Hazatérés – poetisches Ungarisch

Prag vor einer Woche war sprachlich anstrengend – ich fühlte mich wie ein Einjähriger, der noch nicht gehen kann, aber ständig aufstehen und loslaufen will. Und es einfach noch nicht schafft.

Für einen mathematisch gänzlich unbegabten aber sprachlich umso interessierteren und an News hängenden Menschen ist es grässlich, so ziemlich gar nichts zu verstehen bzw. erbärmlich und langsam einzelne Brocken aus Analogien in einen logischen Zusammenhang zu bringen. Zu slawischen Sprachen hatte ich nie einen Bezug.

Hier in Budapest hingegen spricht und schreibt man meine Muttersprache – allerdings eine, die ich nach meiner Kindheit ausser mit Verwandten nie regelmässig sprach, und (von wenigen Ungarnreisen ausgenommen) auch nie in der freien Wildbahn anwenden musste.

Seit fast alle Ungarisch sprechenden Verwandten unter der Erde liegen, ist es doppelt schwer. Sprach ich vor dem Kindergarten fast nur Ungarisch, Sursilvan und kaum Deutsch, drehte sich das Verhältnis innert weniger Jahre zugunsten des Deutschen.

Und doch sind Reisen nach Ungarn wegen der kaum vorhandenen Sprachbarriere immer wieder ein wenig wie “nach Hause kommen” – die erste Ausgabe der “Népszabagság” seit langem, die ich samstags in den Händen hielt, enthielt denn auch – vielleicht nicht ganz zufällig – ausgerechnet den Titel “Heimkehr” (Hazatérés) auf der Rückseite:

Hazatérés - Heimkehr

Konnte ich mich in den 1970ern noch problemlos fliessend verständigen, muss ich inzwischen teils Englische Sätze einbauen, wenns schnell gehen muss – wofür ich mich schäme. Dennoch war ich bei meinem ersten Ungarnbesuch seit langem erstaunt, wie gross der passive Wortschatz noch ist.

So sauge ich in diesen Tagen jedes Wort, jeden Satz, den ich lese und jede Aussage, die ich aufschnappe, auf wie ein trockener Schwamm, der seit Jahren kein Wasser mehr gesehen hat.

Und bin immer ein klein wenig stolz, wenn ich aus diesem für die meisten so fremdartigen Kauderwelsch einen Sinn erschliessen kann – Sprache ist schon etwas Faszinierendes: Mit dem tschechischen “Vychod” konnte ich nur was anfangen, weil am Flugplatz noch “Exit” drunter stand; “Kijárat” hingegen assoziiere ich glasklar und umgehend mit “OK, hier gehts raus”.

Oder ich kann im Primarschulzeugnis meines Grossvaters lesen, dass seine Leistungen ausgezeichnet waren:

Ungarisches Primarschulzeugnis, 1935

Oder dass das Lehrerinnenpatent meiner Grossmutter von 1949 ebenfalls vor Lob nur so strotzt:

Ungarisches Lehrerpatent, 1949

Oder dass es sich bei diesem mit Hammer und Sichel dekorierten Dokument um den Personalausweis meines Urgrossvaters von 1954 handelt:

Personalausweis aus dem kommunistischen Ungarn, 1954

Inzwischen ist aber der aktive Wortschatz arg zusammengeschmolzen – ich bekunde Mühe, einen grammatikalisch korrekten Satz zu bilden, was mitunter für das Servierpersonal in Beizen reichlich verwirrend ist: Ich spreche zwar weitgehend akzentfrei im Dialekt meiner Urgrossmutter aus der Gegend des Westungarischen Bezirks Vas (Eisenburg), mache aber vermutlich zahllose Fehler – und sage wohl sinngemäss zum Beispiel “Ich möchte dem bezahlen” anstatt “Zahlen, bitte”. Doch da fehlt halt die alltägliche Sprechpraxis.

Ich weiss nicht, wie ich diesen Umgang mit dem Ungarischen beschreiben soll, obschon es jedem Secondo so geht, der in der Schweiz aufgewachsen ist und zwar die Sprache seiner Vorfahren beherrscht, aber kaum je im Land war, wo man diese spricht – und auch kaum einen Bezug zur Kultur und zum Alltag dort hat. Seltsam: es war die zentrale Sprache meiner Kindheit, ich habe zum Beispiel fast nur Ungarische Märchen vorgelesen bekommen.

Und heute ist diese Welt so weit weg.

Was eigentlich wiederum ein Vorteil ist – denn Ungarisch ist vielfach fast schon poetisch in seinen Wortzusammensetzungen, und gewisse interessante Kombinationen fallen einem wohl nur auf, wenn man bei jedem Wort doch kurz studieren muss: “Ah, das heisst ja…” – da sucht man z.B. auf der Website des Wetterdienstes das Satellitenbild und denkt sich: “Hm, Műhold?” Und realisiert: Klar, das ist ja schon der Satellit – “Műhold” heisst wörtlich “Kunstmond”.

Und als ich hier in der Teréz Körút (die Strasse hiess das vorvorletzte Mal, als ich hier war, noch “Lenin Körút”…) vorhin das Wort “Fénymásolat” an einem Haus las und nicht auf Anhieb verstand, konnte ich es problemlos aus den einzelnen Wortteilen herleiten: “Licht-ver-ander-ung” oder “Licht-Verzweitlichung” bedeutet natürlich nichts anderes als “Fotokopie”.

A propos Lenin und Co. – ohne die Kommunisten gäbe es mich nicht in der heutigen Kombination, zumal meine Grosseltern die Heimat im Herbst 1956 aus politischen und religiösen Gründen verlassen mussten und sich im Baselbiet niederliessen. Im Familienfotoalbum findet man denn auch so groteske Bilder wie “Jugend-Idylle mit Genosse Stalin im Background” – dieses Bild mit meinen Grosseltern in ihren frühen Zwanzigern muss demnach vor 1953 entstanden sein:

Ungarische Jugendliche ca. anno 1950 mit Stalin-Porträt im Hintergrund

So war der heutige Rundgang im “Museum des Terrors” auch eine bisweilen bedrückende Reise zurück in die traurigsten Zeiten der eigenen Familiengeschichte.

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