Heute vor fünf Jahren ging “Newsnet” (als “Newsnetz”) an den Start – und überraschte primär durch eine stattliche Anzahl Tippfehler. (Wir schauten damals ins Jahre 1996 zurück, als die erste Tagi-Website online ging.)

Man könnte meinen, im Jahre 2013 seien endlich alle Probleme gelöst – doch leider sorgt Tamedia nach wie vor für Ärger mit seinem Onlineangebot. Ich rege mich inzwischen täglich über die mobile Fassung des “Tages-Anzeigers” und seiner zugewandten Orte wie “Bund” und “Berner Zeitung” auf.

Was den Userinnen und Usern zwangsweise angedreht wird, ist ein Paradebeispiel von vermeintlich gut gemeintem Digitalschrott – eine klassische Bevormundung der Kundinnen und Kunden ohne eine einfache Möglichkeit, sich zu wehren.

“Responsive Design” scheint für Tamedia/Newsnet ein Fremdwort zu sein. Stattdessen werden User mit bestimmten Geräten auf eine so genannte “mobile App” geleitet, deren Adresse mit mobile2 statt www beginnt.

Whow, “mobile2″ als Subdomain – was für ein kreativer Kopf hat wohl diese Adresse auserkoren?

Nun könnte man meinen, wer umsverrode die “mobile Fassung” einer Website wolle, könne zumindest beim ersten Besuch wählen, ob er das will. Dann wird ein Cookie gesetzt, und bis sich der User aktiv für die andere Fassung entscheidet, bleibt er bei der gewählten Version (selbstredend befindet sich irgendwo auf jeder Seite ein Wechsellink wie in diesem Blog hier).

Ich für meinen Teil halte viele “mobile Fassungen” (vor allem wenn sie einem aufgezwungen werden), die nervtötenden Popups (“wussten Sie, dass diese Seite als App verfügbar ist”) und auch viele “responsive Sites” (Seiten, die sich dem Bildschirm automatisch anpassen) für überflüssig. An einem Smartphone schätze ich eben gerade, dass meistens die “normale” Fassung einer Website problemlos zu betrachten ist – so auch beim Tagi.

Wenn ich wirklich das “mobile App-Feeling” möchte, lade ich mir – nomen est omen – eben die App runter. Wenn ich im Browser surfe (was meiner bescheidenen Ansicht nach immer noch Standard ist), möchte ich primär Websites sehen wie auf einem Notebook oder Desktop – sicher aber keine “mobilen Apps”, die sich auch wie solche anfühlen und abseits jeglicher Browserstandards bewegen.

Statt die normale Seite mit mehreren Spalten und vielen Geschichten auf einen Blick erhalte ich bei “mobile2.tagesanzeiger.ch” eine abgespeckte Fassung mit zwei Geschichten pro Ressort, und ich scrolle und scrolle und scrolle und scrolle, wenn ich runter will, und scrolle noch mehr, wenn ich wieder an den Anfang der Seite will.

Dummerweise hält sich “mobile2″ auch nicht an Standards und Konventionen, an die sich viele Menschen – gerade versierte Benutzerinnen und Benutzer – gewöhnt haben (hier bezogen auf das iPhone):

  • Die Webadresse eines Artikels lässt sich nicht aus der Adresszeile kopieren (die URL lautet permanent “mobile2.tagesanzeiger.ch”, auch auf Unterseiten)
  • Ein Tippen auf die oberste Leiste führt nicht zum Seitenanfang
  • Einen Link auf die reguläre Fassung gibt es nur auf der Startseite
  • Es gibt keine Möglichkeit, Links in einem neuen Browsertab zu öffnen (ich scrolle meistens durch den Content und öffne Artikel, die ich später lesen will, durch langes Berühren und der Wahl des entsprechenden Links im Kontextmenu in einem neuen Hintergrund-Tab).

Für eines der führenden Medienhäuser des Landes ein reichlich seltsames Angebot.

Nun könnte ich zumindest mit iCab mobile – dem im Gegensatz zu Safari echt brauchbaren Browser für iOS – dem Tagi vorgaukeln, mein iPhone sei ein iPad (iCab sendet dann dem Server eine andere Browser-ID). Dann funktionieren aber diverse andere Seiten nicht so, wie ich es mir auf dem iPhone wünsche.

Ausserdem stockt “mobile2″ oftmals und “dreht im Leeren” – wähle ich die normale Fassung, erscheint der Inhalt sofort. Auf “mobile2″ hingegen darf ich teils minutenlang zuschauen, wie sich die nette kleine Animation dreht:

Mühsam und nervig: Mobile Fassung der Tagi-Website

Ich kontaktierte Tamedia schon im letzten Winter, als die erste Fassung der mobilen Website für Ärger sorgte. Da beschied man mir, ich solle ?nomobile=1 an die Webadresse hängen, so würde die mobile Fassung umgangen. Ich passte meine Lesezeichen an, und so klappte das auch eine Weile.

Nebenbei gesagt nervte die mobile Version auch monatelang bei jedem Start mit der Spam-artigen Meldung, man solle mit einem Klick auf ein Icon den Link als Symbol auf dem Homescreen ablegen – dummerweise zeigte der Pfeil nur gerade bei Safari aufs korrekte Icon – von alternativen iOS-Browsern schien man bei Tamedia nie gehört zu haben.

Spam-artige Meldung bei jedem Besuch der mobilen TA-Website - mit Pfeil aufs falsche Icon

All das hat dazu beigetragen, dass ich vermehrt andere Medienseiten konsumiert habe.

Vor einigen Wochen begannen sich dann auch Links aus Twitter und Facebook in der unbrauchbaren “mobile2″-Fassung zu öffnen, und der Spuk begann auch beim “Bund” und der “Berner Zeitung”. Seither kann ich kaum mehr einen in sozialen Medien verlinkten Tamedia-Text lesen, da in 90% der Fällen statt dem Content nur die kleine Dreh-Animation erscheint.

Es erhöht die Freude am digitalen Leben nur bedingt, wenn man Inhalte abrufen will, dann aber nur das da zu sehen bekommt:

Link aus Twitter zur Berner Zeitung: Minutenlang drehende Animation statt Inhalt

Auf eine weitere Anfrage – mit den obigen Einwänden bezüglich Standard-Abweichungen ausgestattet – kam keine Stellungnahme zurück, wieso man dieses und jenes so und nicht anders mache, sondern ein knappes Mail:

Guten Tag

Ganz unten auf der mobilen Fassung gibt es einen Link “Zur klassischen Ansicht wechseln”. Dahinter versteckt sich dieser Link: http://www.tagesanzeiger.ch/?force_desktop=true

Mit freundlichen Grüssen
[Name des aktuellen IT-Leiters "Tages-Anzeiger Online"]

Unten stand noch der Text der Leserservice-Mitarbeiterin im Mail, die meine Nachricht weitergeleitet hatte: “Lieber XY, kannst Du evtl. diesem Leser technisch weiterhelfen? Danke und beste Grüsse, R” – doch, all dies wirkt höchst professionell.

Und sonst? – Keine persönliche Anrede. Kein Wort des Bedauerns. Nichts davon, dass sich dieser Link nur auf der Startseite befindet und sonst nirgends. Keine Anleitung, wie man einen nicht blockierten “mobile2″-Link aus Social Media rasch zum Laufen bringt oder umgehen kann.

Nicht gerade das, was man als langjähriger Leser von Tamedia-Produkten und als IT-affiner User punkto Kommunikation erwartet.

Die Rückfrage, ob der Parameter “?force_desktop=true” nun eine Weile lang so bleibe, blieb unbeantwortet. (Der geneigte Surfer denkt sich: Passen die nun jedes Jahr zweimal die URL-Parameter an? Ist das sinnvoll und sieht das nach einem gut geplanten Vorgehen aus?)

Kurz: Der Tagi hat hier auf Deutsch gesagt än rächte huere Seich produziert und tut gut daran, hier rasch etwas zu ändern. Und es vor allem wieder dem User zu überlassen, welche Fassung er sehen möchte.

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Zum heutigen Ende des Such-Urgesteins “Altavista” – das Mass aller Dinge in Sachen Websuche vor Google – zitiere ich als langjähriger Internet-Kursleiter gerne einfach ein wenig aus den Kursunterlagen der Jahre 1999 und 2000.

Leset, geniesset und grinset.

Was benötigen Sie fürs Internet?

- Computer: Windows-PC (allermindestens ein Pentium-Prozessor mit min. 133 MHz und 32 MB RAM bzw. Arbeitsspeicher sowie Windows 95) oder Macintosh. Empfohlen: Pentium III-Prozessor mit min. 64MB RAM, Windows 98/Me/2000 oder im Macintosh-Bereich einen I-Mac bzw. Cube mit G3 oder G4-Prozessor und Mac OS 8.6 oder höher.

- Wenn Sie kein Internet über die neusten Angebote namens “ADSL” oder via Kabelanschluss haben (teuer und noch instabil), brauchen Sie ein Modem, das die Signale aus der Telefonleitung bzw. der Kabelbuchse in für den Computer verständliche Signale übersetzt und umgekehrt (beim Neukauf darauf achten, dass sie je nach Leitung ein Modem für Kabel, ISDN oder analoge Leitungen kaufen; im letzteren, häufigsten Fall bestehen Sie auf ein Modem mit 56’000 bps Übertragungsrate und V90- oder V92-Standard).

- Zugangssoftware ins Internet (in Windows 95/98 sowie neuen Macintosh-Systemen enthalten; muss aber ev. separat aktiviert werden).

- Software, um im Internet surfen und mailen zu können: Web-Browser (Microsoft Internet Explorer ab Version 5, Netscape Navigator Version 4.75, aber NICHT Version 6) und E-Mail-Programm (z.B. Outlook, Outlook Express, Netscape Messenger, Eudora).

