlich? Du darfst dich auf streetview so zeigen wie du willst weil du ja schliesslich ‘nichts zu verbergen hast’. Wer definiert im notfall was ‘nichts zu verbergen’ bedeutet? Woher kommt bei dir diese urvertrauen in ein gebilde das sich aus den einzelnen bürgern konstituiert und das auf widerspruch und mündigkeit angewiesen ist? Am ende urteilt nicht der ‘staat’ darüber ob du andi unverdächtig bist, sondern irgendeiner bei der polizei.

    Ich kann verstehen, dass du meine vorbehalte gegen den aktuellen trend dieser datenansammlungen komisch und pranoid findest, aber ich bin nicht so sicher ob man das einmal abgetretene recht auf privatsphäre einfach so wieder zurückbekommt.

    Nochmals: die geschichte hat uns gelehrt dem staat und der privatwirtschaft auf die finger zu gucken (frag ruhig mal deine fichierten verwandten) das hat weissgott nichts mit verschwörungstheorie zu tun, sondern mit einem gesunden demokratie-verständnis. Ansonsten: ich lege dir wirklich die lektüre der juli zeh ans herz. Ab seite 75 kommst sogar du vor 🙂

  27. Pardon, Andi, ich wollte niemandem etwas unterstellen. Ich gehe lediglich davon aus, dass jeder ein gewisses Privatsphären-Bedürfnis hat, bei einigen ausgeprägter als bei anderen.

    Zum «kompromittierend»: Dieser Begriff ist wohl nicht so gut getroffen. Gemeint sind ganz einfach Fotos, die schlecht gelungen sind und etwas zeigen, wie’s gar nicht gemeint war (z. B. eine zweideutige Handgeste; eine dumme Körperhaltung; usw.).

    Im Endeffekt spielt das aber keine Rolle. Relevant ist, dass private Fotos bis anhin auch im privaten Bereich blieben und heute private Fotos oftmals ungefragt und völlig unbedacht an die Öffentlichkeit gelangen.

  28. …auch ich glaube an eine gewisse Selbstregulierung des Internets. Und Street-View-Fotos können kaum zweckentfremdet werden…

    Meiner Meinung nach liegt das Problem genau da, dass sich ein kompromittierendes Bild im Netz rasend schnell verbtreiten kann und jeder Kontrolle entgleitet.

    Was mir heute noch egal ist, “weil ich ja nichts zu verbergen habe”, kann mir in einem Jahr peinlich sein oder sogar karriereschädigend. Es dann aus allen “schaut mal, was ich auf Street View entdeckt habe” – Blogs entfernen zu lassen, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

    Ganz verhindern, dass Bilder von einem ungewollt veröffentlicht werden, kann man nicht, aber ich finde es richtig, dass im Fall von Street View mit Nachdruck auf der Anonymisierung bestanden wird.
    Wenn das nur mit Androhung eines totalen Verbots geht, ist das der Fehler von Google.

  29. Du vertraust blind darauf, dass die reduktion deiner grundrechte vom staat ‘gut gemeint’ ist

    Wie gesagt, für men Gusto werden überhaupt keine Grundrechte verletzt.

    Am ende urteilt nicht der ’staat’ darüber ob du andi unverdächtig bist, sondern irgendeiner bei der polizei.

    Ich kann doch beruhigen, wer die Grundrechteprüfung in der Polizeischule nicht besteht, wird schon gar nicht an die Schlussprüfung gelassen; man lege immensen Wert auf dieses Thema, höre ich aus Hitzkirch.

    Aber eben, konkret: Es ist natürlich nicht die Polizei, sondern letztlich ein Gericht, dann womöglich eine zweite und eine dritte Instanz und dann womöglich noch Strassburg. Zudem kann ich jederzeit einem Schurni anrufen und ihm eine heisse Story liefern. Any problems?

    Und ich hake immer und immer wieder nach: Ich lese von sultan immer und immer wieder von Grundrechten, Freiheit, Staatstheorie – aber ich habe immer noch keinen einzigen Anhaltspunkt, warum ein Foto auf Street View problematisch in Bezug auf Grundrechte sein sollte.

    Ansatzweise glaube ich langsam zu verstehen, dass Du einfach ein tiefgreifendes Misstrauen gegenüber Staat, Polizei usw. zu haben scheinst und halt vor allem theoretisch argumentierst. Das kann ich irgendwie akzeptieren, zähneknirschend, aber… ja. Sei’s drum.

