Berner Demo-Chaos: Von Naivität und Taktik

Webstats blog.jacomet.ch Anfang Oktober 2007Muss ich wirklich auch noch meinen Senf zu diesem leidigen Thema geben? Also gut: Als Altstadtbewohner, dessen Webcam im Zuge der Krawalle plötzlich beinahe so oft konsultiert wurde wie während der letzten Überschwemmungen, muss ich ja fast.

Meine Demo-Taktik war goldrichtig: In der Woche davor die Stimmung erfühlen (wozu die Stadtpolizei offenbar nicht fähig war) reichte vollkommen, zu entscheiden, am Freitagabend aus der Stadt in die Berge zu fliehen – wie während der unsäglichen Fasnacht, die beinahe an Samstage wie gestern ran kommt.

Am nervigsten ist:

– Ein friedliebender Linker hat spätestens jetzt genug von den zerstörungswütigen Jungs, die alle paar Monate mal alles kurz und klein schlagen. Warum der Schwarze Block und Konsorten in den Medien immer wieder mit dem Prädikat “linksautonom” bezeichnet werden? Keine Ahnung. Mit Politik hat das nichts zu tun.

– Mitunter wegen solcher Bezeichnungen können die meisten nicht zwischen “Linksautonomen”, “Linken”, “Grünen” und “Chaoten” unterscheiden. Das ist mit ein Grund, warum man sich von der FDP-kontrollierten Polizeidirektion Berns wünscht, dass sie dafür sorgt, dass sie Leute wie die Bundesplatz-Alleswasmirindenwegkommt-Zerstörer mit einer effizienten Taktik einkesselt, festnimmt und sehr, sehr lange nicht mehr rauslässt. Es war die ganze Woche klar, was samstags passieren würde – ich habe zwei australischen Besucherinnen, die samstags nach Bern kommen wollten, schon am Mittwoch geraten, dies auf keinen Fall zu tun: Wieso hat man also nicht genug Verstärkung geholt? Und dass nach Krawallnächten immer wieder die Schliessung der Reithalle gefordert wird, haben die Leute dort auch sich selbst zuzuschreiben: Wie ist es möglich, dass sich die Schlägertrupps immer wieder unter KonzertbesucherInnen mischen können? Wieso stand dort niemand bereit, die Gewalttätigen in Empfang zu nehmen und endlich einzubuchten?

– Naivlinge wie Daniele Jenni denken, es reiche, sich von Gewalt zu distanzieren, stehen ein wenig auf dem Münsterplatz herum – und wundern sich dann, dass das, was sonst noch so abgeht, mit ihnen in Verbindung gebracht wird. Beste Wahlwerbung für die SVP, die wir an sich alle stoppen wollen – unprofessioneller gehts nicht. Vermutlich lebt Jenni weiter in seiner Traumwelt, fordert womöglich bald noch eine sanfte Behandlung der Brutalos vom Samstag. Dieser Artikel lässt das befürchten. Nota bene: Er wird dort als “grüner Stadtrat” bezeichnet und so mit den “etablierten” Grünen in einen Topf geworfen – höchste Zeit, dass man sich im grünen Lager, dem ich mich auch zurechne, von Jenni (der nicht mal in der Lage ist, seine Website aktuell zu halten) und seinem allesverhindernden Splitterhaufen distanziert. Eigentlich ein Skandal, dass so ein Skurrilo für die Grünen im Rahmen einer Listenverbindung Nationalrats-Stimmen sammeln wird. Aber so funzt leider wohl Wahltaktik. Wir geben uns monatelang alle Mühe, Franziska Teuscher in den Ständerat zu hieven – dann kommt so einer, stiert eine inhaltlich sinnvolle, aber zeitlich völlig deplazierte Veranstaltung durch und versetzt diesem Effort, in den wir zig Stunden Arbeit stecken, einen herben Dämpfer. Das macht mich rasend! Es sei dran erinnert: Zu Jennis akribischen politischen Efforts gehören allen Ernstes Birnenweichheiten wie die Verhinderung einer Euro08-Countdown-Uhr auf dem Kornhausplatz, die Erhaltung eines mittelalterlichen Mauerstücks beim Bahnhofplatzumbau (hier spricht ein Archäologensohn!) oder die Möglichst-Versifft-Erhaltung des HB-Umfeldes. Dabei haben auch tolerante Linke langsam aber sicher genug von Angebetteltwerden und Vor-die-Füsse-gespuckt-bekommen (Artikel in diesem PDF links unten beachten). Jenni, go home – Du hast uns einen Bärendienst erweisen. Und nimm die SVP gleich mit.

