Chronisch krank und geschröpft – wo bleibt im Gesundheitswesen der Solidaritätsgedanke?

Zusammenfassung dieses Textes: Chronisch Kranke werden vom Gesundheitssystem über Gebühr geschröpft. Sie können nichts für ihre Krankheit, es ist ihnen aber verunmöglicht, wegen regelmässiger Arztbesuche eine höhere Franchise wählen. Nicht nur das – sie bezahlen Jahr für Jahr immer die volle Franchise und den gesamten Selbstbehalt. Die geplante Praxisgebühr ist – wenn chronisch Kranke nicht davon ausgenommen werden – ein zusätzlicher Schlag in unser Gesicht. Dazu kommen weitere Nachteile, die im folgenden Text beschrieben sind.

Krankenkassen funktionieren nach dem Solidaritätsprinzip: Alle zahlen ihre Prämien. Wenn jemand krank wird, tritt quasi die Gemeinschaft für den Einzelnen ein.

Nach den aktuellen Prämienerhöhungs-Ankündigungen stellen sich für mich als Rheumatiker – ich habe seit meiner Kindheit Morbus Bechterew – aber langsam gewisse Fragen. Ich werde 2010 voraussichtlich über 8000 Franken Prämien, Selbstbehalt und Franchise abdrücken.

Seltsam: Will man von der Bank eine Hypothek für ein Haus, dürfen die zu tätigenden Rückzahlungen einen bestimmten Anteil des Einkommens nicht übersteigen. Bei der Krankenkasse ist aber langsam aber sicher diese Grenze ebenfalls erreicht – und danach fragt niemand. Im Gegenteil, es werden “weitere schmerzhafte Prämienschübe” vorausgesagt.

Hallo? Arbeite ich in vier Jahren nur noch, um die Krankenkasse bezahlen zu können? Ferien ade? Wenns so weiter geht: Ja.

Zur Ausganslage: Morbus Bechterew tritt oft schon im Jugendalter auf, führt vereinfacht gesagt zu Entzündungen in zahlreichen Gelenken, häufigen Augenentzündugen und oft einer schleichenden Verknöcherung Postkartenserie von 2002 für www.bechterew.ch mit drei anderen betroffenen Hobbymodels und mirder Wirbelsäule, einem “Buggeli”. Meine ganze Geschichte ist bei Bedarf hier nachzulesen. Womöglich hat schon jemand eines der Inserate der Bechterew-Gesellschaft mit dem Konterfei des Verfassers und drei anderer freiwilliger Modelle gesehen.

Ich befinde mich seit 2002 in einer Langzeittherapie mit einem so genannten TNF-Alpha-Hemmer, einem sauteuren, aber bei den meisten Betroffenen hochwirksamen Medikament. Bei mir und vielen anderen ist dies das Mittel der letzten Wahl, wenn sonst nichts wirkt. Damit trage ich sehr wohl aktiv zur Kostensteigerung im Gesundheitswesen bei.

Allerdings im Wissen, dass mein “Überkonsum” nachhaltig ist: Für Magen und Herz ist die teure Therapie besser als jahrelang täglich die Maximaldosis Voltaren zu schlucken oder die Cox2-Hemmer wie Vioxx oder Celebrex, die im Zusammenhang mit Herzinfarkten zweifelhafte Berühmtheit erlangt haben.

Seit ich die Infusionen mit dem Wundermedi bekomme, sind die Symptome praktisch verschwunden. Die Chance, dass ich je Spätfolgen habe, ist praktisch null. Ich habe mein normales Leben zurück – ohne Schmerzschübe, tränende Augen und Cortisonspritzen in die Gelenke. Dass ich so leistungsfähiger bin, dürfte auf der Hand liegen.

Warum sind die aktuellen Entwicklungen für chronisch Kranke besonders stossend?

Beispiel 1: Ich könnte natürlich ein wenig sparen, wenn ich die Grundversicherung wechsle (in den oben genannten 8000 Franken sind Grund- und Zusatzversicherung drin). Für uns “Grosskunden” ist ein Wechsel der Krankenkasse aber mit gewissen Fragezeichen verbunden. Ist die neue Kasse ebenso zuverlässig mit der Zahlung wie die alte? Verspätete Rückzahlungen können bei unseren Beträgen schon mal zu Liquiditätsengpässen führen.

