Lokalradio-Starts in Sissach, Basel und Bern 1983 – Radio 24 anno 1980 (mit O-Tönen)

Zum Start von “Radio Basel” und zum gestrigen Jubiläumsfest von “30 Jahre Radio 24” ein paar Erinnerungen an Zeiten ohne Internet, Handys und Laptops.

Als ich vor 20 Jahren als Teenie-Moderator meine Lokalradiosporen abverdiente, galten die Kollegen von Radio Basilisk als “die arroganten Siechen aus der Stadt” – im Wissen allerdings, dass die seit 1983 professionelles Radio machten, während Radio Raurach in Sissach während der ersten Sendejahre eher den Ruf einer sympathischen Bastelbude hatte.

Aber in der Not frisst der Teufel fliegen; seit jeher wechsete das Personal zwischen Sissach (später Liestal) und Basel hin- und teils auch wieder her. Und wenns um einen guten Sendestandort ging, machte man auch auf Managementebene schon mal gemeinsame Sache. Was der heutige Polizeisprecher Meinrad Stöcklin hier am 1. November 1989 liest, ist seit geraumer Zeit Wirklichkeit. Mussten wir anno 1989 mit Radio Raurach noch ab der Sissacher Fluh senden, sind die Sendegebiete der beiden Kommerzsender der Region Basel schon lange identisch:

(Lieber in eigenem Player hören / downloaden – MP3, 1 MB)

Doch wie hatte sechs Jahre zuvor alles begonnen? Die beiden Sender Basilisk und Raurach waren grundverschieden. Allein die Sendestarts am 1. November 1983 sprechen Bände: Christian Heeb hatte bei SWF3 und Schawinskis Radio 24 seine Sporen abverdient (der Film “Jolly Roger” sei einmal mehr allen Mediennostalgikern wärmstens empfohlen, alleine schon wegen dem ungeschnittenen Rencontre Schawi-Marquard im Bonusmaterial) – das hörte man von Beginn an:

Radio Raurach legte wenig später los. Um sechs Uhr in der Früh meldete sich Barbara Koch; der Verwaltungsratspräsident und FDP-Urgestein Karl Flubacher “richtete das Begrüssunsgwort” an die vermutlich vor dem Radioapparat stramm stehenden Baselbieter.

Die Sendestarts von Raurach, Basilisk und DRS3 sowie weitere amüsante O-Töne von 1983 sind hier abrufbar.

Hier José Feliciano, da Marschmusik – die Ausrichtung der beiden Sender hätte nicht verschiedener sein können. Der erste Raurach-Redaktionsleiter Bobby Bösiger blickt in der “Volksstimme” vom 1. Oktober 2009 zurück auf die Pionierzeit:

«Radio Raurach» ist geboren. Drei Monate zuvor wurde das Grüppchen, bestehend aus Möchtegern-Radiomachern, auf dem linken Fuss erwischt; die Sendebewilligung kam aus heiterem Himmel. Und nun mussten sie umsetzen, was sie Bundesrat Schlumpf versprochen hatten: Ein Baselbieter Radio für alle sollte es sein. Ländlerfreunde sollten sich ebenso angesprochen fühlen wie Punks, Rocker, Schlager- und Opernfreunde. Gleichzeitig sollte sich das Radio auch noch aus eigener Kraft über Wasser halten können. Ein Spagat der unmöglichen Art.

Die ersten Monate sind ­- pardon für den Ausdruck ­- einfach nur geil: Die Festangestellten schuften ohne zu Murren 60 bis 80 Stunden die Woche. Für die Dutzenden von freien Mitarbeitenden sind die Stunden hinter Plattenspieler und Mikrofon Entschädigung genug; man ist Teil des Abenteuers. «Radio Raurach» ist in aller Munde. Euphorie und Energie scheinen endlos zu sein. Grösser nur sind die Naivität und das böse Erwachen, als sich abzeichnet, dass das Kapital wegschmilzt wie Schnee an der Frühlingssonne.

Die Reputation “Radio Saukrach” wurde “s’Baselbieter Radio” lange nicht los – selbst als gegen Ende der 80er eine Professionalisierung, zugleich aber Nivellierung hin zu “Durchhörbarkeit” über die Bühne ging, verbunden mit viel zwischenmenschlichem Abrieb. Gerade 1989/90 aber hatten wir wieder ein extrem flottes Team beisammen, die Zahlen stimmten – das sind wunderbare Erinnerungen an eine zweite Pionierzeit. Die Sendungen aus dem Aussenstudio an der MUBA oder der Herbstwarenmesse, die direkten Kontakte mit dem Publikum waren Highlights – wie hier vor genau 20 Jahren, Ende Oktober 1989 an dr Mäss:

Mehr Haare, mehr Pickel: Der Autor anno 1989 im Aussenstudio an der Basler Herbstwarenmesse

