20.06.2013

Empathie für Gegenstände – Gedanken 3 Wochen nach «Tanz dich frei»

Kürzlich machte mich wieder einmal eine Diskussion auf Facebook zutiefst nachdenklich.

Eine Facebookfreundin verlinkte auf diesen Text von Regula Stämpfli, der im Prinzip – nebst ein paar hochgestochen daher kommenden gesellschaftspolitischen Thesen – nichts anderes ist als ein Rechtfertigungsversuch für die Gewaltexzesse am Rande von „Tanz dich frei“.

Die Facebookfreundin schrieb im Laufe der Diskussion:

Ich finde den Ansatz, einen Vergleich mit struktureller Gewalt zu machen, interessant.

Ich halte solche Aussagen für unklug in der momentanen Situation.

Mit vielleicht interessanten, aber in meinen Augen unzutreffenden Konstruktionen Gewalt zu erklären, läuft man Gefahr, Gewalt zwischen den Zeilen gutzuheissen („weil sie ihre verständliche … Wut in die Öffentlichkeit trugen“) – und genau so kam das bei mir auch an.

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Diese Online-Diskussion inspirierte mich – zusammen mit Twitterdiskussionen rund um die Ereignisse danach -, drei Wochen nach den Ausschreitungen zu einem Aufwisch meiner Gedanken. Wenn der Text Überlänge hat, so liegt es daran, dass ich zu lange gewartet habe mit Schreiben, dass die Diskussion inzwischen sehr viele Facetten und Sidelines hinzugewonnen hat und dass mir derzeit die Zeit zu einem adäquaten Redigieren schlicht fehlt.

Der rote Faden ist aber die immer wieder auftretende Verharmlosung von Gewalt und der Unwille, auch jene Kreise, die einem vielleicht sympathisch sind, in eine offene und ehrliche Aufarbeitung der Ereignisse einzubeziehen.

Die Aussagen von mir ansonsten politisch nahestehenden Menschen irritieren mich zusehends.

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Natürlich bin ich auch kein Anhänger vieler gesellschaftlicher Entwicklungen, die Stämpfli beschreibt. Aber der Zusammenhang mit den Krawallen ist meiner bescheidenen Ansicht nach an den Haaren herbeigezogen. Für mich als Pazifist gibt es nur eine mögliche Antwort auf Gewaltakte: Bedingungslos verurteilen.

Bei den Krawallen anlässlich von „Tanz dich frei“ ging es schlicht ums „Brätsche“, um „Gewalt ist geil“, um „wieder mal die Sau rauslassen“.

Statt Hammer und Sichel hätte man ebenso Hakenkreuze sprayen können – es handelt sich hier (und das tönt jetzt leider etwas bünzlig, ich gebe es zu) schlicht um miserabel erzogene, fanatisch-fehlgeleitete und geistig leicht derangierte junge Männer mit einem zu hohen Testosteronspiegel, die teils zu doof sind, für sich eine Nische in einer sehr freien Gesellschaft zu finden, und teils einfach wieder mal was kaputtschlagen wollen.

Tipp: ich selbst pflege in diesen Augenblicken sinnlos Holz zu hacken oder in einem entlegenen Seitental ein paar Steine herumzuschmeissen, das hilft.

Egal, ob gegen Sachen oder gegen Menschen – Gewalt ist die verwerflichste Form der Kommunikation und es kann darauf nur eine Antwort geben: „Keine Gewalt. Niemals.“ Was ich dann auch in der eingangs erwähnten Facebookdiskussion so schrieb.

Eine Facebookfreundin besagter Facebookfreundin schrieb daraufhin:

Ich bin auch nicht generell dafür, dass man Sachen zerstört, aber mich stört es unglaublich, dass das unter dem Begriff „Gewalt“ zusammengefasst wird, weil es nämlich impliziert, dass es mindestens verwandt, wenn nicht gar ‚gleich schlimm‘ ist wie Gewalt gegen Personen.. Letztlich verniedlicht man damit Gewalt gegen Personen.

