DAB – eine Totgeburt

Peter Walt kritisiert in seinem Blog unter dem Titel “DAB DAB doch nicht wahr sein” die hippen, aber mit schlechtem Sound ausgerüsteten Empfänger für “Digital Audio Broadcasting” (DAB), das uns seit über einem Jahrzehnt als UKW-Nachfolger angepriesen wird – aber einfach nicht auf einen grünen Zweig kommt.

Nein, ich werde nun keine Rückschau auf die “UKFee” alias Birgit Steinegger halten, die Ende der 1970er-Jahre mithalf, von der Mittelwelle auf UWK zu wechseln. Ich habe aber etwas ausgegraben: einen Artikel zum Thema DAB, den ich 1996 für Magazin “StattRadio” von Radio RaBe geschrieben habe. Teils muss man schmunzeln – teils haben sich pessimistische Vorhersagen bewahrheitet. Der ganze Text ist hier als PDF abrufbar.

Ich machs gleich wie es in diesem sehr amüsanten Text auf medienlese.com gemacht wurde (bzw. wie es der Autor selbst gemacht hat, den ich übrigens soeben auf “Radio 1” gehört habe) und halte Rückschau – einige Ausschnitte aus dem Text von 1996 sowie Kommentare aus heutiger Sicht dazu:

“War digital während Jahren DAS Zauberwort im Audio- und Fernsehbereich, scheinen Mediengiganten und auch KonsumentInnen in jüngster Zeit skeptischer zu werden: in Schaufenstern von Unterhaltungselektronik-Geschäften sind weniger Breitbild-Fernseher zu sehen, das hochauflösende TV ist bis auf weiteres kein Thema mehr, und das im Juli gestartete deutsche Digitalfernsehen DF1 von Leo Kirch wird die hochgesteckten Ziele punkto Mitgliederzahl bis Ende Jahr weit verfehlen. Konkurrent Bertelsmann hat sein Digitalprojekt mangels Erfolgsaussichten gar gestrichen. Brauchen wir angesichts dieser Flops nun wirklich auch noch ein digitales Radio?”

Da werden mehrere Themen angesprochen. Also der Reihe nach:

– 16:9 scheint sich 12 Jahre später doch noch durchzusetzen, allerdings nur dank den inzwischen technisch machbaren Flachbildschirmen – deren Qualität allerdings (ausser in der höchsten Preisklasse) hanebüchen ist. Wer einen althergebrachten Röhrenbildschirm neben einen LCD stellt, hat die Auswahl zwischen einen brillanten Display, das auch schnelle Bewegungen problemlos darstellt (Röhre) – und einem fahlen, schlecht reagierenden (Fussball!) Milchbild mit oft schlechtem Betrachtungswinkel (LCD).

Unausgereifte Technologie wird hier den KonsumentInnen als letzter Schrei verkauft – die Mehrheit fällt rein, weil sie die flachen Monitore cool findet. Was darauf dargestellt wird, ist Wurst. Zudem bekunden viele TV-Stationen Mühe damit, technisch den Spagat zwischen 4:3 und 16:9 zu finden.

– Digital-TV, das kaum einer will, wird als Folge gepusht – die Cabelcom hat erfolgreich ihren Ruf als wenig kundenfreundliche Firma gefestigt und wird Jahre benötigen, bis sich ihre Reputation erholt hat (falls weitere Flops ausbleiben und die Verschlüsselung endlich abgestellt wird). Auch auf HDTV (das schon an der FERA 1984 vorgestellt wurde) fahren vor allem Freaks ab. Den meisten genügt es, superscharfe Bilder ab einem Speichermedium wie Blu-ray zu bekommen.

– Der letzte Satz des obigen Zitates ist IMHO bis heute wahr geblieben. Den meisten genügen UKW und Kabelradio vollkommen; falls es noch etwas mehr sein muss, gibts seit Jahren übers Web sendende Stationen, die wichtigen Content auch als Podcast anbieten, für den ich keine dauernde Verbindung benötige.