Fast alle Telefongesellschaften bieten heute Gratiszugänge ins Internet an. Dabei bezahlen Sie nur die effektiven Telefonkosten, keine Abonnementsgebühren mehr. Es sind jedoch meist keine Zusatzleistungen inbegriffen.

Verfügt der Provider über einen Einwählknoten in Ihrer Umgebung? Wird eine Ortsrufnummer oder eine gebührenfreie Nummer an anderen Standorten angeboten? Gefordert ist heutzutage grundsätzlich schweizweiter Lokaltarif über eine 0842/0840-Nummer oder eine Nummer im eignen Ortstarifbereich. Testen Sie, wie oft Sie beim Einwählen eine Verbindung herstellen können, ohne ein Besetztzeichen zu erhalten. Verlassen Sie sich dabei nicht auf die Zusagen der MitarbeiterInnen der Kundenbetreuung, sondern wählen Sie die Verbindungsnummer zum Testen mehrmals täglich – besonders abends zwischen 20 und 24 Uhr, wenn das Netz am meisten verstopft ist.

Sofern Sie sich für einen Internetzugang via Kabelanschluss oder ADSL entscheiden (in Bern z.B. bei Cablecom – Voteil: freie Telefonleitung, ständiger überdurschnittlich schneller Zugang ins Internet, ab ca. Fr. 65.- im Monat), benötigen Sie zudem eine Netzwerkkarte (Ethernet Card), die in der Regel von Fachleuten (oder netten Computerfreaks aus der Nachbarschaft) installiert werden muss.

Klären Sie für eine private Webseite ab: Können Sie eine eigene Webseite auf dem Server des Internet-Dienstanbieters veröffentlichen? Wie viel Speicherplatz steht Ihnen dafür zur Verfügung? (5-10 MB reichen in der Regel längstens aus.) Wie hoch belaufen sich die Kosten dafür?

Haben wir den Kampf mit der Hard- und Softwareinstallation einmal hinter uns, kann uns der Compi eigentlich nur noch durch die berühmten “Abstürze” einen Strich drch die Rechnung machen. “Eingefrorene Bildschirme” (nichts geht mehr), “Diese Anwendung wird wegen eines ungültigen Zugriffs beendet”, die beliebten “Bluescreens” (“Das System ist gerade ausgelastet…”) – leider (noch) Alltag im Netz, ausser man benützt Profi-Betriebssysteme wie Windows 2000, die jedoch – richtig geraten – meistens teurer als “AlltagsanwenderInnen-Software” sind. Angesichts nicht mehr eintretender Nervenzusammenbrüche kann sich die Installation aber lohnen. Tip: Ein Neustart (wenn unter Windows nichts mehr geht: Tasten Ctrl+Alt+Delete zusammen drücken) wirkt Wunder.

Macs stürzen weniger ab, sind aber teurer und eher in der Grafikbranche verbreitet.

Der Nutzen in Kürze: Was bringt mir das Internet?

Im Internet sind unvorstellbare Informationsmengen abrufbar. Weiss man die Adresse des Angebots, unter der die gesuchte Information zu holen ist, stellt sich schnell ein Erfolgserlebnis ein. In den meisten Fällen findet man die gesuchte Information aber erst, wenn man bei einer sogenannten Suchmaschine Schlüsselwörter eingibt und hofft, dieser automatische Suchdienst führe einem aufgrund dieser Suchbegriffe auf die richtige Seite.

Das Wesen des World Wide Web besteht darin, dass Querverweise auf andere Seiten möglich sind, die altbekannten Links oder Hyperlinks. Dies geschieht über unterstrichene Begriffe oder “verlinkte” Bilder (der Maus-Pfeil verwandelt sich in ein Händchen). Oft geht es einem beim Websurfen ähnlich, wie wenn man etwas in einem Lexikon sucht: Man bleibt auf spannenden Seiten hängen, die man an sich gar nicht anschauen wollte und kommt nicht mehr los davon. Dies ist spannend, lehrreich, unterhaltsam – und macht viele süchtig. Vorsicht: Eklatante Gefahr von Schlafmanko!

Via E-Mail lassen sich schnell allerlei Daten verschicken. Das Mitgeteilte bleibt dabei sowohl in der eigenen Box mit versandten Nachrichten wie auch in der Inbox (Briefkasten) des Empfängers gespeichert – solange man will; Mailboxes können also durchaus als “Ersatztagebuch” dienen. Man kann einen Brief per E-Mail gleichzeitig an Hunderte von Empfängern schicken und so News schnell weiterverbreiten. Es ist zudem möglich, jedem E-Mail beliebige Dateien aus einer Textverarbeitung usw. anhängen (als sogenannte Attachments oder Anhäge). Wichtige Briefe können zur Überprüfung oder Vernehmlassung anderen Menschen schnell gemailt werden. Die Empfängerin kann sie selbst abspeichern und verändern etc. – oder weiterschicken, als ob sie diese auf einer Diskette bekommen hätte.

Suchmaschinen

Suchmaschinen lassen sogenannte “Robots” oder “Spiders” täglich Millionen von Webseiten besuchen und nach wichtigen Stichwörtern absuchen, die dann automatisch registriert werden. Sie eignen sich daher für seltene und ausgefallene Stichwörter, da für jede Seite fast alle Begriffe erfasst werden. Den Suchenden werden sie allerdings meistens zusammenhangslos und in einer beliebigen Reihenfolge angezeigt. Ihre Stärke ist die ungeheure Fülle an gespeicherten Stichwörtern.

Vom Geheimtip zur momentan besten Suchmaschine gemausert hat sich in den letzten Monaten “Google” (www.google.com oder www.google.ch). Eine der früher leistungsstärksten und immer noch guten Suchmaschinen ist “Alta Vista” (www.altavista.com), die auch als Partner für kleinere nationale Suchdienste beliebt ist. Weitere wichtige Suchmaschinen: Lycos (www.lycos.com), Hotbot (www.hotbot.com), Fireball (www.fireball.de), Northernlight (www.northernlight.com), Euroseek (www.euroseek.net), Aladin (www.aladin.de), Eule (www.eule.de), Bluewin Sear.ch (www.sear.ch), Search.ch (www.search.ch).

www.dejanews.com ist eine gute Suchmaschine für die Stichwort-Suche in Newsgroups. Meta Search Engines vereinigen mehrere Search-Engines und durchforsten diese: www.cyber411.com, www.metacrawler.com.

Katalogdienste suchen zwar die Stichwörter auch mit Robotern, aber jede aufgenommene www-Seite wird danach von Menschen angeschaut und thematisch klassifiziert. Wenn man also etwas zu einem bestimmten Thema sucht, benutzt man mit Vorteil einen Katalogdienst. Der wichtigste ist “Yahoo” (www.yahoo.com oder www.yahoo.de). Weitere Kataloge: www.sharelook.de, www.webdata.com, galaxy.einet.net, magellan.excite.com, www. search.ch, www.swissguide.ch. Tip: Sie müssen diese Adressen nicht einzeln eintippen, um die Sites zu besuchen. Um eine Übersicht zu noch viel mehr Suchmaschinen und Katalogen mit dirkekten Anklick-Möglichkeiten zu bekommen, geben Sie folgendes ein: http://www.cx.unibe.ch/imw/kurs/suchen.htm

Bereits im ersten Kurs im Januar 1999 (für freie Journalistinnen und Journalisten gemeinsam mit @Anne_Re_Keller) wies ich übrigens auf einen heute noch für so manchen Ärger sorgenden Dauerbrenner hin:

Adressieren Sie Mails an mehrere Personen an sich selbst und setzen Sie alle anderen EmpfängerInnen ins Feld BCC, keinesfalls CC. Leiten Sie keine Kettenbriefe weiter. Beachten Sie die “Netiquette” – ALLES IN GROSSBUCHSTABEN SCHREIBEN HEISST JEMANDEN ANSCHREIEN!

Wie in jedem guten Workshop damals gab es natürlich eine sensationell gestaltete Power-Point-Präsentation:

Folie aus der Präsentation vom Januar 1999 in einem sensationellen Design

Kurzer Einschub: Ich kenne sogar jemanden mit einem gedruckten Buch, das alle Websites des Jahres 1995 samt Kurzbeschrieben enthält – werde aber tunlichst vermeiden, Namen und Orte zu nennen, denn dieses Werk ist vermutlich schon heute sehr wertvoll.

Und noch eine Reminiszenz aus dem Jahre 2003, als in der Newsgroup ch.admin breit über Schweizer Spam dirkutiert wurde und was man dagegen tun könnte:

Als ein einzelnes Spam von der Community noch speziell auseinandergenommen wurde: Mai 2003 in der Newsgroup ch.admin

Damit zurück zum Kurs anno 1999. Auch Datenschutz war am Ende des letzten Jahrtausends schon ein Thema:

Sie hinterlassen eine Datenspur! Nach der Arbeit an einem fremden Computer alle Daten / Mails / Cookies löschen (auch den Papierkorb!). Bedenken Sie, dass E-Mail nicht abhörsicher ist.

Und zuguterletzt:

Vergessen Sie sich am Ende der Surfsession nicht auszuloggen, das kann zu sehr hohen Telefonrechnungen führen.

Auch wenn ich HotBot fast lieber hatte: Rest in peace, Altavista.

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Auf der Wanderkarte steht immer und immer wieder “SVP” geschrieben. Verfolgen uns diese Polithalunken nun bis in die Ferien in Südfrankreich?

Nein, natürlich nicht. Schliesslich ist das hier EU-Territorium. Feindesland.

