Seit Frühling 2007 untersagt die Schweizer Gesetzgebung den Versand von Spam. Im Bundesgesetz über den unlauteren Wettbewerb (UWG) sind verschiedene Abwehrmassnahmen gegen Spam enthalten, dazu schreibt das Fernmeldegesetz (FMG) fest, welche Massnahmen die Provider gegen Spammer ergreifen müssen.

Seither hat das Problem von Schweizer Spam massiv abgenommen – vorbei die Zeiten, als in Foren monatelang über Swissairbesteck und Sockenmails eines notorischen Zürcher Spamversenders diskutiert wurde.

Immerhin sind heute auch die meisten Spamfilter soweit, dass der milliardenfach versandte internationale Spam einem kaum mehr Zeit stiehlt. Ein paar Lottogewinne, Geldtransfers und Schnäbimedis pro Monat sind verkraftbar.

Mühsam wird es hingegen, wenn man den zuständigen Providern brav Schweizer Spammer meldet – und diese nichts tun.

Noch schlimmer ist es, wenn sie das falsche tun.

Zur Erklärung: Die meisten Abteilungen der Provider, die sich mit Spam und Hacking befassen, erreicht man unter abuse@providername.ch. Da ich in der Vergangenheit von Spammern bedroht wurde, deren Mails ich via Abuse Desk gemeldet hatte, erwähne ich jeweils in der Meldung klar, dass meine Daten keinesfalls an den Spammer weitergegeben werden dürfen.

Zum konkreten Fall: Letzte Woche kam ein klassisches Spam eines Schweizer Onlinehändlers rein, dass an die info@-Adressen vermutlich aller ch-Domains versandt wurde. Ich habe eine klassische Spammer-Falle bei einer meiner Domains: Wenn dort ein Mail hingelangt, muss es zu 100% ein Spam sein, denn die Adresse ist niemandem bekannt und die info@-Adresse als reine Spamtrap in Betrieb.

Der verwendete Mailserver steht wie so oft irgendwo im Ausland, die Website liegt aber bei einem der grossen Schweizer Hosting Provider. Ich habe das Spam also dem Betreiber des Mailservers und dem Hoster wie immer samt Mailheadern gemeldet und darum gebeten, anonym zu bleiben.

Nun muss man noch anfügen: Es gibt seit Jahren eine Faustregel, die besagt, nie die automatischen Austragungslinks in den Mails zu benützen, da der Spammer ansonsten die Existenz der Mailadresse gratis und franko bestätigt bekommt.

Was tat der grosse Schweizer Provider und Hoster des Spammers? – Er klickte auf den Austragungslink und die Sache schien für ihn erledigt zu sein. Damit hatte der Spammer Gewissheit, dass meine Mailadresse existiert – Merci viumau. Das geht noch weiter als die meisten doofen Standardantworten, man werde die Sache prüfen und den Kunden im Wiederholungsfall vielleicht dann mal sperren. So bekommt man CH-Spam nie in den Griff.

Ich hörte stundenlang nichts mehr – keine automatische Antwort, keine Eingangsbestätigung mit ein paar erklärenden Worten. Ich hakte also nach.

Ein “System Administrator” X. meldete sich mit einer haarsträubenden Antwort in holprigem Deutsch: “Wir leiten Kunden Beschwerden betreffend Ihres Hostings weiter. Es ist dann Ihnen überlassen darauf zu reagieren.”

Wie bitte? Wozu gibt es dann Allgemeine Geschäftsbedingungen, das FMG und ein UWG?

Weiter: “(…) Dem Kunden räumen wir eine Frist von zwei Wochen ein um uns ein ausführliches Statement zuzustellen. Wir entscheiden darauf, ob wir die Beziehung zum Kunden beenden oder nicht. Zudem beurteilen wir das Versenden von SPAM und Spamvertizing gleich. (…)”

Ich hakte nach. X schrieb: “Leider ist es für uns enorm schwierig den Entscheid ob SPAM oder nicht SPAM zu fällen. Wegen dem Kunden heute sind mir drei Reklamationen in sechs Monaten bekannt. Der Kunde versendet seinen Newsletter gemäss seinen Angaben an sehr viele Adressen. Daher ist die Beschwerdezahl zu gering, dass wir den Vertrag beenden würden. Zudem versendet der Kunde seinen Newsletter nicht über unsere Infrastruktur. Nur die Webseite ist bei uns in Betrieb. Der Kunde würde sein Geschäft aufgrund unserer Kündigung wohl auch nicht aufgeben.”

Aha, interessant. Oben stand noch “wir behandeln SPAM und Spamvertizing gleich”, jetzt das Gegenteil. Fazit des Mails für uns Spam-Empfänger: Lieber behält die Firma einen dubiosen Kunden als ein Zeichen gegen Schweizer Spammer zu setzen!

Wenn sogar einer der grossen im Hostinggeschäft so lasch handelt: gute Nacht.

Zudem schien der Herr Administrator plötzlich die eigenen AGB nicht mehr zu kennen, die er wenige Minuten zuvor noch kannte. Aber eben, jetzt wäre Arbeit angesagt gewesen. Und das kann anstrengend sein. Die meisten Hoster-AGB (auch die seiner Firma) sagen klar aus, dass auch Spams untersagt sind, die beim Hoster gehostete Seiten bewerben. Ausserdem sagt ja allein schon das Vorhandensein weiterer Reklamationen, dass da was nicht stimmen kann.

Ich war mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich tatsächlich mit dem Abuse Desk eines grossen Schweizer Providers verbunden war oder mit einem Feldwaldwiesenprovider aus der Provinz.

Doch ich hakte wieder nach. Antwort: “Solange wir keine Beweise für ein rechtswidriges Verhalten haben, können wir eine Webseite nicht einfach abschalten. Das müsste ein Gericht entscheiden. Wir haben uns vertraglich zu einer Dienstleitung verpflichtet.”

Auch hier scheint Herr X. die Bedingungen seines Arbeitgebers nicht zu kennen: Laut den AGB kann bei Verstössen gegen dieselben die Dienstleistung jederzeit sistiert werden.

Das Unternehmen des Spammers ist mir völlig egal – als Antispam-Aktivist seit der Urzeit des Internets liegt mir einfach daran, dass zumindest die Schweizer Provider Spammer rigoros ausschliessen. Ich hatte dem Hoster hinlänglich erklärt, dass die verwendete Adresse zu 100% auf ein Spam hinweist. Ausserdem gibt der Provider ja selbst zu, dass es sich offenbar um einen Wiederholungstäter handelt. (Ob er mir diese Info überhaupt geben darf, steht noch auf einem anderen Blatt geschrieben.)

Immerhin erreichte mich wenig später diese Nachricht: “Ich habe das mit meinem Vorgesetzten nochmal abgeklärt. Wir können auch früher sperren. Wir verlangen nun vom Kunden die komplette Offenlegung der Herkunft der E-Mail-Adressen in seinem Verteiler.”

Vier Tage später war das Hosting des Spammers immer noch in Betrieb. [Edit: Nach einer Woche wurde ihm gekündigt, siehe 1. Kommentar weiter unten.]

Natürlich kann ein Spammer seine Website irgendwohin schieben und fröhlich weitermachen, wenn ihn ein Provider rauskickt – aber immerhin macht man ihm das Leben so schwer wie nur möglich und zeigt ihm, dass sein Verhalten fragwürdig ist.

Ich hoffe, dass es in naher Zukunft zu einer Professionalisierung der Abuse Desks bei Schweizer Hostern und Telcos kommt – und Schweizer Spam möglichst zur Chefsache erklärt und schnell geahndet wird.