DAB-Radios finde ich nur in Haushalten befreundeter SRG-Leute, welche die Kisten geschenkt bekommen haben – und das nota bene in einem recht technophilen Freundeskreis. Die zunehmend Flächendeckende Verfügbarkeit von WLAN wird das Bedürfnis nach DAB weiter senken. Und wer ADSL/Kabelinternet hat, braucht daheim garantiert kein DAB.

“Die Telecom PTT führt seit letztem Frühling grossangelegte Feldversuche mit DAB-Sendern durch; das Echo bei den ausgewählten Testpersonen ist gut. Eine DRS3-Crew berichtete im März am Fernsehen von überragender Empfangsqualität – wenn die in unendlich viele Nullen und Einsen zerlegten Klänge für ganz audiophile Ohren auch etwas gar künstlich tönten.”

Solche – durchaus berechtigten – Diskussionen gabs, als 1983 die CD eingeführt wurde und auch wieder, als 1993 die MiniDisc kam. Seit MP3 sind die KritikerInnen verstummt. Oft hörbar komprimierte Musik wird als tolerierbares Übel wahrgenommen. Schade eigentlich.

“Wurden bisher lediglich Audiosignale übertragen, kommen in der nächsten Versuchstranche ab Anfang 1997 auch die ominösen Zusatzdienste dazu – theoretisch kann eine Radiostation dann ihre Veranstaltungstips nicht nur verlesen, sondern auch als Text durch die Luft schicken. Teletext fürs Radio! Ortsunkundige können sich notfalls den Stadtplan aufs Display holen, Autofahrerinnen und -fahrer sehen den Stau nun auch noch bildlich – alsob eine mündliche Meldung nicht genügen würde. Von den Risiken ganz zu schweigen: kürzlich ist eine Diskussion um den momentan letzten Schrei der analogen Radiotechnik entbrannt – das sogenannte RDS-System kann nämlich nicht nur Sendernamen anzeigen und Frequenzen automatisch umstellen, sondern auch laufend wechselnde Texte anzeigen. Wer schon einmal mit dem Auto durch Italien gefahren ist, weiss davon ein Lied zu singen – von der aktuellen Aussentemperatur bis zur lebenswichtigen Mitteilung, dies sei die beste aller Radiostationen, tummelte sich alles mögliche auf dem Display. Die Gefahren liegen auf der Hand: ein Augenblick Unachtsamkeit, um die neuste Anzeige nicht zu verpassen – und krach, man hätte eben doch lieber den Zug genommen. Dieser Effekt dürfte bei noch mehr Informationen kaum abnehmen. Telefonieren im Auto steht bereits unter Strafe – wann kommt das Anti-DAB-Gesetz? Telecom-PTT-Sektionschef und DAB-Projektleiter Rudolf Bärtschi hofft auf die Vernunft der Nutzerinnen und Nutzer: “Ich kann mir vorstellen, dass man für die Nutzung im Auto gewisse Vorgaben macht, beispielsweise in bezug auf die Anzahl und Grösse der Zeichen auf dem Bildschirm. Wenn man das geschickt macht, werden die Autofahrer nicht überfordert.”

Von den erwähnten RDS-Problemen spricht im Zeitalter der Navigationsgeräte niemand mehr. Ein Blick auf vorbeifahrende Autos im eigenen Quartier genügt, um zu sehen, dass im Auto trotz Strafandrohung fröhlich telefoniert (und vermutlich auch gesmslet) wird.

Wichtiger aber eine Aussage, die auch Peter macht: Es gibt auch 12 Jahre nach diesem Text kaum DAB-Autoradios.

“Sprich: Audiofreaks und kommerzielle Nutzer kommen voll auf ihre Rechnung. Der gute alte Otto Normalverbraucher hingegen wird kaum profitieren können und sich höchstens über die Kosten solcher Gadgets nerven. Auch Rudolf Bärtschis Sicht der digitalen Radiozukunft ist leicht getrübt: “Der Erfolg von DAB ist davon abhängig, wie sehr die Preise der Endgeräte sinken werden – und auch, welche Zusatzdienste angeboten werden. Von der reinen Tonübertragung her hat DAB wohl keine Berechtigung und wird den Durchbruch nicht schaffen.”