Ja, Sie haben richtig gelesen:

Ich bin auch nicht generell dafür, dass man Sachen zerstört.

Generell nicht, aber punktuell dann schon? Und das soll dann also nicht „Gewalt“ sein?

Ich schlug ihr vor, dass ich mal bei ihr vorbeikomme und ihre Einrichtung kurz und klein schlage, an die Türe pisse und noch die Wände vollspraye (also eine kleine Portion „Tanz dich frei after 23:30“ in ihre heile Welt trage) – ob sie Gewalt gegen Sachen dann immer noch verniedlichen würde.

Die Antwort:

Denn mein Tisch, meine Haustür, die Farbe an meiner Wand? Alles ersetz- und reparierbar, weil es (Achtung!) Dinge sind. Das gilt für Menschen nicht. Daher ja, finde ich Sachbeschädigung tatsächlich weniger schlimm, als wenn du jetzt bei mir vorbei kommst und mich zusammenschlägst. Empathie mit Menschen ja, Empathie mit Sachen nein.

Ich kam in Rage – solche Aussagen lassen mich geistig auch schon fast zum kleinen Randaleur werden. Ich zählte ihr einige Dinge auf, die vielleicht unersetzlich sind und mit Emotionen verbunden (Mitbringsel aus den Ferien als harmloseres Beispiel).

Sie:

Selbst wenn ich durchaus Mitgefühl für jemanden habe, dessen Lieblingslavendel als Wurfgeschoss geendet hat (also mit einer Person, die Opfer von Sachbeschädigung wurde), finde ich das einfach nicht das gleiche, wie eine Person, die ein Loch im Kopf hat, weil sie von ebendiesem Lavendel getroffen wurde (also Opfer von Gewalt wurde).

Ich war schockiert, solche Aussagen von einer mir zwar unbekannten, auf den Fotos aber nicht unsympathisch erscheinenden Frau, vermutlich Ende zwanzig, zu lesen.

Ich halte diese diese Differenzierung von „schlimmer und weniger schlimmer Gewalt“ für verheerend, wie ich schon 2007 anlässlich der SVP-Krawalle geschrieben hatte – aus verschiedenen Gründen:

– Die Facebookfreundin meiner Facebookfreundin (gibts für sowas noch keine Kurzform wie „Schwägerin“ oder so?) vernachlässigt komplett eine für die betroffenen Menschen emotionale Komponente. Die besagte Person würde vermutlich anders schreiben, wenn sie einmal mit Sachbeschädigung oder Diebstahl konfrontiert gewesen wäre. Doch selbst dann müsste es meiner Ansicht nach einem Menschen möglich sein, sich in andere Menschen so weit hinein zu versetzen, dass man Gewalt an ihren Dingen keinesfalls mit „Empathie für Sachen: Nein“ kommentieren kann. Inzwischen habe ich in ihrem zu googelnden Lebenslauf gelesen, dass sie über eine Ausbildung verfügt, die hohe soziale Kompetenz verlangt – umso unverständlicher werden ihre Aussagen.

– Sie vernachlässigt, dass die meisten „Dinge“ von Arbeiterinnen und Arbeitern erschaffen wurden, die viel Zeit und womöglich Herzblut dafür geopfert haben (und vermutlich zu tief bezahlt wurden). Ich halte es schlicht für verwerflich, sinnlos Dinge kaputt zu machen – es ist respektlos gegenüber jenen Menschen, die sie erschaffen haben.

– Alle Beteiligten könnten nach Krawallen ihre wertvolle Zeit im einzigen Leben, das sie haben, mit Gescheiterem verbringen, als Schäden zu reparieren, die vollkommen grundlos oder aus rein egoistischen Motiven geschehen sind. Sowas treibt mich als bewusst das Leben geniessender Mensch zur Weissglut. (Vom Geld, das sinnlos verschleudert wird, sprechen wir gar nicht erst.)