Mit der einzigen Sprache, die Spammer verstehen: Dem fristlosen Rauswurf.

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Ich erinnere mich noch, wie wir “en famille” die Herrenabfahrt der WM 1982 anschauen wollten – doch es regnete und regnete und regnete. Der Fernseher stand im Keller; ich wurde regelmässig runter geschickt, um zu checken, ob es los gehe.

Doch da waren nur diese Pfützen im grauen Schnee, sodass aus “Schladming” eher ein “Schlammding” wurde.

Revolutionär damals: Kippstangen und Kunstschnee.

Kommen wir doch anlässlich von “Schladming 2013″ zurück auf diesen Beitrag – kombiniert mit immere seltsamere Blüten treibenden “Aufschrei”-Debatte, um die man momentan betrüblicherweise kaum herum kommt.

Denn gegen die Bildlegenden-Formulierer der “Schweizer Illustrierten” ist Brüderle ein prüder, scheuer Chorknabe.

In den Reportagen über die damaligen Skihelden bzw. vor allem Skiheldinnen zur alpinen Ski-WM 1982 durfte die “Schweizer Illustrierte” noch solche Bildlegenden schreiben:

Es ist ein Genuss, den Skimädchen auf der Piste zuzuschauen. Aber es ist auch ein Genuss, sie anzusehen, wenn sie weder Helm noch Rennanzug tragen.

Beilage zur Ski-WM 1982 der Schweizer Illustrierten mit haarsträubenden Bildlegenden

Beilage zur Ski-WM 1982 der Schweizer Illustrierten mit haarsträubenden Bildlegenden

Der Titel dieses Bildes lautete “Vier Mädchen, sieben Medaillen” (Hess, Cooper, Zini, Quario):

Beilage zur Ski-WM 1982 der Schweizer Illustrierten mit haarsträubenden Bildlegenden

Und hier ein letztes Beispiel Ringier’scher Bildlegendenkunst à la frühe 80er:

Beilage zur Ski-WM 1982 der Schweizer Illustrierten mit haarsträubenden Bildlegenden

Autogramme des heutigen Schweizer Skiteams wird heuer kaum jemand wollen.

Wer dafür eins von Jacques Lüthi, Helmut Höflehner, Leonhard Stock, Peter Wirnsberger, Anni Kronbichler, Traudl Hächer, Toni Bürgler, Conradin Cathomen, Joël Gaspoz, Ariane Ehrat, Zoe Haas, den Hess-Schwestern, Hanni Wenzel, Paul Frommelt, Laurie Graham, Holly Beth Flanders, Ken Read oder Petar Popangelov möchte – hier sind alle Adressen!

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Ich erinnere mich noch gut, wie ich als Kind in Sedrun bei Sofia Schmid im Laden einkaufte, in dem sich heute die Filiale der Bäckerei befindet. Der Laden war beschriftet mit “Sport / Photo / Drogen” – erst als Teenie realisierte ich die Zwedideutigkeit dieses Angebotes:

Sedrun in den frühern 1970ern - klicken für grössere Fassung

Natürlich verkaufte unsere Nachbarin Sofia keine Drogen im heutigen Sinne (damals sagte man im Alltag schliesslich auch noch nicht “geil”) – für ähnliche Substanzen ist heute ihr Sohn Roman als Apotheker zuständig. Nein, die markanten Agfa- und Kodak-Leuchtreklamen zogen Touristen an, die hier von Sonnenbrillen über Filme und Medikamente bis Zeitungen fast alles kaufen konnten.

Ihr Mann Teofil ist es aber, der im Zentrum dieses Beitrages steht. Dass ich mich nur an seine Frau erinnere, hat den tragischen Grund, dass er viel zu früh starb, als ich erst ein Jahr alt war. Teofil Schmid-Venzin (1912-1973) war einer der bedeutenden Fotochronisten Sedruns.

Fotoverpackung von Teofil Schmid

Unzählige Schnappschüsse von Einheimischen und Touristen gehen auf sein Konto, er war zudem ein begnadeter Landschaftsfotograf. Die meisten Schwarzweisspostkarten des Val Tujetsch knipste er. Einige davon kann man heute noch in der Bäckerei Marcel Schmid kaufen.

Da sein Haus direkt neben unserem stand bzw. steht, hat Dorfhistoriker Tarcisi Hendry im Zuge der Recherchen zur Ausstellung auch wunderbare Alltags-Aufnahmen meines Elternhauses zum Vorschein gekommen – so zum Beispiel dieser Schnappschuss aus dem Frühling 1948, als erst die Grundmauern standen:

Mein Elternhaus im Sommer 1948 - Foto: Teofil Schmid

Das Museum La Truaisch Sedrun widmet Teofil Schmid diesen Winter eine Sonderausstellung (mehr in diesem PDF) – nebenbei kann man im Museum auch wunderbare Kristalle und Nuggets bewundern und eine Reise zurück in die Zeit der Flachsverarbeitung unternehmen.

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25.01.2013

Über dem Nebelmeer

Sowas hält ja kein Mensch aus…

Unter der Hochnebelsuppe in Bern, 24.1.2013

Unter der Hochnebelsuppe in Bern, 24.1.2013

… drum bestieg ich noch am Donnerstagabend den Zug in Bern, Ziel: Wengen. Das war eine gute Idee – ich lasse die Bilder sprechen.

Eigergletscher, 25. Januar 2013

Eigergletscher, 25. Januar 2013

Kleine Scheidegg, 25. Januar 2013

Kleine Scheidegg, 25. Januar 2013

Kleine Scheidegg, 25. Januar 2013

Hier hat’s mehr Fotos dieses Wahnsinnstages.

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Es müssen nicht immer die Alpen sein. Nach einem malerischen Fährtchen über Guggisberg und Plaffeien erreicht man nach rund Dreiviertelstunden Schwarzsee.

Schwarzsee, 22. Januar 2013

Schwarzsee, 22. Januar 2013

Klar, auch die anderen Orte entlang der Gantrischkette – ich habe in der Serie “Vintage-Skifahren” über Gantrisch-Gurnigel, Selital und Rüschegg-Eywald berichtet – sind skitechnisch ideal gelegen für die Bewohnerinnen und Bewohner von Bern und dessen Umland.

Aber hier auf dem Gebiet der Freiburger Gemeinde Plaffeien finden sich im Gegensatz zu den Gantrisch-Klassikern auch richtig lange, steile Pisten:

Schwarzsee, 22. Januar 2013

In die Vintage-Serie reicht es nicht, da heute dort eine moderne 4er-Sesselbahn läuft (wie man sie rund um die Welt hundertfach findet), wo vor zwei Jahren das Skiliftnostalgie-Highlight schlechthin abgrissen wurde – der Brändle-Doppelskilift Kaiseregg:

Skilifte Kaiseregg, 2010

Zudem existierten bis vor einigen Jahren am gegenüberliegenden Hang die Anlagen am Schwyberg, die hier für alle Ewigkeiten dokumentiert sind. Heute zeugt nur noch die Talstation der ehemaligen Sesselbahn vom Traditionsskigebiet – beim Abbruch hatten die Verantwortlichen Tränen in den Augen:

Abbruch der Anlagen am Schwyberg, 2009

Wirtschaftlich und komforttechnisch war die Konzentration auf die Kaisereggseite sicher in Ordnung – die Anlagen hier sind bestens geeignet für Skisüchtige aus weiten Teilen des Mittellandes, die mit ihren Kindern dem Pistenvergnügen frönen wollen – oder einfach schnell spontan den Nachmittag frei nehmen, um den Kopf zu verlüften. Mit den beiden schnellen Sesselbahnen geniesst man hier einen ungewöhnlichen Komfort für so ein kleines Gebiet.

