15.08.2014

Her mit der Einheitskasse

Die Aussage eines Lobbyisten, ich solle doch „einfach die Krankenkasse wechseln“, wenn ich unzufrieden sei, machte mich wütend – gerade für chronisch Kranke ist diese Aussage höchst zynisch. Die meisten haben mit ihrer Krankheit schon genug zu tun, zahlen ohnehin den gesamten Selbstbehalt und brauchen nicht noch ständig administrativen Aufwand und Wechsel ins Ungewisse. In einem staatlich weitgehend regulierten Bereich wie der Grundversicherung braucht es keinen Wettbewerb. Darum ein klares Ja zu einer (vom Gesetzgeber möglichst konsumentenfreundlich auszugestaltetenden) öffentlichen Krankenkasse am 28. September.

Heute hatte ich auf Twitter ein kleines Rencontre mit Felix Schneuwly von Comparis. Zumal 140 Zeichen einer sinnvollen Diskussion nicht immer zuträglich sind, hier eine etwas ausführlichere Fassung meiner Argumentation.

Es geht um die Einheitskasse, über die das Volk hierzulande Ende September abstimmt.

Zur weiteren Ausgangslage:

– Ich habe seit meinen späten Teenagerjahren Morbus Bechterew, eine rheumatische Erkrankung, die mir das Leben eine zeitlang ziemlich mühsam gestaltet hat. Dank neuer Medikamente bin ich seit 2002 zwar nicht beschwerdefrei, kann aber meistens ein normales Leben führen. Wer es nicht weiss, merkt es nicht. Heute bekomme ich alle 10 Wochen eine Infusion; andere Medis benötige ich kaum noch. Natürlich habe ich die Minimalfranchise von 300 Franken und bezahle diese – wie auch den gesetzlich vorgeschriebenen Selbstbehalt von 700 Franken – jährlich voll.

Felix Schneuwly wechselte 2011 vom Krankenkassenverband Santésuisse als Head of Public Affairs zum Internet-Vergleichsdienst Comparis.

Dass Herr Schneuwly in einer reichlich theoretischen Welt leben muss, zeigen seine beispielsweise auf Twitter gemachten Aussagen zu Werbeanrufen – auch so ein Lieblingsthema von mir. Kein Gesetz hält notorische Random Dialer und viele andere schwarze Schafe davon ab, mich gegen meinen Willen telefonisch zu belästigen – und ich habe weder Lust noch Zeit, solche Leute anzuzeigen.

Natürlich ist Felix Schneuwly in Sachen „öffentliche Krankenkasse“ Partei: Sein Vergleichsdienst würde mit der Einführung einer Einheitskasse zumindest teilweise überflüssig. So ist es ihm eigentlich nicht zu verübeln, dass er – das ist sein Job als oberster Kommunikator – vollen Einsatz gibt.

Damit sind wir aber auch bei einer fast schon philosophischen Frage, die uns schon bei in der Diskussion mit Mitarbeitenden von Telefonmarketern umtrieb: Ist es ein redlicher Job, Dinge zu tun, die andere nerven (Werbeanruf-Ausführende) oder chronisch Kranken solche Dinge an den Kopf zu werfen (Schneuwly)?

Wechseln Sie zu einer besseren, wenn Ihre Krankenkasse Fehler macht. Sind Monopolisten unfehlbar?

Hat der Mann gar kein schlechtes Gewissen dabei, sich zunächst über den Ärger von Spam-Anruf-Geplagten mit Floskeln und Theorie fernab jeglicher Realität hinweg zu setzen – und mir dann auch noch nonchalant einen Kassenwechsel zu empfehlen?

Offenbar nicht!

Felix Schneuwly weiss wohl nicht, wie es sich anfühlt, eine Rechnung von 9000 Franken zu bekommen mit dem Text „wird Ende Monat Ihrem Konto belastet“ – nota bene sind da aber nur 3000 drauf. Tja, da hat meine ach so tolle Versicherung wieder mal einen Fehler gemacht. Oder doch nicht? „Dieses Medikament kann gemäss Blablabla unserer Bedingungen nicht vergütet werden.“ – Natürlich weiss ich inzwischen, dass das immer ein Fehler ist. Dummerweise kommt er aber öfters vor (honni soit… versuchen es die Kassen nicht einfach manchmal und gucken mal, ob man’s merkt?) – und hat jedesmal einen administrativen Aufwand zur Folge.