Geschickte Demo-Taktik: Tgom und Surselva, Sedrun, 7. Oktober 2007– Intelligent wäre aber gewesen, an diesem Tag gar keine Gegenveranstaltungen zu machen, sondern wie der Blöker und viele andere sich einen schönen Tag in den Bergen zu gönnen und den ganzen biederen Quark zu ignorieren. Wieso sollen die nicht auch mal einen Teil der Strasse haben? Stattdessen kriechen alle – wie schon im gesamten Wahlkampftheater 2007 – Blochers Strategen auf den Leim; ich wette, die SVP hatte das Communiqué “Eine Schande für die Schweiz” schon lange vor den Krawallen verfasst, da sie genau wusste, was passieren würde. Die SVP provoziert geschickt, und anstatt dass man aufs Maul hockt und den Geheimplan durchschaut, geht jedesmal ein Aufschrei durchs Land, der alles nur schlimmer macht.

Wir sind uns wohl einig: Am Anfang der Kette steht natürlich die SVP mit ihrem unsäglich primitiven Wahlkampf samt braunem Schimmer, der die Schweiz international diskreditiert. Aber wie hilflos und dumm die politischen Gegner darauf reagieren, ist fast ebenso daneben wie das Verhalten der Vermummten am Samstag.

15 Kommentare

  1. Super Blöker. Nun soll auch noch die SVP an der Unfähigkeit der Berner Polizei und den randalierenden Linken und Grünen schuld sein. Ich werde den Verdacht nicht los, dass Du ähnlich blauäugig wie Daniele Jenni bist. Auch schon mal was von Versammlungsfreiheit gehört??? Im übrigen war die Aktion der SVP als friedliches Familienfest organisiert.

    Etwas Gutes hatte der Samstag trotz allem. Wir sahen, dass die Stadt Bern und ihre verantwortlichen Personen absolut unfähig sind; dass die Berner Kantonspolizei aus lauter Hampelmännern und Schulbuben besteht und vor allem sahen wir die wahre Fratze der linken und grünen.

    Schade, dass in einer solchen Chaosstadt “EURO08”-Spiele stattfinden sollen. Diese Spiele würden besser nach Zürich verschoben. Die haben nämlich eine fähige Polizei.

  2. (Zur Info für jene, die es nicht mehr wissen: Thomas ist SVP-Nationalratskandidat)

    Thomas: Mein Satz “Wieso sollen die nicht auch mal einen Teil der Strasse haben?” spricht für sich. Ich spiele drum das Spiel jetzt eben nicht mit, lasse die SVP pfuttern und gehe nicht auf die Aussagen ein, die man man längst schon in der Presse lesen konnte.

    Nur soviel: Dass Du sie jetzt wiederkäust, ist ein wenig phantasielos. Von einem Berner SVP-NR-Kandidaten würde ich mehr Format und Differenziertheit erwarten, z.B. eine Distanzierung vom Zürcher Flügel. Das würde dich womöglich sogar wählbar machen. Aber so? Nä-ä.

  3. Zur Info: Leider bin ich nicht SVP-Nationalratskandidat sondern “nur” JSVP-Nationalratskandidat.

    Ich käue gar nichts wieder. Wir sind es nur gewohnt, die Tatsachen auszusprechen und nicht zu verdrehen – im Gegensatz zu anderen – und die Tatsachen habe sich nicht verändert, sondern sind die genannten.

    Du willst eine differenzierte Aussage: Ich distanziere mich ganz sicher nicht vom Zürcher Flügel, sondern zähle mich dazu. Obwohl es eine lächerliche Medienkonstruktion ist, da wir alle eine Partei bilden. Aber wenn wir das schon von den Medien so haben wollen, zähle ich mich sehr gerne zu diesem Flügel. Im Gegensatz zu Bern hat Zürich in seiner Stadt Ruhe und Ordung und dies ist einem nicht unwesentlichen Beitrag der dortigen SVP zu verdanken.

