Finanzkrise: Versteht das jemand auch nur annährend?

Wo ich auch hinhöre: Bekannte, Freundinnen, Verwandte, die Verkäuferin meines Quartierladens, Bürogenossen – “i chume nid drus”. Ahnungslosigkeit allenthalben.

Finanzkrise? Offenbar reden alle davon. Aber wo ist sie denn genau, diese Krise? Niemand weiss Bescheid, was genau vor sich geht, was die Mechanismen dahinter sind.

Dabei wären die Meldungen durchaus beunruhigend: Ganze Staaten können offenbar bankrott gehen. Das hätten wir nicht geglaubt. Doch was passiert dann? Wird das Volk exekutiert oder in andere Staaten ausgewiesen, die dann ebenso Pleite gehen? Wird der Strom abgestellt? Bleibt die Polizei im Revier, kommt die Müllabfuhr nicht mehr? Dafür genügt offenbar auch die Mafia, da brauchts gar keine weltweite Geldkrise.

Quark: Offenbar geht das Leben mehr oder weniger weiter wie eh und je. Kein Isländer wird auf eigene Faust Schafe schlachten und ausweiden gehen, um das Überleben zu sichern.

Oder… kanns wirklich so weit kommen, dass plötzlich die nackte Anarchie herrscht und alle für sich schauen? Was, wenn meine Bank mir mein Geld nicht mehr auszahlt? (Warum auch immer – schliesslich hab ich es einmal einbezahlt, also wo bitte ist diese Kohle einfach so hin gekommen?) Yepp – das könnte schnell mal zu Schwierigkeiten führen.

Also werden Banken vom Staat gerettet. Erscheint mir suboptimal – wieso konnten die Banken nicht rechtzeitig für sich selbst schauen? Wer kontrolliert dieses Unwesen?

Da war der Fall von Jérôme Kerviel, der Milliarden in den Sand gesetzt hatte. Wie ist so etwas möglich? Wo sind die Kontrollmechanismen?

Zuerst dachten wir, die Schweiz sei wieder mal zweitweltkriegsmässig eine Insel, doch auch die UBS bekommt nun Milliarden an Steuergeldern. Wieso denn nur die UBS? Die Swissair-Geldspritze war noch heftig umstritten; jetzt fliessen massiv grössere Beträge offenbar sehr einfach. Wie bitte?

Was sind “riskante Geschäfte an der Börse”? Wie riecht ein “fauler Kredit”? Wieso sorgt niemand dafür, dass sowas gefälligst unterlassen wird? – Ich lese in der Tagespresse Dutzende Artikel, die vermutlich sehr in die Tiefe gehen – aber niemand erklärt, worum es eigentlich geht, wie es soweit kommen konnte.

Wie reagieren wir Otto Normalverbrauchers und Olga Alltagskonsumentinnen, die nicht gross Geld angelegt haben, sondern mehr oder weniger von der Hand in den Mund leben, brav Miete, Krankenkasse und Steuern zahlen? – Gar nicht bzw. mit einem ahnungslosen Schulterzucken. Gibts etwas, das wir tun können?

Offenbar halten es einige für nötig, ihr Geld bei der UBS abzuziehen. Nun – mein sauer Erspartes habe ich von der UBS längst abgezogen, nachdem mein Studi-Rabatt durch happige Gebühren ersetzt wurde und mir das Institut im Zuge des Swissair-Groundings zutiefst unsympathisch geworden ist (remember Togni @10vor10?).

Aber sonst? Das Leben scheint normal weiter zu gehen. “Irgend jemand schaut dann schon.” – OK, aber ists wirklich so?

In diesen Wochen ist auch den Hinterletzten klar geworden, dass uns ein seltsames Klüngel krawattierter Jungs offenbar von A bis Z in der Hand hat. Wenn Jens Korte irgendwelche kryptischen “total verrückten” Tagesverläufe der New Yorker Börse durchgibt, verstehe ich erstens Bahnhof, finde diese Börsentypen da zweitens zum Kotzen und bin schockiert, dass deren irrationales und kindisches Gebahren im Wertpapierhandel scheinbar einen sehr grossen Einfluss auf der Welten Lauf hat.