Fazit: Der Wettbewerb zwischen den Kassen und die damit verbundenen Qualitätsunterschiede ist völlig unsinnig. Nur schon ach so tolle Kundenmagazine und Werbebudgets der Krankenkassen sind völlig überflüssig; dafür bezahlen wir doch keine Prämien! Auch wenn man die Aussagen aus dem gestrigen Kassensturz (Stichwort Versicherungsmakler) miteinbezieht, ist eine Einheitskasse das einzige Mittel, hier wieder etwas mehr Vernunft walten zu lassen. Natürlich müsste die Einheitskasse eine von Beginn an indiskutabel tadellose Dienstleistung bieten, sonst sind die Kritiker umgehend zu Stelle.

Siehe UBS – selbst jetzt, wo der Staat die Finger im Spiel hat, wehrt sich Herr Raffgier-Grübel gegen jegliche auch für Normalsterbliche verständliche Lohnstrukturen. Das kanns ja nicht sein. Abschaffen, dieses Unwesen! Ab unter Staatskontrolle mit diesen unkontrollierbaren Drachen.

Beispiel 2: Das VVG ist ein Gaunergesetz. Ich kann meine seit der Kindheit vorhandene Zusatzversicherung nie mehr künden – ohne Vorbehalte bekomme ich sie aufgrund meiner Krankheit nie mehr zurück. Beispiel 2a: Ich habe mich im August selbständig gemacht und musste dafür natürlich diverse Versicherungen abschliessen. Oder… hätte müssen – natürlich wurde ich für fast alles kommentarlos abgelehnt und nur mit diskriminierenden Vorbehalten aufgenommen.

Eine Odyssee von Arztberichten, Verhandlungen, Briefen usw. war die Folge, um mich halbwegs absichern zu können – notabene ohne dass ich noch Symptome hätte… “Bechterew” hat den so genannten “Vertrauensärzten” der Versicherungen schon genügt – nebenbei gesagt wollte man diesen “Ärzte”, die nur dafür da sind, gegen die PatientInnen zu arbeiten, die Berufsausübungsbewilligung entziehen; sie tun genau das Gegenteil, worauf sie mal geschworen haben.

Gelohnt hat sich in diesem Zusammenhang übrigens das Einschalten der Fachstelle für Soziale Sicherheit in Solothurn – denn als Versicherungslaie blickt man im Dschungel von Kranken- und Unfallversicherungen sowie der beruflichen Vorsorge unmöglich durch. Die Beratung und Mandatsausübung kostete mich zwar eine Stange Geld, aber dafür habe ich nun das Optimum, was in meiner Lage möglich ist. Und komme endlich etwas besser draus bei diesem seltsamen System, bei dem man nur etwas gilt, wenn man gesund ist.

Fazit: Das alles ist für jemanden mit einer Krankheit, für die er nichts kann, extrem stossend. Wo bleibt der Solidaritätsgedanke? Bei Zusatzversicherungen kann man sich ja noch streiten, ob sie nötig sind. Aber wenn sich Leute, die den Mut aufbringen, sich selbständig zu machen, bei den dann nötigen Abschlüssen derart behandelt werden, ist das zuviel.

Für EinzelunternehmerInnen und KMU müsste es EINE Anlaufstelle geben (am besten eine staatliche, für alles andere fehlt mir momentan das Vertrauen), bei der man sich für ALLES versichern kann, bei gleichen Konditionen für alle.

All die Superbürgerlichen, die nach Wettbewerb schreien und die sich angeblich für Kleinunternehmen einsetzen einsetzen, können sich gern mal detailliert bei mir kundig machen, wie das so ablief.

Beispiel 3: Was sollen die Tarifregionen? Was soll der Kantönligeist? a) Wieso bezahle ich in der Stadt Bern viel höhere Prämien als einige Kilometer weiter? Wieso sollen im Zeitalter der Mobilität, in dem man auch mal den Spezialisten in anderen Teilen des Landes aufsucht, eh oft unterwegs ist und oft umzieht, gewisse Leute, die zufällig gerade an einem bestimmten Ort leben, mehr bzw. weniger zahlen als andere? Das ist blanker Unsinn und hat mit Solidarität gar nichts zu tun. b) Wieso lässt man es in so einem kleinen Land zu zu, dass in den Kantonen die Prämien immer verschieden hoch steigen? Wie lässt sich sowas rechtfertigen?

Fazit: Krankenkassen sollen im Grundtarif für alle überall gleich viel kosten, wobei die Prämienverbilligungen so ausgebaut werden, dass alle Einkommen bis zu einer bestimmten Höhe entlastet werden, die Minimalverdiener am meisten. Grossverdiener hingegen, für die selbst die aktuellen Erhöhungen kaum ins Gewicht fallen, bezahlen auf jeden Fall die volle Prämie.