  4. @thomas dummermuth: bitte seien sie still. hier ist keine plattform für svp oder jsvp. und es ist alles peinlich genug.

    @blöker: jenni ist auch nicht mein fall. aber in einem hat er zutiefst recht: wie konnte ein solcher umzug bewilligt werden, wenn von anfang an klar war, was geschehen wird. im gegenzug, wie konnte man die gegendemo NICHT bewilligen, obwohl ganz klar war, was geschehen wird. und obendrauf: warum hat die stadt und die medien diese spiele voll mitgespielt, obwohl man klar wusste, was passieren wird?

    ich bin absolut gleicher meinung, dass man 1. diesen tag ohne bernblick hätte verbringen und einfach diese events hätte verschweigen müssen… auch bin ich sehr der meinung, dass die svp den samstag gut geplant hatte. man redet von 10’000 umzüglern – aber es waren wohl eher knapp 3’000. die medien haben total auf hype gesetzt und jedes futter publiziert – ohne zu hinterfragen. 10’000 personen hätten nämlich auf dem kleinen raum wo sie dann standen kaum platz gehabt… und die schätzung ist von der svp selber an die sda und damit in die presse…

    so sind geplant, die svpler zu weissen schäfchen und ach so unschuldig der meinungsfreiheit beraubt und der schwarze block und die chaoten als schwarzweissfeindbild produziert worden. schon nur dieser unsinnige name “chaoten”…. aber es entspricht den plakaten 1:1. dass aber die svp monate zuvor die halbe reithallengegend mit svp-plakaten bepflastert hatten, um präsent zu sein und den kochherd schon mal schön vorzuheitzen – davon redet jetzt niemand. ist doch so klar, dass eine explosition erfolgen muss…

    und darum muss ich – obwohl ich die gewalt nicht gutheisse – diesen verhinderInnen ein bravo aussprechen. ein paar wenige haben bern in atem gehalten, haben dem unmut mutig ein ventil gegeben und druck abgebaut. so blöd ist das nicht – gebrodelt hat’s schon viel länger… und ich war am abend in der stadt und es war ruhig und eigentlich kaum spürbar, was vorher los war. es hätte alles viel schlimmer werden können. ist es aber nicht. diese vermeintlichen “chaoten” sind meiner meinung nach ganz gut organisiert und wissen noch, was sie tun. lieber so, als wie in paris in den vororten. bern hat NUR ein blaues auge erhalten. das war direkt noch nett.

    und damit geht der rüffel an die svp, die bewusst das risiko eingegangen sind, absichtlich provoziert hatten, und die bevölkerung, wie auch die eigenen leute (und nach ihren aussagen auch über 100 kinder) in gefahr gebracht haben, damit sich einzelne als helden feiern können – oder eben als schafe. ich werde das gefühl nicht los, das die svp tatsächlich eine gewisse ähnlichkeit mit schafen aufweisen. wenn das leittier über die klippe springt, springen alle anderen hinten nach.

    deswegen bezeichne ich die menschen nicht als schafe – egal welcher hautfarbe oder herkunft sie sind. und deswegen hat die svp gerne reden – aber diese reden sind nicht für menschen bestimmt.

  5. @ensuite: Ja gute Nacht Schweiz. Hier ist also keine Plattform für mich. Eigentlich schade; denn mit dem Blöker habe ich mich bei unserer Bekanntschaft gut verstanden und er akzeptiert – im Gegensatz zu Dir – auch andere Meinungen, kann seine Intelligenz in den Blogs immer wieder unter Beweis stellen und löscht nicht – wie in anderen Blogs – andere Meinungseinträge. Aber ich überlasse Dir gerne den Blog. Denn mit Leuten, die die Geschehnisse vom Samstag auch noch schönreden muss ich eigentlich nicht weiter diskutieren und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass dies im Sinne des Blökers ist. Im übrigen habe ich Dich ja wohl provoziert, denn das tun ja in Deinen Augen alle, die eine andere Sicht der Schweiz haben.

