Der Zwiebackzone entflohen

Es sei ja gar keine echte Grippe, so eine “virale Gastroenteritis”, vulgo Magendarmgrippe – aber das ist einem wortwörtlich scheissegal im aktuen Eintretensfall.

Die hier beschriebene “allgemeine Mattigkeit”, “Schwindel und seelische Verstimmungen sowie Müdigkeit” sind nur der Vorname. So eine Viruswatsche mit der vollkommenen Tiltheit à la “lasst mich jetzt bitte nur noch in Ruhe sterben” hatte ich letztmals, als “Billie Jean” von Michael Jackson in den Charts war und ich froh war, daheim noch ein paar Tage Geier Sturzflug und Gazebo hören zu können als wieder in die Schule zu müssen. Und nun also eine lange Blogpause wegen Noro- oder Sonstwasvirus Nummer zwo des Lebens.

Soeben der Zwiebackzone entflohen und nach einigen Flachliegetagen endlich wieder – wenn auch noch leicht wacklig – die Stadt erkundend, fragte ich mich: Dass der Körper auf Käfer aller Art mit Abwehr reagiert und man sich als Folge sehr angeschlagen fühlen kann, das leuchtet noch ein.

Aber was genau lässt den Geist so seltsame Kapriolen machen? Was sollen diese sinnlosen, repetitiven Gedankengänge, die einen vor allem des nachts beinahe in den Wahn treiben? Wie kann man sich zwei Stunden lang ernsthaft überlegen, wie man Sheilas Alufolien-Textzeile “He’s a ladies man” ihrer Aussprache gemäss aufschreiben müsste? “isé léddis màn”? Oder “oppression he hates” als “obréishn i éz”? Oder lieber “opreischn y aids”?

Wie kann man stundenlang sinnlosen Schrott träumen, wie z.B. ein Zimmer mit einer Karton-Glas-Konstruktion ausfüllen müssen und sysiphusmässig niemals weiterkommen? Was sind das für Stoffe, welche die Seele in so einen Zustand zwischen durchgeknallt und unvernünftig versetzen? Was sorgt für den Stroboskopeffekt, der einen selbst bei geschlossenen Augen zerreibt?

Komisch – in anderen Situationen sorgt der Körper dafür, dass man selbst auf einem halb abgerissenen Bein noch vom Tiger wegrennt, doch während einer Grippe lässt er einen einfach nur elendiglich dahinsiechen statt wenigstens für eine nette Bilder- und Lichtshow vor den Augen zu sorgen, die einem etwas Erleichterung verschaffen würde.

Faszinierend war später vor allem, wie der normale Appetit einen auf “von null auf hundert in vier Tagen” machte: Als nach einer Stunde eh alles wieder raus-, was reinkam, war der Nullpunkt erreicht. Jegliche Gedanken an sonst so liebgewonnene Esswaren lösen einfach nur “wäääh” aus.

Und wie durch Zauberhand, von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag, teilt der Bauch dem Geiste ottomässig mit (“Hirn an Blutdruck: Steigen…”), was er per sofort wieder erträgt – die unbändige Lust nach Pommes Frites heute um 15 Uhr wäre noch morgens im 10 Uhr mit einem ekelverzerrten Gesicht quittiert worden. Manchmal wäre ich gern Biologe und verstünde all die Botenstoffe und Signale etwas besser.

Lustig, dass man auch nach etlichen Tagen nur mit Tee, je sechs Salzbrezeli, einem geraffeltem Apfel, 4g Paracetamol und wenigen Scheiben Zwieback nicht einfach umkippt. So ein Körper ist schon was Praktisches.

3 Kommentare

  1. und wer wischt jetzt die ganzen Zwiebackbrösmeli aus dem Bett? 😉

    dass die Gedanken sich verselbstständigen und man geistig nicht zurechnungsfähig ist, kann ich aus eigener Noro-Erfahrung bestätigen…man ist irgendwo zwischen Zeit und Raum…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.