One Day in September

Alle wissen, was sie heute vor vier Jahren getan haben. Gerade sagte eine Freundin am Telefon: “Es ist schon komisch, damals war mein Leben ganz anders.” Ich war zunächst relativ schockiert, dass mein Leben alles andere als anders ist als damals – aber das soll keine Debatte drüber sein, wie anders das Leben in periodischen Abständen sein muss, um sich glücklich zu fühlen… nein, das soll der Beweis sein, dass es auch gute elfte neunte gab – eine Rückschau auf meine anderen 11. September.

Die ersten Herbst-Quellen im Archiv datieren von 1979, allerdings nicht vom 11. September, sondern vom 2. Okotober – aber angesichts der 36 Ameisenhaufen, die ich im Nationalpark entdeckt hatte, seien diese 3 Wochen Differenz erlaubt. Mit sieben ist man noch recht einfach zu beeindrucken: “Schaf Herde gesehen und Wild Wasser. Am Schlus ins Restaurant Zuort gegangen. Und ins Hallenbad.” Stilistisch gesehen war ich allerdings DER Vorreiter – viele glauben auch heute, sie könnten die Bindestriche bei zusammengehörenden, aber auseinander geschriebenen Worten weglassen… Wirklich anders als heute wars auch 1983, als die Eintragungen Mitte August enden: “Hotel mit Euroschecks bezahlt” – das war damals was echt Faszinierendes.

Dann würden an sich langsam die Schulaufgabenheftli beginnen, aber die sind auf dem Estrich irgendwo in einer Kiste – dahin kann ich mit einem frisch operierten Schienbein leider gerade nicht vordringen. Schade, aber das gibts dann in einem Jahr. Immerhin hab ich hier unten in einem Ordner das Programm des ersten Zürcher Lokalfernsehens gefunden, das Anfang September 1984 während der FERA auf Sendung war (aufs Bild klicken für das komplette Programm):

Lokal-TV an der Fera 1984: Zürivision - Klicken für gesamte Programmbroschüre

1991 muss der Spätsommer unheimlich schön gewesen sein – und ich mich echt erwachsen gefühlt haben: Als 19jähriger vermerkte ich alt und weise, dass es lustig sei, im Dorf den Teenies zuzuschauen. Am Samstag, 11. September 1993 war ich im Kino in Wellington, Neuseeland – “Orlando” hat mir aber nicht wirklich gefallen. Immerhin gabs danach einen “herrlichen Cappucino” und einen Smalltalk mit der Tochter des Bed&Breakfast-Besitzers, die recht nett gewesen sein muss. 1994 war ich ein Ausserirdischer vom Planet “NZZ” (in eine Zeitung eingepackt) bei einer Party mit dem Motto “SciFi” in Hünenberg, wo der Sonntag begann – am Mittag gings dann weiter nach Dübendorf zu Leuten, mit denen ich heute noch viel mache.

Montag, 11.9.1995: Arbeiten am Prospekt von Radio RaBe, das wir im März 1996 aus der Taufe gehoben haben. Interessante Agendanotiz: “Seriöse Beantworteransage aufnehmen” – die waren damals a) noch auf Band und b) reichten wir kurz darauf eine Petition zur Rettung der Medienwissenschaft in Bern ein, also sollten die Medienleute, die dazu was wissen wollen, kein stundenlanges Theater zu hören bekommen. A propos Medienwissenschaft: Immerhin etwas, das sich bis heute nicht geändert hat…

Mittwoch anno 1996: Znacht mit den Eltern im Fischerstübli – damals zahlten noch sie, nicht ich. Donnerstag anno 1997: Da war sozusagen nix los – aber in dieser Woche klaute mir irgend ein Depp jeden Morgen den “Bund” vor der Haustüre weg. Freitag, 1998: Was für ein Zufall, schon wieder Znacht mit den Eltern, diesmal aber in Victoria, British Columbia – das war wohl das grösste Steak, das ich je gegessen habe. Am Morgen hatte ich die Fähre von Port Angeles bei Tacoma nach Victoria genommen und am Nachmittag u.a. bei “Lush” geshoppt, das es damals in Bern noch nicht gab. Auf dem Kahn schrieb ich: “Der Starr-Report wurde vor einer Stunde veröffentlicht, höre grad den NPR-Report darüber. Und wo wurde er veröffentlicht? Im Internet! Ein weiteres Indiz für die Bedeutung des WWW in Nordamerika. Bill soll von Monica einen Blow Job bekommen haben, während er mit Senatoren am Telefon war – das ist doch wunderbar, dieser Mann muss unbedingt Präsident bleiben!”

Samstag, 11. September 1999: Unglaublich, dieses Datum scheint DAS Eltern-Dinner-Datum zu sein, diesmal aber im Obstberg zu Bern. Montag, 11. September 2000: Eine Freundin kam zum Znacht, eine andere half mir, einen Velopneu zu montieren. “Selbst ist der Mann” galt für mich noch nie. Zufall: Anno 2002 traf ich die Velopneumonteurin schon wieder, und auch gleich eine Namensvetterin – um dann abends mit einem Kumpel die Dokumentation “ein Jahr nach 9-11” anzusehen. 2003 gabs an einem Donnerstag gleich drei Sitzungen und eine Webpublishing-Schulung bei einem Kunden, abends dann eine Runde “Raumpatrouille” ab DVD mit zwei Freunden. 2004 wars dann wieder ein Samstag – ein Weekend in Unterägeri bei Verwandten.

Und 2005? Ein grauer Sonntag, an dem ich nichts besseres zu tun hatte als alte Agenden und Tagebücher zu durchstöbern und dabei den kaputten Scheichen hochzulagern. Und mich zu freuen, das ich glücklich bin, obschon all die Leute, denen ich an elften Septembern so begegnet bin – sofern sie noch Leben -, stellvertretende Chefredaktoren, 10vor10-Moderatorinnen, Ressortleiterinnen, Pressesprecher, Diplomatinnen oder Theaterdirektorinnen sind.

4 Kommentare

  1. PS – Abends um elf rief dann tatsächlich auch noch die Velopneu-Monteurin und heutige Theaterdirektorin an, womit unser fast schon traditioneller Elftseptember-Kontakt schon wieder zustande gekommen wäre. Was mir nämlich inzwischen auch noch in den Sinn gekommen ist: Auch den Abend des 11.9.2001 hatten wir zusammen in einem Café darüber sinnierend verbracht, was denn nun mit der Welt geschehen würde.

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