– Völlig vergessen wird, dass die verniedlichten Taten der vielleicht doch noch hinter alledem versteckten politischen Message einen Bärendienst erweisen.

– Doch selbst wenn jemand nicht von Menschenhand Gemachtes malträtiert (wie z.B. uralte Kakteen) , tut mir das irgendwie in der Seele weh – aber damit gehe ich vermutlich das Risiko ein, bei den oben zitierten harten Damen als Weichling, Softie und Versager zu gelten.

Ich gewinne immer mehr den Eindruck, dass viele vornehmlich links eingestellte Leute den meiner Ansicht nach unabdingbare Grundmaxime „Gewalt ist immer Scheisse, egal ob gegen Menschen oder gegen Sachen“ verlassen und lieber lavieren, rechtfertigen und sich winden, um nicht von ihrer Grundideologie abweichen zu müssen, die zum Beispiel dies umfasst: Polizisten sind zunächst mal grundsätzlich „böse“ im weitesten Sinne, sie mögen Gewalt und Repression, sie haben keine Ahnung von Taktik und machen vom Polizeidirektor bis zum einfachen Tschugger alles falsch – man bedient sich uralter linksextremer Klischees anstatt von Fall zu Fall zu differenzieren (und womöglich auch mal den Menschen hinter der Maske zu sehen).

In einer anderen Facebookdiskussion rund um den „Polizei-Bildpranger“ schwang ein Ober-Intelello grosse, abgehobene Worte, zitierte Brecht und Proudhon, wollte mit wirren Zusammenhängen begründen, warum „Eigentum Dienstahl“ sei, brachte gar die Asylgesetz-Abstimmung ins Spiel: Klassischer pseudointelligenter Bullshittalk, um von den eigentlichen Problemen abzulenken.

Der Initiator der Diskussion war Lukas Vogelsang vom Kulturmagazin „ensuite“, der mich nach einer weiteren Diskussion zu Tdf entfreundete und auf Facebook/Twitter blockte – soviel zur Konfliktfähigkeit und -freude dieser Leute. Selbst nach heftigsten Diskussionen hielt ich es niemals für nötig, irgend jemanden zu blocken – das gehört einfach manchmal zum Netzleben.

Nun, egal, Lukas fragte mich nach meiner heftigen Reaktion (und dem Bedauern, dass Leute anonym mit ach so tollen Pseudonymen wie „Onkel Marcel“ diskutieren – und ihre Posts später auch noch löschen):

Was genau ist dir denn zerstört worden?

Nun: Wenn ich als gewaltverabscheuender Mensch, der Probleme gerne im Diskurs löst, im Laufe der letzten Wochen etwas verloren habe, dann ist es ein gewisses Grundvertrauen in die Berner Linke.

Weshalb? Hier einige andere Beispiele.

Wenn ein Grüner Grossrat sich zitieren lässt mit „Auch Leute, die straffällig werden, verdienen einen gewissen Schutz“, setzt das meiner Ansicht nach ein komplett falsches Zeichen, selbst wenn eilig hinzugefügt wird, die Gewaltakte seien „inakzeptabel“.

Mit jeder versteckten Sympathiebekundung für Gewalttäter oder ihren Dunstkreis entferne ich mich im Geiste mehr von jenen, deren Namen ich kürzlich auf Wahlzettel geschrieben habe.

In vielen Kreisen scheint es schick zu sein, Gewalt zu verniedlichen oder gar cool zu finden – oder zumindest die effiziente Aufklärung der Taten zu verhindern. Und jene, die Gewalt ausüben, tendenziell in Schutz zu nehmen.

Was soll das? Muss man einen gewissen Trash aushalten, um ein geiler Siech zu sein? Muss man ab und zu mal was verbrätschen oder mit der Spraydose ausrücken, um es auf die illustre Berner Liste der Hippen und Coolen zu schaffen?

