Abschied von den Schreibkursen

Seit 1990 führte das Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Uni Bern regelmässig journalistische Schreibseminare durch – zuerst in Ocourt im Jura und Oey im Diemtigtal, seit 1996 ausschliesslich in Solothurn.

Während jeweils dreier Tage haben in einem Basis- und Spezialkurs je zehn Studierende grundlegende journalistische Handwerksregeln erlernt. Die Arbeit Tüfteln am perfekten Lead: Wo setzen wir den Schwerpunkt? Blockseminar-Szene vom Mai 2006war intensiv – es gab nur wenige Pausen, laufend entstanden neue Texte, die natürlich auch besprochen werden wollten, ebenso wie die im Voraus eingesandten und von allen akribisch analysierten Beiträge. Meist feilten die Studentinnen und Studenten bis spät in die Nacht hinein an ihren Texten.

Natürlich kam auch das Soziale nicht zu kurz: Wir haben gemeinsam gegessen und getrunken, am selben Ort übernachtet, gespielt, geplaudert. Die Beizenlandschaft Solothurns kennen alle BlockseminärlerInnen ausgezeichnet. Und da man sich an den drei Tagen “auf einem Haufen” besser kennenlernt als in langweiligen Vorlesungen, ist aus den Blockseminar-Studis eine Art grosse Familie geworden.

Wir habens nicht genau ausgerechnet, aber vermutlich haben in über 70 Blockseminaren gegen 550 Studierende diesen Einstieg in den Basler Studierende im traditionellen Sitzungsraum, der Kreuz-Bar (1998)Journalismus gewählt. Viele von ihnen sind heute Ressortleiter, VJs, Bundesratssprecherinnen, Echo-der-Zeit-Redaktorinnen, Kolumnisten, SF-Schurnis, Lokalschreiberlinge, Tagesverantwortliche, PR-Leute, Wirtschaftsjournalisten, Produzentinnen, Auslandreporter, Bundeshauskorrespondenten, Regisseurinnen, Sportmoderatoren, Radioredaktorinnen, Mediensprecher, Fotografinnen und und und. Manche waren wenige Jahre nach ihrem Blockseminarbesuch bereits prominente Gäste aus der Praxis im Basiskurs.

Die Blocksemis waren eine ausgezeichnete Brücke zwischen Theorie und Praxis – Gatekeeping begreift man eben besser, wenn man selbst Schleusenwärter spielen muss. Es herrschte eine ausgezeichnete Feedbackkultur.

Manchmal mussten wir die Seminare gegen die notorischen Berufstheoretiker aus dem Elfeinbeinturm verteidigen – das Studium des Kursfeedbacks Radio-Interviews nach der Medienkonferenzgab uns aber stets Recht. Oft war da zu lesen: “Dieses Seminar mir im Studium mit Abstand am meisten gebracht.”

Ich hatte das Privileg, zwölf Jahre lang – gemeinsam mit Katrin Hemmer, Barbara Sommer, Barbara Anderhub, Sebastian Hueber und Lucia Probst – Co-Leiter von 17 Basis- und vier Radiokursen zu sein. Die drei Solothurner Tage waren anstrengend, aber wohl etwas vom Intensivsten, was ich als Internet- und Schreibkursleiter erlebt habe. Es war extrem befriedigend, den steilen Fortschritt innert dreier Tage mitzubekommen.

Wie setze ich einen guten Titel? Was ist ein Lead? Welche Einstiegsformen existieren? Wie schreibe ich eine Medienmitteilung um; warum steht das Wichtigste oft versteckt am Schluss? All das und vieles mehr haben wir im Basiskurs behandelt. Wie mache ich einen gestalteten Beitrag mit knackigen O-Tönen, wie schneide ich einen Beitrag (in den 1990ern auf MiniDisc, später am Compi)? Was ist das Andockmodell? Wie wähle ich Themen für einen Nachrichtenblock aus? Das waren nur wenige von vielen Facetten im Radiokurs. Nach diesen drei Tagen hörte niemand mehr gleich Radio oder las gleich Zeitung wie vorher.

