In die Röhre geschoben

Gestern war ich so ne Art Braten – ich wurde in die Röhre geschoben. Da irgend ein chogen Muskelenzym bei mir verrückt spielt und öppedie rund 9000mal zu hoch ist (laut einigen Weissbekittelten blogge ich seit August aus dem Jenseits), muss ich das Gesundheitswesen, dieses seltsamste aller Wesen, wieder mal arg finanziell belasten. Sorry!

Billig ist so ein MRI nämlich nicht. Immerhin billiger als mein Rheumamittel, an dem sich der Hersteller immer noch dumm und dämlich verdient. Inzwischen bin ich nach 20 Behandlungen sage und schreibe 150’000 Franken wertvoller – entführt mich nun bitte nicht, ist alles längst resorbiert. Krankenkassenprämien sind die beste Investition dieses Lebens.

Nun denn: Ich will mich nicht allzu laut beschweren, das Wundermittel behält mich seit 2002 bestens bei Laune.

Zurück zum Thema: Ich muss ein Stück Muskel abgeben, autsch, doch zuerst sind meine Oberschenkel magnetresonanzzutomographieren. Richtig geraten: Das ist gar nichts Schönes. Ich muss mich clownesk Vor dem MRI: Grosse Skepsis beim Blökerverkleiden, Spitalhemd und Häubchen inklusive, und alle Metallgegenstände von mir werfen. Der altbekannte Apparat, in den man sodann geschoben wird, ist nichts für Klaustis. Ein Mikrofon am Ende der Röhre, 10cm über dem Kopf, ist die Verbindung zur Aussenwelt.

Und die ist weit, weit weg.

Los gehts. Die Höllenmaschine klickt zuerst wie eine ausserirdische Was-Auch-Immer-Schaltzentrale. Aha, Kalibrierung, denkt es. Das tönt ja ganz lustig! Auf dem Raumschiff Orion gabs auch solche Geräusche, wenn Helga Legrelle die der Erde ganz und gar nicht wohlgesinnten “Frogs” im Anflug vermeldete.

Dann aber die wirkliche Invasion der Seele: Ein ohrenbetäubendes, hämmerndes Dröhnen, Hämmern, Klopfen… markerschütterndschauerlich. Trotz Ohrenstöpseln ist man nach einer Minute ganz sicher, ein pflegeleichtes Folteropfer zu sein und seine Peiniger bloss zu langweilen: Nach kürzester Zeit mit diesem Lärm würde ich alles, alles, alles ausplaudern. Die Augen werden aus dem Kopf gedrückt, Tränen kullern, Gesichtskrampf, liegts am Magnetfeld, liegts am Lärm? Eine UMTS-Antenne unter dem Bett während eines Jahres brät das Hirn wohl weniger. Der Notfallknopf in meinen Händen wäre die Lösung… nee, Durchhalten! Und nicht bewegen.

Mehrere Klick-Dröhn-Hämmer-Serien lang darf man sich fragen: Was geschieht da genau mit einem? Magnetresonanz…tönt spannend. Ziehe ich nachher Metallenes an? Sind es diese Geräte, die das Magnetfeld der Erde insgeheim umpolen? Im Lärm versucht das Hirn mit der Zeit Strukturen wahrzunehmen, die Pein hat einen Rhythmus. Das määks-määks-määks verändert sich scheinbar. Oder tatsächlich? Tönt so die Alarmanlage von Area 51? Wie fühlt sich ein Grossbrand im Gotthardtunnel an? Ist der Arzt noch da? Liest er Zeitung? Überwacht er meine Lebenszeichen, die jeden Moment schwinden müssen?

Wird man nach einer halben Stunde aus dem Tunnel gerollt, kommt einem der sterile Raum wie eine idyllische Alpwiese mit Blumen, Brunnenplätschern und Kuhglockengebimmel vor, doch die Krankenschwester ist nicht Heidi, und ich heisse nicht Peter. – Fertig? Nee, bloss ne Ladung Kontrastmittel in die Vene, Stich, Flutsch, Autsch. Und zurück gehts in die Folterkammer. Klickediklick – Klack – Dröhn Dröhn Dröhn Dröhn Dröhn Dröhn Dröhn Dröhn Dröhn Dröhn.

Weitere bange Minuten vergehen. Haben denn die Jungs von General Electric noch nie was von Schalldämmung gehört? Oder ist der Kanton Bern einfach wieder mal zu knausrig und spendet der Insel kein neues MRI-Gerät? So muss es sein, wenn man als feindlicher Kämpfer nach Guantanamo verschleppt wird. Immerhin darf ich hier bequem liegen und bin nicht angekettet. In der Not wird man bescheiden. Egal: Bei der Flucht würde ich mich eh in der Röhre verkeilen.

Weitere interessante Arten von Lärm prasseln auf mich nieder. Dröhn, Hämmer, Döhn, Hämmer, das wars, ich sterbe, denkt an mich, adieu, Dröhn, Hämmer, Dröhn, Dröööhn, Hämmer… Stop.

Unvermittelt absolute Ruhe. Und diesmal hält sie an!

Der Spuk ist vorbei – die Herbstsonne lässt im Nu vergessen, was eben noch war. Praktisch: Der Geist vergisst schnell.

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