    Bei Titus hingegen…

    Zum «kompromittierend»: Dieser Begriff ist wohl nicht so gut getroffen. Gemeint sind ganz einfach Fotos, die schlecht gelungen sind und etwas zeigen, wie’s gar nicht gemeint war (z. B. eine zweideutige Handgeste; eine dumme Körperhaltung; usw.).

    … glaube ich langsam zu erkennen, dass es primär Eitelkeit ist, wie ich sie in einer Diskussion mit Chliitierchnübler kürzlich auch geortet habe. Mit euren Argumenten hätte es die wunderbaren Bilder von Cartier-Bresson oder Doisneau (ja, ich weiss, teils waren sie gestellt) nie gegeben. Wieso sollen eine dumme Körperhaltung oder eine Geste in irgend einer weise kompromittierend sein?

    Und eben, wir reden nicht von Privaten Aufnahmen, sondern von solchen in der Öffentlichkeit!

    Letztlich leben wir alle in der Öffentlichkeit, wenn wir uns nicht im Haus verschanzen. Dinge wie Bilder im Internet gehören nun mal zum Leben heute. Ich bin wie gesagt der Ansicht, dass sich gerne vergraben kann, wer damit ein Problem hat. Bisher hörte ich noch kein einziges überzeugendes Argument, das nicht auf eben dieser unerklärlichen Angst oder Eitelkeit oder Überwachungs-Paranoia begründet war.

    Wer sich heute in der Öffentlichkeit bewegt, ist sich doch in aller Regel bewusst, dass Touris Fotos knipsen und aufschalten, dass die Zeitungs-Fotografin theoretisch an jeder Ecke lauern kann und dass es sowas wie Street View gibt (wäre es Hanspeter Thür ernst, hätte er es längst wie die Griechen gehandhabt – denn er wusste schon lange, dass Street View kommt und das Autonummern- und Gesichtsscrambling nicht wirklich tadellos funzen… jetzt aber nachträglich zu stämpfeln wie ein Wilder, hat fast was mediengeiles – “ah, endlich steh ich im Rampenlicht, ein paar empören sich sogar mit mir, jetzt muss ich doch grad ein Verbot fordern”).

    Ist es nicht etwas naiv, wenn man vom Gegenteil ausgeht oder gar glaubt, das Rad zurückdrehen zu können? Wir haben bisher mit allen zu Beginn aus allen möglichen Gründen verdammten Sachen wie den Massenmedien oder der Dampfmaschine leben gelernt. Gewisse Dinge ändern sich halt manchmal, und öppedie schneller, als einem lieb ist.

    Und wenn die Schweiz – damit zu Heinz – zur Diktatur werden sollte, dann bekommen sehr viele Leute sehr grosse Probleme wegen “Aussagen von früher” – mal abgesehen davon, dass das nicht passieren wird, solange wir leben, wissen Menschen ab einem bestimmten Alter sehr wohl, dass sie sich im Leben ändern. Vielleicht halte ich viele meiner Aussagen hier für baren Unsinn in 25 Jahren – das ist sogar sehr wahrscheinlich. Sie werden dann aber vermutlich nach wie vor irgendwie, irgendwo abrufbar sein.

    Na und?

    Im Zweifelsfall, siehe oben, kann man miteinander reden. Mit Leuten, die nicht nachhaken, wenn sie irgend ein Problem haben, kann ich nichts anfangen.

    Wie auch immer, im September schreib ich für die BZ einen Text zum Thema “Recht am eigenen Bild” – welche Ferienfotos darf man aufs Netz stellen, welche nicht, worauf muss man achten, wie ist die Rechtslage usw.

    Auch wenn ihr jetzt womöglich schockierend findet, dass ausgerechnet ich das schreibe 😉

  30. Ich finde es niedlich und gleichzeitig beängstigend, dass sich der blöker nur auf eine mikro-diskussion einlassen will (gebt mir ein konkretes beispiel was so schlimm am eigenen foto im netz ist) und sich einem grundsätzlichen diskurs verweigert. Ich wiederhole mich hier gerne nochmals und doch hoffentlich so konkret, dass es auch der blöker versteht: ich will kein bild von mir im netz sehen, weil ich das nicht will. Ich definiere meine privatsphäre gerne selber und gebe mein bild gerne menschen weiter denen ich vertraue. In zeiten der datensammlungen sind deine persönlichen daten das einzige wertvolle das du besitzt. Nicht umsonst werden für die wiederherstellung der persönlichen identität im netz bis zu 350 000US$ von darauf spezialisierten firmen verlangt – so wertvoll scheinen also unsere daten mindestens zu sein.

