Sorry, liebe Freidenker – so gehts nicht

Ich hegte bisher grosse Sympathien für die Freidenker – aber es widerstrebte mir, als “Gegner des einen Clubs einem anderen Club beizutreten”. Antireligiös zu sein heisst für mich auch, sich eben gerade nicht zu organisieren, auch nicht als Religionskritiker.

Das ist womöglich naiv, bedingt doch die Durchsetzung der eigenen Ideen einen gewissen Organisationsgrad. Doch wozu eigentlich “Durchsetzung”? Natürlich widerstreben mir jegliche religiös motivierten Meinungsbekundungen – aber sollen nicht alle nach ihrer Façon glücklich werden?

Wieso sollte ich einer Muslima das Kopftuch oder Herrn Illi den Bart wegnehmen, wenn ich gleichzeitig Punks toleriere? Kann man es als Affront empfinden, Nonnen und anderen Pijamaträgern im Alltag ausgesetzt zu sein, wenn einen gleichzeitig eine traditionelle afrikanische Kleidung nicht stört?

In diesen Tagen scheinen die Freidenker derart übers Ziel hinaus zu schiessen, dass man sie für ebenso irr halten mag wie fanatische Freikirchler.

Kruzifixe aus den Schulzimmern? – Auf den ersten Blick: Ja, selbstverständlich. Bundesgerichtsurteile werden nicht gefällt, um sie zu ignorieren.

Nur gibts jedoch leider auch noch so etwas wie eine reale Welt, und da hätte sich die deutsche Familie in Triengen vorher überlegen können, was passieren wird, wenn sie so handelt.

Die Morddrohungen und anderen Reaktionen seien damit keinesfalls gutgeheissen, versteht sich. Wer hier nun aber die Rassismuskeule schwingt und grosse Worte auspackt, löst zumindest Stirnrunzeln aus. Natürlich würde ich prinzipiell auch nicht wollen, dass meine Kinder in einem Schulzimmer Unterricht haben, in dem ein an ein Kreuz genagelter Mann hängt – und auch, weil man genau so gut einen Skiliftbügel aufhängen und diesen verehren könnte. Dieser sogar weitaus weniger blutrünstig.

Aber gerade dies zeigt ja, dass man religiöse Symbole nicht unbedingt entfernen muss, wenn gewisse Leute offenbar daran hängen. Von mir aus gehören religiöse Symbole prinzipiell ganz klar aus der Öffentlichkeit entfernt, Begriffe wie “christliche Leitkultur” finde ich gefährlich und dumm.

Taktisch sind aber Radikalforderungen ungeschickt. Man schadet der Sache mehr. Man kann diese religiösen Symbole schlicht auch ignorieren (ich schreibe diesen Text in einem Raum, wo bis zum Tod meiner Grosseltern ein Kruzifix hing, das mich nie besonders gestört hat) oder “sinnentleeren” – und den Kindern so etwas mit auf den Weg geben:

“Viele Leute glauben, dass es eine höhere Macht gibt, so ne Art Geist, oftmals “Gott” genannt. Die mit dem Mann an zwei rechtwinklig aufeinandergelegten Holzbalken denken, dass dieser “Jesus” so eine Art irdischer Vertreter dieses Gottes war, vor etwa 2000 Jahren. Etliche halten das aber auch für ein Märchen. Es gibt ganz verschiedene Religionen und Götter. Die meisten Erwachsenen scheinen gerne an sowas Übersinnliches zu glauben. Beweisen, dass es das gibt, kann niemand – aber auch das Gegenteil nicht. An sich ist das etwas Schönes, es bringt die Menschen oft zusammen, seit Generationen. Leider wird aber auch viel Unfug damit gebtrieben, zum Beispiel, um andere Menschen zu unterdrücken, in ihrer freien Entfaltung einzuschränken oder zu behaupten, die Welt sei erst einige Tausend Jahre alt – da kann man beweisen, dass das Blödsinn ist. Aber die meisten Menschen glauben an irgendwelche Geister. Das scheint in uns verwurzelt zu sein. Du wirst in den nächsten Jahren merken, ob dir eine dieser Denkweisen passt oder ob du das für Quark hälst. Hör dir das alles mal an und bilde dir eine eigene Meinung dazu. Versuche doch bei diesen Kreuzen, die du an vielen Orten sehen wirst, weniger daran zu denken, was das mit diesem Geist soll, sondern guck, wie die Darstellung des Mannes von Kreuz zu Kreuz verschieden ist. Aus welchem Material er ist. Was es genau für Holz ist. Schau im Internet nach, was “INRI” bedeutet. Habe keinen falschen Respekt vor dem Symbol. Hinterfrage, was das für Menschen sein müssen, die an Kreuze genagelte Männer im Zimmer aufhängen. Frag doch mal, ob du daneben etwas anderes an die Wand tun könntest; etwas, das dir viel bedeutet, und scheue die Diskussionen nicht, die es dazu sicher geben wird.”