Und für einmal steht “SVP” in Frankreich auch nicht für “Siwupplä”. Es geht um den “Sentier des villages perchés” – einen Wanderweg im Pays de Fayence, der von einem an den Hügel geklebten Dorf zum anderen führt.

Bei uns in Seillans führt ein SVP-Abschnitt an einigen “bories” vorbei: Steinhütten für Hirten und Bauern, die im 18. und 19. Jahrhundert errichtet wurden. Das besondere: Die bories brauchten keinerlei Holz oder Mörtel, sie waren einfachste selbsttragende Konstruktionen aus Material, das der allernächsten Umgebung entstammte:

Borie bei Seillans (Juni 2013)

Borie bei Seillans (Juni 2013)

Online sind kaum Routenpläne für diese und andere spannende Wanderungen zu finden, aber die Offices de tourisme der Umgebung verkaufen gute guides wie “St-Raphael et le Pays de Fayence à pied”, herausgegeben von der FFRP (Fédération Française de la Randonnée Pédestre).

Die Wege sind ausgezeichnet markiert – und führen, wie der Seillanser Bories-Pfad, durch wunderbare Gegenden wie dichte Eichenwälder:

Eichenwald bei Seillans

Auch wenn man sich stets nahe an der Zivilisation bewegt, wähnt man nach wenigen Wanderminuten schon weit, weit weg vom Alltag.

Eher etwas für Industriearchäologen sind hingegen die SVP-Abschnitte auf der alten Bahnlinie Nizza-Meyrargues, von der hier schon einmal die Rede war. Die stillgelegten Strecken – oft als “Train des pignes” bezeichnet – wurden Ende des 19. Jahrhunderts eröffnet.

Der Abschnitt im Pays de Fayence wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ausser Betrieb genommen. Das Trassee verwildert seither an vielen Orten zusehends, wenn es nicht zu Strassen umfunktioniert wurde:

Abschnitt der 1949 stillgelegten Bahnstrecke Nice-Meyrargues bei Seillans

Das gut erhaltene Bahnhofsgebäude von Seillans liegt inzwischen ebenfalls nicht mehr an einer Eisenbahnstrecke, sondern an einer Nebenstrasse – nur noch das Strassenschild erinnert à la gare:

Abschnitt der 1949 stillgelegten Bahnstrecke Nice-Meyrargues bei Seillans

Abschnitt der 1949 stillgelegten Bahnstrecke Nice-Meyrargues bei Seillans

Richtig spannend sind aber die zu bewandernden Strecken, die vergammeln oder am zuwachsen sind, wie hier auf dem Rückweg von den bories bei La Rouvière, kurz vor der Chapelle Notre-Dame-de-l’Ormeau – die Brücke führt zwar auf einen Bahndamm, auf dem noch der Schotter zu sehen und spüren ist, aus dem inzwischen allerdings stattliche Baumstämme emporragen:

Abschnitt der 1949 stillgelegten Bahnstrecke Nice-Meyrargues bei Seillans

Abschnitt der 1949 stillgelegten Bahnstrecke Nice-Meyrargues bei Seillans

Und wo die nächste Brücke wäre, klafft eine Lücke:

Abschnitt der 1949 stillgelegten Bahnstrecke Nice-Meyrargues bei Seillans

Mehr dazu ist bei Andreas Gossweiler zu lesen, hier exemplarisch der Text zu “unserem” Streckenabschnitt.

Und sonst? Ein Tag in Antibes, fein essen bei Hugo und anderswo, faulenzen, die Landschaft in der dritten Heimat geniessen, ausspannen, Markt in Fayence, dem blühenden Lavendel zuschauen und an Olivenblüten riechen, in milden Nächten durch die Gassen flanieren, die besten Erdbeeren des Planeten schnausen. Die perfekte Sommerwoche in einem sonnigen und milden Frankreich. Was noch kommt: Ein wenig Hinterland auf dem Plateau de Caussols.

Doch all dies – wie auch schon die Reise nach Oslowird inzwischen auf Twitter abgehandelt. Der Zwitscheraccount hat sich als angenehme Nicht-immer-den-Computer-einschalten-müssen-Kurzblökerei etabliert; er kann während “toter Zeit” unterwegs einfach gefüttert werden.

Inzwischen twittere ich weitaus mehr als ich blogge. Dennoch stosse ich immer wieder auf skeptische Aussagen wie: “Hey, du bloggst ja kaum mehr! Was, Twitter? Das will ich nicht.” – Quark: Es sei daran erinnert, dass Twitter alle auch ohne jegliche Anmeldung wie eine normale Website lesen und bookmarken können.

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Kürzlich machte mich wieder einmal eine Diskussion auf Facebook zutiefst nachdenklich.

Eine Facebookfreundin verlinkte auf diesen Text von Regula Stämpfli, der im Prinzip – nebst ein paar hochgestochen daher kommenden gesellschaftspolitischen Thesen – nichts anderes ist als ein Rechtfertigungsversuch für die Gewaltexzesse am Rande von “Tanz dich frei”.

Die Facebookfreundin schrieb im Laufe der Diskussion:

Ich finde den Ansatz, einen Vergleich mit struktureller Gewalt zu machen, interessant.

Ich halte solche Aussagen für unklug in der momentanen Situation.

Mit vielleicht interessanten, aber in meinen Augen unzutreffenden Konstruktionen Gewalt zu erklären, läuft man Gefahr, Gewalt zwischen den Zeilen gutzuheissen (“weil sie ihre verständliche … Wut in die Öffentlichkeit trugen”) – und genau so kam das bei mir auch an.

___________

Diese Online-Diskussion inspirierte mich – zusammen mit Twitterdiskussionen rund um die Ereignisse danach -, drei Wochen nach den Ausschreitungen zu einem Aufwisch meiner Gedanken. Wenn der Text Überlänge hat, so liegt es daran, dass ich zu lange gewartet habe mit Schreiben, dass die Diskussion inzwischen sehr viele Facetten und Sidelines hinzugewonnen hat und dass mir derzeit die Zeit zu einem adäquaten Redigieren schlicht fehlt.

Der rote Faden ist aber die immer wieder auftretende Verharmlosung von Gewalt und der Unwille, auch jene Kreise, die einem vielleicht sympathisch sind, in eine offene und ehrliche Aufarbeitung der Ereignisse einzubeziehen.

Die Aussagen von mir ansonsten politisch nahestehenden Menschen irritieren mich zusehends.

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Natürlich bin ich auch kein Anhänger vieler gesellschaftlicher Entwicklungen, die Stämpfli beschreibt. Aber der Zusammenhang mit den Krawallen ist meiner bescheidenen Ansicht nach an den Haaren herbeigezogen. Für mich als Pazifist gibt es nur eine mögliche Antwort auf Gewaltakte: Bedingungslos verurteilen.

Bei den Krawallen anlässlich von “Tanz dich frei” ging es schlicht ums “Brätsche”, um “Gewalt ist geil”, um “wieder mal die Sau rauslassen”.

Statt Hammer und Sichel hätte man ebenso Hakenkreuze sprayen können – es handelt sich hier (und das tönt jetzt leider etwas bünzlig, ich gebe es zu) schlicht um miserabel erzogene, fanatisch-fehlgeleitete und geistig leicht derangierte junge Männer mit einem zu hohen Testosteronspiegel, die teils zu doof sind, für sich eine Nische in einer sehr freien Gesellschaft zu finden, und teils einfach wieder mal was kaputtschlagen wollen.

Tipp: ich selbst pflege in diesen Augenblicken sinnlos Holz zu hacken oder in einem entlegenen Seitental ein paar Steine herumzuschmeissen, das hilft.

Egal, ob gegen Sachen oder gegen Menschen – Gewalt ist die verwerflichste Form der Kommunikation und es kann darauf nur eine Antwort geben: “Keine Gewalt. Niemals.” Was ich dann auch in der eingangs erwähnten Facebookdiskussion so schrieb.

Eine Facebookfreundin besagter Facebookfreundin schrieb daraufhin:

Ich bin auch nicht generell dafür, dass man Sachen zerstört, aber mich stört es unglaublich, dass das unter dem Begriff “Gewalt” zusammengefasst wird, weil es nämlich impliziert, dass es mindestens verwandt, wenn nicht gar ‘gleich schlimm’ ist wie Gewalt gegen Personen.. Letztlich verniedlicht man damit Gewalt gegen Personen.

Ja, Sie haben richtig gelesen:

Ich bin auch nicht generell dafür, dass man Sachen zerstört.

Generell nicht, aber punktuell dann schon? Und das soll dann also nicht “Gewalt” sein?

Ich schlug ihr vor, dass ich mal bei ihr vorbeikomme und ihre Einrichtung kurz und klein schlage, an die Türe pisse und noch die Wände vollspraye (also eine kleine Portion “Tanz dich frei after 23:30″ in ihre heile Welt trage) – ob sie Gewalt gegen Sachen dann immer noch verniedlichen würde.

Die Antwort:

Denn mein Tisch, meine Haustür, die Farbe an meiner Wand? Alles ersetz- und reparierbar, weil es (Achtung!) Dinge sind. Das gilt für Menschen nicht. Daher ja, finde ich Sachbeschädigung tatsächlich weniger schlimm, als wenn du jetzt bei mir vorbei kommst und mich zusammenschlägst. Empathie mit Menschen ja, Empathie mit Sachen nein.

Ich kam in Rage – solche Aussagen lassen mich geistig auch schon fast zum kleinen Randaleur werden. Ich zählte ihr einige Dinge auf, die vielleicht unersetzlich sind und mit Emotionen verbunden (Mitbringsel aus den Ferien als harmloseres Beispiel).