Beispiel 4: Ideen wie die 30 Stutz Praxisgebühr sind ein weitererer Affront für chronisch Kranke, die öfters zum Arzt müssen. Wir leiden schon genug unter Franchise und Selbstbehalt, die wir jedes Jahr immer zu 100% zahlen. Zudem haben wir mit der Minimalfranchise natürlich null Chancen auf günstigere Prämien.

Fazit: Leute mit chronischen (Erb-) Krankheiten, für die sie nichts können, müssen spätestens jetzt irgendwie entlastet werden, denn sie leiden unter dem geltenden System am meisten und finanzieren den ganzen Wahn überdurchschnittlich. Dabei verstehe ich es sogar noch etwas, wenn ein Kerngesunder sagt “ich finanziere euch doch nicht diesen Luxus” – nur eben, mit einer versteiften Wirbelsäule koste ich unter dem Strich vermutlich weit mehr bis zu meinem Tod.

Und irgendwo stimmt am ganzen System sehr vieles nicht, wenn ich Aussagen aus dem “Club” gestern reflektiere: Am meisten “kosten Menschen” in ihren letzten sechs Lebensmonaten – quasi um sie noch knapp am Leben zu erhalten?! Das kanns ja irgendwie nicht sein, auch wenn ich niemandem einen vorzeitigen Tod gönne. Dafür können wir “jüngeren” Rheumatiker, Diabetiker usw. aber herzlich wenig, die das alles überdurchschnittlich mitfinanzieren.

Ich und viele andere jüngere Rheumatiker (und natürlich Betroffene anderer weit verbreiteter Krankheiten wie Diabetes usw.) versuchen das beste aus der Situation zu machen, aber langsam fragen wir uns schon, warum ausgerechnet jene, die “vom Leben eh schon geprüft” sind, in diesem “solidarischen” System am meisten geschröpft werden sollen, während ein Millionär die selben Grundprämien zahlt wie wir Normalverdiener bzw. eben gar höhere Franchisen wählen kann, da ein ein paar teurere Arztbesuche sein Portemonnaie kaum tangieren.

Wir chronisch Kranken haben es satt, Milchkuh in diesem offensichtlich aus den Fugen geratenen Gesundheitssystem zu spielen.

4 Kommentare

  1. Mit unserer fünfköpfigen Familie werden wir mit Maximalfranchisen für die Erwachsenen nächstes Jahr vermutlich etwa 10’000.- Prämien bezahlen, davon ca. 600.- für Zusatzversicherungen. Da (glücklicherweise) alle einigermassen gesund sind, bezahlen wir die tatsächlich anfallenden Krankheitskosten normalerweise selber.

    Ich verstehe dein Milchkuh-Gefühl als Chronischkranker aber wir – die Alten, Jungen, Kranken, Gesunden, Einzelnen und Familien – sollten uns vom Apparat nicht gegeneinander ausspielen lassen. Letztlich sind wir (d.h. die StimmbürgerInnen) selber schuld, wenn wir uns einreden lassen, dass sich wirksame Massnahmen letztlich gegen unsere vielbeschworene Freiheit (einmal zum einen und einmal zum anderen Arzt zu gehen) auswirken würden.

    Unter wirksamen Massnahmen verstehe ich z.B.:

    – Prämien sozial verträglich gestalten (abhängig von der Finanzkraft wie die AHV)

    – Fehlanreize für Ärzte und Kliniken vermeiden (Verrechnen von Personen- und Fallpauschalen statt direkte Abgeltung von Einzelleistungen, zusammen mit einer Qualitätskontrolle)

    – Krankenkassen, die die Versicherten vertreten statt die Interessen ihrer Eigentümer (z.B. eine Einheitskasse)

  2. Was halten Sie eigentlich von der Werbung? Schliesslich hat jeder mal Rückenschmerzen, eine schlaflose Nacht oder beissende Augen und rennt dann womöglich grundlos verängstigt zum Arzt…

  3. Beim Bechterew ist die Früherkennung extrem wichtig – je früher eine Diagnose gestellt werden kann, desto eher können extrem teure spätere Behandlungen vermieden werden. Wenn der Schaden in einem Gelenk mal da ist, kann man diesen fast nie rückgängig machen. Wenn Sie den Diagnosetest machen, stellen Sie fest Sie, dass es immer mehrere Symptome braucht.

    Leider vergehen zwischen den ersten Symptomen und der Diagnose (und somit der adäquaten Behandlung) gerade beim Bechterew meistens Jahre, bei mir über fünf Jahre, in denen ich z.B. im Militär auch als Simulant bezichtigt wurde…

    Eine Patientenorganisation hat auch kein Interesse daran, die Gesundheitskosten in die Höhe zu treiben.

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