Wechseln soll ich dann also laut Herrn Schneuwly. Aha.

Er hat offensichtlich auch keinen blassen Schimmer davon, wie es ist, als dringendst auf pünktliche Überweisungen Angewiesener ständig zu Zweifeln bei einem Kassenwechsel: „Machen die das wirklich besser? Die Kritiken sind gut, aber… ach, ich bleibe doch lieber da wo ich weiss, was ich habe. Ich habe doch auch die Zusatzversicherung da, vielleicht geben sie sich dann mehr Mühe…“ – An sich müssen per Gesetz ja ohnehin alle genau das gleiche tun.

Genau: Wettbewerb in einem weitestgehend regulierten Bereich ist sowas von überflüssig.

Die Erfahrungen von mir und meinem Umfeld: Konkurrenz hin oder her – Kassen zahlen langsam, machen viele Fehler, bürden den Kunden viel Arbeit auf („Neu müssen Sie für Rückforderungen dieses Formular ausfüllen“), versenden dafür aber gern dümmliche Hochglanzprospekte oder „Kundenmagazine“ mit Reisetipps und irgendwelchen Erfolgsstrories von „Fallmanagern“.

Und genau darum wurde ich Ihnen, Herr Schneuwly, gegenüber etwas deutlicher:

Auf genau diesen Wettbewerb sch… ich als chronisch Kranker, der einfach jeweils schnell Geld braucht (…) Sie haben Nerven, echt! Gebe Ihnen gern ein Stückli Rheuma ab – mal schauen, wie gross Ihre Lust ist, sich noch mit diesem Admin-Kram zu beschäftigen. Schämen Sie sich für Ihre Aussage!“

Auf seine naive Frage, warum er sich schämen soll (spielt er das bloss oder merkt er es wirklich nicht?), antwortete ich:

Weil Sie null Verständnis für chronisch Kranke haben und den Nerv, mir den üblichen Lobbyistenbullshit an den Kopf zu werfen. Ihr Blabla hilft niemandem, weder Gesunden noch Kranken. (…) Dann setzen Sie sich da ein statt ihre wirtschaftlichen Pfründe auf unserem Buckel zu verteidigen.

(Mit „da“ meinte ich, dass er sich lieber dafür einsetzen sollte, dass es eine gute, kundenfreundliche Einheitskasse gibt, als seinen Vergleichsdienst zu retten, was er durchschaubarerweise gerne möchte.)

Es ist grenzenloser Zynismus, Herr Schneuwly, uns chronisch Kranken zu empfehlen, die Kasse zu wechseln. Darum griff ich zu zweifellos nicht wahnsinnig sorgfältig gewählten Worten. Aber ich stehe dazu und wiederhole sie hier darum gerne noch einmal. Ich hätte ein schlechtes Gewissen dabei, Menschen, die – viele andere weitaus mehr als ich – an ihrer Krankheit beissen, zu empfehlen, die Kasse zu wechseln.

Natürlich haben Sie nachgeschoben, dass ich Sie nicht beleidigen solle. Ich entgegnete, dass Sie mich wütend gemacht hätten – ich sei eben nicht einer, der im Büro hocken, faseln und für seinen Dienst lobbyieren kann, sondern ein Direktbetroffener. Einer, der überhaupt keine Lust hat, an Kassenwechsel (und den damit verbundenen Administrativkram) zu denken, sondern einfach froh ist, wenn die Gesetze eingehalten werden – sprich: Die Medikamente „auf der Liste“ anstandslos schnell bezahlt werden.

Denn, genau: wechseln ist ja soooo einfach. Nur dumm, dass man das erst in einem halben Jahr wieder darf (und das auch nur mit der Minimalfranchise), wenn man gemerkt hat, bei einer Schrottkasse gelandet zu sein, und dann 26 Wochen durch die Hölle muss. Bei etwas, das für unsereiner existenziell ist. Tauschen wir mal ein paar Wochen?