Wie bei den Diskussionen zu den Emissionen der Partywelt, wo kaum je die Perspektive der Betroffenen Mehrheit interessant oder berichtenswert ist, gilt: Die Rechte der mutmasslichen Straftäter sind zu achten. Ja nicht zu hart anfassen. Deutlich unterscheiden zwischen Gewalt gegen Menschen und Dinge.

Betroffene, Opfer, Leidende? Alles bünzlige, bürgerliche Chlöönisieche.

Auch bei den Medienschaffenden sieht es teils nicht besser aus.

Gerade der „Bund“ kommt mir seit einiger Zeit bei den Themen „Nachtleben“, „Kultur“ oder „Tanz dich frei“ bisweilen so vor, wie wenn Michael E. Dreher plötzlich als Redaktor zum Thema „Verkehrspolitik“ schriebe.

Christoph Lenz etwa bedauert in seinem „Bund“-Kommentar, das „Recht auf Vergessen“ werde geopfert – ich warte schon gespannt auf das Porträt eines ach so armen Krawallisten, der heulend bei Mama zu Hause sitzt, da er wegen der Fötelis auf Police.be.ch seinen Job verloren hat.

Lenz twittert, dass sich Medien nicht „zu Handlangern der Strafverfolgungsbehörden machen“ dürften. Vielleicht verzichtet der „Bund“ dann konsequenterweise in Zukunft auch auf die Veröffentlichung von Zeugenaufrufen?

Das sind etwa die Denkmuster, die einem da so begegnen. Es scheint „in“ zu sein, einfach mal aus Prinzip gegen alles zu schreiben, was ein wenig nach normalem Alltagsleben normaler Leute stinkt.

Irgendwann schien dann aber Christoph Lenz‘ Recherche-Gen doch noch durchzudrücken: In „Reitschule hat «Tanz dich frei» subventioniert“ schreibt er unter anderem von Richtungskämpfen in der Reitschule.

Ich fand den Artikel als vielleicht etwas naiver alter Reitschul-Befürworter informativ und fair.

Die Diskussion auf Twitter gestern dazu hingegen verlief dann wieder sehr seltsam: Ein Twitterer fragte Lenz, ob er sich bewusst sei, dass der Artikel einen „epic shitstorm“ auslösen würde – wie wenn dieser Gedanke einen Schurni sofort alle Arbeiten einstellen liesse… er doppelte heute nach mit diesem Tweet: „Die Polemik anheizen. Den schwelenden Konflikt eskalieren. Deeskalation sieht anders aus, ob von Polizei oder von Journis.“

Offenbar hat es der liebe Mann nicht so mit der Kritik- und Kontrollfunktion der Medien.

Wieso sollte der „Bund“ nicht schreiben, was Sache ist? Statt zu versuchen, nachweislich Falsches zu korrigieren, wird fröhlich gebasht.

Auch sonst scheinen es besonders reitschulnahe Kreise (oder vielmehr: Kreise, die vermutlich bestimmten Kreisen in der Reitschule nahestehen) nur schon daneben, wenn man über gewisse Probleme in einem subventionierten Betrieb spricht. Sie wollen den Diskurs einer breiten Öffentlichkeit möglichst entziehen – woher kommt diese Angst und dieser Wunsch, möglichst klandestin zu handeln?

Ein ebenfalls im „vermummt“-Look (und sogar mit in die Höhe gestreckter Faust, was für ein geiler Siech!) im Netz posierender Twitterer: „Zum jetzigen Zeitpunkt taugt der Artikel leider ausschliesslich zur Stimmungsmache.“ – Hä? Wieso? Stand etwas nachweislich Unwahres drin? Ich raff’s nicht – bzw. meine eigentlich vorhandene Sympathie für eine unbequeme Reitschule und ihr Umfeld steigt sicher nicht.

Auch so kann man Sympathisanten vergraulen. Well done!

