Abzocke mit Hahnenburger

“Heute” brachte am 2. November einen Artikel rund um kostenpflichtiges Hahnenwasser in Restaurants. Ein Leserbrief in der heutigen Ausgabe (Seite 23) treibt mich richtig auf die Palme, weil er wieder mal so schön das Problem der oftmals schlappen und unfreundlichen Servicemitarbeitenden in Schweizer Beizen auf den Punkt bringt.

Der oder die Serviceangestellte K.W. (steht vermutlich für “Kein Wasser”) erfrecht sich nämlich, zu schreiben: “Ihr urteilt vorschnell, wenn ihr das Verrechnen von Hahnenwasser als Abzocke abtut. (…) Hahnenwasser zu servieren ist zusätzlicher Aufwand, der je nach Anzahl Gästen den Unterschied zwischen Stress und kein Stress bedeuten kann. Das darf doch anerkannt werden, oder? Die meisten Gäste sehen das aber als Selbstverständlichkeit. Da ist es gerechtfertigt, dass man nun anfängt, etwas dafür zu verlangen. Bringt mal was darüber, was Serviceleute immer wieder für überhebliche und arrogante Gäste bedienen, das wird viel spannender werden, glaubt mir.”

Ja, liebe(r) K.W. – es ist auch eine Selbstverständlichkeit, verdammt. Bist du sicher, dass du den richtigen Job hast, wenn du Angst vor ein wenig Stress hast? Wundere dich bei deinem Berufsethos nicht, wenn deine Gäste scheinbar überheblich und arrogant werden. Gehört zu gutem Service: Kostenloses Leitungswasser à discretion zu einem EssenGenau so werde ich bei Servierpersonal auch gerne, das sich offensichtlich vor Arbeit scheut (ebenso gerne honoriere ich aber überdurchschnittlichen Service, und den erwarte ich, auch mit Worten und Trinkgeld) – das Problem liegt folglich vermutlich eher in deiner mangelnden Motivation als der Laune der Gäste. Abgesehen davon ist es dein Job, auch bei vermeintlich mühsamen Menschen freundlich zu bleiben – dafür wirst du unter anderem bezahlt. Respektive hoffentlich bald nicht mehr. Ausser du hattest grad einen schlechten Tag, als du diesen Leserbrief geschrieben hast; den haben wir alle mal. Aber deine Aussagen passen – leider – so vorzüglich in die Servicewüste Schweiz.

Ich habe vor einem Jahr im “Alpsu” auf dem Oberalppass nachgefragt, weshalb Wirtin Regula für “Hahnenburger” etwas heuscht. Die Antwort leuchtete ein: Weil oft Skigruppen in die Wärme kommen und ausser Hahnenwasser nichts konsumieren. So kann der Umsatz natürlich nicht stimmen – dann ist es auch OK, für Heizung und Bedienung einen Batzen zu verlangen.

Die Mehrheit der Gäste in Schweizer Beizen konsumiert jedoch sicher nicht ausschliesslich Leitungswasser. Betriebe, die für Hahnenwasser, das zu einem Mahl (womöglich sogar mit einem Tropfen Wein) serviert wird, Geld verlangen, gehören boykottiert. Oder noch besser: Man hält ihnen den Spiegel vor – einfach Karaffe mitnehmen, auf der Toilette regelmässig auffüllen und genüsslich vorzeigen.

Wären Review- und Rating-Portale wie Yelp oder Tripadvisor in Europa schon etwas weiter gediehen, könnten sich viele Abzockerwirte den Kopf darüber zerbrechen, was sie wohl falsch gemacht haben, wenn die Einnahmen zurückgehen.

14 Kommentare

  1. @rogerrabbit: Wieso nicht Geld verlangen, wenn es auch tatsächlich bezahlt wird? Marktwirtschaft… wer sich daran stört, sollte die entsprechenden Restaraunts meiden, genauso wie ich nach Möglichkeit Restaurants meide, wo geraucht wird…

  2. @Shark: Der Markt regelt eben nicht alles. Weil es z.B. zu wenig rauchfreie Beizen gibt, da die Wirte etwas lethargisch sind, braucht es Gesetze zum Schutz der nichtrauchenden Mehrheit. Die Schweiz ist da extremstens rückständig im Vergleich zu anderen Ländern. Beim Wasser ist es etwas einfacher, stimmt – da aber die meisten Leute etwas doof sind und zähneknirschend doch bezahlen, fände ich auch hier ein Gesetz durchaus in Ordnung, das z.B. den Preis von Hahnenwasser begrenzt, um Abzocke zu verhindern, oder eine klare Deklaration verlangen. Natürlich sind alle selber schuld, die in eine Beiz gehen, wo für Hahnenwasser bezahlt werden muss – aber solche elenden Abzocker kann man von mir aus nicht genug in die Schranken weisen.