Logisch heilt keine Einheitskasse unsere Bräschten. Aber wenigstens muss ich nicht ausgerechnet der Firma, die mir soeben einen überflüssigen Vierfarbendruckprospekt geschickt hat, zig mal anrufen und melden, dass sie wieder mal etwas falsch gemacht hätten. Und bibbernd hoffen, dass ich diese horrenden Rechnungen nicht wirklich selbst blechen muss.

Was denken Sie denn, Herr Schneuwly: Dass unsereiner nicht die Galle hochkommt angesichts „hey, wechseln Sie doch einfach die Kasse“? Sie wollen Ihren Job bei Comparis retten, gewissermassen auf unserem Buckel? No way, Sir – das ist für mich spätestens seit dieser Episode kein „decent Job“ mehr. Ich bitte Sie, ein wenig mehr Mensch zu sein als Head of Weissnichtwas. Ich mag Ihnen und allen anderen eine gute Arbeitsstelle sehr gönnen. Aber seien wir ehrlich: Es braucht keinen Wettbewerb in der Grundversicherung. Und ob Comparis dabei drauf geht, spielt angesichts der gesellschaftlichen Gesamtzusammenhänge keine Rolle. (Ralf, einer meiner Comparis-Helden, möge mir verzeihen und kurz beide Augen zudrücken.)

Was aber bei einer Einheitskasse ganz klar sein muss: Bei einer so zentralen Institution müssen Fehler – die überall passieren, da haben Sie Recht – so minim wie möglich gehalten werden. Klar definierte Fristen, ein gutes Controlling und eine Art „Publikumsrat“ wären bei einer Einheitskasse zwingend. Abgerechnet werden muss zu 100% „hintendurch“, ohne dass ich zuerst die Rechnungen bekomme und „Bank spielen“ muss.

Ich bin als Kleinstunternehmer durchaus ein Freund des Wettbewerbs und des Marktes. Bei einer obligatorischen Grundversicherung ist Wettbewerb aber nur die zweitbeste Variante. Die einzig vernünftige Lösung – schlank und ohne Auswüchse – ist eine (durch flankierende Massnahmen möglichst konsumentenfreundlich getrimmte) Einheitskasse.

Wenn wir gerade dabei sind: Noch ein paar Randspalten (die nun mit Herrn Schneuwly nichts mehr zu tun haben).

Für chronisch Kranke (ich hasse die Bezeichnung und lasse mich ungern darauf reduzieren, aber es heisst nun halt einmal so) erscheinen auch andere Dinge in unserem Gesundheitswesen ungerecht: Dass ausgerechnet jene, denen es am schlechtesten geht, in einem so genannt solidarischen System überdurschnittlich viel beitragen (durch die automatische jährliche Zahlung des gesamten Selbstbehaltes und den Verzicht auf Prämienrabatte), ist stossend. Ausserdem ist nicht einsehbar, warum mein Wohnort einen Einfluss auf meine Prämie haben sollte: Würde ich meine Schriften in meinen Heimatort Sedrun verlegen, würde ich automatisch weniger Prämien zahlen, wäre aber genau gleich krank wie vorher. Im Zeitalter des Pendelns und der Mobilität ist nicht einsehbar, warum es Prämienregionen gibt. Es sollen alle gleich viel zahlen (könnte man bei den Steuern übrigens auch gleich einführen).

Abgesehen davon ist auch im Privatversicherungswesen, diesem miefenden Sumpf von Ungerechtigkeit und Unsympathie, Verbesserungspotenzial drin.

Die Lust, den Versicherungen generell das Handwerk zu legen und alles am besten zu verstaatlichen, steigen immens, wenn man als einfacher Rheumatiker (der vermutlich nie bleibende Schäden haben wird) von Agentur zu Agentur wandert, jedesmal diese demütigenden Gesundheitsfragebogen ausfüllt: Bechterew, eine Tibiakopffraktur, einmal Nierensteine, and… you name it – schon während der Stift ansetzt, weiss man, dass dir diese Arschgesichter in den Glaspalästen mit ihren fetten Offroadern keine Chance geben. Oder so ähnlich.