  6. @ensuite: Natürlich ist hier ist keine Plattform für SVP und JSVP. Aber so lange Thomas anständig bleibt, kann er sagen, was er will – die Frage ist nur, ob ihn hier jemand ernst nimmt… zensuriert wird er erst, wenn er gegen die JacoBlök-Hausregeln verstösst.

    Aha, ich sehe grad im Mail, dass Thomas soeben reagiert hat. Ich gehe mit ihm einig: Wir haben uns bei unserer Begegnung gut verstanden, und auch wenn wir uns im Blog deftig aufs Dach geben (was dazu gehört) – würden wir uns begegnen, würden wir sicher nicht z’schlegle aafaa, sondern könnten zusammen reden, auch wenn wir das Heu nicht auf der selben Bühne haben. Genau so sollte Politik eben gehen.

    Das gilt auch bezüglich SVP-Demos: Ich wiederhole es gern nochmals – ohne die Positionen und den Stil gutzuheissen, ist es in Ordnung, wenn alle ihren Teil der Strasse haben. Ich sehe nicht ein, welchen Sinn es hat, mit Gegenveranstaltungen die Stimmung aufuzuheizen und damit den Zunder für Schlägereien und Zerstörungswut zu spenden und letztlich politisch der SVP in die Hände zu spielen. Von da her war die Stadtregierung vernünftig, die Gegenveranstaltung nicht zu bewilligen. Wenn sich Jenni nicht daran hält, auch wenn das “seine” rotgrüne Regierung verlangt, sagt das doch einiges über ihn – offenbar der selbe Täupeli wie viele SVP-ler, die man am besten ignoriert.

    Die Frage ist für mich schon: Wie gut hat diese Regierung ihren Job im Griff? a) Wie gut hat die Linke ihre Exponenten unter Kontrolle? Geht Tschäppät jetzt endlich mal mit Jenni ein Bier trinken und sagt ihm unmissverständlich, dass er endlich seine Klappe halten soll? b) Wie gut hat FDP-Hügli seine Schmier im Griff? Warum muss man von Herrn Gabi nach einem Anlass, vor dem alles so glasklar war, Phrasen wie “im Nachhinein ist man immer Gescheiter” anhören?

    Was die Schlägertrupps, die von den Medien gern als “linksautonom” bezeichnet werden, getan haben, ist in aller Form zu verurteilen. Auch als vehementer SVP-Gegner kann man nicht gutheissen, was geschehen ist – hast Du die vielen Filmchen gesehen? Hättest Du gerne, wenn man in Deine Wohnung käme und so randalieren würde, weil Du aus der Sicht der anderen die falsche Meinung vertrittst? Sorry – aber die Chaotenbubis sind doch genau so braun wie Teile der SVP. Das sind SS-/SA-Methoden. Da hört für mich die Zurückhaltung beim Ruf nach der Polizei auf, die man als Linker gern hat: Solche Jungs gehören in den Knast, und das nicht nur für ein paar Wochen. Die machen mir ehrlich gesagt gleich viel Angst wie die hinlänglich bekannten Glatzköpfe, die man von mir aus gleich mit den Typen vom Samstag in eine Zelle sperren kann, sodass sie sich gegenseitig auf natürliche Weise neutralisieren… die Welt könnte davon nur profitieren.

  7. Das sind doch immerhin ansatzweise nette Entwicklungen:

    – Die GFL will Daniele Jenni aus der Grünen Partei werfen. Gute Idee!

    – Gell, Thomas… immerhin habt ihr noch den Sämu – ich bin kein grosser Fan Schmids, aber er beweist immerhin, dass es auch bei Euch Menschen gibt, die zur Selbstkritik fähig sind (aus einem Tagi-Artikel: “Eine Platzkundgebung auf dem Bundesplatz ohne Umzug wäre nach seinen Worten auch für die Polizeikräfte überschaubarer gewesen. (…) Für ihn sei es «eine Frage der Verantwortung» gewesen. Denn Verantwortung trügen auch die Organisatoren eines solchen Anlasses, sagte Schmid.”).

