Hans Steiner: Angucken!

Mit Paul Senn hatte ich quasiberuflich näher zu tun, Cartier-Bresson habe ich mir im Frühling in Zürich angeschaut, und nun empfehle ich Hans Steiner wärmstens weiter (genau, das ist der mit den Badekappen-Mädels).

Noch bis am 9. Oktober sind seine Bilder in der Fotostiftung Winterthur zu sehen. Ich könnte tagelang solche Alltagssituationen aus nie selbst erlebten Zeiten einsaugen. Gucken, wie sich der Waisenhausplatz verändert hat. Wie die Spitalgasse früher aussah. Wie die Leute angezogen waren. Was auf den Plakaten im Hintergrund stand. Was die Menschen für Gesichter und Gesten machten. Versuchen, zu erahnen, wie sie waren, was für eine Stimme sie hatten…

Steiners Bilder sind die perfekte Zeitmaschine für die Schweiz der 1930er- bis 1950er-Jahre. Mehr dazu auf journal21.ch.

Etwas beelendend ist dabei jedoch der Gedanke, dass viele dieser wunderbaren Aufnahmen schlicht gegen das Recht verstossen und man sich heute sowieso auf juristisches Glatteis begibt, wenn man den Alltag fotografisch dokumentiert, sobald Gesichter auf den Fotos sind. Und eine Dokumentation des Lebens komplett ohne Menschen wäre selbstverständlich Quatsch.

Über das Recht am eigenen Bild habe ich vor einem Jahr geschrieben – meine ganz persönliche Meinung dazu ist hinlänglich bekannt: Bilder, wie sie ein Cartier-Bresson, ein Senn oder ein Steiner gemacht haben, müssen auch heute möglich sein – samt Veröffentlichung -, ohne dass der Urheber juristisches Ungemach zu befürchten hätte.

Es wäre ein Jammer, wenn man beispielsweise auf solche Schnappschüsse verzichten müsste, die heute unspektakulär sein mögen – auf denen man aber in 30 Jahren genau so nach den kleinen Details zum damaligen Alltag sucht, wie man es heute auf Steiners Bildern tut. Ich bringe aus den Ferien mit gutem Grund viel lieber solche oder solche Bilder heim als solche.

Der narzisstische Privatsphären-Hype, der leider bei vielen gross in Mode ist (siehe Google-Street-View-Diskussion), darf nicht Überhand nehmen, wenn es um die Abbildung und die Konservierung unseres Alltages für spätere Generationen geht. Die seltsamen Kommentare, die z.B. nach einem Tagi-Text zu Thomas Leuthard zu lesen sind, sprechen Bände: “Ich möchte nicht bei einem wildfremdem Menschen in seiner Fotosammlung liegen. Die Kontrolle über mein Bild gehört mir.” – Mit Verlaub, aber “krank” ist der erste Begriff, der mir dazu einfällt.

Wir leben in einer Zeit, in der es allen bewusst sein sollte, dass sie jederzeit fotografiert, archiviert und mit einfachen Mitteln auch ins Netz gestellt werden können. Unser Umgang mit dieser Tatsache ist momentan noch recht verkrampft.

Aber das wird sich ändern.

Genau so wie wir heute Sonnenschutz 50 statt 4 einschmieren oder mit dem Handy statt einem Zylinder herumspazieren, genau so wird sich die Diskussion über das Recht am eigenen Bild im Zusammenhang mit dem Internet irgendwann gelegt haben.

Selbstredend spreche ich hier von einem verantwortungsbewussten Umgang mit in der Öffentlichkeit gemachten Fotos – es geht z.B. nicht an, dass in Unkenntnis der Abgebildeten gemachte Porträts für Werbeplakate verwendet werden.

Auch das Recht wird sich den vorhandenen technischen Möglichkeiten wie immer nur langsam anpassen – im Falle der Fälle haben es aber vernünftige Richterinnen und Richter heute schon in der Hand, die Kunstfreiheit vor die Eitelkeit und die wahnhafte Abbildungsphobie Einzelner zu stellen.

4 Kommentare

  1. Merci für den Tipp, danke für den Link auf den einen gesehenen Moment auf meiner virtuellen Aussenstelle.

    Die Fotografie wird bald mal totjuristifiziert, also setze ich mich darüber hinweg und warte auf die erste Anzeige. Es kann nicht sein, dass die Archive der Zukunft mit anonymisierten Bilder gefüllt sein werden. Und da es auch einen vernünftigen Blick auf die Welt zu werfen gilt, sollten auch Bilder entstehen, auf jene die abgelichtete Person stolz sein können sollte.

    Dann noch ein Tipp. Nur für Dich mein lieber Andi. Peter Ammons Buch”Schweizer Bergleben um 1950″. Farbfotografien um die Zeit unserer Eltern, Grosseltern. Womöglich unspektaktulär zu seiner Zeit, heute sureal. Denn zu dieser Zeit war doch alles Schwarzweiss …

    Kaufen!

  2. Wenn der gute Sohnemann das Buch nicht wie ein IKEA Katalog durchblättern tät, wäre dies ja eine gute Idee mit dem YouTubeMarketing – aber so …

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