Ich denke, wie ich mich an meinen Religionsunterreicht erinnere, hätte ich so eine Aussage als Schulkind problemlos begriffen – natürlich nicht umgehend in dieser gerafften Form, aber nach einigen Monaten schon.

Und nun… auch keine Kreuze mehr auf Bergen? Auf den ersten Blick müsste man sagen: Gute Idee.

Wer etwas weiter denkt, wird feststellen: Das ist der falsche Weg. Ebenso wie man auch als Ungläubiger die Anti-Minarett-Initiative ablehnen konnte bzw. musste, auch wenn sie letztlich dazu beigetragen hätte, dass weniger religiöse Symbole in der Öffentlichkeit herumstehen, muss man sich der Realität beugen, dass in Gegenden, wo Kreuze auf Bergen stehen, Menschen, die diese runterholen wollen, bestenfalls als Spinner abgetan werden. Daran wird sich die kommenden Jahrzehnte auch nichts ändern (und dieser Satz soll nun bitte nicht als Resignation verstanden werden).

Wenn “Wasserzauber” stattfindet…

Leserbrief im Bund vom Juni 2007

… wie kürzlich auch wieder bei der Eröffnung des Gotthardtunnels, kann man das leicht irritiert mit ansehen und sich fragen, warum das so vielen Leuten etwas bedeutet. Und merken, dass es Unsinn ist, das diesen Leuten quasi gewaltsam wegnehmen zu wollen – jedenfalls heute noch -, auch wenn sie einem irgendwie leid tun.

Ich hätte kürzlich bei einem Trauergottesdienst – die volle Hardcore-Katholenlithurgie mit Rauch, Wasser und Knien auf Holzbänken – beinahe einen Lachanfall bekommen, da der Pfarrer plötzlich wie ein Eunuch zu jaulen begann; offenbar ist das an bestimmten Stellen im Ritus so vorgesehen.

Natürlich hat es mich irgendwie nachdenklich gestimmt, dass viele der Anwesenden Sonntag für Sonntag diesen immerwährend gleichen Käse mitmachen und stattdessen nichts Gescheiteres tun. Aber wenn sie dabei glücklich sind – nochmals: Alle sollen nach ihrer Façon glücklich werden, sie mögen einfach die anderen damit in Ruhe lassen.

Dummerweise haperts genau in diesem Punkt – und vielleicht braucht es wohl doch Organisationen wie die Freidenker, um beispielweise den birnenweichen Plakaten der “Agentur C” etwas entgegen zu setzen. Das ist aber etwas ganz anderes als der Quasi-Bildersturm, den die Freidenker offenbar initiieren wollen.

Nach einer Beerdigung setzte ich mich vor einigen Jahren hin und schrieb mit meinen Cousins im Teeniealter einen Gottesdienstablauf für die “Heilige Natelonische Landeskriche” (PDF, 20 KB). Solche “gottslästernden” Antworten oder die Empfehlung, Richard Dawkins’ “Gotteswahn” zu lesen, halte ich persönlich für sinnvoller und zielführender als die Holzhammermethode, die nur zur Verhärtung der Fronten führt.

“Taktik” scheint für die Freidenker leider ein Fremdwort zu sein. Damit scheiden sie für mich leider endgültig als alternative Organisation für Atheisten aus. Ebenso wie beim freien Recht auf Sterben scheint es keine vernünftige Organisation zu geben, die eine einigermassen normale Linie fährt. Schade.

Wichtiger als eine Diskussion um ein paar Kreuze wäre mir die konsequente administrative Trennung von Kirche und Staat – z.B. keine Kirchensteuer mehr, sondern freiwillige Mitgliederbeiträge – oder der vereinfachte Kirchenaustritt, genau so wie ich einen unerwünschten Amtsanzeiger einfach abbestellen oder den Telekomanbieter einfacher wechseln können will.

Es ist richtig, religiöse Riten ironisch zu hinterfragen und darauf aufmerksam zu machen, dass der ganze Gottes-, Göttinnen- und sonstige Aberglaube Unsinn ist. Aber gleichzeitig gilt es, sich einzugestehen, dass etwas, das so lange gewachsen ist, nicht ratzfatz aus der Welt geschaffen werden kann.

Und bei allem Mitleid oder bei allem Schmunzeln doch ein Quentchen Respekt zu bewahren für diejenigen, denen dies viel bedeutet oder die es einfach als Tradition in ihrem Leben bzw. in ihrer Gegend sehen, die ihnen Halt gibt wie mir das öffentliche Schreiben oder das Sammeln alter Seilbahnteile – was viele auch lächerlich finden. Ich kann gut damit leben. Und natürlich erdulde ich die seltenen Gottesdienste, die ich aus Respekt gegenüber den Betroffenen besuche, stoisch und verwickle die Beteiligten danach nicht über Diskussionen über Sinn und Unsinn dieses Aktes. Ich diskutiere mit Pfarrerinnen genau so gern über Gott und die Welt wie ich mit SVP-Politikern problemlos einen coolen Skitag verbringen kann. Schlussendlich sind wir primär Menschen. Alle müssen allerdings damit leben, solche Texte im Netz zu lesen oder damit rechnen, dass ich mit meiner Meinung nicht zurückhalte, wenn ich direkt gefragt werde.