Tönen tat das am 28. Oktober und 1. November 1989 so – weite Teile unter dem Motto “solchen Stuss durfte man beim Land-Radio damals noch tun, wenn der Chef gerade nicht zuhörte”: Ausschnitte aus einem Interview mit “Irrwisch“, Hintergrundinfos zum Trendtanz des Herbstes 1989, “Lambada” sowie eine kleine Hommage an den damals brandneuen “Batman”-Film mit dem phantasievollen Namen “Deppman”… ich sag jetzt nicht, dass dies der heutige Basilisk-Programmleiter mitzuverantworten hat 🙂 :

(Lieber in eigenem Player hören / downloaden – MP3, 9.3 MB)

Ein paar Jahre später begann aber alles wieder zu bröckeln, stürmische Zeiten brachen an, der Sender stand kurz vor dem Kollaps. Einen endgültigen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen wollte die neue Leitung Mitte der 90er, nach fünf Jahren im Hauptstedtli Liestal; plötzlich hiess das Radio “Edelweiss”. Bis heute ist nicht klar, was das genau mit der Region Basel zu tun hat. Irgend eine Kommunikationsagentur hatte vermutlich das Bedürfnis, einfach mal ziemlich laut zu furzen.

Lange dauerte die botanische Phase gottseidank nicht; die letzten Jahre hiess das Radio “Basel One”. Bis heute.

Ab sofort heisst der Sender schlicht und einfach “Radio Basel” – was irgendwie fast wieder tönt wie zu Beromünster-Zeiten. Mit jenem Christian Heeb als Chef, der weiter oben im Video mit diesem spitzbübischen Lächeln 1983 sein Radio Basilisk eröffnete. Etliche Gschpändli aus den guten alten Baselbieter Zeiten sind (wieder) dabei. Good luck, einen erfolgreichen Start!

Nicht unerwähnt bleiben sollen hier – immerhin habe ich nun schon fast die Hälfte des Lebens in der Bundesstadt verbracht – der Sendestart von Radio extraBERN, dem heutigen Capital FM:

Start von Radio Extra BE am 1. November 1983 mit Matthias Lauterburg – hier gibts dazu herrliche Fotos, und Hörmi hat sogar noch ein Video von “FM” an der FERA 1981 oder ein Filmchen zur ersten CD… und da ist auch schon wieder Christian Heeb!

Aber eben, es gibt zwei aktuelle Aufhänger für diesen Beitrag.

Im Herbst vor 30 Jahren begann die Schweizer Lokalradio-Ära im grossen Stil, Roger Schawinski sendete ab dem Spätherbst 1979 ein Vollprogramm vom Pizzo Groppera. Davon war in diesem Blog schon mehrmals die Rede – den Piratensender aus Italien konnten wir in den Ferien in Sedrun immer hören, Roscheee (der übrigens mit dem neuen Radio Basel kooperiert) setzte mir damals den Medienfloh ins Ohr.

Zufällig mitgeschnittene Originalaufnahmen, die vermutlich sonst kein Mensch mehr hat – im Juli 1980 tönte Radio 24 so, samt Werbespots für Clarion-Autoradios und die brandneue ELO-Single “Xanadu” und den News mit Alex Hodel vom 7. Juli 1980 (u.a. mit islamischen Kleidervorschriften im Iran Khomeinis, 80er-Unruhen in Bern und einem Aufstand in Pakistan):

(Lieber in eigenem Player hören / downloaden – MP3, 6.4 MB)

Perlen wie “Him” von Rupert Holmes tauchen auf diesen Tapes auf, “Charlene” von Wallenstein, “It’s a Real Good Feeling” von Peter Kent – aber auch “Gone Gone Gone” von Johnny Mathis, Jackson Brownes “After The Deluge” in der Fassung von Joan Baez, “Over You” von Roxy Music, “Tired of Toein’ The Line” von Rocky Burnette, diverse Eagles-Songs, “Lovemachine” von Supermax, “Highdown Fair” von Angelo Branduardi, “One Love” von Sniff’n’the Tears, “I Love The Nightlife” von Alicia Bridges – Radio 24 übernahm quasi meine popmusikalische Frühesterziehung.

Die riesige Antenne, die damals mein Zeichnungsheft mehr als einmal zierte, steht vermutlich heute noch auf dem Pizzo Groppera (hier Bilder eines Fans von 2003).

Jammerschade, dass ich als Achtjähriger auf diesen Tapes vor allem die Musik aufnahm und die Wortanteile herausschnitt oder – noch schlimmer – nachträglich löschte. Offenbar sprachen aber auch Kostengründe gegen exzessive Aufnahmen – mein Satz “entschuldigung, ich muss Cassette sparen, es geht später weiter” gefällt mir am besten…

(Lieber in eigenem Player hören / downloaden – MP3, 900 KB)

Immerhin: Auf den Websites von Radio 24 und Peter Walt (momentan auch direkt auf der Startseite) finden sich weitere Trouvaillen.

