Die Niederungen

“Schnee bis in die weit ausgedehnten Einsenkungen oder Grabenbrüche der Erdoberfläche, bis in die langgestreckten und weitläufigen Täler, die oberhalb des Meeresspiegels liegen.”

Das wäre die korrekte Fassung von “Schnee bis in die Niederungen”, einem oft gehörten und doch nie analysierten Ausdruck aus dem Wetterbericht, neukachelmännisch auch “Flocken bis ganz unten” genannt, eindeutig in Anlehnung an Wallraff.

Eben: Niederungen. Hört sich irgendwie nach Gosse an. Nach Mief. Dem Geruch von ranzigem Fritieröl, das aus einem rostigen Rollcontainer mit klebrigem Griff auf die Strasse rinnt und dort zwischen brüchigen Pflastersteinen und vergammelnden Gemüseresten versickert.

Erinnerungen: Unser Lokalradio-Programmleiter verbot uns den Germanismus “bis in d’Niederige” zu Recht. Wir suchten dann verzweifelt nach möglichst kreativen Synonymen: “Es chönnt bis zu eus abe schneie.” Oder ebenfalls allzu oft verwendet und erst auf den zweiten Blick bizarr: “D’Schneefallgränze sinkt uf 400 Meter”. – Wer weiss schon so genau, wie hoch sein Haus oder das bevorzugte Feriendomizil liegt?

Bisweilen verwenden Wetterfrösche auch “bis ins Flachland”, was hierzulande ebensowenig zutrifft wie das pejorativ anmutende “Niederungen”. Flach sind allenfalls die Seen. In wenigen Jahren dürfte das Problem ohnehin gelöst sein: Im Flachland, den Niederungen, bi eus – wird es keinen Schnee mehr geben. Nur noch ranziges Fritieröl.

Stolz bin ich immerhin darauf, einmal “är” gewesen zu sein: Der, der den Wetterbericht vermeldet – in der Schweiz gemeinhin “är” genannt. “Er” – es gibt ihn ausschliesslich männlich – ist der Herr über Sonne und Regen, über Wind und Wolken. “Er hat Schnee gemeldet”, “är het schlächt gmäldet”… dieses “melden” hat etwas Majestätisches, wenn nicht gar Militärisches, und auch wenn mir jegliche Obrigkeitsgläubigkeiten gänzlich abgehen, ist dieser “er”, der da meldet, eben doch ein mythisch überhöhter Bote dessen, was letztlich alle und immer interessiert: Das Wetter.

Und einmal im Leben etwas höher zu stehen als andere – mit dem Kopf über dem Nebelmeer gewissermassen -, derjenige zu sein, wessentwegen daheim ein harsches “pscht” durch die gute Stube zischt: Boahh. Drum freute ich mich beim Nachrichtenlesen immer besonders aufs Wetter. Ich konnte mich bei den Meldungen zum Jugoslawienkrieg und der Eröffnung der SBB-Grauholzstrecke dreimal verhaspelt haben: Wenn das Wetter fehlerfrei rüberkam und ich beim ersten Schnee noch ein unjournalistisches “endlich” reinschmuggeln konnte, war ich glücklich.

3 Kommentare

  1. vieles müsste bei wetteransagen überdacht werden. begrifflichkeiten wie "ein wunderschöner tag" oder "strahlender sonnenschein" (ozonbelastung lässt grüssen) zum beispiel.

    im prinzip müssten redewendungen wie "wunderschönes wetter" nd "freuen wir uns auf .." für regnerische tage verwenden, da die ozonbelastung sinkt und heuschnupfengeplagte wieder aufatmen können.

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