  3. Wieder mal eine Beiz zum Abschreiben: Im "My Thai" (Länggassstrasse, Bern) wurde ich heute nach dem Essen (volle Mahlzeit, zwei Personen) belehrt, dass ich keine eigenen Getränke mitnehmen dürfe – selbst nachdem ich dem "Gastgeber" klar gemacht hatte, dass es sich um unpasteurisierten Süssmost vom Bauern handle, der getrunken werden muss, da er sonst sauer werde, blieb er stur. Meinen mit der Bemerkung "OK, hier haben Sie ein wenig Geld, wenn Sie’s so dringend brauchen, aber ich war das letzte Mal hier" hingelegten Fünfliber wollte der Typ partout nicht, ich musste ihn schier nötigen, den Denkzettel entgegen zu nehmen. Hoffentlich schläft er extrem schlecht diese Nacht – Gastfreundschaft: Null. Wiederbesuchslust: Dito.

    (Nein, normalerweise trinke ich keine eigenen Getränke in einer Beiz. Aber hier in einem Selbstbedienungs-Schuppen, wo wir fast die einzigen Gäste waren, erschien mir das opportun.)

    Wie ich vernommen habe, wird übrigens im 13-Gault-Millau-Punktelokal "La Tavola Pronta" der Wunsch nach Hahnenwasser mit "sowas servieren wir nicht" quittiert. Kommentar überflüssig.

  4. @Blöker: Gastfreunschaft: Null?! Hö?!
    Ich würde eher sagen, Gastanstand = Null. Dem Wirt kann es doch egal sein, ob dein Most sauer wird. Das ist doch nicht sein Problem. Die Regeln, dass man nichts mitbringen darf, hast du doch zu akzeptieren. Mit dem Essenverkaufen wird man – anders als das hier einige das Gefühl haben – alles andere als reich. Da ist es doch klar, dass man mit margenträchtigen Getränken immerhin etwas verdienen will.
    Auch das blöde “Ich will ein Hahnenwasser” geht mir auf den Sack – ehrlich. Man geht doch nicht in ein Restaurant, um dort irgendeinen Schluck Wasser zu trinken?! Ich verstehe diese alberne Diskussion einfach nicht. Es ist doch logisch, dass der Wirt auch Wasser nicht gratis gibt (doch, gibt er, man kann sich nämlich einfach auf die Toilette bequemen und sich am Hahnen bedienen!!). Schliesslich hat er mit einem Glas Wasser genau die gleiche Arbeit wie mit einer Cola oder einem Bier. Er muss auch Sitzplatz bereitstellen, Heizung, Bedienung, Service, Abwasch etc.

    Ich frage mich manchmal wirklich, in welcher Welt einige hier leben, die derart vorschnell und schwarz-weiss-malerisch mit Schimpf und Schande um sich werfen?!

  5. Einmal mehr einer aus der Attitüde “Der Kunde als lästiges Übel” – genau wegen solchen Leuten nerven sich viele Gäste. Hoffentlich wist Du nie, nie, nie Wirt. Solche vorgestrigen Attitüden gehören boykottiert.

    DAS nenne ich unanständig! Oder bist Du wirklich Wirt? Wenn Du viel Geld vedienen willst, werde doch Börsenspekulant oder suche dir sonst nen anderen Job. Du hast es hier mit MENSCHEN zu tun, die sich ablenken wollen, Erholung suchen. Die wollen nicht wie Milchkühe geldgemolken werden, sie wollen ein Erlebnis. Dafür bist DU verantwortlich. Auch wenn Du zur Abwechslung mal den Finger rausnehmen musst. Wenn Dich das stresst – dann bist Du am falschen Ort.

    Diese Leier von wegen “mit Hahnenwasser hab ich ja soooo viel Aufwand” zeugt von einer derartigen “Leck-Mich-Doch-Du-Blöder-Gast-Einstellung”, das gehört an sich bestraft. (Oder lies doch einfach den Text richtig – es geht nicht drum, dass man NUR Hahnenwasser konsumiert, sondern darum, dass konsumierende Gäste das Recht auf kostenloses Hahnenwasser haben sollten. Wenn ich für über 100 Franken konsumiere, liegt das ja wohl noch drin… Beizer, die das daneben finden, haben DEFINITIV den Job verfehlt.)

    Und gib das nächste Mal Deinen Namen und eine gültige Mailadresse an. Unanständig auf der ganzen Linie!

  6. Guten Tag liebe Blogger

    Als erfahrener Gastronom im Grossraum Zürich sind mir bei einigen Kommentaren einfach gewisse Dinge unklar.

    Grundsätzlich ist das Ausschenken von Hahnenwasser eine Gratwanderung – denn ein Gast, der über 100.- konsumiert legitimiert sich eher dazu. Das ist dann aber gegenüber den weniger zahlenden extrem unfair und dieser hat dafür auch kein Verständniss, wenn man ihm dies verneint und am Tisch neben an ausschenkt.

    Wo bitt ist den der UNterschied, ob in einer Ski-Hütte ein Glas LW serviert wird oder in einer Quartierbeiz in der Stadt? Läuft der Mitarbeiter weniger? Putzen die das Glas nicht? Kriegt der Mitarbeiter weniger Lohn?