Die bange Frage bleibt: Kann uns irgend jemand vor diesem irren Männerklüngel schützen, das offenbar in kürzester Zeit sehr viel Mist anstellen kann, oder ist das einfach eine von vielen hässlichen Fratzen des globalen Wirtschaftssystems, das wir kopfschüttelnd hinnehmen müssen und daneben mit Scheuklappen versuchen, unser kleines, bescheidenes Leben zu leben?

Auch wenn einige den Schreibenden als Kommunisten verschreien werden oder mir “Naivling” sagend auf den Kopf tätscheln – letztlich ist die einzige Institution, die zumindest ein wenig was tun kann, jene öffentliche Hand, die wir mit Steuergeldern dafür bezahlen, dass sie dafür sorgt, dass es uns einigermassen gut geht: Die öffentliche Hand. Der Staat.

Wenn folglich die am UBS-Kredit hängenden Konzessionen wirklich greifen, ist wenigstens ein klein wenig was gewonnen. Nur ist es sinnlos, lediglich einem Institut sowas aufzubürden.

Die Ereignisse der letzten Wochen zeigen, dass das ganze System dringend Regulatorien nötig hat – nicht seitens offensichtlich unfähigen Millionenverdienern mit Villen in der ganzen Welt, sondern von demokratisch gewählten Volksvertretern, die hoffentlich mehr von der Chose verstehen als meine Bekannten, Freundinnen, Verwandten, die Verkäuferin meines Quartierladens, Bürogenossen.

5 Kommentare

  1. Mögliche Gründe: Die eine Hälfte ist sicher auf Gier und Dummheit zurückzuführen – s. dazu den Abschiedsbrief eines Hedgefondsmanagers, der durch Wetten auf den Zusammenbruch der Kreditwirtschaft genug verdient hat und sich zurückzieht, nicht ohne nochmal seine Meinung zu sagen.

    und für den anderen Teil habe ich persönlich so ca. 12 Jahre meines wertvollen Lebens verbraucht, um ein bisschen den Durchblick zu bekommen. Ich betone: ein bisschen…

  2. Das die UBS immer noch Kommunikationsgenies am Ruder hat, ist schon fänomenal: Da verkündet ein Peter Kurer (UBS-Präsi) vor laufender Kamera, dass er zweistellige Millionenboni auch weiterhin nicht ganz ausschliessen könne. Einen Tag später rudert er dann bescheiden und in Demut zurück: das sei ein Missverständnis gewesen, er meinte nur, dass in Zukunft keine Boni höher als 10 Mio. ausgeschüttet würden!
    Da staunt der Nicht-Millionär aber. Ich vermute die Crew der UBS zieht sich jeweils ein paar Linien Koks rein und kommt dann zum Schluss, dass alles nicht so schlimm ist und man doch nicht so ein Geschrei machen solle. Aber Süchtige sind nun mal ein Bestandteil dieses Kasinokapitalismus.

  3. Ich glaube kaum, dass der Staat wirklich die geeignete Organisation ist, um unsere Gesellschaft weiterzubringen oder vor Schwachköpfen resp. Proiteuren zu schützen – da hinkt er immer einen Schritt nach.

    Wer sich vor Verarschung schützen will, muss den Finger selber rausnehmen und Verantwortung übernehmen: warum zum Beispiel gibt es Blasen? Weil genug Leute genug dumm sind, irgendwelchen Versprechen an schnelle Profite zu glauben. Mal ehrlich: wer zu einer Bank geht, dessen geschäftliches Gebahren kaum ethischen Minimalansprüchen entspricht, darf sich n icht wundern, wenn man schlussendlich selber erntet, was andere gesäät haben.

    Alternativen gibt es genug. Aber es kostet halt die Anstrengung, nicht blind schöner Werbung nachzulaufen, sondern sich selber zu informieren und gegebenenfalls Gegensteuer zu geben.

  4. Ok, nehmen wir Schenkkreise oder Schneeballsysteme statt Blasen … wir vergessen leider immer wieder, was die Grundfunktion des Geldes ist: ein Tauschmittel, welches den Gegenwert von _realer_ Arbeit abbildet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.