Sie:

Selbst wenn ich durchaus Mitgefühl für jemanden habe, dessen Lieblingslavendel als Wurfgeschoss geendet hat (also mit einer Person, die Opfer von Sachbeschädigung wurde), finde ich das einfach nicht das gleiche, wie eine Person, die ein Loch im Kopf hat, weil sie von ebendiesem Lavendel getroffen wurde (also Opfer von Gewalt wurde).

Ich war schockiert, solche Aussagen von einer mir zwar unbekannten, auf den Fotos aber nicht unsympathisch erscheinenden Frau, vermutlich Ende zwanzig, zu lesen.

Ich halte diese diese Differenzierung von “schlimmer und weniger schlimmer Gewalt” für verheerend, wie ich schon 2007 anlässlich der SVP-Krawalle geschrieben hatte – aus verschiedenen Gründen:

- Die Facebookfreundin meiner Facebookfreundin (gibts für sowas noch keine Kurzform wie “Schwägerin” oder so?) vernachlässigt komplett eine für die betroffenen Menschen emotionale Komponente. Die besagte Person würde vermutlich anders schreiben, wenn sie einmal mit Sachbeschädigung oder Diebstahl konfrontiert gewesen wäre. Doch selbst dann müsste es meiner Ansicht nach einem Menschen möglich sein, sich in andere Menschen so weit hinein zu versetzen, dass man Gewalt an ihren Dingen keinesfalls mit “Empathie für Sachen: Nein” kommentieren kann. Inzwischen habe ich in ihrem zu googelnden Lebenslauf gelesen, dass sie über eine Ausbildung verfügt, die hohe soziale Kompetenz verlangt – umso unverständlicher werden ihre Aussagen.

- Sie vernachlässigt, dass die meisten “Dinge” von Arbeiterinnen und Arbeitern erschaffen wurden, die viel Zeit und womöglich Herzblut dafür geopfert haben (und vermutlich zu tief bezahlt wurden). Ich halte es schlicht für verwerflich, sinnlos Dinge kaputt zu machen – es ist respektlos gegenüber jenen Menschen, die sie erschaffen haben.

- Alle Beteiligten könnten nach Krawallen ihre wertvolle Zeit im einzigen Leben, das sie haben, mit Gescheiterem verbringen, als Schäden zu reparieren, die vollkommen grundlos oder aus rein egoistischen Motiven geschehen sind. Sowas treibt mich als bewusst das Leben geniessender Mensch zur Weissglut. (Vom Geld, das sinnlos verschleudert wird, sprechen wir gar nicht erst.)

- Völlig vergessen wird, dass die verniedlichten Taten der vielleicht doch noch hinter alledem versteckten politischen Message einen Bärendienst erweisen.

- Doch selbst wenn jemand nicht von Menschenhand Gemachtes malträtiert (wie z.B. uralte Kakteen) , tut mir das irgendwie in der Seele weh – aber damit gehe ich vermutlich das Risiko ein, bei den oben zitierten harten Damen als Weichling, Softie und Versager zu gelten.

Ich gewinne immer mehr den Eindruck, dass viele vornehmlich links eingestellte Leute den meiner Ansicht nach unabdingbare Grundmaxime “Gewalt ist immer Scheisse, egal ob gegen Menschen oder gegen Sachen” verlassen und lieber lavieren, rechtfertigen und sich winden, um nicht von ihrer Grundideologie abweichen zu müssen, die zum Beispiel dies umfasst: Polizisten sind zunächst mal grundsätzlich “böse” im weitesten Sinne, sie mögen Gewalt und Repression, sie haben keine Ahnung von Taktik und machen vom Polizeidirektor bis zum einfachen Tschugger alles falsch – man bedient sich uralter linksextremer Klischees anstatt von Fall zu Fall zu differenzieren (und womöglich auch mal den Menschen hinter der Maske zu sehen).

In einer anderen Facebookdiskussion rund um den “Polizei-Bildpranger” schwang ein Ober-Intelello grosse, abgehobene Worte, zitierte Brecht und Proudhon, wollte mit wirren Zusammenhängen begründen, warum “Eigentum Dienstahl” sei, brachte gar die Asylgesetz-Abstimmung ins Spiel: Klassischer pseudointelligenter Bullshittalk, um von den eigentlichen Problemen abzulenken.

Der Initiator der Diskussion war Lukas Vogelsang vom Kulturmagazin “ensuite”, der mich nach einer weiteren Diskussion zu Tdf entfreundete und auf Facebook/Twitter blockte – soviel zur Konfliktfähigkeit und -freude dieser Leute. Selbst nach heftigsten Diskussionen hielt ich es niemals für nötig, irgend jemanden zu blocken – das gehört einfach manchmal zum Netzleben.

Nun, egal, Lukas fragte mich nach meiner heftigen Reaktion (und dem Bedauern, dass Leute anonym mit ach so tollen Pseudonymen wie “Onkel Marcel” diskutieren – und ihre Posts später auch noch löschen):

Was genau ist dir denn zerstört worden?

Nun: Wenn ich als gewaltverabscheuender Mensch, der Probleme gerne im Diskurs löst, im Laufe der letzten Wochen etwas verloren habe, dann ist es ein gewisses Grundvertrauen in die Berner Linke.

Weshalb? Hier einige andere Beispiele.

Wenn ein Grüner Grossrat sich zitieren lässt mit “Auch Leute, die straffällig werden, verdienen einen gewissen Schutz”, setzt das meiner Ansicht nach ein komplett falsches Zeichen, selbst wenn eilig hinzugefügt wird, die Gewaltakte seien “inakzeptabel”.

Mit jeder versteckten Sympathiebekundung für Gewalttäter oder ihren Dunstkreis entferne ich mich im Geiste mehr von jenen, deren Namen ich kürzlich auf Wahlzettel geschrieben habe.

In vielen Kreisen scheint es schick zu sein, Gewalt zu verniedlichen oder gar cool zu finden – oder zumindest die effiziente Aufklärung der Taten zu verhindern. Und jene, die Gewalt ausüben, tendenziell in Schutz zu nehmen.

Was soll das? Muss man einen gewissen Trash aushalten, um ein geiler Siech zu sein? Muss man ab und zu mal was verbrätschen oder mit der Spraydose ausrücken, um es auf die illustre Berner Liste der Hippen und Coolen zu schaffen?

Wie bei den Diskussionen zu den Emissionen der Partywelt, wo kaum je die Perspektive der Betroffenen Mehrheit interessant oder berichtenswert ist, gilt: Die Rechte der mutmasslichen Straftäter sind zu achten. Ja nicht zu hart anfassen. Deutlich unterscheiden zwischen Gewalt gegen Menschen und Dinge.

Betroffene, Opfer, Leidende? Alles bünzlige, bürgerliche Chlöönisieche.

Auch bei den Medienschaffenden sieht es teils nicht besser aus.

Gerade der “Bund” kommt mir seit einiger Zeit bei den Themen “Nachtleben”, “Kultur” oder “Tanz dich frei” bisweilen so vor, wie wenn Michael E. Dreher plötzlich als Redaktor zum Thema “Verkehrspolitik” schriebe.

Christoph Lenz etwa bedauert in seinem “Bund”-Kommentar, das “Recht auf Vergessen” werde geopfert – ich warte schon gespannt auf das Porträt eines ach so armen Krawallisten, der heulend bei Mama zu Hause sitzt, da er wegen der Fötelis auf Police.be.ch seinen Job verloren hat.

Lenz twittert, dass sich Medien nicht “zu Handlangern der Strafverfolgungsbehörden machen” dürften. Vielleicht verzichtet der “Bund” dann konsequenterweise in Zukunft auch auf die Veröffentlichung von Zeugenaufrufen?

Das sind etwa die Denkmuster, die einem da so begegnen. Es scheint “in” zu sein, einfach mal aus Prinzip gegen alles zu schreiben, was ein wenig nach normalem Alltagsleben normaler Leute stinkt.

Irgendwann schien dann aber Christoph Lenz’ Recherche-Gen doch noch durchzudrücken: In “Reitschule hat «Tanz dich frei» subventioniert” schreibt er unter anderem von Richtungskämpfen in der Reitschule.

Ich fand den Artikel als vielleicht etwas naiver alter Reitschul-Befürworter informativ und fair.

Die Diskussion auf Twitter gestern dazu hingegen verlief dann wieder sehr seltsam: Ein Twitterer fragte Lenz, ob er sich bewusst sei, dass der Artikel einen “epic shitstorm” auslösen würde – wie wenn dieser Gedanke einen Schurni sofort alle Arbeiten einstellen liesse… er doppelte heute nach mit diesem Tweet: “Die Polemik anheizen. Den schwelenden Konflikt eskalieren. Deeskalation sieht anders aus, ob von Polizei oder von Journis.”

Offenbar hat es der liebe Mann nicht so mit der Kritik- und Kontrollfunktion der Medien.

Wieso sollte der “Bund” nicht schreiben, was Sache ist? Statt zu versuchen, nachweislich Falsches zu korrigieren, wird fröhlich gebasht.

Auch sonst scheinen es besonders reitschulnahe Kreise (oder vielmehr: Kreise, die vermutlich bestimmten Kreisen in der Reitschule nahestehen) nur schon daneben, wenn man über gewisse Probleme in einem subventionierten Betrieb spricht. Sie wollen den Diskurs einer breiten Öffentlichkeit möglichst entziehen – woher kommt diese Angst und dieser Wunsch, möglichst klandestin zu handeln?

Ein ebenfalls im “vermummt”-Look (und sogar mit in die Höhe gestreckter Faust, was für ein geiler Siech!) im Netz posierender Twitterer: “Zum jetzigen Zeitpunkt taugt der Artikel leider ausschliesslich zur Stimmungsmache.” – Hä? Wieso? Stand etwas nachweislich Unwahres drin? Ich raff’s nicht – bzw. meine eigentlich vorhandene Sympathie für eine unbequeme Reitschule und ihr Umfeld steigt sicher nicht.