    Ihr macht die Rechnung falsch: Eine Cola kostet 4.50 im Verkauf, der Wirt bezahlt 1.- beim Lieferanten. Was meint Ihr, geschieht mit den 3.50? Das ist der Deckungsbeitrag.

    Weiter bleibt anzumerken, dass die Gastronomie unter extremen fianziellem Druck steht. Der Reingewinn im Durchschnitt pro Restaurant beträgt im Besten Fall 2%, das könnt Ihr Euch gerne durch die Gastro Suisse bestätigen lassen.

    Nun zu den Abzockern: Die wahren Abzockern sind doch die, die im Restaurant nur Hahnenwasser trinken wollen und vermutlich noch einen Hauptgang für zwei bestellen. Ein Restaurant ist eine Dienstleistungs-Institution. Wer von Euch nimmt den das Benzin zum Taxifahren selber mit? Oder das Schampoo zum Frieur? Warum beschwert Ihr Euch nicht über die Spesen einer Bank? Genau das selbe… weil es im Restaurant GEHT. Die Hure der Nation!

    Was kommt als nächstes? Picknick im Restaurant? Das Essen zum aufwärmen und da geniessen?

    Mich nimmt wunder, in welcher Branche Ihr alle arbeitet. KOmme gerne für eine Gratisleistung vorbei.

    Und ja ich bin Wirt und habe eine sehr gute und zuvorkommende Einstellung ggü. meinen Gästen.

    Den schnodrige und arrogante Service, der wir in der Schweiz haben, ist ein Problem – das ist absolut korrekt. Das hat aber nichts mit der Hahnenwasser Diskussion zu tun.

    Allen einen durstlöschenden schönen Tag,

  7. Und noch meine Email für allfällige Kommentare / Fragen / Anregungen: catch_hug — at — hispeed.ch

  8. Lieber Gastronom, ich denke, du hast den Beruf nicht derart fest verfeht wie einer der Vorredner, aber eben doch auch ein wenig. Schon wieder diese rein ökonomische Argumentation – ich denke, wer reich werden will, sollte echt nicht Beizer werden.

    Wie es in vielen Ländern Usus ist (wieso geht anderswo, was hier so verpönt ist?), gehört für mich die Karaffe Hahnenwasser (auf Wunsch nachgefüllt) kostenlos auf jeden Tisch, selbst wenn der Gast nur eine Suppe nimmt. Gehört quasi zur Grundausstattung, zum Basisservice, wie die Serviette, das Besteck oder das Tischtuch. Zumindest aber wird auf Wunsch des Gastes kostenlos Hahnenwasser à discretion serviert, genau so wie man den Laptop in vielen Cafés gratis an die vorhandenen Steckdosen anstöpseln kann.

    Alles andere ist geizig, kleinlich, schweizerisch-bünzlig und unfreundlich. Punkt.

    Kein Mensch will “Picknick im Restaurant” und andere komische Ideen; das sind doch – sorry – Ausreden. Ich liebe diese Kunden auch nicht; aber es geht ja eben darum, dass man nicht speziell erbrachte Leistungen nicht bezahlen will, sondern ich kritisiere, dass die Grundleistung schlecht erbracht ist, wenns kein Leitungswasser gibt (und übrigens: kaltes Wasser bitte, nicht das lauwarme Zeug, das man öppedie bekommt).

    Wenn du nicht mal allen Gästen (Gästen! Nicht Lohnlieferanten!) etwas Hahnenwasser einschenken kannst, ohne dass die Dollarzeichen in den Augen rotieren, dann hast du dich sonstwo irgendwie verrechnet. Wenn du jeden einzelnen Kellnergang in Franken umbiegst und die Marge berechnest, gehörst du für mich leider genau zu jenen Restaurantbesitzern, die lieber in einer Schrüblifabrik arbeiten sollten, dort nach Produktionsmenge bezahlt werden und um punkt 17.00 ausstempeln können.

    Bei mir bekommst du, wenn du z.B. ein Hostingabo hast, so manche Leistung gratis dazu. Weil mir das Wohl meiner Kundinnen und Kunden am Herzen liegt. Da orte ich in der CH-Gastronomie nicht nur bei Dir gewisse Defizite.

    Bewegt ihr euch eigentlich auch ab und zu im Ausland? Oder schafft ihrs nicht, über diesen verbohrten schweizerischen Tellerrand (im Lande, wo der Kaffee in den meisten Beizen wie knapp gefärbtes Wasser aussieht und auch so schmeckt) rauszublicken und zu sehen, dass in Ländern mit viel tieferen Löhnen und härterer Kalkulation ohne jede Nachfrage in fast allen Beizen Leitungswasser freiwillig gereicht wird? Sind das alles Irre in euren Augen? Bin ich ein Volldepp für euch, wenn ich ab und zu mal eine Viertelstunde Arbeit nicht aufschreibe und deswegen keine Pickel im Gesicht bekomme?

    Danke für die Mailadresse (ich hab sie dir zuliebe für Spammer etwas schwerer zugänglich gemacht), aber für Kommentare ist dieser Blogbeitrag da!

    Auch dir wünsche ich einen schönen Tag.

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