Vielleicht eine Spur: Mir wurde sinngemäss angedeutet, solche Artikel spielten halt „den Bürgerlichen in die Hände“. Ja, und? Seit wann haben wir in Bern eine bürgerliche Mehrheit? Was die Rechtsparteien finden, ist in dieser Stadt gemessen an den Wählerstärken quasi irrelevant. Darauf muss man beim Versuch der Wahrheitsfindung sicher zu allerletzt Rücksicht nehmen.

Aber ehrlich gesagt glaube ich langsam nicht mehr, dass diese Leute wirklich der von mir aus gesehen einzig richtigen Meinung in diesem Fall sind: Dass man alles mal offen auf den Tisch legt und Verantwortliche auf einem völlig normalen Rechtsweg zur Rechenschaft zieht.

Was ebenfalls auffällt: Viele Beteiligte diskutieren nicht mit ihrem richtigen Namen, sondern mit halbwegs lustigen bis kindischen Pseudonymen. Konstruktive Konfliktfähigkeit und verbal „mit offenem Visier kämpfen“ geht anders.

Zurück zu den neusten Aussagen linker PolitikerInnen in der Sache „Tdf“.

Ärgerlich ist für mich als Linkswähler – ich wiederhole mich – primär das Lavieren in meiner politischen Nähe derzeit. Klar, das muss man manchmal aushalten und das ist normal. Ich möchte auch keine Denkverbote erteilen.

Aber hier sind meiner Ansicht nach hohe Werte im Spiel. Stéphanie Penher lässt sich im „Bund“ heute etwa damit zitieren:

Die Geschichte sei «aufgebauscht», findet Stéphanie Penher, Chefin der GB/JA-Fraktion. Die Reitschule erfülle den Leistungsvertrag mit der Stadt. Eine Unterstützung von «Tanz dich frei» sei nicht gleichzustellen mit einer Unterstützung der Krawalle.

Dazu kann ich im Prinzip nur auf meinen Text „Grenzenlos naiv“ weiterlinken: Es war aufgrund der Aufrufe im Vorfeld völlig klar, dass es zu Gewalt kommen muss – wer das immer noch negiert, leidet schon an einem gewissen Realitätsverlust.

Ich halte diese sture Haltung in weiten Teilen meiner politischen Welt für gefährlich – wären am Sonntag Wahlen, würde es vermutlich massive Gewinne für die Mitteparteien geben (oder noch schlimmer: Rechtsparteien), da sich viele wie ich, die von der bestenfalls halbherzigen Distanzierung von allem, was mit Krawallen und Gewalt zu tun hat, angeekelt sind.

Zittern viele Linke etwa um ihre Parlamentssitze, da sie Angst haben, irgendwas Stinkendes könnte wegen zu akribischer Recherchen unter dem Deckel des Topfes hervor spritzen, den sie jahrelang auf Biegen und Brechen verteidigt haben? Dieser verheerende Gedanke kann einem schon kommen, wenn man die Aussagen derzeit liest.

Ich finde: Irgendwann muss einfach mal fertig überdifferenziert und laviert sein.

Ich verlange auch von linken Parteien ein glasklares, unverwaschenes Bekenntnis gegen jegliche Gewalt oder Kreise (sowie deren Dunstkreise), die Gewalt auch nur annähernd propagieren, wie es in den Aufrufen zu „Tanz dich frei“ der Fall war.

So lange nicht klar ist, wer genau hinter dem Aufruf steckt, muss man nicht die ganze Zeit vor der eigenen Ideologie kuschen, sondern man sollte jene unmissverständlich unterstützen, die herausfinden wollen, wer hinter dem Aufruf steckte, bis diese vor einer dafür zuständigen Instanz stehen, die ihre Verantwortung in einem fairen Prozess beurteilt.

Nennt man „Rechtsstaat“ und „Demokratie“, falls das vergessen gegangen sein sollte.