Ich wollte, als ich mich selbständig machte, eine saubere Vorsorgelösung, und wäre gerne bereit gewesen, Verantwortung zu übernehmen (was vor 65 soviel heisst wie „viel bezahlen“). Keine Chance – bei allen Produkten abgeblitzt. Morbus Bechterew, machen wir nicht, peng, aus. Bleibt also die dritte Säule – und wohl Ergänzungsleistungen. Ich falle also der Gesellschaft zur Last, obschon ich selbst Verantwortung tragen wollte.

Darum zeige ich im Geiste allen Versicherern den Mittelfinger, auch wenn es leider nicht ganz ohne sie geht. Am 28. September haben wir die Gelegenheit, zumindest einige Korrekturen vorzunehmen.

Und nun schmerzen leider meine Finger und meine Schulter zu sehr von der ganzen Tipperei – ich werfe nun mal 75mg Diclofenac und ein Gramm Paracetamol ein. Auf dass bald einmal eine öffentliche Krankenkasse meine Lebenselixiere pünktlich bezahle.

Find‘ ich gut. (18 weitere Leute finden diesen Beitrag auch gut.)

Kommentare

Lieber Herr Jacomet

Ich setze mich für den Erhalt des regulierten Wettbewerbs mit soliden sozialen Leitplanken im Gesundheitswesen ein und versuche stets sachlich zu argumentieren und auf die sachlichen Argumente anderer einzugehen. Sie kennen mich nicht persönlich und unterstellen mir Befangenheit und niedere finanzielle Motive, dass ich nicht aus Überzeugung sondern für Geld alles tue, weil ich bei santésuisse gearbeitet habe und jetzt beim Internetvergleichsdienst Comparis arbeite. Ich habe auch beim Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV) und bei der Föderation der Schweizerischen Psychologinnen und Psychologen (FSP) gearbeitet, kenne also die Einheitskasse Invalidenversicherung und die Anliegen von Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten ein bisschen.

Ich sehe sehr schlecht, will aber meine schlechten Augen nicht mit Ihren chronischen Schmerzen vergleichen und mich auch nicht darüber beklagen, wo und wie ich mich damit benachteiligt fühle. Ich will Ihnen bloss sagen, dass es für Ihre Überzeugung und Hoffnung, mit einer staatlichen Krankenkasse werde alles besser, leder weder bei der Suva noch bei der IV entsprechende Belege gibt, weil sich eine Staatskasse ebenso ans Gesetz halten muss wie die Krankenkassen. Ich bin froh, dass ich meine Krankenkasse auch bei schwerster Krankheit wechseln könnte, wenn ich mit ihr nicht zufrieden bin.

Ich finde es von Ihnen auch nicht fair all den Mitarbeitenden der Krankenversicherer gegenüber, die jeden Tag versuchen einen guten Job zu machen, auch chronische kranke Menschen zuvorkommend zu behandeln, weil Sie persönlich schlechte Erfahrungen gemacht haben. Ich bestreite auch nicht, dass sich das Personal von Monopolisten nicht für die Kunden einsetzt. Es ist aber ein fundamentaler Unterschied, ob Sie für einen Kunden arbeiten, der auch zur Konkurrenz wechseln kann, wenn Sie schlecht arbeiten, oder ob dieser Kunde Ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Ersetzen Sie in Ihren Hasstexten mal Krankenkasse mit Ausländer. Dann sehen Sie vielleicht, dass Sie mit Ihrem Ärger anders umgehen müssen.

Werter Herr Scheuwly

Unter „Hasstexte“ verstehe ich ein wenig etwas anderes. Ich hasse weder Sie noch „das System“, aber Ihre Argumentation bringt mich halt etwas mehr in Rage als andere Dinge, da es um emotionale Dinge wie die Gesundheit geht in diesem einzigen Leben, das wir auf diesem netten Planeten haben.

