Keine Erregothely mehr

Ein Jammer: Das Restaurant Español Helvetico, besser bekannt als “Spanier”, ist nicht mehr – zehn Jahre lang gingen Salome und ich vor unseren traditionellen zweimonatlichen Kinobesuchen immer da essen und trotzten der rauchgeschwängerten Luft und der Speisekarte mit den lustigen Tippfehlern. Doch gestern standen wir vor verschlossenen Türen: Alles dunkel. Keine Speisekarte mehr. Schlimm!

Dabei wurden im Spanier auch grosse Ideen der Berner Medienlandschaft geboren: Hier fanden Mitte der 1990er-Jahre die Sitzungen der legendären RaBe-Werbegruppe statt, die mit null Budget ein Alternativradio promoten musste und das mit umso mehr Phantasie tat. Hier wurden engagiert Auseinandersetzungen geführt, ob ein Hochglanzprospekt oder ein Recyclingpapierflyer her sollte, wer von welchen Promis bis wann Statements einholen muss und wie wir es schaffen, alle Haushalte in Bern mit unserem Magazin “StattRadio” einzudecken (wir tatens schliesslich mit klammen Fingern bei minus fünf Grad selbst).

Der Spanier war immer auch eine Reise – eine Zeitreise in die 1970er-Jahre und eine Carfahrt an die Costa Brava: Das Dekor war zwar nicht eben südlich, aber der TV-Apparat zeigte laufend das spanische TVE, und der Mann hinter der Theke sah mit seinem Schnauz definitiv aus wie ein spanischer B-Movie-Darsteller von 1978. Zudem wurden kitschige Audiocassetten unbekannter und vermutlich ebenso erfolgloser spanischer Barden feilgeboten, deren Etiketten wohl schon anno 1988 vergilbt waren. Unvergleichlich auch die schon leicht in die Jahre gekommene Bedienung, die mit trockenem Charme “Erregothely” oder “Schwbrschpüsch” (Herrgöttli und Schweinsbrustspitzen) servierte. Das Essen war fein und währschaft; man verzieh sogar das Normalo-Brot, das immer schon eine Spur zu trocken war.

Gebt uns unseren Spanier wieder.

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