    Und eine bitte hätte ich noch an den blöker: streich doch den unsäglichen satz ‘ich habe nichts zu verbergen’ aus deinem wortschatz. Das ist extrem entwürdigend, denn dein leben ist hoffentlich mit geheimnissen und privaten freuden gespickt, die du nicht mit der ganzen welt teilen musst.

  31. Öhm – wo habe ich den Satz “ich habe nichts zu verbergen” bei diesem Thema hier genau benützt? Irgend jemand hat damit begonnen, den immer zu bringen, aber von mir stammt er nicht. Ich denke, wenn ich ihn anderswo benützt habe (zB beim Bankgeheimnis oder beim biometrischen Pass) bzw. bei anderen, die diese Aussagen benützen, ist das nicht dahingehend gemeint, dass man Geheimnisse aus dem Freundeskreis weiterplaudert wie ne Klatschtante, sondern dass man sich in der Öffentlichkeit als halbwegs intelligenter Mensch nicht unbedingt Hand in Hand mit seiner Mätresse zeigt, dass man keine Waffe aus der Hose schauen lässt am Bahnhof usw. – Was man sonst halt eben auch nicht tut.

    Es geht hier aber nicht um “ich habe nichts zu verbergen”, sondern um Street-View-Fotos in Alltagssituationen in der Öffentlichkeit!

    Ein grundsätzlicher Diskurs macht für mich ohne konkreten Praxisbezug keinen Sinn, da er dann ein reiner Selbstläufer ist. Abgehobene Theorie fernab jeglicher Alltagsrealität war noch nie mein Ding.

    Ich weiss auch nicht, warum ich Freundschaften verbergen sollte. Oder muss ich dich denn nun um Erlaubnis fragen, wenn mich jemand fragt, ob ich dich kenne? Selbstredend erzähle ich nichts weiter, das aus dem persönlichen Bereich stammt. Wenn wir über dein Befinden oder deine Familie reden, dann findet das keinen Eingang in Blogs und ich erzähle auch sonst niemandem was, wenns besonders intim ist. Aber wenn ich deine Postulate so lese, zweifle ich daran, dass ich hier überhaupt die Existenz deiner Familie erwähnen darf…

    Genau so wie ich akzeptiere, dass du deine Meinung hast (lass mich sie aber bitte akribisch hinterfragen!), solltest du akzeptieren, dass es hunderttausende Menschen auf diesem Planeten gibt, die Bilder ihres splitternackten Nachwuchses ohne mit der Wimper zu zucken auf Facebook schalten, dass sich Familien nicht passwortgeschützt im Netz präsentieren und null, aber auch gar kein Interesse daran haben, dass sie irgendwer vor sich selbst schützt.

    Ich erlebe in meinem Freundeskreis beide Welten in ihren Extremformen. Viele bedanken sich bei mir sogar dafür, dass ich ihre Bilder veröffentliche.

    Ich finde beide Welten OK. Und ich will in so einer Diskussion gerne graben und kratzen dürfen, ohne dass dies als niedlich oder beängstigend dargestellt wird. Ich werde mir im Gegenzug ehrlich Mühe geben, Worte wie “paranoid” usw. etwas weniger zu verwenden.

    (Sorry fürs nachträgliche edit, ist mir beim Zahnputzen noch einiges eingefallen…)

  32. Oh Mann, ein Wochenende offline und dann das. Meiner Ansicht nach dreht sich die Diskussion ziemlich im Kreise.

    @Andi: Viel Erfolg beim Weiterdiskutieren, ich klinke mich hier aus.

    @sultan: Du solltest so langsam die Story mit dem Frosch im heissen Wasser bringen. 😉

    @Dadading: Ugh, lieber zuerst mal die Kommentare durchlesen bevor du irgendwelchen Müll postest den wir schon vor Tagen diskutiert haben.