Ich kann Sie aber beruhigen: Ich hüpfe weder mir bekannten KK-VR-Präsidenten an die Gurgel, wenn ich sie an Familienfesten oder an Referaten treffe, noch beschimpfe ich KK-Sachbearbeiter am Telefon, wenn sie wieder einmal einen Fehler gemacht haben. Und ich bin sicher, auch wir würden uns engagiert, aber mit einem Lächeln, fair streiten, wenn wir uns treffen würden.

Ich schätze es, dass Sie sich im Gegensatz zu anderen Menschen, denen ich hier an den Karren gefahren bin, persönlich äussern. Ich greife Sie nicht persönlich an, sondern in Ihrer Rolle. Damit müssen Sie halt leben. Schön, dass wir nun etwas mehr zu Ihrem Werdegang wissen.

Sie schreiben: „Ich bin froh, dass ich meine Krankenkasse auch bei schwerster Krankheit wechseln könnte, wenn ich mit ihr nicht zufrieden bin.“

Gut, für Sie ist das OK, und das sei Ihnen gegönnt. Ich und viele andere haben aber keine Lust auf diese ständigen zeitraubenden administrativen Akte.

Ich behaupte nicht, dass mit einer öffentlichen Kasse alles besser würde. Ich würde mich sogar zur Aussage verleiten lassen, die Einheitskasse sei einfach das „kleinere Übel“.

Was halten Sie denn von meiner Aussage, dass – auf den Punkt gebracht – eine gut überwachte, konsumentenfreundlich ausgestaltete (wie einer effizienten, schnellen Ombundsstelle zum Beispiel) öffentliche Krankenkasse die zu erbringenden Dienstleistungen gleich gut, wenn nicht besser, erbringen kann?

(Den Vergleich mit dem Begriff „Ausländer“ halte ich für absurd und beinahe beleidigend, darum gehe ich nicht weiter darauf ein. Aber da ich Sie ja angeblich auch beleidgt haben soll, sind wir im Punkt „kleine Unsachlichkeiten und Tritte ans Schienbein“ nun vielleicht einfach quitt?)

Genau der Vergleich mit den Ausländern ist richtig und wichtig, weil es einfach nicht angeht, Gruppierungen, seien es Ausländern oder Mitarbeitenden von Versicherungen, Schulen, Spitälern, Banken etc., hasserfüllt den Mittelfinger entgegen zu strecken, weil man mit einzelnen Menschen einer Gruppe schlechte Erfahrungen gemacht hat.

Nein, ich habe kein Problem mich harten Auseinandersetzungen, lasse mich nicht auf das Niveau des Stinkefingers hinab.

Lieber Herr Schneuwly, es ist schade, dass Sie die inhaltliche Auseinandersetzung offenbar scheuen und stattdessen auf Formelles zielen.

Wie ich Ihnen schon auf Twitter dargelegt habe, ist mein Text eine spontan verfasste „Reaktion aus dem gemeinen Volke“, eines Betroffenen, in einer direkten Sprache verfasst, man könnte sagen in „Stammtischdeutsch“. Willkommen im 21. Jahrhundert, wo auch schriftliche Debatten in einer mündlich anmutenden Sprache geführt werden.

Natürlich würde ich einen Text in der Rolle als Journalist völlig anders schreiben. Ich bin froh, dass ich auf dieser Plattform meine Meinung relativ direkt und ungeschminkt kundtun kann. Es ist imho letztlich ehrlicher als zu lavieren und nach den gepflegtestmöglichen Worten zu suchen.

Als Secondo oder Tertio, je nach Betrachtungsweise, läge es mir fern, Ausländer zu diffamieren. Die haben mir im Gegensatz zu vielen Versicherungen auch niemals irgend etwas Negatives angetan.

Der Stinkefinger, den ich geistig zeige, basiert darauf, dass es mir diese Branche (zu den einzelnen Mitarbeitern war ich immer höflich, sie werden Ihnen das gerne bestätigen) verunmöglicht hat, mich optimal zu versichern – nur weil ich eine bestimmte Diagnose habe. Der inidividuelle Fall aber – jeder Bechterew hat zig Verläufe – hat diese Versicherungen keinen Deut interessiert.

Wenn Sie damit Mühe haben, dass ich deshalb „einer Branche“ im Affekt den Stinkefinger zeige (oder es unter Ihrem Niveau da oben liegt, sich auf das Niveau hier unten zu begeben), dann ist das halt so.