Und immerhin einen Brändle-Lift mit seinen klassischen Portalmasten gibts auch noch, auch wenn er vor zehn Jahren arg garaventisiert wurde:

Schwarzsee, 22. Januar 2013

Besonders gemütlich fand ich das flache Seitental mit dem Skilift Riggisalpboden und der Alphütte “Rainlihuus”, wo es Ässe und Triiche gibt:

Schwarzsee, 22. Januar 2013

Wenn dann langsam der Mond hinter der Kaiseregg aufgeht…

Schwarzsee, 22. Januar 2013

… und das Licht abendlich wird…

Schwarzsee, 22. Januar 2013

… blickt man nochmals rüber zur Jurakette, zu den Seen, ins Mittelland und das Gantrischgebiet und stellt einmal mehr glücklich fest, dass man halt schon an einem sauschönen und praktischen Ort lebt.

Schnell ist man via Guggisberg-Schwarzenburg-Gasel…

Schwarzsee, 22. Januar 2013

… zurück am Stadtrand Berns und packt zufrieden die Mitbringsel aus der Metzgerei und der Käserei von Plaffeien aus.

Mehr Bilder hier.

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Dieses Zwischenhoch sah nach einem aus, das ausgenützt werden muss. Also auf, um Neuland zu erkunden! Das weitere Umfeld ist aus der Serie “Vintage-Skifahren” bekannt: Les Breuleux, Tramelan, Prés-d’Orvon, Bugnenets-Savagnières.

Aber mittendrin? Da fehlt noch ein Stück. Da, wo Strom aus Wind und Sonne gewonnen wird.

St-Imier war der Ausgangspunkt. Ende des 19. Jahrhunderts lebten hier im Herzen des Uhren-Juras fast doppelt soviel Menschen wie heute.

St-Imier, 12.1.2013

Im Städtchen wird auf zahlreichen Tafeln die wechselvolle Geschichte des Ortes erzählt. Aber wir wollen ja in den Schnee, der sich hinter mehr oder weniger gelungener Architektur versteckt…

St-Imier, 12.1.2013

… da oben soll tatsächlich tiefster Winter herrschen, verkündet jedenfalls auch die Webcam des Funiculaire. Und tatsächlich! Im Tal ist es grün, hier oben auf dem Mont Soleil liegt eine ansehnliche Schneedecke.

Schneewandern im Berner Jura, 12.1.2013

Aber uns interessieren weniger die beiden Kinderskilifte mit ihren jungfräulichen Pisten, sondern der Winterwanderweg am grössten Windpark der Schweiz vorbei zum Mont Crosin. An diesem kalten Januartag nach einer verschneiten Nacht eröffnen sich hier auf rund 1200m die wunderbaren, klassischen Jura-Winterzauberbilder, die wir auch schon im Januar 2007 genossen hatten.

Schneewandern im Berner Jura, 12.1.2013

Schneewandern im Berner Jura, 12.1.2013

Schneewandern im Berner Jura, 12.1.2013

Schneewandern im Berner Jura, 12.1.2013

Krönender Abschluss nach rund zwei Stunden vor der CJ-Car-Fahrt zurück nach St-Imier: Ein Nostalgiespunten erster Güte an der Passstrasse nach Tramelan. Wie wenn die Zeit 1979 stehen geblieben wäre.

Schneewandern im Berner Jura, 12.1.2013

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Ich wollte gestern vor dem Einschlafen noch ein paar Youtube-Clips aus den 80ern gucken und bin dann stundenlang bei Kate Bush hängen geblieben.

Dass sie schon sehr früh Songs komponiert und interpretiert hat, die andere erst zehn Altersjahre später fertigbringen, war mir bekannt- “Wuthering Heights” gehört zur “Top 5″ meiner ewigen Musikbestenliste.

Das muss man ohne Playback als knapp 20-jährige Newcomerin vor einem Millionenpublikum auch zuerst mal so souverän bringen:

Kate Bush singt “Wuthering Heights” live in “Top of The Pops”, 1978

Anno 1978 muss das wie von einem anderen Planeten angemutet haben. Wikipedia schreibt denn auch: “Der Presse fiel es schwer, Bushs Single und Album einzuordnen, denn es gab kaum Vergleichbares.” Kate Bush – seit kurzem CBE – war die erste Frau, die mit einer Eigenkomposition Nummer 1 in England wurde. David Gilmour half ihr kurz zuvor, ihr Demotape aufzupeppen.

Die Literaturinterpretation schrieb sie in einem Alter, in dem ich und viele andere sich extrem schwer tat mit diesem Textgenre – wir hielten uns meist an die Zusammenfassungen, die man damals noch nicht in einem “Internet” fand, sondern in der Buchhandlung bestellen musste. Und das ganze dann noch in so einen Song verwandeln? Chapeau.

Dass auf der Originalfassung die Musiker von Alan Parsons Project spielen, hatte ich auch vergessen, what a shame. Ihre Plattenfirma wollte eigentlich einen anderen Song als erste Single von “The Kick Inside” auskoppeln, aber hier – wie auch später so oft – setzte sich die selbstbewusste Catherine gegen EMI durch.

“Wuthering Heights” ist einer dieser magischen Zeitmaschinensongs. Man muss einfach zuhören und eintauchen, und immer wieder verschlägt es mich in die etwas andere Welt der später 1970er, eine Welt aus Räucherstäbchen, Tropfkerzen, Anti-AKW-Klebern, dem blauen Döschwo und den selbst angemalten Korbstühlen. Die beiden Singles sind jene Vinyl-Scheiben, auf deren Besitz ich richtig stolz bin – eine amerikanische und eine deutsche Pressung (eine französische “Babooshka”-Single ist hier auch noch dabei):

Singles von Kate Bush

Singles von Kate Bush

Die amerikanische Pressung habe ich mir vor Jahren bei Amoeba in San Francisco gekauft – allerdings ist sie kürzer, schändlicherweise wird bei Beginn des Gitarrensolos ausgeblendet. Welch ein Frevel.

Aus ihrem Youtube-Kanal, wo man in verdankenswerter Weise viele Videos in bester Qualität anschauen kann, altbekannt sind natürlich Cloudbusting (mit Donald Sutherland) oder Running up That Hill. Der Song tönt irgendwie verdammt nach Lindsdey Buckingham und der Tänzer sieht zu Beginn auch so aus wie der Fleetwoodmaccer, er ist es aber natürlich nicht. Die Instrumentierung erinnert aber sehr an Buckingham-Produktionen aus dieser Zeit, speziell “Big Love” aus einem der Hammeralben meiner Teenagerzeit, “Tango in The Night”.

Zudem beschämenderweise eben erst entdeckt:

“Hammer Horror” aus dem zweiten Album “Lionheart” – komischerweise nur Nummer 44 in England

Bushs Grimassen und Tanz sowie der komische Maskenmann in “Hammer Horror” sind nur auf den ersten Blick exaltiert-lächerlich – wenn man bedenkt, was man vor 35 Jahren sonst so zu hören und sehen bekam, wirkt das alles sehr, sehr avantgardistisch. Und man muss sich immer vor Augen führen – ihre Songs sind fast ausschliesslich Eigenkompositionen.

Ich kann dem Kommentar eines Users nur zustimmen: “How can this only have 101,137 views while so much? banal instantly forgetable tunes and performances reach viewing figures of many millions.” Die vielseitige Instrumentierung und die Rhythmuswechsel gefallen mir ungemein, und zwischendurch blitzen Gedanken an “Alan Parsons Project” auf – kein Wunder, Parsons’ Musiker spielen auch hier wieder mit.