Auch so kann man Sympathisanten vergraulen. Well done!

Vielleicht eine Spur: Mir wurde sinngemäss angedeutet, solche Artikel spielten halt “den Bürgerlichen in die Hände”. Ja, und? Seit wann haben wir in Bern eine bürgerliche Mehrheit? Was die Rechtsparteien finden, ist in dieser Stadt gemessen an den Wählerstärken quasi irrelevant. Darauf muss man beim Versuch der Wahrheitsfindung sicher zu allerletzt Rücksicht nehmen.

Aber ehrlich gesagt glaube ich langsam nicht mehr, dass diese Leute wirklich der von mir aus gesehen einzig richtigen Meinung in diesem Fall sind: Dass man alles mal offen auf den Tisch legt und Verantwortliche auf einem völlig normalen Rechtsweg zur Rechenschaft zieht.

Was ebenfalls auffällt: Viele Beteiligte diskutieren nicht mit ihrem richtigen Namen, sondern mit halbwegs lustigen bis kindischen Pseudonymen. Konstruktive Konfliktfähigkeit und verbal “mit offenem Visier kämpfen” geht anders.

Zurück zu den neusten Aussagen linker PolitikerInnen in der Sache “Tdf”.

Ärgerlich ist für mich als Linkswähler – ich wiederhole mich – primär das Lavieren in meiner politischen Nähe derzeit. Klar, das muss man manchmal aushalten und das ist normal. Ich möchte auch keine Denkverbote erteilen.

Aber hier sind meiner Ansicht nach hohe Werte im Spiel. Stéphanie Penher lässt sich im “Bund” heute etwa damit zitieren:

Die Geschichte sei «aufgebauscht», findet Stéphanie Penher, Chefin der GB/JA-Fraktion. Die Reitschule erfülle den Leistungsvertrag mit der Stadt. Eine Unterstützung von «Tanz dich frei» sei nicht gleichzustellen mit einer Unterstützung der Krawalle.

Dazu kann ich im Prinzip nur auf meinen Text “Grenzenlos naiv” weiterlinken: Es war aufgrund der Aufrufe im Vorfeld völlig klar, dass es zu Gewalt kommen muss – wer das immer noch negiert, leidet schon an einem gewissen Realitätsverlust.

Ich halte diese sture Haltung in weiten Teilen meiner politischen Welt für gefährlich – wären am Sonntag Wahlen, würde es vermutlich massive Gewinne für die Mitteparteien geben (oder noch schlimmer: Rechtsparteien), da sich viele wie ich, die von der bestenfalls halbherzigen Distanzierung von allem, was mit Krawallen und Gewalt zu tun hat, angeekelt sind.

Zittern viele Linke etwa um ihre Parlamentssitze, da sie Angst haben, irgendwas Stinkendes könnte wegen zu akribischer Recherchen unter dem Deckel des Topfes hervor spritzen, den sie jahrelang auf Biegen und Brechen verteidigt haben? Dieser verheerende Gedanke kann einem schon kommen, wenn man die Aussagen derzeit liest.

Ich finde: Irgendwann muss einfach mal fertig überdifferenziert und laviert sein.

Ich verlange auch von linken Parteien ein glasklares, unverwaschenes Bekenntnis gegen jegliche Gewalt oder Kreise (sowie deren Dunstkreise), die Gewalt auch nur annähernd propagieren, wie es in den Aufrufen zu “Tanz dich frei” der Fall war.

So lange nicht klar ist, wer genau hinter dem Aufruf steckt, muss man nicht die ganze Zeit vor der eigenen Ideologie kuschen, sondern man sollte jene unmissverständlich unterstützen, die herausfinden wollen, wer hinter dem Aufruf steckte, bis diese vor einer dafür zuständigen Instanz stehen, die ihre Verantwortung in einem fairen Prozess beurteilt.

Nennt man “Rechtsstaat” und “Demokratie”, falls das vergessen gegangen sein sollte.

Auf Twitter schrieb GB/JA-Fraktionschefin Stéphanie Penher, dass sich “das GB klar von Sachbeschädigung und Gewalt” distanziere. So weit so gut – doch warum sollte man denn sagen “Eine Unterstützung von «Tanz dich frei» sei nicht gleichzustellen mit einer Unterstützung der Krawalle”? Nochmals: Der Tdf-Aufruf strotzte geradezu von Gewaltrhetorik.

Bitte, liebe Leute, die ich zahlreich auf meinen letzten Wahlzettel geschrieben habe: Vergesst in diesen Tagen eure Ideologien einen Moment lang. Distanziert euch unmissverständlich von jeglicher Gewalt und dem Umfeld, das Hass und Gewalt sät oder verniedlicht, nicht nur in Communiqués, sondern überall.

Hört auf, euch gegen die von euch gern als “Pranger” bezeichnete Online-Fahndung zu stemmen – meldet euch wieder, wenn es darum geht, klare Richtlinien für Online-Fotos ins Gesetz zu schreiben (was ich wunderbar fände).

Hört auf, primär eine Untersuchung des Polizeieinsatzes oder der Behördenkommunikation zu fordern – das kommt mir vor, wie wenn man nach einem Erdbeben gegen die warnenden Seismologen ginggt und die Hilfskräfte als Arschlöcher denunziert. Unterstützt lieber jene, die eine versuchen, die Verantwortlichen zu finden, sprich: Diejenigen, die zu Tdf aufgerufen haben und diejenigen, die Gewalt ausgeübt haben. Wir werden sehen, ob es die gleichen Leute sind oder nicht. (Ich hoffe nicht.)

Alle, die Gewalt gegen Menschen oder Sachbeschädigungen begangen haben oder das weiterhin vorhaben, sollen spüren, dass sie möglichst die ganze Stadt gegen sich haben. Dass weder ihre allfälligen vielleicht am Rande politischen Aussagen ankommen – noch dass sie mit ihrer Rhetorik oder ihren Taten irgend etwas auch nur annährend bewegen können.

Ja, ich bin auch für Verhältnismässigkeit und eine Abwicklung von allem innerhalb der rechtsstaatlichen Mittel. Auch ich finde das Onlinestellen von Überwachungskamera-Bildern nicht wahnsinnig toll.

Aber stellt bitte nicht alles in Frage, was derzeit getan wird, um Verantwortlichkeiten zu klären und die Anonymität aufzuheben, in der sich viele Krawallis und starken Bubis (noch) so sicher fühlen. (Meiner Meinung nach wurden diese Prinzipien bisher nicht einmal geritzt – angesichts dessen, was passiert ist, halte ich die Veröffentlichung der Fotos auf der Polizei-Website als “letztes Mittel” für OK. Ich bin froh, dass viele sich das nächste Mal womöglich überlegen, irgend eine Scheisse anzustellen, weil nun endlich mal ein wenig mehr Druck gemacht wird.)

Hey, liebe linken Kolleginnen und Kollegen, wacht auf – hier werden nicht aus Spass an der Sache Persönlichkeitsrechte verletzt, hier werden Leute gesucht, bei denen ein Gericht dringend abklären sollte, was sie genau getan haben.

Und, oh, jaaa, es sind gaaanz Arme, dass sie nun vielleicht ihre Lehrstelle verlieren oder “geächtet” sind. Oh, jaaa, die hehre Uuuunschuldsvermtung… WTF?! – Niemand von den Fotografierten hätte zum besagten Zeitpunkt an den Orten sein müssen, an denen sie aufgenommen wurden. Sie hätten einfach nach Hause gehen können. Sie hatten wochenlang Zeit, sich zu melden, spätestens dann, als die Polizei die Veröffentlichung der Bilder ankündigte.

Auch das könnte man als Linke, als Linker einfach mal so sagen, in Abweichung von den vorgegebenen Parolen, ohne dass man gleich abgewählt wird.

Also eifert für einmal nicht weichgespülten Datenschützern nach und betreibt Täterschutz, sondern schält euch aus eurem ideologischen Kostüm: Auch ihr dürft mal sagen, dass in extremis etwas ausnahmsweise in Ordnung ist, auch wenn es einem prinzipiell nicht ganz in den Kram passt.

Differenzieren ist erlaubt. Jetzt mehr denn je.

Auf ein friedliches Zusammenleben, auf intensive und engagierte Wortgefechte, auf ein “Agreement to Disagree” ohne Strassenschlachten, Sachbeschädigung und natürlich ohne Verletzte.

Find’ ich gut. (11 weitere Leute finden diesen Beitrag auch gut.)

Heute vor 20 Jahren und 12 Tagen – es war der Pfingstmontag 1993 – riss mich der Radiowecker in aller Herrgottsfrühe aus einem reisefiebrigen, oberflächlichen Schlaf. Ich sehe noch heute die brutal rot leuchtende LED-Anzeige “04:45″ vor mir.

Dazu lief “I’m Not in Love” von Ten CC, und zwar genau an diesem mystisch anmutenden Teil in der Mitte, wenn die Sekretärin des Aufnahmestudios “Big Boys Don’t Cry” säuselt. Ich sollte mich in den kommenden Tagen noch einige Male als “Small Boy” erweisen.

Der Song steht seither für den grossen Aufbruch aus dem Baselbiet nach Bern – ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein Riesensatz für einen Andi, mit einem Umweg von ein paar zehntausend Kilometern. Nebst dem damals brandneuen Rucksack, den ich extra für meinen Aufbruch ins Erwachsenenleben via USA, Kanada, Neuseeland und Australien gekauft hatte, ist es vor allem “I’m Not in Love”, das mich beim Ertönen unweigerlich in meine frühen Zwanziger zurück versetzt.