Lassen Sie doch mal Ihre Empörung über meine Sprache kurz ruhen und stellen Sie sich vor, wie es dazu kommt, dass ich eine solche benutze. Das gibt Ihnen hoffentlich zu denken. (All diese Versicherungen hätten nebenbei erwähnt gutes Geld mit mir verdienen können. Für mich ist das ein Armutszeugnis für die Branche.)

Aber das ist hier nicht das Hauptthema.

Ich wiederhole zum Schluss gerne meine EHK-Frage, auf die Sie nicht eingegangen sind:

Was halten Sie denn von meiner Aussage, dass – auf den Punkt gebracht – eine gut überwachte, konsumentenfreundlich ausgestaltete (wie einer effizienten, schnellen Ombundsstelle zum Beispiel) öffentliche Krankenkasse die zu erbringenden Dienstleistungen gleich gut, wenn nicht besser, erbringen kann?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass mit einer Einheitstarif alles so glatt läuft wie sie sich das vorstellen.
Vielleicht sollten sie mal mit einem Arbeitslosen oder IV Rentner sprechen wie toll das alles immer ist. Wie unpünktlich bezahlt wird und mit welchen Schikanen man zu seinen Leistungen kommt.
Es ist bestimmt nicht angenehm, dass Sie immer den vollen Selbstbehalt zahlen müssen, aber dass Sie damit das System überdurchschnittlich unterstützen kann ich nicht verstehen. Sie belasten das System ja auch überdurchschnittlich.
Ob Sie wegen der Einheitskasse plötzlich Vorsorgeprodukte abschließen können bezweifle ich sehr.
Desweiteren bleiben auch mit der Einheitskasse Preisangaben, unverändertem weil die Spitäler in Kantonsverantwortung sind.

Werter Raphael, ich halte den von Gegnern der öffentlichen Krankenlasse immer wieder angeführten Vergleich mit ALV oder IV für unzulässig – das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Allein wenn Sie sich überlegen, was der Zweck der einzelnen Einrichtungen ist, müsste Ihnen das schnell klar werden.

Bei einer Arbeitslosenkasse oder einer Invalidenversicherung geht es zugleich auch immer darum, Menschen zu irgend etwas zu motivieren (ob berechtigt oder nicht). Die Grundversicherung im Gesundheitsbereich ist schlicht ein administrativer Akt, der stattfinden muss, da der Inhalt der Leistungen gesetzlich geregelt ist. Hier ist eine Konkurrenz überflüssig – und es ist zudem stossend, dass die heutigen Versicherer viel Geld für Werbung und überflüssige Kundenbindungsmassnahmen ausgeben, das sie uns stehlen. Ob das nun wenig ist, ist irrelevant – es ist schlicht überflüssigerweise zum Fenster hinausgeschmissenes Geld.

Dass ich das System überdurchschnittlich belaste, liegt auf der Hand – aber auch diese Aussage hinkt, denn die Grundversicherung ist per definitionem eine solidarische Einrichtung, in der im Prinzip eben alle gleich viel zahlen, aber im Eintretensfall auch gleich viel Anrecht auf Leistungen haben. So betrachtet ist Ihre Aussage beinahe schon arrogant.

Zu den Vorsorgeprodukten – nochmals: Die Abschnitte unterhalb des Satzes „Wenn wir gerade dabei sind…“ im Hauptbeitrag haben NICHTS mit der Einheitskasse zu tun, sondern illustrieren lediglich eine Antipathiebekundung gegenüber der Versicherungsbranche.

Was Sie schliesslich mit „Preisangaben, unverändertem“ meinen, entzieht sich meiner Kenntnis.

Und Herr Schneuwly scheut offenbar nach wie vor die Diskussion rund um diese Frage: „Was halten Sie denn von meiner Aussage, dass – auf den Punkt gebracht – eine gut überwachte, konsumentenfreundlich ausgestaltete (wie einer effizienten, schnellen Ombundsstelle zum Beispiel) öffentliche Krankenkasse die zu erbringenden Dienstleistungen gleich gut, wenn nicht besser, erbringen kann?“

Sein Schweigen lässt tief blicken.