Schön, dass man einen uralten Song erstmals hören und gleich als Ohrwurm neu ins Repertoire aufnehmen kann. Mit aktueller Popmusik klappt das nur noch sehr selten.

Das Stück ist eine Hommage an das traditionelle Film-Produktionsunternehmen “Hammer Films“, das unter anderem Draculafilme mit Christopher Lee herausbrachte. Vermutlich habe ich mit Kate Bush gemeinsam, dass diese Streifen die ersten Horrorfilme waren, die wir viel zu früh anschauten und danach nicht schlafen konnten.

Und wer’s dann doch lieber altbekannt mag: In Babooshka sieht sie aus wie eine Amazone aus dem fiktiven Film “Argo” im echten Film “Argo”. “Babooshka” stammt genau der Zeit von “Argo” und dürfte den Zeitgeist damit bestens getroffen haben.

Es ist der erste Song von Kate, an den ich mich tatsächlich erinnere; immer, wenn ich ihn höre, sehe ich mich in Cannes den Tim-und-Struppi-Band “Die Juwelen der Sängerin” kaufen (ja, die deutsche Ausgabe). Das war im Juli 1980, und ich sah damals so aus. Den Tanz aus dem Video finde ich dann allerdings ziemlich unfiligran-doof.

Wobei… manchmal bilde ich mir ein, dass ich mich an ihren Auftritt in “Bio’s Bahnhof” erinnern kann, aber das ist wohl wishful thinking. Könnte zwar schon sein, ich weiss noch, wie ich in diesem Sommer mit meinem Grossvater immer die Spiele der Fussball-WM in Argentinien geschaut hatte. Und meine Onkels schauten sich damals viele Musik- und Talksendungen an, wo ich mich unauffällig dazugesellte.

The Sensual World” (1989) war dann der erste Hit, den ich in der Hitparade selbst ansagen durfte. Und nun werde ich endlich ihre neuen Songs mal in Ruhe anhören. Höchste Zeit.

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Vor 365 Tagen musste ich ziemlich klönen an dieser Stelle. 2011 war weder gesundheitlich noch geschäftlich ein einfaches Jahr.

Schön, dass 2012 ganz anders herausgekommen ist. Ein grandioser Winter mit extrem viel Schnee, ein früher Wärmeeinbruch, genug Aufträge, eine gedämmte Fassade mit neuen Fenstern, erholsame Ferien im Herbst, 40. Geburtstag heil überstanden, viele schöne Augenblicke mit vielen Menschen. So kann’s gern weitergehen:

Das war 2012 - die Bilder des Jahres

Wie üblich an dieser Stelle das “Best Of JacoBlök 2012″ – der Rückblick auf die aus persönlicher Warte wichtigsten Blogbeiträge des Jahres:

Eingeschneit und durchgeschüttelt – weil es ein wunderbarer Winter mit Rekordschneemengen war.

Was Skiliftbügel den ganzen Tag so erleben – weil kindische Ideen immer noch die besten sind!

Vintage-Skifahren,Teil 17: Dent de Vaulion – weil diese kleinen Juraskigebiete mit klapprigen Tellerliften schlicht umwerfend sind.

Blick von der Piste nach Korsika – ein Skitag am Meer – weil es das ergreifendste Erlebnis des Jahres war, von der Piste aus aufs Meer hinaus zu blicken und Korsika im Hintergrund glänzen zu sehen.

Warum sechs Wochen Ferien ein Muss sind – weil nur die Schweizer so doof sein können, an der Urne gegen mehr Quality Time stimmen zu können.

Eine neue Webcam in Sedrun – unsere erste Mobotix – weil das Spielsachen sind, die auch anderen Menschen viel bringen. An Spitzentagen besuchen über 1000 Leute am Tag sedruncam.ch.

Wo bleibt René Schmieds Gewissen? – weil mich die Dollarzeichen-in-den-Augen-Attitüde vieler Führungskräfte nervt. Und weil es ärgerlich ist, dass viele Linke sie auch noch unterstützen.

Zeitungen als Isolation Vol. II – die neue Fassade – weil wir den Energieverbrauch dank neuer Dämmung und neuer Fenster massiv senken konnten.

Von der Gelmerbahn bis zum Hagelsturm – weil es der erste grosse Ausflug mit Göttimeitschi Sophie war und hoffentlich noch viele mehr dazu kommen.

Entdeckung: Eva Besnyö im Jeu de Paume – weil es ein cooles Pariswochenende war und ich eine noch coolere Ungarin entdeckt habe.

In 12 Stunden mit 8 Verkehrsmitteln in den Süden – weil man manchmal gegen sein Gewissen irgendwelche Verrücktheiten machen muss.

Pause in den Hügeln des Alto Monferrato – weil die langen Ferien im Süden einmal mehr gut getan haben.

Wieder tagelang keine Sunrise-Netz in Sedrun, Kommunikation mangelhaft – weil es meine frühere Lieblings-Telekom-Firma geschafft hat, den Laden mit miserablem Kundendienst, Abzockerei und tagelangen Netzausfällen ohne Kommunikation an die Wand zu fahren.

Wieso fallen immer noch viele Menschen auf Kettennachrichten rein? – weil der wichtigste Filter fürs Leben im Internet immer noch im Kopf sitzt und leider sehr viele Menschen noch ein paar Nachhilfestunden nötig haben.

Zu den nackten Zahlen: Die Serverstatistiken 2012 haben sich nach dem Einbruch 2010/11 stabilisiert. Die Anzahl Besuche geht aber weiter zurück. Pro Tag verzeichnet dieser Blog rund 207 Besuche.

Abrufstatistik dieses Blogs 2012

Und weil’s so schön war, mein Augenblick des Jahres 2012 (klicken für grössere Fassung) – wie lange hatte mich mir gewünscht, von einer Skiliftstation aus auf Skis aufs Meer hinaus zu blicken? Am 23. Februar war es endlich soweit: Abbügeln und unter sich das Pays de Fayence, den Esterel, die Iles des Lérins und die Bucht von Cannes sehen. So nahe sind Dinge, die mir seit ich denken kann viel bedeuten, nirgends sonst beieinander.

23. Februar, Bergstation des Skiliftes auf der Montagne de l'Audibergue, Sicht aufs Massif de l'Esterel und das Mittelmeer

Wollen wir das Jahr doch schmalzschnulzig abschliessen. Die musikalische Wiederentdeckung des Jahres war für mich dieser Schmachtfetzen, den ich fast 30 Jahre lang vergessen hatte und der plötzlich ungeahnte Ohrwurmqualitäten entwickelte. Italo-Pop der 80er vom Feinsten!

In dieser Version bei Timecode 3:06 hat Antonello Venditti übrigens den Text vergessen – “Tutto il male” war eine Strophe vorher…

Auch wiederentdeckt anno 2012: Songs von Indochine, Niagara, Jean Schultheis, Etienne Daho und Sound Experience. Den aktuellen Schrott kann man ja schliesslich kaum brauchen, allenfalls Lana del Rey wäre noch erwähnenswert.

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Und noch weiter zurück in der Zeit:

- Der Rückblick 2011
- Der Rückblick 2010
- Der Rückblick 2009
- Der Rückblick 2008
- Der Rückblick 2007
- Der Rückblick 2006

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Nachdem wir im Themenkreis “der Mensch und das Internet – nicht immer eine Liebesbeziehung” kürzlich das Thema “die Psychologie des Kettenmail-Weiterleitens” behandelt haben, kommen wir zu einer weiteren Glatteis-Strecke auf den grossen, weiten Datenstrassen dieser Welt.