11 Kommentare

  1. Was für Töne! Was für Stimmen! Was für junge Menschen! Am besten gefällt mir der pausbäckige Jörg Stoller… Aber auch Matthias Lauterburg mit dem Massstab in der Hand ist unübertroffen! Was er wohl misst? Die Länge der Beiträge schon damals? Dann FM an der FERA 1981, ein Radiotier, das sich mit Fleisch und Blut in die Live-Sendung schmeisst! Das Publikum ringsum nimmt er mit keinem Blick wahr…

    Andi, da ist Dir wieder mal ein grosses Highlight im Zurückspulen in die Radiogeschichte gelungen!

  2. Radio Basel tönt fast wie Radio Raurach 1983 – sweet… Unter den Songs hört man (zumindets im Stream) grad parallel dazu die News samt Signet, und auf der Website sind sensationelle Nachrichten zu lesen, z.B. “Nachrichten, die Sie hier nie mehr lesen werden: USA brüskieren Kloster – Washington. Der amerikanische Präsident Obama denkt nicht daran seinen nächsten Urlaub statt auf Hawaii in Mariastein zu verbringen.” Oder auch: “Down Under weiter ohne neuen Bundesstaat. San Marino. Allfällige Überlegungen von Bürgern der älteste Republik der Welt sich dem Kontinent Australien anzuschliessen, dürften nicht realisierbar sein.”

    Auf Facebook schreibt die frisch geborene Station derweil: “Die ersten Minuten von Radio Basel sind vorbei. Wie soll es anders sein: jeder Anfang ist schwer. Kleine Zipperlein, die es auszumerzen gilt. Eine kleine Panne hier und da – wir hoffen auf Ihr Verständnis. Auch auf unserer Website sehen Sie, dass noch die einen oder anderen Angaben noch nicht aktualisiert sind. Wir entschuldigen uns dafür und sind daran diese Fehler zu beheben.”

    Edit 12.45 Uhr: Oh – die Newsseite mit den Blindtexten ist bereits verschwunden, schade… mir gefallen solche Sachen! Hier ist sie für alle Ewigkeiten konserviert.

    Edit 12.55 Uhr: Hockt den Internetmenschen der Chef im Nacken und sagt, dass Texte gelöscht werden sollen? Die Facebook-Ankündigung wurde versoftet: “Wir sind im Steilflug und in der Luft!!! Beim Start hat die Tragfläche leicht den Boden berührt, aber ohne bleibenden Schaden. Jetzt sind wir auf Kurs. Guten Flug! Und bleiben Sie vorläufig noch bitte angeschnallt!” – Dasch doch guet so. Ich finde ein Radio, das nicht perfekt ist, viel sympathischer als all die sterilen Stationen rund um die Welt.

    Nur: Wieso tönt der UKW-Stream derart verzerrt? Mal zu langsam, mal zu schnell – und das nicht nur bei mir. Zudem hab ich vorhin stellenweise schlicht den falschen Stream gehört, weil er im Radioplayer fehlt, grrr… – Edit 13.30 Uhr: Nun ist der Stream nicht mehr verzerrt, gutgut. Aber die Playlist ist bei 12:18 Uhr stehengeblieben und man hat weiterhin keine Ahnung, auf welchem Stream man grad ist. Vermutlich auf dem falschen, hab ich den Eindruck. Hmmm… vielleicht wurde doch etwas zu wenig geübt…?

  3. @Peter: Merci! Hat auch immens Spass gemacht, gestern Nacht all die Schmankerl anzuhören und zurechtzuschneiden – ich denke, die drei Tapes mit Radio-24-Material sind die wertvollsten in meiner Antikensammlung. Und Hörmis Seite ist natürlich eine Fundgrube par excellence… das FM-Video hab ich mehrere Male fasziniert geschaut… welch ein Radiotier!

  4. Toller Beitrag!
    Ich erinnere mich noch sehr gut, wie wir uns in intellektueller Überheblichkeit lustig gemacht haben über das neue Radio ‘Saukrach’, das aus Sissach sendete…
    Übrigens besprach das 8-jährige Blökerli seine Kassettli mit einem leichten Basler Akzent, was schon ungemein radiophon tönte 😉

  5. Naja, den mit “am Schluss des Satzes mit der Stimme runter” hatte ich noch nicht wirklich so gut drauf… aber der Hammer auf den Tapes ist die “Geheimaufnahme” meiner Tatta, die zu Besuch kommt und sofort an Essen und Küche herumzunörgeln beginnt, kchhh…

  6. Ich hab zufällig übrigens ein paar coole Links rund um Radio 24 und den Pizzo Groppera gefunden. Einige sind in diesem Blog wohl schon drin, aber nun sind sie auch mal schön beisammen:

    Radioforum Schweiz

    – Kleinerfunk.ch: Bilder der Antenne und der Studios 1980

    – radioszene.de: Kurze Zusammenfassung von Radio 24 1979-1983

    – radioberatung.de: Originalartikel rund um Radio 24 aus den frühen 1980ern

    – Radio 24, der stärkste Rundfunksender der Welt

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