  8. Blöker, ich gebe Dir in praktisch allen Punkten recht. Aber Franzsika Teuscher hatte schon vor dem Samstag kaum eine echte Wahlchance bei der Ausgangslage für den Ständerat, also nimms nicht so tragisch was diesen Dämpfer betrifft.
    Ich dachte es wäre ein schlauer Schachzug am Samstag den Bahnhof Wankdorf zu benutzen – wo ich allerdings in eine Horde von 100 gröhlenden Fussball-Fans geraten bin. Die waren zwar noch friedlich, aber nach den Matches gibt es auch immer wieder – völlig überflüssige – Ausschreitungen.

  9. @TV-Junkie: Ich will mich nicht als Prophet betätigen. Aber zumindest hat die Person, die schon am Wahltag (9.4.2006) um 13.30 Uhr wusste, dass es eine rotgrüne Kantonsregierung geben würde, das Gefühl, es könnte diesmal reichen (ganz am Schluss des Videos)…

  10. Gut gebrüllt Berner Bär – und doch haben die blindwütigen Schläger JEDER Gruppe, die in Zukunft in Bern demonstrieren will, einen Grizzly-Dienst erwiesen: eine Bewilligung wird wohl nicht einmal mehr der WWF erhalten – ob er für die Eisbären oder fürs Rotkäppli demonstrieren will.

    Die Polizei war auf soviel Gewaltbereitschaft einfach nicht vorbereitet – und die politisch Verantwortlichen weisen nun jede Schuld von sich.
    und: Du hast Recht Berner Bär – im Oberland war es am Samstag wunderprächtig und ruhig – auch ohne die einen oder anderen!

  11. Blöcker, da bin ich ganz mit dir einer Meinung.

    Ein Tütschi bleibt immer ein Tütschi. Ob es jetzt Mörgeli oder Blocher heisst, oder Jenni. Und Ein gewalttätiger Chaot ist immer einzusperren. Ob es sich um eine braune Glatze handelt, die sich diesseits der Brücke (unbehelligt) unter die Demonstrierenden mischt oder eine schwarze Kapuze die drüben wartet.

    Ensuite: die Meinung sagen, gegüber welcher Seite auch immer, ist ein grosser Unterschied zu alles kurz und klein schlagen!

  12. Jetzt hoert mir doch alle mal auf, staendig auf Daniele Jenni raumzuhacken.

    Im Gegensatz zu den etablierten und elitaeren Gruenen, die von einem regelrechten Groessenwahn befallen sind, weil halt zur Zeit “gruen sein” Mode ist (die Parteifarbe der SVP ist es ja sogar, nur dass sie ein bisschen mehr an Braun grenzt) hat er genuegend Mumm, gegen den Strom zu schwimmen und genuegend Geschmack, um den abscheulichen buergerlich-links-gruenen Einheitsbrei zu verschmaehen.

    In ihrer Sieger-Euphorie merken naemlich die etablierten Gruenen – sind sie “gruen” hinter den Ohren oder haben sie Efeu vor den Augen?- nicht, dass ihr Aufschwung in ihrem munteren Spaziergang Richtung Mitterechts besteht. Bis sie dann ploetzlich (wie die krieselnde SP immer noch nicht) erwachen und eine Wahrheit aus gruenen Binsen erkennen: Die Mittewaehler koennen gerade so gut FDP und CVP waehlen, die den Kapitalismus wenigstens ehrlich und offen befuerworten, und die Linkswaehler springen ab, weil sie nicht buergerliche Politik mit hellgruenem und rosa Touch wollen, sondern eben linke Politik.
    Der neue Aufmarsch der Neokonservativen in Europa sollte den Neonaiven eine Wahrnung sein: Man/frau zieht das Original der Kopie vor, man/frau hat lieber den Kapitalismus in seiner handfesten und zynischen Nacktheit, als einen Kapitalismus in Clownkostuem und mit Ursula-Wyss-Laecheln.

    Wenn die Wahlprognosen stimmen, siecht die SP weiterhin ab und die Gruenen duerfen dort, wo es keine Gruenliberalen gibt, ziemlich zunehmen. Es bleibt fuer diese Leute nur zu hoffen, dass FDP und CVP nicht ploetzlich auch noch auf den Oeko-Trip kommen. Sonst wird es dann Herbst und Winter fuer den gruenen Baum.