Wenn ich Kunden bei Problemlösungen helfe, muss ich manchmal auch nach einem Passwort fragen. Was da so zum Vorschein kommt, ist schockierend – das Facebookpasswort eines Verwandten lautete beispielsweise bis vor kurzem 123456. Auch beliebt sind abc123, qwertz, Namen mit Jahrgang, Kosenamen oder normale Wörter in Kleinbuchstaben.

Wer solche Passwörter verwendet, schadet nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Freundinnen und Freunden.

Weil nicht alle Internetprofis sein können, sei hier gesagt: Solche Dinge sind grobfahrlässig und vergleichbar mit “während der Ferien zur Strasse hin sichtbare Wohnungstüre weit offen lassen, wobei auch gleich die Hausschlüssel der Nachbarn sauber beschriftet zuvorderst hängen”.

Aber wieso? – Nach diesem Beitrag ist hoffentlich allen klar, dass ein gutes Passwort 6-?a4+Fy!8Hns&d oder ähnlich lauten sollte. Egal, ob fürs Mail, den Blog, den Rechner, das e-Banking.

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Mir fiel im Internetjahr 2012 die vergleichsweise hohe Anzahl gehackter Twitter- und Mailaccounts auf. In meinem Bekanntenkreis erwischte es einige – die Folge waren Mails und Tweets mit Links zu präparierten Websites (wo man sich in der Regel einen Schädling einfängt, der wiederum Passwörter stiehlt):

Gehacktes Twitterkonto versendet Links zu Trojanerseiten (Herbst 2012)

Eine kleine Umfrage bei den Betroffenen ergab teils Überraschendes:

- Nur zwei Personen waren sich bewusst, dass eine schlechte Passwortwahl auch Freundinnen und Bekannte gefährdet.

- Die meisten Passwörter bestanden aus in Wörterbüchern abrufbaren Namen zusammen mit Zahlen. Das ist besser als nur Buchstaben, aber immer noch weit weg von einem sicheren Passwort.

- Die meisten gaben an, sich schon bewusst zu sein, dass das Passwort nicht ganz OK sei. Jemand schrieb explizit, was sich mutmasslich die meisten dachten: “Halbwegs sicher/unsicher zumindest. Und definitiv zu faul, es zu ändern.”

- Jemand gab zu: “Ich weiss, wie was Passwort gehackt wurde: Gedankenlos eine angebliche Twitter Direct Message eines guten Freundes geöffnet.”

- Auch ein gewisser Verdruss ist spürbar – viele gaben an, sich darüber zu ärgern, dass man sich aus Sicherheitsgründen schier unmerkbare Passwörter zulegen muss oder dass Systeme einen zwingen, immer neue Passwörter zu wählen.

- Immerhin jemand gab an, nach dem Account-Hack sensibilisierter auf das Thema zu sein und alle Passwörter abgesichert zu haben.

- Eine Person hatte extra ein supersicheres Passwort und wurde dennoch Opfer des Twitterwurms.

- Auffällig: Viele benützen Passwörter, die man erraten kann, wenn man die Person kennt (z.B. Jahrgang, Haustiername, Strassenname).

Und wie halten Sie es mit den Kennwörtern?

Testen Sie Ihr Passwort doch einmal auf howsecureismypassword.net – natürlich vorsichtshalber nicht Ihr richtiges, aber eines mit einem ähnlichen Muster. Wenn also Ihr Passwort barbara1978 lautet, geben Sie heinrich1972 ein. Sie werden als Antwort die Zeitdauer bekommen, in der ein heutiger Rechner Ihr Konto geknackt hätte. Merke: Alles, was unter einer Milliarde Jahre liegt, ist nicht akzeptabel, denn Cybermriminelle verwenden stets ganze Rechnerfarmen.

Kein schlechter Wert - könnte aber noch besser sein!

Natürlich sind heute viele Server gut abgesichert gegen so genannte Brute Force Attacks (“so lange versuchen, bis man’s hat”). Aber darauf wollen wir uns nicht verlassen.

Schützen Sie sich und andere und wechseln Sie jetzt gleich Ihr Passwort.

Aber nicht nur das!

Als kleines Weihnachtsgeschenk sei allen in Erinnerung gerufen:

- Eine schlechte Passwortwahl gefährdet nicht nur Sie selbst, sondern auch Ihren Bekanntenkreis. Wenn einmal ein Hackerteam oder schlicht ein automatisiertes Programm Zugriff auf Ihr Mailkonto hat, werden sofort Links zu verseuchten Seiten an alle in Ihrem Adressbuch versendet, oftmals sogar an sämtliche Adressen, die auf dem Rechner auffindbar sind. Mailserver-Filter und Antivirenprogramme erkennen solche Schädlinge am Anfang oft nicht. In diesem NZZ-Artikel ist wunderbar beschrieben, was Ihnen mit einem gekaperten Mailkonto passieren kann.

- Wenn auch nur eine Person in Ihrem Adressbuch (die Klicks müssen nicht mal absichtlich sein – jeder hat sich schon mal verklickt) den Link anwählt, passiert nochmals das gleiche. So verbreitet sich ein Virus exponentiell.

- Viele Hacker versuchen zuerst mal vorgefertigte Listen einfacher Passwörter durch. Da das Muster “Vorname und Zahl” oft verwendet wird, ist ein so schlecht abgesichertes Konto rasch geknackt.

- Keine Lust auf eine komplette Passwortänderung? Sichern Sie Ihr Passwort am besten jetzt gleich ab. Keine Sorge: Meist genügt es schon, den ersten Buchstaben gross zu schreiben, vor einer Zahl ein Sonderzeichen (z.B. ein Komma) einzufügen und zuhinterst zwei, drei Sonderzeichen (z.B. $!=) anzufügen. Aus heinrich1972 (37 Jahre gemäss howsecureismypassword.net) wird also Heinrich:1972!(% (412 Trillionen Jahre).

- Sie wollen Passwörter ohne Zahlen, Grossbuchstaben und Sonderzeichen? Vergessen Sie es – das war in den 1990ern! Wenn Sie das wirklich wollen, halten Sie sich ab sofort vom Internet fern.

- “Gute Passwörter kann ich mir nicht merken!” ist eine weit verbreitete Ausrede. Machen Sie sich einfach einen Merksatz wie “Mein Göttimeitschi wurde am 25.6. geboren, und zwar im Jahre 1999!” – daraus wird das sichere Kennwort MGwa256g,uziJ1999! Es dauert laut howsecureismypassword.net 3 Quintillionen Jahre, es zu knacken.

- Wenn Sie einmal gehackt wurden, ändern Sie radikal ALL Ihre Kennwörter. Ich wiederhole: ALLE.

- Verwenden Sie verschiedene Passwörter für verschiedene Dienste. Natürlich schreiben Sie Ihr Passwort nirgends auf, schon gar nicht in eine “versteckte” Datei auf Ihrem Rechner. Als Minimalschutz ist empfohlen, die ersten Buchstaben des Dienstes an Ihr Grundpasswort zu hängen. Ins Mail kommen Sie also mit Heinrich:1972!(%MAIL, ins Googlekonto mit Heinrich:1972!(%GOO undsoweiter. Sicherheitsspezialisten mögen mich verdammen für diesen Tipp, aber es ist besser als gar nichts.

- Das beste Passwort bringt nichts, wenn Sie keinen mehrmals täglich aktualisierten Virenschutz besitzen. Leider reicht das aber nicht. Sie brauchen zudem eine Firewall, die auch ausgehende Verbindungen blockt. Wenn Sie einen Trojaner eingefangen haben, den das Virenprogramm noch nicht kennt, der “nach Hause telefonieren” will (und vermutlich vertrauliche Daten ausliefern), unterbindet dieses Tool womöglich die Übermittlung. Wissen Sie nicht, wie das geht? Lassen Sie sich spätestens bis Mitte Januar von einem Profi beraten. (Viele bekannte Sicherheitssuiten bieten solche Funktionen standardmässig an.)