  33. Schade, dass du dich ausklinkst – ich könnte hier schon etwas Support gebrauchen (das gilt für alle anderen, die via Facebook und Twitter hierher linken und finden, wie Recht ich doch habe)! Also überlegs dir nochmals…

    Den Kommentar von Dading habe ich wegen Verstoss gegen die Kommentarrichtlinien (kein voller Name ohne Link zu Website) gelöscht, er brachte auch nichts wirklich Neues in die Diskussion.

  34. Ich stelle mir einfach die ganz grundsätzliche Frage, warum ein Unternehmen die Erlaubnis haben sollte, Bilder meines Lebensraumes zu finanziellen Zwecken ins Internet zu stellen. Und da fällt mir – bis auf “macht doch nix” – keine gescheite Antwort ein.

    “Macht doch nix” ist mir aber in Zeiten der immer größer werdenden Datensammlungen von privatwirtschaftlicher wie auch politischer Seite ein zu schwacher Rechtfertigungsversuch. Wenn mir also Google erklären kann, was an Streetview eine so wichtige Weiterentwicklung für die Menschheit ist, daß die Jungs über die Mauer meines Vorgartens hinweg fotografieren dürfen und das Ergebnis auf alle Ewigkeit ins Netz stellen – dann können wir weiterreden.

  35. @Christian: Zum 100. Male – es geht um Bilder aus dem öffentlichen Raum, nicht aus “deinem Lebensraum”. Es ist der Lebensraum von uns allen. Und mit Verlaub, bau doch einen 3m hohen Zaun, wenn dir dein aus dem öffentlichen Raum sichtbares Objekt so immens verbergenswert vor den Augen der Welt erscheint.

    Mann, ist das spiessig, diese Attitüde: “Meins, meins, darf niemand ins Web stellen!”

    Ich hätte ja Verständnis, dass Du das Bild in Frage stellst, wenn deine nackt badenden Kinder hinter dem Gartenzaun ersichtlich sind. Dann wird aber Google das Foto auch innert Stunden löschen!

    Finanzielle Zwecke mögen für Google interessant sein, ich hab keine Ahnung, ob Google überhaupt dran verdient – für sehr viele Reisende ist Street View ein ausgezeichneter Reiseplaner, mir (wie oben gesagt) erspart er z.B. so manche Wege zu potentiellen Häusern, bei denen dank Street View von vornherein klar ist, dass sie mich nicht interessieren usw usf.

    Abgesehen davon wären auch solche wunderbaren Aufnahmen nicht mehr möglich, wenn man die Argumentation vieler hier auf die Spitze treibt, oder auch in meiner Galerie (z.B. in diesem Album) müsste ich mindestens 20% der Fotos löschen – und das wäre jammerschade. So können wir’s gleich vergessen, unser schönes Leben ein wenig zu dokumentieren und späteren Generationen zu zeigen. Unter diesem Aspekt machen mir die vielen Anti-Kommentare hier langsam Angst.

  36. Nur nebenbei: Ich hab mich nicht auf ein Diktaturszenario berufen, es gibt auch in einer halbwegs funktionierenden Demokratie Situationen, in denen man nicht unbedingt der Welöffentlichkeit ausgestellt sein möchte.

    Aber mal andersherum gefragt: Was ist denn so schlimm daran, dass Google die Bilder anonymisieren muss und dass Wert darauf gelegt wird, dass das konsequent und zuverlässig geschieht?

  37. @andi: korrekt, du hattest nie direkt gesagt ‘ich habe nichts zu verbergen’. Somit musst du das auch nicht aus deinem Wortschatz streichen 🙂

    Ich lese diese Grundhaltung aber aus deinen diversen Statements heraus, z.B.:

    Mir ists eigentlich wie gesagt egal, wenn jemand weiss, was ich einkaufe, meine Mails liest – jedenfalls bei 99% davon 🙂 -, meine Ferienbilder anschaut, sieht, wofür ich Geld ausgebe. Die Fingerabdrücke kann der Staat auch gern haben…

    @christian: den Frosch könnte man tatsächlich noch bringen, aber da sich die Diskussion hier wirklich im Kreise dreht, lasse ich den Frosch langsam gar kochen (nun weiss ich auch was du in deiner Offline-Zeit übers Wochenende gemacht hast :-).