Der 31.5.1993 war ein Wendepunkt. Dabei war der Schritt in die grosse weite Welt nicht einmal sonderlich mutig – in den genannten Ländern herumgondeln kann nun wirklich jedes Kind. Mein damaliger bester Freund hatte zudem vorgemacht, wie es geht (die Mitbringsel seiner Reise z.B. von KIIS FM Los Angeles prägten zunächst das Programm von Radio Raurach, später auch die DRS3-Hitparade), und ich fand, das könnte ich eigentlich auch versuchen.

Aber wenn schon, dann so richtig lange – jetzt zwischen Schule und Studium hätte es das letzte Mal vor der Pensionierung sein können, dass ich genug Zeit und erst noch die angesparte Kohle meines Radiojobs und den stolzen Batzen meiner Sedruner Grossmutter hatte.

Besonders weit weg erscheint mir 1993 eigentlich nicht, ich erinnere mich lebhaft an viele Reiseszenen. Wenn ich heute aber im Tagebuch dieser Zeit blättere, werde ich vor allem einer Tatsache gewahr: Der Geist kann – zum Glück – sehr gut ausblenden und verdrängen. Bei so mancher Zeile, die ich seither nie mehr gelesen habe, reibe ich mir verwundert die Augen und bin froh, dass seitdem viele, viele Jahre ins Land gezogen sind.

Itingen und Sissach aus der Luft am Morgen des 31. Mai 1993 kurz nach dem Start in Kloten

Oben: Ein letzter Blick auf Itingen und Sissach auf dem Flug nach Paris, der ersten Zwischenstation

Plane change in IAD: Eine 747 im alten United-Look

Oben: Umsteigen in Washington – zum ersten Mal seit 11 Jahren hatte ich wieder einen anderen Kontinent betreten.

Mein Boarding Pass für den ersten Hopser über den Atlantik seit 1982Das vertraute Leben zwischen Itingen und Sedrun spuckte mich recht unsanft in Miami aus. Was war das für ein mulmiges Gefühl? Die grosse Freiheit vor dem Fenster, aber im Bauch ein Riesenkloss. Heimweh und Jetlag, genau! So fühlte sich das also an.

Ich hatte den Führerschein noch nicht mal eine Woche im Sack, der Respekt vor den amerikanischen Strassen war allerdings schnell weg – einfacher als hier kann man wirklich nicht in die tägliche Fahrpraxis einsteigen.

Den 87er Chevy Cavalier Station Wagon hatte ich über eine Agentur mit Sitz in der Schweiz erworben, mit Rückkaufgarantie in Los Angeles Mitte August 1993 – das war die günstigste Variante für so eine lange Zeit, allerdings war ich für die Rostbeule auch selbst verantwortlich. Sie sollte mir die nächsten 19’458 Kilometer bis Los Angeles noch so manche Improvisation abverlangen. Doch dazu später.

So übernahm ich also am Morgen des ersten Juni 1993 mein erstes und bis dato einziges eigenes Auto, Kennzeichen JLW 64M, registriert in Dade County, Florida. Und los ging’s Richtung Norden.

Mein Auto für die nächsten 10 Wochen, ein 87er Chevrolet Cavalier Station Wagon, dessen Klimaanlage kaputt war und auch schon über 100'000 Meilen auf dem Buckel hatte

Es gab damals wie schon erwähnt weder das Internet noch Handys – jedenfalls nicht in der heutigen Form. Telefonate nach Übersee waren sündhaft teuer und liefen meist als “Collect Calls” (die Angerufenen bezahlen) über einen Operator (“Vermittlung”), meinen Kommunikationstrieb befriedigte ich mit Tagebuch- und Briefeschreiben. Copy-Paste von Reiseberichten in E-Mails? Bloggen? Twittern? Fehlanzeige!

Die nächsten fünf Nächte konnte ich bei ungarischen Bekannten an der Atlantikküste Floridas verbringen. Das Dasein als Nachkomme von 1956er-Flüchtlingen hat einen grossen Vorteil: Überall auf der Welt sind Ungaren, die einen noch so gern bekochen. Hier allerdings trat bei der Dame des Hauses der Mutterinstinkt etwas gar fest zum Vorschein – sie fand es unerhört, dass meine Mutter mich monatelang alleine durch die Welt tingeln lässt.

Das sei – gerade angesichts der erschreckend hohen Kriminalitätsrate in den USA – grobfahrlässig, und ich würde das keinesfalls überleben, schon gar nicht mit so einer Schrottkarre, basta. Es brauchte einige Überredungskunst meiner ungarischen Grossmutter, die Jutka von Frau zu Frau überzeugte, dass sie mich getrost fahren lassen könne.

Kinoticket vom 5. Juni 1993 Immerhin, mit ihrem Nachwuchs – zwei äusserst attraktiven Schülerinnen erst noch – zog ich gerne plaudernd durch die Malls in West Palm Beach und liess mich in den Alltag einführen (links das Ticket meines ersten Kinobesuches, “Indecent Proposal” für sage und schreibe 3.75$). Das waren sie also, die Auto fahrenden Mädels mit dem Ami-Englisch aus “Beverly Hills 90210″ – ich war entzückt.

Ich nutze die Reise auch, um einmal pro Woche Berichte für meine “Home Stations” Radio Raurach und Radio Unispital zu übermitteln, so zum Beispiel einen kleinen Hintergrundbeitrag zur F/A-18-Abstimmung in der Schweiz, die in meiner ersten Ferienwoche stattfand.

Ich legte den Fokus auf die darbenden Rüstungskonzerne, die sich über “some help from swiss voters” freuten, aber ansonsten unter der frischen Clinton-Präsidentschaft vor allem damit beschäftigt waren, ihre unter den Republikanern lange vernachlässigten Hausaufgaben zu machen und mehr Frauen, Schwarze und Latinos in die Teppichetage zu holen.

Go get Adobe Flash Player!
(Lieber in eigenem Player hören / herunterladen – MP3, 1.4 MB)

Tja, so tönten in einer Zeit vor dem Internet über analoge Leitungen durchgebrösmelte interkontinentale Telefonate! Ist das wirklich erst 20 Jahre her?

A propos Radio: Von den US-Radiostationen war ich natürlich vollkommen hingerissen. Bei der Musik gabs immer genug “Adult-Contemporary”- oder “Classic-Rock”-Sender, die famose alte Klassiker brachten, die bei uns nirgends liefen, hart gefahren, durchchoreographiert bis zum Letzten. Spätestens jetzt hatte ich begriffen, warum Jean-Luc seit seiner US-Reise so anders tönte am Sender.

Und früh entdeckte ich NPR (“National Public Radio”) mit dem Klassiker “All Things Considered” – Robert Siegel wurde schnell mein grosses News-Vorbild.

Auch wie die Amis Fernsehen machten, zum Beispiel das Modell der grossen Ketten mit lokalen Ablegern, fand ich als Jungschurni hochinteressant. Und dass es zig Kanäle zu nur einem Thema gab, war mir vollends neu. Auch, dass man auf dem “Weather Channel” auf einem so genannten “Radarbild” die Niederschlagszonen quasi live verfolgen konnte… faszinierend – sowas hatte ich zuvor nie gesehen.

So langsam wagte ich mich ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten hinaus und schätzte es rasch, wie offen die Amerikanerinnen und Amerikaner waren. Oberflächlich, wie man mich vorgewarnt hatte? – Vielleicht. Aber die vielen kurzen Smalltalks mit völlig Unbekannten fand ich famos, das kannte ich so nicht.

Nebst der Meteorologie und den Medien faszinierte mich als Kind vor allem die Raumfahrt, und wenn ich schon mal hier war, musste ich natürlich kurz nach Cape Canaveral. Am 4. Juni war es so weit – ich konnte im Triebwerk einer Saturn V stehen und das Space Shuttle live auf der Startrampe beobachten. STS-57 startete zwei Wochen nach meinem Besuch – jammerschade, denn das eigentliche Startdatum der Endeavour wäre der 3. Juni gewesen.

Cape Canaveral, 4.6.1993

Eintrittsticket für das Kennedy Space Center am 4. Juni 1993

Die Endeavour auf der Startrampe, 4. Juni 1993

Auf der Fahrt in Raumfahrtzentrum musste ich zum ersten Mal im Leben alleine Tanken. Dass man in den USA oftmals zuerst irgend einen Hebel an der Zapfsäule betätigen muss, bevor das Benzin sprudelt, lernte ich dank der gütigen Hilfe eines grumpy old gas station man.

Damals kostete eine Gallone sagenhafte 1.29$ – in Georgia tankte ich später aber auch für 79 cent pro Gallone, damals rund 30 Rappen pro Liter.

Das erste Mal... tanken: Für 11.47 Dollar am 4. Juni 1993 in Palm Bay, Florida

Nun war ich auf mich alleine gestellt – ich wusste nur, dass ich am 20. Juni in New York sein musste. Für unterwegs kaufte ich mir – dem damaligen Budget entsprechend – eine Styropor-Kühlbox und etwas Eis (die Box überlebte 10 Wochen on the road übrigens problemlos mit sehr viel Klebebandeinsatz). Ich durfte nicht mehr als 30 Dollar pro Tag ausgeben und führte akribisch Buch – wusste aber schon bald, dass ich von irgend jemandem eine Defizitgarantie benötigen würde.

Einkaufszettel von irgendwo in Florida, 10.6.1993

Nach zwei Pärken der übleren Sorte um Orlando (machte man halt damals so – immerhin berührte ich im Epcot Center den ersten Touchscreen meines Lebens, stellte mich aber recht doof an und suchte anfangs die Knöpfe) lebte ich vor allem als Fahrender. Als Highwayman light sozusagen.