Die Verbindung wurde von diesem Programm blockiert, als ich versuchte, eine verseuchte Website zu besuchen

- Schalten Sie beim Mailen und Surfen den Kopf noch mehr ein als sonst und klicken Sie nicht gedankenlos drauflos, z.B. auf die oben abgebildeten Twitter-Links. Reagieren Sie nie auf Phishingversuche (niemand wird Sie je auffordern, irgendwo ihr Passwort einzugeben, um irgend was zu prüfen). Kein Scherz – kürzlich leitete mir eine befreundete, erfolgreiche, intelligente Geschäftsfrau ein klassisches Phishing-Mail weiter und fragte ernsthaft, ob sie da wirklich ihr eBanking-Passwort eingeben müsse. Im Jahre 2012! Echt, kein Witz! Seufz und Augenbrauenhochzieh.

Ich wünsche mir zu Weihnachten, dass der schon vor fünf Jahren herbeigesehnte Netzführerschein endlich kommt. Oder einen Effort der Netzgemeinde: Unsichere Passwörter sollen schlicht nicht mehr gewählt werden können, und alle müssen es mindestens halbjährlich ändern. (Man könnte Passwörter wie markus1973 auch schlicht unter Strafe stellen von mir aus.)

Sie sind immer noch nicht überzeugt?

Zwei unschöne Weihnachtsgeschichten, die sich kürzlich zugetragen haben:

1) Die Website eines Tanzstudios mit dem System “WordPress” (mit dem auch JacoBlök und viele andere Seiten laufen) war veraltet und wurde darum wie fast jedes ungepflegte WordPress gehackt. Alle, die die Seite besucht hatten, fingen sich einen Trojaner ein, der Passwörter an einen mutmasslich ukrainischen Hacker weiterleitete und damit viele böse Dinge anstellte. Die meisten Mitglieder des Studios mussten ihre Rechner in stundenlanger Arbeit vom Wurm befreien und waren teils Tage mit der Beseitigung von Folgeschäden beschäftigt. Dass sich das Tanzstudio nicht auch noch mit Klagen herumschlagen musste, ist ein Wunder – ich wäre gespannt, ob ein versierter Richter entscheiden würde, dass ein nicht aktualisiertes, offen abrufbares WordPress grobfahrlässiges Verhalten sei.

2) Die Website eines kleinen Unternehmens wurde (offenbar von einem netten Konkurrenten) ein wenig umgestaltet: Da das Unternehmen ein schlechtes und lange nicht geändertes Passwort hatte, konnte ein bislang Unbekannter in die Hosting- und Websiteverwaltung eindringen, sämtliche Mails auf sich umleiten und als Autoreply aller Mailkonti “Leck mich am Arsch” setzen. Er löschte die gesamte Website und publizierte stattdessen ausgewählte Mails des Kunden.

Noch ein paar Tipps abseits von Passwörtern

Auch wenn das nicht direkt mit der Thematik zu tun hat, sei auch dies nochmals erwähnt, da kürzlich einer Kollegin das Notebook vom Pult weg geklaut wurde: Versehen Sie Ihren Computer mit einem BIOS-Passwort. Ja, natürlich kann man das knacken, aber wenigstens vergrämen Sie damit die dümmsten Diebe schon mal und gewinnen Zeit, Ihre Passwörter anzupassen. Ziehen Sie zudem jede Woche (!) ein Komplettbackup, wenn Sie keine Sicherungen auf einem NAS haben oder andere Backupformen gebrauchen. Verschlüsseln Sie sensible Daten z.B. mit TrueCrypt.

Sicherheit im Netz sollte alltäglich werden

Sie fahren Ski mit Helm und Rückenpanzer? Sie tragen einen Velohelm? Sie lassen regelmässig die Bremsen ihres Autos prüfen? Sie halten das Tempolimit ein, um keine Kinder oder Katzen zu überfahren? Sie bringen ihren Kindern bei, was gefährlich ist im Alltag? Gut! – Nur… wieso wehren Sie sich denn mutmasslich gegen gute Passwörter?

Es geht in genau ums Gleiche: Schutz von sich selbst und anderen vor viel Ärger.

Epilog

Nachdenklich stimmen mich Reaktionen meiner eigenen Kundinnen und Kunden, die zwar selten vorkommen, aber doch zeigen, wie naiv sich einige Leute im Netz bewegen: Personen, die sich bevormundet fühlen und ärgern, wenn man ihnen standardmässig sichere Passwörter aufzwingt. Leute, die sich über eine Rechnungsbeilage mit guten Tipps rund um Sicherheit im Netz nerven können. Menschen, die denken, ihr CMS brauche sicher keine regelmässigen Updates, weil irgend ein Amateur-Entwickler das behauptet habe.

Leider sind das meistens die ersten, die klönen, weil ihr CMS oder Mailkonto gehackt wurde.

Paart sich Unwissenheit mit Beratungsresistenz, wird’s meistens hoffnungslos – ich werde dazu übergehen, solchen Kunden schlicht zu künden. Sollen sie doch anderen Providern auf den Keks gehen.

Find’ ich gut. (2 weitere Leute finden diesen Beitrag auch gut.)

Rekrut Blöker an der Telefonzentrale 85 (Sommer 1992)In diesen Wochen vor 20 Jahren ging meine Rekrutenschule zu Ende. Auch wenn ich danach so vernünftig war, mich “auf dem blauen Weg” vom damaligen EMD zu verabschieden, frage ich mich heute, wieso man mit 20 Dinge mit sich hat machen lassen, bei denen man heute lächelnd wegspazieren und Hasstiraden einfach ignorieren würde.

Ich habe die entsprechende Archivkiste nach zwei Jahrzehnten erstmals wieder geöffnet und bin auf ein paar lustige Dinge gestossen.

Eine Rückschau auf die 17 vermutlich seltsamsten Wochen meines Lebens, die aber allem Ärger zum Trotz auch gute Seiten hatten.

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Vor zwei Jahren wurde mein Halbbruder zum Leutnant befördert. Meine langjährige GsoA-Mitgliedschaft und meine Abneigung gegen das Militär haben mich immerhin nicht so verbohrt gemacht, dass ich Lucas seinen Erfolg nicht gönnen würde. Wenn das etwas für ihn ist, go for it!

An Übermittlungssoldat Jacomet anno 1992 hätte Leutnant Jacomet aber vermutlich nicht so Freude gehabt.

Im Funk-Pinz mit der guten alten SE-412 (Sommer 1992)

Der oftmals im Felde auf seinem Block daherkritzelnde Träumer mit der Blume im Lauf des Sturmgewehrs 57 und dem “Stop-FA-18“-T-Shirt unter dem Kämpfer war zum Glück schon damals ein An-allem-möglichst-das-Positive-Sehender: Bei den Artillerie-Übermittlern gabs recht viele Intelellos, und so fand sich schnell eine sympathische Gruppe zusammen, die den ganzen Karsumpel so gut es halt ging über sich ergehen liess, die schönen Wanderungen – pardon, Märsche – durch die bisher völlig unbekannte Ostschweiz genoss, abends bei einem netten Glas Wein im Torggel statt im Piwi zusammensass und zum Ärger von Adjutant Bader DRS3 in den Armee-Äther Frauenfelds sendete.

