Held im Pijama: Es lebe Jeff Lynne

Emma bläst ganz Europa davon – mit Skifahren ist also nix heute, wir plangen ohnehin auf die nächste Kaltfornt, das kanns ja noch nicht gewesen sein von Frau Holle, bittibätti.

Aber an einem grauen, übermilden Samstag etwas länger im Bett bleiben und mit einem meiner grossen Helden aufwachen hat auch was. Jeff Lynne – was für ein Teufelskerl.

Hat mit den Traveling Wilburys quasi die zweiten Beatles mitbegründet, gerade rechtzeitig vor Roy Orbisons Abgang.

Hat zahllosen grossartigen Alben der Popgeschichte als Produzent seinen (zugegebenermassen manchmal etwas penetranten) Stempel aufgedrückt: Ein Ton, und der Song war als Lynne-Produktion erkennbar, egal, ob von Tom Petty, Roger McGuinn, Randy Newman oder vielen anderen.

Und Lynne war vor allem “Mister ELO” – das Electric Light Orchestra lieferte grosse Teile des Soundtracks meiner Kindheit. Da wäre zum einen das Plattencover von “Discovery“, das ich als Achtjähriger in der Plattensammlung meines Onkels ehrfürchtig bewunderte und mich fragte, wie arabische Musik denn wohl töne… dazu kam die SciFi-Grafik, die mich so an “Buck Rogers”, “Star Wars” und “Unheimliche Begegnung der dritten Art” erinnerte.

Don’t Bring me Down” ist zweifellos ein guter Song, angelehnt an den Absturz des “Skylab” anno 1979 – die Schweizer Illustrierte montierte damals auf der Frontseite herunterfallende Raumschiffteile in eine Luftaufnahme vom Bellevue, was den kleinen Blöker doch mit echter Angst erfüllte (ich hatte sogar Alpträume), als er das Heft bei den Nachbarn der Grosseltern anguckte.

Aber noch besser ist “Last Train To London”, das ich im Sommer 1980 immer wieder auf Radio 24 hörte – es war die Zeit von Xanadu und anderem herrlichen Kitsch… ELO war auf dem kommerziellen Peak, und das war damals auch möglich, wenn man im Pijama auf der Bühe stand:

Wunderbar, diese Geigen. Verzückung pur.

Jeff Lynne und sein Bart – unzertrennlich. Nur einmal trat er imho ohne Backenbart auf – im Video zum sensationellen “Hold on tight“, wo er erst noch Französisch sang. Das war der bis dato (1981) teuerste Clip aller Zeiten.

Erwähnenswert ist auch das Soloalbum “Armchair Theatre“, das meine erste Soloreise durch das Amiland und Kanada untermalte – u.a. mit Schorsch Härrisen, ELO-Mann Richard Tandy und Del Shannon. Songs wie “What Would It Take” liessen mich die heftigen Regenschauer auf der Interstate zwischen North Dakota und Montana besser aushalten, versüssten mir die unendliche Weite rund um die grossen Seen und passten auch zwischen San Francisco und Los Angeles prächtig (trotz schlechtem Gewissen beim Öko-Song “Save Me Now”, dass man da alleine durch die Gegend tuckert).

Im Internet fast vergessen scheint zu sein, dass Lynne und die Wilburys 1990 massgeblich zum Benefizprojekt “Nobody’s Child: Romanian Angel Appeal” beigetragen hatten, das Georges Frau Olivia Harrison (zusammen mit Barbara Bach, Yoko Ono und Linda McCartney) initiiert hatte. George selbst trat auf der CD – wo auch nette Menschen wie Ric Ocasek, Edie Brickell oder Paul Simon zu hören sind – als Producer “Nelson Wilbury” auf.

Aber zurück zu ELO.

Unvergessen auch, wie François Mürner (FM – die Initialen stehen auf jedem… Ihr wisst schon) Ende der 1980er-Jahre im “Vitamin 3” einmal ehrfürchtig “Mr. Blue Sky” absagte (die aktuelle Single der Hoosiers ist ziemlich sicher daran angelehnt), kurz bevor ich auf den 07.05-Uhr-Zug gen Gymer musste, und sinngemäss aus seinem Leben berichtete: “Das war etwas ganz neues damals, wir standen fasziniert vor den Lautsprechern und verneigten uns vor dieser wunderbaren Musik.”

Wen wunderts: Die LP “Out of The Blue” hat Lynne in den Schweizer Alpen geschrieben, womit sich der Kreis schliesst. Schnee, bitte, jetzt – und nicht so viel Wind! Danke.

Ah nein, ich hab noch einen.

Gary Wright wäre auch noch so ein erwähnenswerter Pijama-Mann – nur schon, weil ich seit zehn Jahren mit der Software arbeite, die gleich heisst wie sein grösster Hit – den ich wiederum erst 1996 dank dem Streifen “The People vs. Larry Flynt” entdeckt hatte.

Wright war sinnigerweise ein Kumpel von Wilbury und Beatle George Harrison, und die Drums auf “Dream Weaver” spielt Jim Keltner, der seinerseits mit zahlreichen anderen meiner Musikhelden gearbeitet hatte, von Elvis Costello über Fiona Apple bis Ry Cooder oder Steely Dan.

6 Kommentare

  1. Schön, das man mal von Leuten lesen kann, die sich nicht nur darum scheren, was gerade musikalisch in und modern sein muss.
    Ich bin auch seit 28 Jahren treuer Jeff-Lynne-Fan und sehne mich jedesmal regelrecht nach jedem musikalischen Lebenszeichen dieses absolut genialen Musikers.Interessant, in welchen Lebensabschnitten Dich die ELO-Musik begleitet hat; ich habe auch solche Passagen, die ich mit diversen ELO-Titeln in Verbindung bringen kann.
    Ich hoffe für uns alle Jeff Lynne Fans, dass der Meister doch mal wieder was aus der “Klamottenkiste” hervorzaubert…
    Alles Gute von Dirk

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