Online-Begegnung nach 26 Jahren – und wie man 1986 bloggte

Das sind die unglaublichen Geschichten des Lebens: Ein freier Journalist meldet sich bei mir auf der Suche nach Fotos der Sesselbahn Weissenstein, von denen bei mir etliche im Archiv zu finden sind.

Ich sende ihm die Fotos und frage im PS noch: “Ihr Name kommt mir irgendwie bekannt vor. Haben Sie mich nicht vor 26 Jahren einmal interviewt?”

Postwendend kam die Antwort: Ja! Peter Jäggi und ich sind uns tatsächlich im November 1986 bereits einmal begegnet – am zweiten Jugendpressetreffen in Olten.

Rund zehn Jahre “vor Internet” bestand das Zeitungsmachen vor allem aus Schreibmaschinenschreiben, Letraset-Pausbuchstaben und Klebereien. Zwar existierten erste layoutfähige Computer, aber wer solche hatte, konnte sich “von” schreiben. Bei uns sah das noch so aus:

Schülerzeitung Schreiben auf einem Monochrom-Compi mit 5 1/4

Die “FGOI”-Zeitung von Good Old Tanner und mir hatte damals eine Auflage von rund 120 Stück – hier habe ich einige Ausgaben als PDF eingescannt.

Im Prinzip taten wir nichts anderes als bloggen, einfach etwas langsamer.

Unsere “FGOI” war mehr als die klassische Schülerzeitung: Von Filmkritiken über Ferienerlebnisse, Sekundarschul-Lehrer-Ratings, Dorfklatsch, politische Kommentare und Reportagen bis hin zu semi-investigativen Geschichten über Dinge, die uns tierisch aufregten, war alles dabei. Daneben organisierten wir quasi als Full-Service-Agentur Sportanlässe im Dorf und drehten Spielfilme. Die meisten Texte waren aus einer strikt persönlichen Warte verfasst – wie heute ein guter Blog.

Etwa alle sechs Wochen hatten wir eine neue Ausgabe beisammen – das hiess: Schreiben auf PC und Schreibmaschine, Layouten mit Schere und Leim, Drucken auf der eigenen Maschine im Keller…

Klein Blöker im Winter 1987 beim Layout der neusten FGOI-Nummer

Der Blogger von damals: Drucken im Keller des Elternhauses

… Blätter sortieren, Heften, Adressetiketten kleben (immerhin lief die Abo-Datenbank schon auf einer DOS-Maschine)…

Tanner klebt Etiketten auf die fertig gehefteten FGOI-Exemplare

Ausgaben unserer Zeitung aus den Jahren 1985-1987 - so bloggte man damals

… per Post versenden, im Dorf und auf dem Pausenplatz verteilen. Leicht zeitfressender als WordPress installieren, Schreiben und “Veröffentlichen” klicken – aber es war eine extrem schöne Zeit!

1986 war geprägt von Schweizerhalle, Challenger, Tschernobyl und Waldsterben – nachzulesen in der Doppelnummer 38/39 vom Herbst 1986 (PDF, 4 MB). Die harmloseren Geschichten handeln vom Rücktritt des langjährigen Itinger Posthalters Müller, von Stefan Edberg und Yannick Noah an den Swiss Indoors, den ersten Goldfunden in der Surselva sowie dem Stolz, dass wir die selbst gemessenen Itinger Temperaturen nun mit dem Compi erfassen und die Kurven per Nadeldrucker zu Papier bringen.

Daneben haben wir frechen Kerle aber auch gefordert, dass uns die Lehrer im Gang ja zuerst grüssen könnten anstatt sich zu beschweren, dass die Schülerinnen und Schüler kein Wort sagen. Und wir druckten die Vorladungen zum Rektor ab, die einige Artikel in der FGOI-Augustnummer ausgelöst hatten: Wir kritisierten Hündeler, die mit dem Auto zum Waldrand blochten, Turnlehrer, die doofe Lektionen abhielten und rasende Busfahrer. In anderen Ausgaben hatten wir auch schon ohrfeigende Pädagogen aufs Korn genommen. Ja, die gabs damals noch.

Schüüch wie wir waren, entschuldigten wir uns bei den Betroffenen, statt noch eins obenbrauf zu geben. Aber immerhin spürten wir, dass wir mit der reinen Veröffentlichung des Herbeizitiertwerdens genug Wirbel auslösen konnten.

Prompt war dies dann auch ein Thema in Peters Beitrag für die Sendung “Input” auf DRS3: Jugendpresse und Zensur – samt Quote eines kleinlauten 14-jährigens Teenagers aus dem Baselbiet (im MP3 ab Timecode 4:59), dessen Aussagen ein Steilpass für den Journalisten waren: “Druck, der Selbstzensur zur Folge hat.”

Ein Stück Nostalgie (samt dem legendären alten “Input”-Jingle!) – Peter Jäggis Beitrag vom 22. November 1986:

(Lieber in eigenem Player hören – MP3, 6 MB)

Wunderbar, die man damals noch ganze Adressen verlesen musste statt einfach eine Webadresse zu erwähnen!

Immerhin erwiesen sich die Druckversuche als wenig nachhaltig: Wenig später veröffentlichte ich eine Blattritik der “Schweizerzeit” mit dem Titel “Achtung, Nazipropaganda”. Und den Lehrer, der gerne mal handgreiflich wurde, piesackten wir weiter. Er wurde bald darauf freigestellt.

Vom Jugendpressetreffen 1986 habe ich leider keine Fotos, dafür aber umso mehr von der ersten Ausgabe 1985.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.