Im Zeitalter vor den Navigationsgeräten war der “Rand McNally Road Atlas” das Mass aller Dinge – wenn ich halbwegs wusste, wohin es an einem Tag gehen sollte, schrieb ich mir zudem die Strecke auf einen Zettel. Das Fahren à l’americaine nach Interstate-Nummern, Himmelsrichtungen und Exit Numbers gefiel mir, das erschien mir praktisch.

Strassen-Fahrplan à la USA 1993

Am 10. Juni erreichte ich St. Augustine, der Tagebucheintrag beginnt mit “Scheiss Klimaanlage, ächz, schwitz – ich würde gerne schlafen, unmöglich bei dieser feuchten Hitze.” Der Ort ist die älteste durchgehend besiedelte Stadt der USA, die von Europäern gegründet wurde (1565). So gab es hier allerlei alten Kram zu bewundern, zum Beispiel die Zuckermühle:

Sugar Mill, St Augustine, 11. Juni 1993

Dem Tagebuch ist zu entnehmen, dass ich mich zu Beginn der zweiten US-Woche langsam an die Alltagssprache angewöhnte: “See ya” statt einfach “Bye”, “Sure” statt “Yes”, “s’cuse me” statt “Sorry” – sichtlich stolz versuchte sich der Jüngling an die lokalen Sitten und Gebräuche anzupassen.

Was nicht immer gelang: Diese wundersamen Zeichen @ und # waren mir zum Beispiel völlig unbekannt, und ich musste zunächst mal ein Gefühl für das Kauderwelsch entwickeln, das allein schon einem Motel-Verzeichnis entsprang: das “at” wurde damals im Alltag erst verwendet, um Orte oder Strassen zu bezeichnen, “turn right @52nd” zum Beispiel. Dass diese komische Abkürzung “A/C” für die Klimaanlage steht und dass man dem Gartenhag “pound sign” sagt, erschloss sich mir erst nadisna.

Die zu Country-Klängen singenden Angestellten in den billigen Beizen am Strassenrand, die mich geradezu mütterlich behandelten, fand ich süss. Das unablässige Zitieren von “Call 1-800-BLABLA now to get your FREE… yes, it’s FREE” war faszinierend und lächerlich zugleich. Da kam der deutsche Journalist, mit dem ich im Whirlpool der EconoLodge endlich wieder einmal ein normales, tiefschürfendes Gespräch führen konnte, gerade recht – die direkte, intensive Kommunikation schien mir dann doch irgendwie zu fehlen.

Das ist zwischen den Zeilen immer wieder zu lesen: Selbst in einem Land wie den USA war man damals psychologisch viel weiter weg von daheim als heute. Kein Mail, kein Instant Messaging, keine sofort digital vorhandenen und verschickbaren Bilder – diese damals vor allem am Anfang der Reise gar grosse Einsamkeit würde ich mir heute beinahe wieder herbei sehnen.

Im nächsten Teil dieser Serie verrate ich unter anderem, wo “Little Switzerland” liegt und was Dolly Parton in der Nähe zu schaffen hat.

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30.05.2013

20 Jahre Rucksack

Ich habe das Bastler- und Reparaturgen von meinem Grossvater geerbt. Wenn etwas noch reparier- oder brauchbar ist, wird es “zu Tode verwendet” oder – nötigenfalls notdürftig – geflickt anstatt dass etwas Neues gekauft wird. Das schont nicht nur das Portemonnaie, sondern auch Ressourcen.

Wenn ich 1993 mit einem Rucksack oder Koffer aus dem Jahre 1973 herumspaziert wäre, hätte das wohl komisch gewirkt. Interessanterweise benutze ich aber meinen Rucksack aus dem Jahre 1993 noch heute ganz gern, wenn ich in rollkofferunfreundliche Gebiete reise. Vielleicht macht es mir einfach heute auch weniger aus als damals, mich mit einem solchen Vintage-Teil in der Öffentlichkeit zu bewegen. Auch er hat schon so manchen Näh- und Schnallenservice hinter sich.

Es ist schlicht praktisch, sich das Ding an den Rücken zu schnallen – auch wenn 25kg Reisegepäck drin stecken:

Rucksack, im Mai 1993 gekauft

Gekauft wurde das Fürst-Accessoire in Basel diese Woche vor genau 20 Jahren. Damals machte ich auch meine Fahrprüfung. Das Vorhaben war riskant: Nicht nur den Rucksack hatte ich gekauft, sondern auch ein Auto. In Florida!

Zudem hatte ein Ticket mit Stopovers in Miami, Los Angeles, Auckland, Melbourne, Perth, Cairns, Sydney, Los Angeles und Chicago im Sack. Ein Scheitern in der praktischen Prüfung hätte gewisse Probleme bei der Planung ergeben – aber manchmal muss man im Leben knapp kalkulieren.

Am 31. Mai in der früh ging es los. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch legte ich den oben abgebildeten Rucksack aufs Rollband in Kloten. Ich hatte nur eine vage Ahnung, was mich erwartet – viereinhalb Monate fast immer alleine unterwegs, die einzigen weiteren Fixtermine waren die Flugdaten sowie der Tag des Studienbeginns an der Uni Bern am 26. Oktober 1993. Internet gab es ebensowenig wie Mobilfunknetze.

Die Woche vor 20 Jahren muss stressig gewesen sein – es gab viel zu tun, und ich erinnere mich vage, dass ich alle mir wichtigen Leute nochmals treffen wollte, da ich nicht ganz sicher war, ob ich sie wirklich je wieder sehen würde… Verlustängste eines knapp dem Teenageralter Entwachsenen.

Agenda Mai 1993

Heute noch symbolisiert der Rucksack irgendwie den Auszug von zu Hause, den Umzug nach Bern mit dem kleinen Umweg via Nordamerika, Neuseeland und Australien. Diesen Sommer schaue ich in loser Folge immer wieder zurück auf meine erste grosse Reise vor 20 Jahren – mit Fotos, Relikten und Tönen.

Rucksack, im Mai 1993 gekauft

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26.05.2013

Grenzenlos naiv

Spätestens seit “Tanz dich frei 2.0″ im Juni 2012 herrscht ein Krach um die politisch-gesellschaftliche Deutungshoheit rund um den Anlass.

Da sind einerseits vorgestrige kalte Krieger mit ihren wirren Ideologien – da sind andererseits aber auch Leute wie die Nachtlebenfraktion, die das Leben am liebsten nur festend verbringen würden (und denen es scheissegal ist, wenn jemand schlafen will/muss, die aber halbwegs konstruktiv sind), da sind aber vor allem Tausende von meist apolitschen Feierwilligen, die “shadzz” statt “Schatz” schreiben sich keinen Deut um Parolen scheren.

Also irgendwie ein ziemlich komischer, heterogener Haufen, dem “unheilige Allianz” wohl zu wenig gerecht wird, aber doch die problematische Richtung anzeigt.

Meine grundlegende Abneigung gegen Massenanlässe, grosse Menschenaufläufe aller Art, Gewalt aller Art und die egoistische Vereinnahmung von öffentlichem Raum lassen wir mal ausnahmsweise beiseite – just for the record: Allein schon die Fasnacht finde ich zum Kotzen.

Bei “Tanz dich frei” hätte ich bis gestern sogar noch gesagt “OK, wenn die Ego-Kids auch noch einmal im Jahr ihren Fasching brauchen, uff, von mir aus.”

(In diesem Augenblick erreicht mich ein SMS einer Bekannten aus dem Breitenrain: “Die idiotische Meute um das Soundmobil am Breitschplatz kann mich mal!!! Ich hab Frühschicht, es ist zum Heulen, ich lieg wach und mit mir alle Anwohner, Kinder, Oldies und Leute, die Morgen arbeiten – z.B. diesen Affen den Magen auspumpen – müssen!” und ich nehme die Aussage, dass sowas möglich sein muss, gleich wieder zurück.)

Das Gezeter über die ach so arme Jugend, die keine Freiräume mehr habe, und die ach so vielen Verbote und dieses ach so schlimme Gefühl von Unterdrückung mag ich schon lange nicht mehr hören – wir leben trotz grassierendem Kommerz in einer Gesellschaft, in der kaum je soviel möglich war wie heute. Wer will, der oder die kann auch – und zwar so ziemlich alles.

Einiges ist halt mit einem gewissen Aufwand verbunden, manchmal muss man (ei so blöd) sogar noch denken dazu, und ab und zu sollte man auch daran denken, die lästigen Mitmenschen mit dem eigenen Tun nicht zu behelligen.

Alles Dinge, die (warum auch immer) verblendet-verbitterten Anarchos und Gewaltfreaks leider komplett abgehen.

Dafür ist ihr Drang umso grösser, der Menschheit ihren Lebensstil als den einzig richtigen zu verkaufen. Ihr eigenes Versagen, ihre Mittelmässigkeit verstecken sie hinter wilder Rhetorik, die auf Aussenstehende bestenfalls belustigend wirkt. Sie sind unfähig, einen Platz in einer pluralistischen Gesellschaft zu finden oder zu lethargisch, ihr Glück woanders zu versuchen. Sie wollen lieber die Gesellschaft ihren Bedürfnissen anpassen, sind aber zu dumm zu realisieren, dass sie mit den gewählten Methoden nur scheitern können.

Dieser arroganten Selbstbedienungsmentalität auf der einen und diesem vermutlich auf vielschichtigen psychologischen Problemen, sexueller Frustration oder schlicht allgemeiner Unfähigkeit basierenden Lebensgefühl, unterdrückt zu sein und es “dem Staat”, “dem Kapitalismus” oder generell “den anderen” zeigen zu wollen, begegne ich schon lange mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit, Wut oder Verachtung.