Etwas mehr Gelassenheit auf allen Seiten tut Not.

Zum Beispiel: Clownereien wie im islamischen Zentralratszirkus schlicht ignorieren. Die Kreuze auf den Bergen als alte Tradition sehen statt als religiöses Machtsymbol. Gottesdienste schlicht als Folklore anschauen. Pilgerwege einfach als nette Wanderrouten geniessen.

6 Kommentare

  1. Dein Beitrag in Gottes Ohr!

    Äh moment nein das geht ja gar nicht! Dein Beitrag in Mensches Hirn!

    Ein Beispiel noch: Minarette, Kirchen, Tempel, Steinkreise u.dergl. als Wunderwerke der Architektur und des Kunsthandwerks betrachten. Sowas steht in jedem Dorf und wird auf jeder Reise besichtigt – warum eigentlich?

  2. Schon das Interview zum Thema vom “Der Bund” mit Michael Schmidt-Salomon gelesen?

    Hier der Link: http://www.derbund.ch/kultur/diverses/Man-koennte-das-Kreuz-aus-der-Schweizer-Fahne-nehmen/story/29412361

    Wie er dort treffend aussagt, verstehe auch ich den Vorschlag als Denkanstoss. Ich bin selber Mitglied der Freidenker und habe keineswegs den Eindruck, dass dort auch nur einer wirklich glaubt, dass Gipfelkreuze tatsächlich verboten werden können (manche stehen sogar der Frage ob sie es >sollten< eher ambitionslos gegenüber).

    Wichtig ist jedoch, dass das über das Thema diskutiert und nachgedacht wird… und das scheint ja gut zu klappen!

  3. Ja, hab ich gelesen – danke für den Link.

    Ein Kollega hat mir privat gemailt und kritisiert, dass ich zwar das Kruzifix hängen lassen will und gleichzeitig die Trennung von Kirche und Staat fordere, das sei unsinnig.

    Ich habe den Haupttext drum etwas genauer formuliert. Natürlich finde ich grundsätzlich, dass Kruzifixe nichts in staatlichen Institutionen verloren haben. Ich halte aber die Taktik für verfehlt, die hier gefahren wurde.

    Bei der Forderung nach der Trennung von Kirche und Staat präzisiere ich gerne: Hier meinte ich vor allem, dass der Staat für die Kirche willfährig Dienstleitungen wie das Steuerinkasso durchführt oder dass Unternehmen Kirchensteuern bezahlen müssen. Dieser Unfug kann von mir aus umgehend aufhören.

  4. “Dieser Unfug kann von mir aus umgehend aufhören.”

    So denk ich auch. Das mit dem Gipfelkreuzen war eine mediale Blähung seitens eines grossen Boulevardblattes. Nach dem Fall in Kt. Fribourg wo ein Bergführer ein Gipfelkreuz umgelegte, diskutierten wir im Vorstand, wie wir darauf reagieren sollen. Wir haben dann diese Pressemitteilung verfasst und das wars. Eigentlich war die Sache nicht so wichtig und in der Annahme, dass sich (wie üblich) eh niemand um unsere Pressemitteilung kümmern würde, wurde sie dann im Vorstand verabschieded und auf die Webseite getan. Aber im Leben kommt es oft anders als man denkt. Nach den Kruzifix-Fällen sind die Medien auf unserer Webseite wohl auf die Suche nach Kuriositäten gegangen. Sie wurden scheinbar fündig, haben die Story noch reichhaltig garniert und fertig war die Geschichte über die Spinner. Die Wahrheit ist, dass wir lediglich beim Aufstellen neuer Kreuze eine massvolle Bewilligungsprxis gefordert haben und wir allenfalls in einem baurechtlichen Verfahren Einspruch erheben würden. Wir haben nie gefordert bestehende Kreuze auf den Bergen abzumontieren.
    Was wir wollen ist, dass man solche Symbole nicht gedankenlos in der Landschaft stellen soll, sondern darüber nachdenkt, dass es auch Leute gibt, die sowas nicht toll finden.

    Stefan Mauerhofer
    Co-Präsident FVS

  5. @Stefan: “Was wir wollen ist, dass man solche Symbole nicht gedankenlos in der Landschaft stellen soll, sondern darüber nachdenkt, dass es auch Leute gibt, die sowas nicht toll finden.” – An sich gut – aber ist’s nicht etwas naiv, heute davon auszugehen, dass diese Botschaft dann auch brav so von den Medien weitergegeben wird, wie’s nun passiert ist? Natürlich ists immer einfach, nachträglich zu wissen, was “eh passieren würde”, aber mir scheint die Taktik halt schon nicht geschickt, sich auf – ich nenn’s mal so – “Soft-Probleme” wie Kreuze auf Bergen loszugehen als sich um Dinge wie die Kirchensteuern zu kümmern…

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