Marschbefehl, Sommer 1992

Auch wenn ich mich heute frage, wie ich mir von fast Gleichaltrigen sinnlose Befehle erteilen liess und diese seltsamerweise (meistens) auch noch befolgte, war es rückblickend eine nicht uninteressante Zeit, in der ich einen ansonsten nie möglich gewesenen Einblick in die männliche Volksseele erhielt (was mich bezüglich der Zukunft des Landes nicht nur positiv stimmte).

Ich bezahlte ein Jahr später für ein Gutachten und war aus dem Verein draussen, verdiente meinen Dienst für die Gesellschaft lieber mit unbezahlten Non-Profit-Projekten ab. Zivildienst gabs damals nicht – wenn ich heute so höre, was für coole Dienstleistemöglichkeiten meine Verwandten um die Zwanzig bekommen, wäre das sicher eine gute Option gewesen.

Aber wie überlebt man 17 Wochen sinnlose Tätigkeiten?

Auch wenn mich viel Unsinn im Militär – wie z.B. Zugschule mit “ganz natürlichem Armschwingen bis Brusthöhe”, PD/ID oder der altbekannte “Tenuefigg” – immer wieder zur Weissglut trieb: Es war halt einfacher, schicksalsergeben gewisse Dinge einfach zu tun und möglichst seinen Humor zu behalten. Offenbar konnte ich das.

Meinen damaligen Lokalradiojob – damals konnte man sowas noch ungestraft tun – beendete ich kurz vor dem Einrücken jedenfalls seufzend, aber mit einer Portion Ironie:

Go get Adobe Flash Player!
(Lieber in eigenem Player hören – MP3, 2.5 MB)

Und sonst? Nun, in der Armee ist man oft draussen, und in der Natur war ich ja schon immer gern. Den komischen Anzug und das umgehängte Tötungsinstrument blendet man irgendwann aus. Man findet zudem in jedem Haufen ein paar coole Leute. An die nächtlichen Männergespräche mit Korporal Colonel “Körnel” G. erinnere ich mich jedenfalls heute noch grinsend zurück.

Einmal im Leben 50km am Stück wandern? Liegestütz machen? Mit viel Gewicht am Rücken nach dem Nachtessen noch schnell zwei Hügel erklimmen? Wieso eigentlich nicht. Ironischerweise würde mir das heute auch gut tun, nur mache ich es ohne Zwang schlicht nicht.

Militärische Zugtickets aus dem Jahr 1992

Dennoch brachte die RS auch psychologische Drucksituationen, an die ich mit Grausen zurückdenke. Das Vortraben bei Instruktoren, die entweder gute Schauspieler oder tatsächlich sadistische Arschlöcher waren, und die über “Weitermachen oder nicht” entschieden, versetzt mich noch heute in Wallungen.

Irgendwelche Typen, die über wertvolle Zeit im einzigen Leben, das ich habe, bestimmen? Sei’s Zeit für Rekurse, für Gefängnisstrafe bei Verweigerung, sei’s für Weitermachen und Abverdienen selbst – ich hätte auf nichts davon auch nur die geringste Lust gehabt.

Ich verbrachte so manche schlaflose Nacht – nicht wegen des schrillen Läutens der Feldtelefonzentrale 57 auf der Holzladerampe unseres 2DM, sondern weil mir beim Gedanken Angst und Bange wurde, mehr Zeit als unbedingt nötig mit Dingen zu verbringen, die letztendlich weder mir noch sonstwem irgend etwas nützen. Ich wusste: Die RS mache ich jetzt einfach mal, und dann ist Schluss.

Auf einem Notizzettel finde ich 20 Jahre später die im Felde hingekritzelten Stichworte “Sinnloses Anmelden ganze Zeit, Knarre Scheisse, Unterdrückung, Armee als fieses Instrument zur Züchtung von Anpassern und Kuschern, Instr Of unmenschlich / verletzend” – vermutlich Gesprächsnotizen für ein Qualigespräch mit unserem Zugführer.

Andere erhaltene Zettel offenbaren klassische Zeitvertriebsformen: Aktuelle Musiktitel aufschreiben, die man sich noch besorgen musste, oder selbst verfasste Krankenrapporte.

Entscheid der Armee: Entlassung aus der RS wegen Diagnose GSoAt

Mein Badge aus der Art RS 232 und ein Notizzettel zu aktueller Musik, die man sich im Zivilleben auf eine Cassette kopieren musste, um sie im Militär auf dem Walkman anhören zu können

Ohne “November Rain“, “Sleeping Satellite“, “Digging in The Dirt“, “The Things That we Say” und vor allem viele nette Menschen wäre es tatsächlich schwer gewesen, diese Welt auszuhalten: Ein guter Freund, der mich am Abend des Fak-Ausgangs regelmässig besuchte. Eine Freundin einige Hügel hinter Frauenfeld. In der Verlegung im Welschland: Eine Schulkollegin, die am Genfersee arbeitete und mich zum Nachtessen in eine gute Beiz am See ausführte.

Dabei war der Akt des klandestinen Ungehorsams sehr wohltuend, sich im Wald der Militärkleidung zu entledigen, ins Tenue zivil zu wechseln und einen ganz normalen Abend mit alten Freundinnen und Freunden in den falschen Kleidern ausserhalb des erlaubten Perimeters zu verbringen. Streng verboten! Das waren die kleinen Fluchten am Mittwochabend, die einen am Leben erhielten. Einige Rechnungen sind noch erhalten:

Rechnungen von Fak-Ausgängen ausserhalb des erlaubten Rayons von 1992

Nachdem ich nebst dem Job als Funker und Telefonist zur Post-Ordonnanz ernannt wurde, hatte ich meinen Traumjob gefasst, in dem ich meinen Prinzipien, sanfte Obstruktion zu betreiben, sehr untreu wurde – schliesslich ging es hier darum, durch das zügige Verteilen von schönen Nachrichten von “draussen” den armen Kollegen einige schöne Augenblicke zu bescheren.

Allerdings musste ich aufpassen, nicht zu angenehm aufzufallen. Der Spagat aus dem Ehrgeiz, einen kleinen Dienstleistungsbetrieb mit einem kundenfreundlichen Angebot aufzuziehen, und dem möglichst passiv-unauffälligen Mauerblümchendasein war nicht so einfach.

Beschriftungen meines RS-Postlokals in der Verlegung im Jura (1992)

Alle Waffen bleiben draussen - ein kleiner akt zivilenb Ungehorsams: in meinem Militär-Postlokal bestand ich auf Waffenfreiheit (Sommer 1992)

Aber der Job als Postverteiler ergab Freiheiten, die gut taten. (Und ausserdem konnte man alle Postkarten lesen.) Ich hatte Zugang zum KP, von dessen Telefon aus man nachts auf Staatskosten einem Freund in Übersee telefonieren konnte. (Auch mit dem Feldtelefon 50 konnte man an den für uns vorbereiteten zivilen Anschlusskästen perfekt alle möglichen Nummern wählen: Ein Klick für die eins, zehn für die Null… und schon war man mit Denver verbunden. Das war in einer RS ohne Mobiltelefonie Gold wert.)

Rekrutenschule in Frauenfeld, Besuchstag im August 1992, mit Feldtelefon 50

Also mehr ein idyllisches Zeitverplämpern als das grosse Leiden? Vermutlich schon. Richtig heftigen Widerstand, der zu “Scharfem” oder anderen ernsthaften Problemen hätte führen können, liess ich sein. Das ist rückblickend gesehen bequem und feige.