Nun gut, der Aufruf zu “Tanz dich frei 3″ stand seit Wochen auf Facebook – garniert mit allerlei Material, das auf 100m gegen den Wind klar werden liess, was für Leute nun offenbar den Lead übernommen hatten.

Leute, die mir Angst machen – und mich an krude Sektenheinis, unsympathische Ideologen und meinen arschigen Feldweibel in der RS erinnern. Die keinen Ausgleich oder Dialog suchen, sondern nur ihren Weg kennen. Die im Geiste irgendwo in den 1970ern stecken geblieben sind. Vorgestern wurde sogar noch ein Video aufgeschaltet (oder viel mehr ein Audio), in dem ein heiserer Guerillero ungelenk irgendwelche spätpubertären Parolen skandiert. Zum Totlachen einerseits – aber auch der finale Grund, sich endgültig gegen eine Teilnahme zu entscheiden.

Was passiert? – Auf Seiten der Teilnahmewilligen… nicht viel. Man macht lieber einen auf Scheuklappen und tut so, wie wenn es um einen geilen Abend auf der Strasse ginge.

Und beim Staat? – Die Behörden ihrerseits sind so naiv und wollen mit diesen unkommunikativen Kindergärtlern in Kontakt treten. Sie wollen ihnen sogar helfen (Stichwort “Rettungsgasse freihalten”) – jedem halbwegs intelligenten Menschen hätte schon lange klar sein müssen: Wer “Tanz dich frei” besucht, muss damit rechnen, dass er einen rechts- und hilfefreien Raum betritt und bei einem medizinischen Problem halt vor Ort verreckt.

Was soll’s – die Party ist schliesslich wichtiger.

Mir wäre es lieber gewesen, wenn die Behörden einmal wider alle Regeln gesagt hätten “OK, wir machen genau nichts – und schauen dann, wie’s am Sonntagmorgen aussieht, wer Berns Innenstadt an diesem Tag betritt, ist selber schuld und muss mit allem rechnen. Und dann arbeiten wir die Ereignisse gemeinsam auf.”

Schliesslich beginnt der Anlass um 20 Uhr, und das massenhaft erschienene Partyvolk lässt die Vorhut der Vermummten ungehindert Fassaden vollsprayen und (Pyros zündend) Gebäude erklimmen. Schdochgeiley!

Gegen Mitternacht eskaliert die Lage aufgrund der Taten einiger Gewalttätiger – wie zu erwarten war. Tränengas, Gummischrot – die übliche Sauerei. Über der Stadt kreist stundenlang ein Armeeheli, der vermutlich die Übersicht von oben behalten soll. An Schlaf ist in weiten Teilen der Stadt vor allem deshalb kaum zu denken.

Auf Twitter wird im Sekundentakt argumentiert und berichtet. Auch hier bisweilen Naivität in Reinkultur bei an sich sympathischen PolitkerInnen und Leuten, die ernsthaft daran glaubten, sich einen schönen Abend in diesem unwirtlichen “Frühling” 2013 machen zu können.

Grenzenlos lächerlich sind Tweets wie “Ich bin endlos wütend über eure scheiss Tränengasattacke! Friedliches zu zerstören scheint euer Hobby zu sein!” – die passende Antwort darauf lieferte ein anderer Twitterer: “Wann soll man Tränengas einsetzten? Wenn’s Bundeshaus schon brennt, der erste Polizist totgeschlagen wurde?”

Viele nervten sich über den Helikopter – ja hallo… zu blöd, um sich auszumalen, dass der da oben nur kreist, weil ein paar Volldeppen ausgetickt sind, und der Pilot vermutlich auch lieber zu Hause bei seiner Familie wäre, genau so wie die meisten, die aufgeboten waren?

Andere gehirnamputierte Tweets: “It seems black block did minor vandalism and symbolic push towards the federal building, then cops escalated it.” Oder: “Überforderte Polizei – Gummischrot ist dazu da Leben zu schützen, nicht Eigentum” – Leute, die Gewalt verharmlosen, waren mir schon immer ein Greuel. Das sind genau so Typen, denen man einmal die Wohnung ein wenig umgestalten oder ihre Wände versprühen müsste – womöglich verstehen sie dann, wie sich sowas anfühlt.

Ein Anlass wie “Tanz dich frei” kann per se genau einmal, bestenfalls zweimal einigermassen spontan funktionieren. Spätestens wenn eine bestimmte “Zerred-Schwelle” erreicht ist, wenn ideologisch motivierte Gruppen den Event für sich beanspruchen, ist es vorbei.

Die Einsicht wäre so einfach, dass Anlässe, die auf einer derart unheiligen Allianz basieren und im Vorfeld von verbaler Gewalt begleitet sind, von vornherein zum Scheitern verurteilt sind.

Grenzenlos naiv, wer etwas anderes denkt.
Reichlich doof, wer trotzdem hingeht.

Vermutlich sind das auch die Leute, die auf Phishingmails reinfallen und die man in einigen Jahren locker per Enkeltrick um ein paar Tausender erleichtern kann.

Ich sage nicht “mitgegangen – mitgehangen”, ich mache nicht 99% mitverantwortlich für die Gewaltakte von einem Prozent. Ich sage nur, es wäre gescheiter gewesen, den Anlass zu boykottieren, nachdem in den Aufrufen klar war, wie es herauskommen wird.

Und vielleicht was eigenes auf die Beine zu stellen? – Die TeilnehmerInnen haben sich bewusst in den Dunstkreis der TDF-Sektenheinis begeben, weil es der Weg des geringsten Widerstandes war, eben vielleicht doch zu einer netten Strassentanzparty zu kommen. Schade. Und lethargisch.

Ist halt eben schon mühsamer, selbst was zu organisieren.

Und jetzt?

Was nervt: Dass offenbar niemand aus dem Partyvolk die Zivilcourage hatte, die vorauslaufenden Militanten zu überholen. Dass die Masse der friedlichen Festwilligen die sprayenden pseudopolitischen Pyrodösköppe nicht verschlucken und neutralisieren konnte (oder es zumindest versuchen). Der Ablauf war in den ersten Stunden bezeichnend: Vorne die wutgeladenen Vermummten, durchmischt mit Alles-verbrätsche-wetti-Kids, dahinter die fröhlich Feiernden als vermeintlicher Schutzschild. Bezeichnend: Den ersten Wasserwerferstrahl, die erste Tränengaspetarde gezielt suchen, um nachher den Bullen, dem Staat, dem Nause, dem Kapitalismus die Schuld geben zu können.

Was auch nervt: Warum schaffen es Hunderte von Polizisten zum wiederholten Male nicht, die Sprayer und Randalierer aus der Menge zu holen und der Justiz zuzuführen, die sie für einige Wochen (nein, nicht nur Tage) aus dem Verkehr zieht? Der “Bund”-Liveticker berichtete etwa um Mitternacht: “Die Polizei scheint nicht darauf aus zu sein, Leute festzunehmen, sondern sie aus der Innenstadt zu drängen.” Ähm, wieso nicht? Den harten Kern dieser Tröten eine Weile lang in den Knast zu stecken, hätte Bern schon so mache Mühseligkeit erspart. Aber eben, Rechtsstaat ist primär anstrengend – doch selbstverständlich ist das prinzipiell gut so.

Was definitiv tierisch nervt: Dass es nicht noch mehr Film- und Videoaufnahmen der Gewaltexzesse gibt und – ich würde mich da allerdings nicht ausnehmen – niemand den Mut aufbringt, den Tätern die Maske in Flagranti runterzureissen und ihre Bilder halt mal unter Missachtung sämtlicher Persönlichkeitsrechte ins Netz zu stellen.

Was in den kommenden Wochen nerven wird: Die endlosen Diskussionen, wie es nun weiter geht. Die Rechten, die jeglichen Dialog (und die Reitschule grad mit) abbrechen wollen, werden uns Normalos ebenso auf den Keks gehen wie die Nachtlebenheinis mit ihren pseudointellektuellen “ja-aber”-Ausreden. Der weiterhin pflegliche Umgang mit verbalen Scharfschützen und jenen Feiglingen, die im Schutz ihrer Maske gern auch mal richtig zuschlagen. Die Verurteilung des Helilärms statt der Gewalt. Die weiterhin fehlende dezidierte Abgrenzung von PolitikerInnen gegenüber Gewalttätern. Der Versuch von Rechts, die Linke pauschal für die Misere verantwortlich zu machen. Allgemein der Versuch aller Seiten, die Ereignisse für sich zu instrumentalisieren. (Die Stadtregierung kann einem eh nur leid tun – sie macht sowieso in aller Augen immer alles falsch und ist an allem Schuld. Und die Polizeitaktik wird von Dutzenden besserwisserischen Sesselfurzern in den Kommentarspalten der Online-Ausgaben auseinandergenommen.)

Was am meisten nerven wird: Die gewalttätigen Idioten, die unschuldig tun, ihre Taten oder diejenige ihres geistigen Umfeldes verharmlosen und anderen in die Schuhe schieben und sich dabei still ins Füschtli lachen – denn sie hatten ja ihren Spass und werden ihn auch wieder haben, weil sie genau wissen, dass diese manchmal zu liberale Gesellschaft sie gewähren lässt, ihnen brav hintennachputzt und alles bezahlt.

Kurz: Ellenlange sinnlose, unkonstruktive, gehässige Diskussionen um Luxusproblemchen einer Gesellschaft, die sich von den paar Egomanen, die sie leider auch noch produziert hat, auf der Nase herumtanzen lässt. Prall gefüllte Zeitungsseiten, hoch gehende Emotionen, die uns daran hindern, die wirklich wichtigen Probleme dieses eigentlich schönen Planeten anzupacken.

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