    @andi (nochmals): warum sollte Street View eigentlich nicht im grösseren Kontext diskutiert werden dürfen? Du frägst ständig nach konkreten Beispielen, so bald dir aber titus, ich oder heinz etwas Konrektes aus StreetView liefern (ich habe dir sogar ein privates (sic!) Mail mit einem sehr konkreten Beispiel geliefert), wird das von dir als

    überkonstruierte Einzelfälle

    abgekanzelt.

    Verschiebt sich die Diskussion zu den – meiner Ansicht – wichtigen Themen im Zusammenhang mit StreetView (Privatsphäre und Grundrecht darauf), wird das von dir als Abgehobene Theorie fernab jeglicher Alltagsrealität disqualifiziert.

    Wir stehen beide auf unvereinbaren Standpunkten und haben beide kein Verständnis für die Position des anderen weil wir offenbar konstant aneinander vorbeiargumentieren. Eventuell gewinnen wir ja einmal gemeinsamen Boden bei einem Glas Bier.

  38. @Heinz: Danke für die Klarstellung.

    An sich ist nichts schlimm daran. Ausser dass es von mir aus ein sinnloser Aufwand ist, der Google womöglich dazu bringt, das ganze kostenpflichtig zu machen… aber zugegeben, das darf bei der derzeit geltenden Gesetzeslage keine Rolle spielen.

    Ich studiere schon lange dran herum, wie man das “Recht am eigenen Bild” zeitgemäss umformulieren könnte. Ich denke, die Realität hat die geltenden Gesetze (aus der Zeit vor Internet) längst überholt.

    Mein immer noch vorhandener Grundärger bezieht sich aber vor allem auf die Akribie und den Ton, mit dem Datenschützer & Co. sowie einige Medien hier ans Werk gehen: Da ist von “Opfern” von Street View die Rede (wie zynisch gegenüber wahren Opfern von irgendwas!), da wird immens Arbeitskraft verschwendet, wo es 1000x Wichtigeres zu tun gäbe (siehe mein Vergleich zum Arzt, der einen Tumor heilen müsste, sich aber auf Pickel konzentriert), da wird womöglich das Bundesgericht angerufen – ein klarer Fall von “mit Kanonen auf Spatzen geschossen”.

    Google bietet den Anonymisierungs- und Löschdienst ja an. Anstatt “so blöd zu tun”, könnten Betroffene einfach davon Gebrauch machen – und das wars dann. Stattdessen nützt man dieses harmlos Ding, um einmal mehr einen Riesenaufstand zu fahren, das die meisten Leute schlicht harmlos, wenn nicht sehr praktisch finden.

    Und ich wehre mich – auch bei der Videoüberwachung, dank der Täter schneller gefunden werden können – dagegen, wenn wegen “seltsamer” Partikulärinteressen andere Kreise auf praktische Apps (Street View) oder noch viel schlimmer auf Verbrechensaufklärung mit einfachsten Methoden (Videoüberwachung) verzichten müssen.

  39. @sultan: Das mit dem Glas Bier wollte ich schon lange vorschlagen 🙂 Auch wenn hiermit ein weiteres intimes, peinliches Geheimnis aus meinem Privatleben gelüftet wird: Ich mag kein Bier. Aber sonst vieles.

    Gehen wir Zmittagern heute? Hui, das hätte ich nun nicht verraten dürfen 😉

  40. @Blöker

    Im Prinzip ja, aber:
    Ich finde es zumutbarer für Google, an der Anonymisierung nachzuarbeiten, als für jeden Einzelnen, Street View nach eigenen Fotos abzusuchen um sie entfernen zu lassen.

    Auch wenn Street View für den User ein lustiges Spielzeug ist, macht Google das ja nicht aus purem Altruismus – sie sind die eigentlichen Nutzniesser und somit in der Verantwortung und nicht der unbeteiligte Passant, der zufällig auf dem Foto ist.

    Darin, dass die Formulierungen in der Presse überborden, stimme ich dir zu – es ist halt Sauregurkenzeit und die Schweinegrippe ist bereits ausgelutscht.

  41. @Heinz: Ja, von Google erwarte ich eigentlich schon auch besseres, da muss ich dir Recht geben. Ich hätte an der Stelle von Google wohl jedes Bild noch von einem Menschen angucken lassen. Trotzdem finde ich das Theater übertrieben, das man nun macht, aber nun wiederhole ich mich 🙂

  42. Ich kann die Aufregung zwar auch nicht verstehen, aber es steht nunmal Jedem das Recht auf Privatssphäre zu. Jedem das Seine.