    Wieso ich dies alles schreibe? Weil ich meine Abscheu gegenueber der LGM-Heuchelei zum Ausdrucken bringen moechte. Dass es auch eine Wahrnung sein koennte, diese Hoffnung habe ich nicht: Gewarnt wurde schon mehr als genug. Stellen wir uns besser aufs Jammern und Troesten ein und auf die Zeit, in der die linke Elite in Daniele Jennis Kochbuch schaut, um in ihrer Verzweiflung die Bitterkeit ihrer schimmelnden, grauen Einheitsuppe zu ueberdecken.

    Und vielleicht noch etwas zum Nachdenken, bevor weiter auf Daniele Jenni eingeschossen wird: Was hat den die “vernuenftige” Linke bisher getan, um die SVP zu stoppen? Gibt es in ihren Reichen nicht genuegend Wohlhabende und Akademiker, um ein bisschen Geld und Fantasie fuer eine bissige Gegenkampagne beizusteuern?

    Als Sohn einer linken Tradition schmerzt es mich zu wissen, dass die Sozialdemokratie (und ihre gruenen Zoeglinge) die Neokonservativen genau so wenig stoppen koennen wie dazumal die Nazis und um von ihrer Faulheit und Feigheit abzulenken, lieber auf die Aktiven und Mutigen einschimpfen. Das ist ja soviel einfacher. Und deshalb waehlt man SP und Gruene auch: Die duerfen mit linker Rhetorik das schlechte Gewissen einer buergerlichen Gesellschaft beruehigen, wobei man sicher sein kann, dass es eben bei der Rhetorik bleibt.

    Ein Sieg der neoliberalen Kraefte bedeutet fuer viele materielle Armut.
    Ein Sieg der etablierten Linken das gleiche. Plus geistige Armut.

  13. @Joggeli Schmid: Ich hab unter dem Strich doch noch lieber etablierte Linke Affen als neoliberale Affen. Die Chance, dass sich da was zum Vernünftigen hin bewegt, ist doch einiges grösser bei Linken als bei irgendwelchen Mit-Glatzen-Marschierern oder Streik-Verdammern.

    Wofür setzt sich denn Jenni ein? Für einen versifften Bahnhof, für die Beibehaltung des ständigen mühsamen Angebetteltwerdens rund um den HB, gegen eine nicht allzu grauenhafte Uhr, die da ein Jahr steht, für die Erhaltung eines Mauerstücks, das eh zugeschüttet werden muss.

    Sorry: Aber wer ausser ein paar knallroten Knallköpfen und vergrämten 1968ern nimmt sowas noch ernst?

    Da wähl ich lieber Leute, die sich mit Akribie dafür einsetzen, dass die Gletscher z.B. nicht ganz verschwinden. Dass Offroader verschwinden, die mir u.a. auch mein Leben als Velofahrer schwer machen. Die den Fokus auf die Alltagssorgen richten und weniger auf Leute, die mir meine Velotasche widerholt klauen, blutige Gazen im Velokörbli hinterlassen und noch dran pissen.

    Ich gehe mit Dir einig: Die Linke machte bisher keine besonders phantasievolle Figur im Wahlkampf und ist der SVP auf den Leim gekrochen. Und das am meisten bei der Demo am Samstag vor ner Woche. Hätte man die Leute einfach gewähren lassen und nachher ein paar unzensurierte Bilder von mitmarschierenden Glatzen veröffentlicht, wäre der Effekt ungleich grösser und für uns positiver gewesen.

    Aber da schreit der Jenni wohl wieder “Datenschutz, Datenschutz”…

    Schau: Ich denke auch immer wieder dran, dass Schweigen schlecht ist. Und denke dabei an Deutschland in den 1930er-Jahren. Wer aber im Geschichtsunterricht gut aufgepasst hat und ein Quentchen politisches Gespür mitbringt, sieht schnell, dass Schweiz 2007 und Deutschland 1932 zwei völlig verschiedene Paar Schuhe sind. Darum könnte man die Rütliglatzen auch grad (medial) ignorieren – sie werden nie über ein (jämmerliches) Nischendasein raus kommen. Sehr wohl kann man solche Leute aber aufgrund geltender Gesetze anzeigen und einlochen.

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