Die Highlights der “praktischen Übungen im Journalismus” waren aber stets die Pressekonferenzen, die am ersten Tag um 17 Uhr auf dem Programm standen. Hier haben wir Leiterinnen und Leiter aus dem Vollen geschöpft: Die Themen waren stets möglichst blumig herbeigedichtet, wir schlüpften in verrückteste Rollen – vom verschrobenen Professor bis zur Bundesrätin. Ziel war es, den Studis möglichst viele Fallen zu stellen: Tonnen von Auch ein Besuch bei der Redaktionssitzung der Solothurner Zeitung - samt Gespräch mit den RedaktorInnen - stand immer auf dem ProgrammRohmaterial mit vielen verrückten Details – auf dass sich die Neoschurnis auf die wichtigsten Facts konzentrieren und Unwichtiges weglassen.

Wir haben unter anderem die Solothurner Kathedrale an die Aare versetzt, die Uni Bern privatisiert, NZZ und “Blick” fusioniert, ein Mausoleum für Blocher errichtet, im Kanton Bern die Landsgemeinde eingeführt, einen CVP-Radiosender eröffnet, einen Kanton Rh+ gegründet, der Schweiz eine Königin verpasst, die Cablecom Müllabfuhr machen lassen, SBB und DB zusammengeführt und eine SVP-Uniform erfunden.

Manchmal erscheint es unheimlich, dass in den 1990ern gesetzte Themen später beinahe – oder so ähnlich – tatsächlich Realität wurden. So propagierte ein totalfusioniertes Medienunternehmen zwischen Bern, Basel und Zürich anno 1998 einen E-Reader, der seine Inhalte ohne Kabelverbindung bezog, was uns damals alles ganz und gar unmöglich erschien…

Roger Blum, “Vater” der Blockseminare, geht im Januar 2010 in Gast aus der Praxis: Jeweils eine Stunde langt konnten die Studierenden Medienschaffenden Fragen zum journalistischen Alltag stellenPension. Damit geht auch die Ära der praktischen Schreibkurse zu Ende.

Vorgestern Abend haben wir alle ehemaligen Teilnehmenden nochmals ins “Kreuz” nach Solothurn eingeladen, wo die meisten Seminare stattfanden – 50 Leute kamen: Männer mit weniger Haaren, Frauen mit Kinderwagen, natürlich gabs nochmals eine “Pressekonferenz”, es wurden Nostalgiefotos projiziert, der Chef beschenkte seine Crew und alle durften ein Exemplar von “FAKES” mit nach Hause nehmen: In dieser Jubiläumsschrift mit dem Untertitel “ungehaltene Pressekonferenzen” haben wir alle unsere frei erfundenen PK-Reden gesammelt und zusammen mit Teilnehmer-, Gäste- und Dozierendenlisten sowie Fotos in ein Heft gepackt, das sich sehen lässt (PDF, 7 MB).

Die letzte erfundene Medienorientierung: Ehemalige Basiskurs-LeiterInnen am 2. Dezember in Solothurn (Foto: Daniel Bernet)

Die letzte erfundene Medienorientierung ehemaliger Blockseminar-LeiterInnen

Blockseminar-Teilnehmende aus 19 Jahren geniessen den Abschlussabend in Solothurn (Foto: Daniel Bernet)

Blockseminar-Teilnehmende aus 19 Jahren geniessen den Abschlussabend in Solothurn (Foto: Daniel Bernet)

Blockseminar-Teilnehmende aus 19 Jahren geniessen den Abschlussabend im Solothurner Restaurant “Kreuz”

Ein würdiger Abschluss einer Veranstaltungsserie, von der mir der Abschied mehr als schwer fällt. Falls ich demnächst unters Tram kommen sollte, sei es für immer und ewig festgehalten: Merci, merci, merci, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer, liebe Ex-Co-LeiterInnen. Die Zeit mit Euch wird stets etwas vom Allerschönsten in meinem Berufsleben bleiben.

5 Kommentare

  1. ich war mal in Oey-Diemtigen dabei, mit Herrn Blum und dem unverwüstlichen Peter Anliker… läck, ist das lange her! Und wir haben die Dorfbevölkerung terrorisiert, auf der Suche nach Themen und Geschichten…

  2. habe das “fakes” und den entsprechenden beitrag erst zufällig entdeckt – eine gute sache! dass ihr jedoch “alle” ehemalige teilnehmende eingeladen habt, möchte ich mal bezweifeln. ich mag mich zumindest an keine solche einladung erinnern. 😉

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