Wenn man in Erwägung zieht, dass

– … die vor 12 Jahren propagierten Zusatzdienste heute weitgehend durch Internet und Navis abedeckt sind,

– … dass man beinahe von einer Digital-TV-Verweigerung sprechen kann und

– … dass man in den USA nicht etwa DAB, sondern Satellitenradio pusht (sehr praktisch in Mietwagen – Empfang auch in der Wüste / Pampa!),

… wird DAB weiterhin genau das Nischendasein führen wie bereits 1996 und früher oder später beerdigt.

2 Kommentare

  1. Ich war bei den DAB-Sitzungen dabei, als es noch in den Kinderschuhen steckte und die Radioverbände beim BAKOM sich orientierten. Zu diesem Zeitpunkt vertrat ich die UNIKOM, Radioverband der Alternativradios, zu dem auch Radio Rabe gehört. DAB war damals tatsächlich nicht brauchbar. Doch die UKW-Frequenzen sind auch keine dauerhafte Lösung: Es hat keinen Platz für alle Radiostationen und die Klang-Qualität ist längst auch nicht mehr ideal. Schliesslich ist beim Radio unterdessen alles digital – nur das Senden nicht. Der klangliche Verlust ist hörbar.
    Man muss aber wissen, dass DAB sich weiterentwickelt hat. Wir reden nicht mehr von den Anfängen. Ein bisschen Eigenwerbung: In der Aprilausgabe von ensuite – kulturmagazin widmen wir uns dem DAB. Ich selber habe dafür auch ein Gerät getestet, welches am iPOD angeschlossen wird und UKW und DAB empfängt! Das Teil ist eine halbe Zündholzschachtel gross – der Empfang mega, die Funktionaliät super – über das Design reden wir hier nicht… 🙂
    Als DAB-Gegner bin ich platt erstaunt über Soundqualität. Und man kann lange schnöden, dass nur SRG-Mitarbeiter ein DAB hätten: Sie waren bisher die einzigen, welche die Technologie zu Testzwecken nutzen durften. Alle Radiostationen wollen auf dieses Netz – das hatte sich an den Sitzungen im BAKOM gezeigt. Ich als Rabe war der Einzige, der gegen DAB argumentierte… (glaube sogar, ziemlich erfolgreich…).
    Wichtig ist auch zu verstehen, dass so ein Netz aufzubauen und von analog zu digital zu wechseln, sehr teuer ist. Wenn wir dann mal digital ticken, so wird eine nächste Stufe billiger sein, weil das Netz nicht komplett neu gebaut werden muss. Da genügt es, nur einige Geräte zu wechseln…
    Ich stehe dem DAB zur Zeit sehr offen gegenüber, was nicht heisst, dass ich UKW eliminieren will. Aber DAB hat durchaus seinen Reiz! Vor allem auf dem iPOD!

  2. Interessant übrigens auch dieser Text im “Klartext”-Blog.

    Und aus der NZZ am Sonntag vom 27. April 2008: “Hartnäckig halten sich weiterhin die analogen Radioempfangsteile in den Geräten. Auf UWK und Mittelwelle wollen die Kunden offenbar trotz digitalem Rundfunk (DAB) nicht verzichten.”

    Der ganze Digitalisierungswahn beim Fernsehen funktioniert offenbar nur, da das Land gut verkabelt ist (Abschaltung der analogen TV Sender – wer keine Settopbox hat, empfängt nix mehr “aus der Luft”; Leute mit TV-Geräten, die keine Settobox vertragen, müssen sich einen neuen Fernseher kaufen) und da bei den Kabelnetzen lokale Monopole herrschen bzw. die Cablecom als Marktführerin eine Schrott-Geschäftspolitik betreibt und die Kunden in die Zange nehmen kann.

    Fazit: Neue Systeme verdrängen bewährte nur, wenn ein echter Mehrwert für viele Menschen besteht (wie z.B. bei Natel C vs. GSM oder verschiedenen PC-Anschlusskabeln vs. USB) oder wenn Monopole falsche Geschäftspraktiken erleichtern. Weder DAB noch digitales Fernsehen bringen echte Vorteile – im Gegenteil.

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