Endlich geht es weiter mit der Serie der kleinen, aber feinen Skigebiete im Mittelland und Jura mit antiken Skiliften. Diesmal geht die Reise in den Kanton Baselland.
Die Skilifte “Wanne” (ein Flurname, der die breite Kettenjura-Senke am Oberen Hauenstein treffend beschreibt) blicken auf eine stolze, beinahe 60-jährige Geschichte zurück: Der erste Skilift stammt aus dem Jahre 1952 und ist damit beispielsweise zehn Jahre älter als die Sedruner Skilifte Dieni-Milez-Cuolm Val – eine Gegend, die man heute eher mit Wintersport assoziiert als Langenbruck.
Schade eigentlich: Wie dieses Video zeigt, war Langenbruck schon früh eine echte Wintersportdestination mit der einst grössten Skisprungschanze des Landes. 1951 stand beim Hotel “Erica” der erste einfache Seillift.
Schon wenig später war die Zeit reif für einen richtigen Bügelskilift. Wie viele Anlagen damals erstellte diesen die Firma Gerhard Müller, Dietlikon (GMD), die in den 1950ern nicht nur den schweizerischen Seilbahnmarkt dominierte. Auch die Sesselbahn Cungieri in Sedrun (1956) sowie die mit dem Langenbrucker Lifttyp baugleichen Skilifte am Oberalppass (1959) oder Wasserfallen-Vogelberg (1956, beide längst abgerissen) sowie natürlich – in nächster Nähe – die alte Gondelbahn Reigoldswil-Wasserfallen (2006 ersetzt) stammten von Müller. Die Firma baute weltweit Gondelbahnen sowie Sessel- und Skilifte.
Vermutlich ist der 1200 Meter lange Skilift “Untere Wanne” mit den charakteristischen GMD-Portalmasten die älteste noch existierende Müller-Anlage der Schweiz am Originalstandort, wenn nicht auf dem ganzen Planeten. Der Skilift in Linden BE stammt zwar aus dem Jahre 1950, stand aber bis 1965 in Sörenberg.
Damit ist das Bijou ein wichtiger Zeitzeuge einer zentralen Figur der Schweizer Seilbahn-Pioniere: Gerhard Müller hat dieser fürs Land so wichtigen Industrie entscheidende Impulse gegeben.
Eine Anekdote sagt, dass auch die später erfolgreiche Firma WSO von Walter Städeli wegen Gerhard Müller Skilifte zu bauen begann – und sich so einen argen Konkurrenten heranzüchtete. Städeli produizierte in Oetwil am See verschiedene Metallgerätschaften, vor allem für Bauern. Er konnte in den späten 1940ern auch für Gerhard Müller einige Rollen drehen. Als er diese abholte, sagte Müller: “Ja also Herr Städeli, was Sie da machen, das ist doch nichts! Sie sollten Skilifte konstruieren.” Das war für den jungen Walter Städeli natürlich ein Antrieb; er war ein begeisterter Skifahrer.
Müller war zu Beginn wohl leicht verstimmt, später herrschte aber eine gesunde, kollegiale Konkurrenz zwischen den Seilbahn-Grossunternehmen. Städeli und Müller – letzterer hatte 1969 zudem ein wenig erfolgreiches Nahverkehrssystem namens “Aerobus” erfunden – waren in den 1970ern auch oft zusammen in Müllers Privatkleinflugzeug unterwegs in der Ostschweiz.
Vor drei Jahren traf ich Fitz Schmutz, einen der frühen GMD-Konstrukteure, in Boulder (Colorado); er war später für Städeli Verkäufer im Westen der USA. Der Blick in sein Fotoalbum – er erbaute u.a. die erste Seilbahn am legendären Ski-Vulkan Mount Ruapehu (Whakapapa) in Neuseeland – ist ein herrlicher Einblick in die Pionierzeit des Seilbahnbaus. Dieses Foto zeigt Gerhard Müller (links) und Fritz Schmutz (Mitte) ca. 1954 auf dem Weg nach Neuseeland:
Zurück nach Langebruck: 1988 war ich als Sek-Schüler das letzte Mal in der “Wanne” Skifahren. Vor 22 Jahren machte ich für meine Schülersendung auf dem damaligen Lokalsender “Radio Raurach” ein Special zu den Langenbrucker Liften, u.a. mit einem Wettbewerb:
(Lieber in eigenem Player hören – MP3, 3.2 MB)
Natürlich verfasste ich für die Schülerzeitung auch noch einen Artikel (PDF, 1 MB). Lustig: Die Tochter der Skiliftbetreiberfamilie Hammer kam 20 Jahre später zu mir in einen Radiokurs und ist inzwischen TV-Moderatorin.
Langenbruck war für mich als im Baselbiet aufwachsendem Teenie – nebst der Wasserfallen – natürlich stets eine ausgezeichnete Gelegenheit, spontan Ski zu fahren. So kam ich an einem kalten Wintermorgen 1982 auch zum ersten Mal mit Kunstschnee in Kontakt.
Genau – Kunstschnee! Langenbruck war die erste (!) Schweizer Skidestination mit dieser heute (leider) alltäglichen Einrichtung. Eine der alten Schneekanonen von 1968 ist hier sichtbar. Und ich erinnere mich – wie wenns gestern gewesen wäre – daran, dass wir aus Itingen nach Toni Bürglers Sieg am Lauberhorn im Januar 1981 (vor Harti Weirather und Steve Podborski) sogar noch spontan nach Langenbruck ein paar Schwünge drehen gingen.
Nach 22 Jahren kehrte ich am letzten Donnerstag endlich wieder für eine Nachmittagskarte in die “Wanne” zurück…
Video: Skilifte und Pisten in Langebruck BL, 4. Februar 2010 (das Video von Prés-d’Orvin vom Morgen ist hier abrufbar; ein 1080p-HD-Video von Langenbruck aus dem Jahre 2021 findet sich am Schluss dieses Berichtes)
… alles ist noch fast wie damals – ausser die Skiliftbügel sind nicht mehr aus Holz. Die Rollen am Skilift “Obere Wanne” (von Baco Steffisburg 1966 erbaut) surren noch wie früher. Die Pisten waren wegen der dünnen Schneedecke sosolala, aber zwischen Bauernhöfen und Obsthainen Skifahren macht einfach Spass.
Die Skilifte Langenbruck standen schon mehrmals kurz vor dem Aus. Wie dieser aktuelle Beitrag von Radio Basel zeigt, siehts auch heuer nicht sorig aus. Den Betreibern – die auch eine Solarbobanlage betreiben – drum weiterhin gutes Gelingen und viel Schnee. Es wäre ein Jammer, Familie Hammer!
Mehr historische und aktuelle Bilder und Dokumente aus Langebruck hier.
Hier ein neueres Video mit aktueller HD-Videotechnik vom Januar 2021:
Die weiteren Teile dieser Serie: Eggiwil / Marbach und Bumbach / Les Breuleux und Tramelan / Nachtskifahren Linden / Selital (Gantrisch) / Hohe Winde / Grandval / Engstligenalp
Sehr schöner Artikel. Macht mich richtg gluschtig auf einen Besuch, aber leider etwas zu weit weg, um mit den Kindern hinzufahren.
@Harald: Ja, aus Bern würde ich eher Orvin empfehlen (kommt diese Woche noch als Teil 10 der Serie) oder aber Linden, Eggiwil, Gantrischgebiet, Chuderhüsi, Innereriz… da fehlen also noch ein paar in Deiner Liste 🙂