Ich habe keineswegs geschwiegen, mache aber nicht mit, wenn Herr Jacomet mit Wut und pauschalen Verunglimpfungen operiert, wie es andere mit dem Thema Ausländer tun. Die Kassenvielfalts und Wahlfreiheit mit einem Monopol zu ersetzen, wo Ärzte sich ihre Tarife in den kantonalen Führungsgremien selber genehmigen und die Versicherten in einer Art Rat (dieser Vorschlag Jacomet steht nicht im Initiativtext) von freien Kunden zu Bittstellern werden, wäre für chronisch Kranke, die jetzt bei einer schlechten Kasse sind, im besten Fall der Weg vom Regen unter die Traufe.

Grüessech Herr Schneuwly, ich habe mich gerade mit einer befreundeten Journalistin köstlich dafüber amüsiert, wie Sie nach wie vor stoisch versuchen, auf Formelles zu zielen und sich einer inhaltlichen Diskussion verschliessen. Wenn Sie demnächst einmal von anderer Seite darauf angesprochen werden, wissen Sie also, worauf es zurück zu führen ist 🙂

Ich mache Sie auch nicht auf die Flut an Vertippern in Ihren Tweets aufmerksam, obwohl das eine ausgezeichnete Möglichkeit wäre, vom Inhalt abzulenken. Lassen wir doch das einfach, und konzentrieren uns auf Wichtiges – einverstanden?

Also: Danke für Ihre Antwort. Meine Replik:

Wie Sie wissen, gibt es in der Schweiz „nur“ Verfassungsinitiativen. Genau so wie bei der jüngst angenommenen unsäglichen Einwanderungsinitiative (und der Zweitwohnungsinitiative undsoweiter) wird es bei einer Annahme der EHK also auch darum gehen, ein entsprechendes Gesetz auszuarbeiten – in diesem Prozess können sich viele einbringen.

Es wird im Gesetzgebungsprozess darum gehen, solche Gremien und Kontrollen einzubauen, die ich als konsumentenschutz-affine Person als zwingend erachte.

Wir haben zudem die ausgezeichnete Möglichkeit, von Erfahrungen aus dem Ausland zu lernen und gewisse Dinge besser zu machen.

Das von Ihnen beschriebene Szenario ist sicher nicht das, was ich mir wünsche und auch kaum das, was kommen wird. Kann ich darauf zählen, dass Sie ihre Kraft nach einer allfälligen Annahme dafür einsetzen, dass es die Einheitskasse sinnvoll und effizient organisiert und mit den nötigen Kontrollgremien ausgestattet wird? Was haben Sie denn noch für Ideen dazu?

Die Kassenvielfalt heisst für mich vor allem: Viele unnötige Ausgaben für Werbung und „übergestaltete“ Prospekte (einfache Flyer oder Briefe mit wichtigen Infos würden völlig genügen). Jeder Franken, der für solchen Unsinn ausgegeben wird, ist ein mir und anderen gestohlener Franken. Natürlich kommen Sie jetzt mit der bekannten Geschichte der angeblich so tiefen Werbe- und Verwaltungskosten – es bleibt trotzdem sinnlos zum Fenster hinausgeworfenes Geld.

Herr Schneuwly beschied mir übrigens per Mail, er steige aus der Diskussion hier aus, denn er wolle nicht noch Werbung für diesen Blog machen. Auch so kann man diskutieren. Nun, zugleich verständlich – denn er muss weiter seine Abstimmungspropagandamaschine am Laufen halten. Da kommt mir gleich wieder die Galle hoch… aus dem Tages-Anzeiger:

Comparis schwärzt Initianten der Einheitskasse an / Eine staatliche Einheitskasse bei der Krankenversicherung lässt die Prämien explodieren. Diesen Eindruck erweckt der Versicherungsverband mit Verweis auf einen Prämienrechner von Comparis. Eine Abstimmungs-Finte.

Ein Kommentierer bringt es auf den Punkt: „Ein Grund mehr, ein JA einzulegen, wer solche Werbung nötig hat.“

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