  43. Meine Lieben – langsam weiss ich nicht mehr, ob ich Ronnie danken soll, dass er diesen Beitrag im Bildblog verlinkt hat.

    Für alle Facetten von Meinungen (egal, ob sie mir wohlgesinnt sind oder nicht) gilt: Wer sich nicht an die Kommentarregeln hält, dessen Beitrag wird gelöscht.

    Das heisst insbesondere für unsere Freundinnen und Freunde aus dem Norden: Realnames bitte, keine Pseudonyme. Links zu euren Webadressen, keine anonymen Postings mit nur einem Pseudonym und einer irgendwas-ät-blabla.com-Adresse. Danke.

    Nein, über diese Regel wird keine Korrespondenz geführt. Eine Zusammenfassung der Inhalte der gelöschten Kommentare folgt sogleich.

  44. Zuerst mal der Hinweis darauf: archiv.twoday.net/stories/5896842/

    Dann: Damit mir niemand den Vorwurf macht, dass ich mich durchs Löschen anonymer Kommentare der inhaltlichen Diskussion entziehen will, hier (zum ersten und letzten Mal) eine knappe Zusammenfassung dessen, was wirklich neu und nicht wiedergekäut ist:

    Ein Kommentator bezweifelt, dass ein wochen- oder monatealtes schlechtes Bild bei der Planung eines Einbruchs hilft.

    Ein anderer Gast sagt: “Wenn man nicht will, dass Dritte (egal, ob Street View oder Passanten) in die Wohnung schauen, muss man halt Gardinen montieren und zuziehen oder eine andere Wohnung suchen. Das ist kein Problem von Street View.”

    Jemand weiteres dass ein Foto einer Person unter Umständen lebensbedrohlich ist (Person vor Frauenhaus abgebildet).

    Kommentar von mir dazu: Bei Bildern, die ziemlich alt sind, dürfte das kaum ein Problem sein. Ansonsten ein glasklarer Fall für die Löschung seitens Google.

    Eine weitere Person sagt, das Recht am eigenen Bild werde bereits heute zu sehr aufgeweicht nd verweist auf “fotos von opfern, mutmasslichen tätern und unbeteiligten aus dem netz”, die “ungefragt in ihre internet-präsenz (…) und ihrer print-ausgabe” erscheinen.

    Kommentar von mir: Hier gehts um Street View, nicht um die Veröffentlichung von Fotos mutmasslicher (!) Täter in einem diese an den Pranger stellenden Zusammenhang. Für mich ist klar, dass das Recht am eigenen Bild in diesem Zusammenhang NICHT aufgeweicht werden darf. Vielleicht später mehr dazu.

    Eine andere Person schreibt, sie finde es richtig, dass “ohne mein Einverständnis ich nicht personalisiert im Netz auftauche, zumal Personalabteilungen ja nun mittlerweile ihre Bewerber im Netz überprüfen.”

    Kommentar von mir dazu: Ein Street-View-Bild ist ja schliesslich EXTREM personalisiert, gell…

    Der letzte Kommentator schliesslich sagt aufgrund meiner Kommentarlöschung: “Ähm sorry,aber ich bin im Internet unterwegs und da gebe ich selten real facts an! Man weiss ja nie wo diese Daten landen (…)”

    Kommentar von mir: Dann bewege dich doch am besten nicht im Netz und nimm vor allem nicht an Diskussionen teil, wenn Du nicht zu Deiner Meinung stehen kannst. Ich war gaaaanz früher auch mal Deiner Meinung, inzwischen interessieren mich solche Leute nicht mehr gross.

    ________

    An alle: Wir sind hier im Internet, und ihr kennt die Regeln sowie Vor- und Nachteile desselben. Wenn ihr mitdiskutieren wollt, dann macht mit euren richtigen Namen und einem Link zu eurer Website, im vollen Bewusstsein, dass diese Daten auch in Jahren noch abrufbar sind. Nehmt euch also nicht die Mühe, noch so lange und gehaltvolle Beiträge unter Pseudonymen oder anonym zu posten – sie werden gelöscht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.