Digitale Störungen oder Musik?

Es gibt gewisse Trends in der Musikindustrie, die einem beim Radiohören plötzlich auffallen, da sie von immer mehr Künstlern eingesetzt werden. In letzter Zeit frage ich mich zum Beispiel immer wieder, warum denn die CD “hängt”, wo doch die Musik ab Festplatte kommt.

Und stelle dann fest: Das ist keine digitale Störung – der Song ist so!

Sie kennen das: Verkratzte CD, alter Player, Sie sind kurz im 1. Stock und hören unten minutenlang die selbe Viertelsekunde des Liedes in einer unendlichen tä-tä-tä-tä-Schleife. Die ideale Foltermethode.

Jetzt wird neustens auch seitens der Interpretinnen und Interpreten gefoltert. Heisst der Stil amänd “legal torture”?

Bei der Vinylscheibe war das zwar auch unangenehm. Aber irgendwie sind analoge Störungen halt heimelig. (Ich lasse sie drum stets drin, wenn ich eine LP oder Single digitalisiere. Ebenso wie das wohlige Knisterknäckseln der Auslaufrille.)

A propos Vinyl: Für Lokalradiomoderatoren war es in den 1980ern immer ein Vabanquespiel, während der Sendung ein dringendes Geschäft zu erledigen. Ich setzte für längere Sitzungen stets auf “Hotel California” von den Eagles; die sechseinhalb Minuten reichten für eine unkomplizierte Sitzung.

Ausser – und das gabs tatsächlich – der Song begann eben genau dann zu hüpfen, wenns kein Zurück mehr gab. Wenn dann keine nette Redaktorin zugegen war, die kurz ins Studio rannte und dem Tonabnehmer einen sanften Zwick gab…

Aber zurück zu den Digitallärmsongs.

Zumal sich traditionsgemäss “die Alten” jeder Generation über “die Jungen” aufregen, frage ich mich: Ist mein Anti-Reflex derselbe wie bei meiner Mutter anno 1984, die eines schönen Tages in mein Schlafgemach trat und mir recht aufgebracht mitteilte: “Jetzt hör mal auf, den ganzen Tag diesen Scheiss zu hören und geh ein wenig raus an die frische Luft!”

Interessanterweise schätze ich den Pop-Scheiss eben heute noch sehr als ideales Zeitreisemittel. Zumal ich schon damals mehr als blosser Musikkomsument war und mir ganze imaginäre Sendungen mit zueinander passenden Songs und schönen Übergängen zusammendachte, erinnere ich mich bis heute an diesen mütterlichen Ausbruch, der mich doch etwas schockierte: Merkte Muttern denn gar nicht, wieviel mir das Zeug bedeutete? (Und ich bin fast sicher, dass meine Grossmutter den Beatles-Konsum ihrer Tochter auch nicht gerade umwerfend fand.)

Naja, was solls, sie schickte mich ja auch in den ollen Klavierunterricht anstatt zu merken, dass ich viel lieber an der Schreibmaschine sass und dort weitaus erfreulichere Sachen brösmelete als am Klavier. Well, nice try anyway, mom – ich hätte ja ein kleiner Mozart werden können. Jä nu.

Doch ich hörte halt zu dieser Zeit lieber “Ebony and Ivory” von Paul McCartney und Stevie Wonder und fertigte dazu Hiptaradenstatistiken an, anstatt selbst eine “perfect harmony side by side on my piano” zu produzieren. Klaviertasten als Metapher fürs Leben – kitschig, aber irgendwie süss. Das verstand ich mit zwölf natürlich noch nicht so ganz.

Aber ich schweife schon wieder ab.

Ich denke, unter “Scheiss” (in der heutigen SMS-Sprache würde man wohl eher sagen “Son Shayz shaadz, bff xD hahah ;D sho aaaaandersh!”) verstand meine Mutter in diesen goldenen 80ern eher so Zeug wie “Catch me I’m Falling” von Real Life, Dead or Alives “You Spin me Round”…

… (erstaunlicherweise übrigens von Stock Aitken Waterman produziert!) oder diverse Italo-Disco-Stampfer.

Heute verstehe ich das irgendwie: Gerade das schnelle, kalte, sterile Synthiezeugs oder sowas wunderbar Obszönelektronisches wie “Shoot Your Shot” von Divine musste die mit den Beatles und Stones gross gewordene Generation doch arg am Geisteszustand der Teenage-Töchter und -Söhne zweifeln lassen.

Genau wie wir alten Säcke uns heute bei diesen Digitalstörungssongs eben an die Stirn tippen.

Aber DRS3 könnte trotzdem aufhören, den Scheiss zu spielen.
Nämlich.

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