Ich wollte wohl – heute würde man wohl “nerviger Nerd” sagen – einfach so oft es nur ging demonstrieren, dass “mich das hier also im Fall anscheisst”: Blume im Sturmgewehr, Schoggischuhe statt harte Klötze tragen, GSoA-Shirt, eine kleine Bibliothek mit armeekritischen Schriften (wie dem “Panzerknacker”) und Soldatenkomitee-Verteilmaterial, Hammer-und-Sichel-Pin am Kämpfer, über den ganzen Betrieb möglichst viel lachen, “Keine Waffen im Postbüro” an mein Räumchen schreiben, möglichst lange und nervige Schreiben an die Vorgesetzten verfassen.

Zum Glück sind im Archiv noch Kopien aufgetaucht. Über diesen Abschnitt lache ich mich 20 Jahre später krumm:

Wenn Sie mir einen Posten in der Armee verschaffen, wo ich mich einigermassen wohlfühle, in Ruhe gelassen werde, bin ich durchaus bereit, auch als Soldat einen guten Job zu machen. Ich habe innert vier Wochen nie zuvor soviel Unsinn und Stupidität erlebt und bin ein Antimilitarist geblieben. Was aber nicht heisst, dass ich stur alles ablehne, sondern durchaus kooperationsbereit bin, wenn man mir entgegenkommt und auch etwas Menschlichkeit zeigt. Dann tue ich jemandem als Mensch gerne einen Gefallen und mache mit, auch wenn mir etwas nicht passt. Ich stelle aber fest, dass die im zwischenmenschlichen Umgang vieles erleichternden Worte “Danke” oder “Bitte” im Dienstbetrieb nicht zu existieren scheinen. Ich halte diesen Befehlston für Überflüssig. Wenn jemand etwas von mir will, kann er es auch höflich mitteilen. (…) Was muss in einem Menschen vorgehen, wenn er 140 Leute ins Achtung befehlen kann und sie anschreien, wenn “eine Banane drin” ist? (…) Meine Einteilung als Funker statt Leitungsbauer bringt Ihnen und mir mehr.

Oder an den Einheitsinstruktor:

Sie haben ja wohl schon meine Fiche behändigt, welche doch sicher in der Kaserne existiert. Wenn nicht: Der Beilage können Sie entnehmen, wie ich zur Armee stehe. Nach 7 1/2 Wochen steigt die Lust von Tag zu Tag, einfach nach Hause zu gehen und zu sagen “Was hast du in den letzten Wochen Verrücktes getan?” (…) Es wird mir immer klarer, dass ich diese sogenannte “Rekrutenschule” tatsächlich nur dank guten Kollegen im Zug, viel Post von den FreundInnen daheim, den Wochenenden überstehen werde, das Tagträumen, das Nachsinnen über Reisepläne nach dem Ende der RS. (…) Dies ist NICHT meine Welt. Menschenverachtend, natürlichem Denken widersprechend, unterdrückend, hierarchisch. Ich habe einen grundtiefen Hass gegen diese “Organisation”. Wichtig erscheint mir aber trotz allem, nicht destruktiv zu sein, sondern Diskussionen anzuregen und dazu aufzurufen, nicht jeden sinnlosen Mist anpasserisch zu schlucken. Und für sowas gibt man Millionen aus, für einen Sandkasten für Möchtegerngeneräle, sonstwo gescheiterte Menschen. Dieser volkswirtschaftliche Unsinn muss weg und das Geld gescheiter eingesetzt werden. Ich will heim!!!!!

(Darunter war ein Soldatenkomiteekleber mit einer geballten Faust und dem Text “Rebellion ist berechtigt”, und das i-Tüpfli meines Namens war wie immer in der RS ein Peace-Zeichen.)

Vielleicht hätte ich als Offizier so einen dahergelaufenen Besserwisserjüngling auch gern noch etwas gegrillt, auch wenn vieles natürlich durchaus auch heute noch stimmt.

Einh Instr M. mit seinem diabolischen Grinsen und seinem doofen Zürcherdialekt traue ich zwar heute noch nicht zu, dass er durchschaut hat, was ernst zu nehmen und was bloss als weinerliche Drohkulisse dazugeschmalzt war – vielleicht hat er aber seinen Humor nur geschickt verborgen und über den Quatsch auch nur gelacht.

Egal: Jedenfalls klappte das Spielchen, Herr M. fand, ich sei zu unreif zum Weitermachen und damit war das Hauptziel der RS erreicht.

Natürlich wird man in solchen Situationen bewusst oder unbewusst auch zum Mitläufer. Man nimmt einen Soldatenjargon an, den man kaum mehr wegbringt – ein subtiler Gruppenzwang, der in eine gesamtdeutschschweizerische Geheimsprache mündet, die heute noch in manchen Situationen mit Männerüberhang zieht.

Am Besuchstag gefiel es mir zudem trotz aller Armeefeindlichkeit, meinen Verwandten zu zeigen, dass wir geile Siechen sind, die schnell eine Antenne aufstellen und mit dem Leitungsbauer-Puch rasant von dannen düsen können.

Rekrutenschule in Frauenfeld, Besuchstag im August 1992, Uem Zug 1

Ob ich’s will oder nicht – meine Sturmgewehrnummer oder die alte AHV-Nummer kenne ich heute noch auswendig. Und das SE-412 könnte ich wohl heute noch bedienen…

Notizen von 1992 zur Funkanlage SE-412

… und die entsprechende Antenne dazu aufstellen ebenso:

Rekrutenschule in Frauenfeld, Besuchstag im August 1992

Und auch wenn ich damals zumindest anfangs Angst vor dem Schiessen vorspielte, kann ich heute zugeben: Das Ballern gefiel mir aus rein sportlich-geschicklichkeitlicher Sicht sehr wohl.

Der Autor (links) lernt das Töten im Liegen, Sommer 1992

Enttäuschend waren Klassenfreunde, die als Korporale plötzlich verlangten, dass man sie im Dienst sieze. Was für Affen! Aber gut, wir waren alle 19 oder 20, eigentlich noch Kinder, was solls. Künstliche Hierarchien und Autoritätsketten waren mir damals schon ein Greuel und sind es bis heute: Entweder kann jemand etwas und die Chemie stimmt, oder eben nicht – und dann gehts halt nicht und man sucht sich jemand anderes.

Mein damaliger Kadi ist heute offenbar erfolgreicher Jurist und sitzt in diversen Verwaltungsräten – das passt irgendwie. Diese Welt der beinahe schon an die katholische Kirche erinnernden Männerbünde (des Geschlechts, des Geldes und der Machterhaltung willen, weil man ausser eines künstlich geschaffenen Beziehungsnetzes nicht wirklich viel drauf hat) sagte mir schon damals nichts – so hat die RS vermutlich immerhin mitgeholfen, mein Wertesystem zu konsolidieren.

Wie würde ich mich heute Verhalten? Hätte ich mehr Zivilcourage, den Leuten gewisse Dinge ins Gesicht zu sagen? Würde ich alles mit einer Prise Humor nehmen? Würde ich draufgehen? Oder wäre ich heute mehr auf Konsens bedacht in dieser seltsamen Soldatenwelt? Würde mich die Lust am schauspielererischen Befehlston packen und ich wäre ein geborener Offizier?

Sehr selten träume ich tatsächlich noch davon, dass ich nochmals ins Militär muss. Stets macht sich eine gewisse Verzweiflung breit – “mein Leben ist doch zu kostbar für so einen Bullshit, wie komme ich hier wieder raus?”

Also bin ich einfach froh, dass diese Episode 20 Jahre her und abgeschlossen ist. Und dass ich sie als 20-jähriger ungeschliffener Naivling vermutlich einfacher durchlebt habe als ich es heute tun würde.

Find’ ich gut. (8 weitere Leute finden diesen Beitrag auch gut.)

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