Auf Twitter schrieb GB/JA-Fraktionschefin Stéphanie Penher, dass sich „das GB klar von Sachbeschädigung und Gewalt“ distanziere. So weit so gut – doch warum sollte man denn sagen „Eine Unterstützung von «Tanz dich frei» sei nicht gleichzustellen mit einer Unterstützung der Krawalle“? Nochmals: Der Tdf-Aufruf strotzte geradezu von Gewaltrhetorik.

Bitte, liebe Leute, die ich zahlreich auf meinen letzten Wahlzettel geschrieben habe: Vergesst in diesen Tagen eure Ideologien einen Moment lang. Distanziert euch unmissverständlich von jeglicher Gewalt und dem Umfeld, das Hass und Gewalt sät oder verniedlicht, nicht nur in Communiqués, sondern überall.

Hört auf, euch gegen die von euch gern als „Pranger“ bezeichnete Online-Fahndung zu stemmen – meldet euch wieder, wenn es darum geht, klare Richtlinien für Online-Fotos ins Gesetz zu schreiben (was ich wunderbar fände).

Hört auf, primär eine Untersuchung des Polizeieinsatzes oder der Behördenkommunikation zu fordern – das kommt mir vor, wie wenn man nach einem Erdbeben gegen die warnenden Seismologen ginggt und die Hilfskräfte als Arschlöcher denunziert. Unterstützt lieber jene, die eine versuchen, die Verantwortlichen zu finden, sprich: Diejenigen, die zu Tdf aufgerufen haben und diejenigen, die Gewalt ausgeübt haben. Wir werden sehen, ob es die gleichen Leute sind oder nicht. (Ich hoffe nicht.)

Alle, die Gewalt gegen Menschen oder Sachbeschädigungen begangen haben oder das weiterhin vorhaben, sollen spüren, dass sie möglichst die ganze Stadt gegen sich haben. Dass weder ihre allfälligen vielleicht am Rande politischen Aussagen ankommen – noch dass sie mit ihrer Rhetorik oder ihren Taten irgend etwas auch nur annährend bewegen können.

Ja, ich bin auch für Verhältnismässigkeit und eine Abwicklung von allem innerhalb der rechtsstaatlichen Mittel. Auch ich finde das Onlinestellen von Überwachungskamera-Bildern nicht wahnsinnig toll.

Aber stellt bitte nicht alles in Frage, was derzeit getan wird, um Verantwortlichkeiten zu klären und die Anonymität aufzuheben, in der sich viele Krawallis und starken Bubis (noch) so sicher fühlen. (Meiner Meinung nach wurden diese Prinzipien bisher nicht einmal geritzt – angesichts dessen, was passiert ist, halte ich die Veröffentlichung der Fotos auf der Polizei-Website als „letztes Mittel“ für OK. Ich bin froh, dass viele sich das nächste Mal womöglich überlegen, irgend eine Scheisse anzustellen, weil nun endlich mal ein wenig mehr Druck gemacht wird.)

Hey, liebe linken Kolleginnen und Kollegen, wacht auf – hier werden nicht aus Spass an der Sache Persönlichkeitsrechte verletzt, hier werden Leute gesucht, bei denen ein Gericht dringend abklären sollte, was sie genau getan haben.

Und, oh, jaaa, es sind gaaanz Arme, dass sie nun vielleicht ihre Lehrstelle verlieren oder „geächtet“ sind. Oh, jaaa, die hehre Uuuunschuldsvermtung… WTF?! – Niemand von den Fotografierten hätte zum besagten Zeitpunkt an den Orten sein müssen, an denen sie aufgenommen wurden. Sie hätten einfach nach Hause gehen können. Sie hatten wochenlang Zeit, sich zu melden, spätestens dann, als die Polizei die Veröffentlichung der Bilder ankündigte.

Auch das könnte man als Linke, als Linker einfach mal so sagen, in Abweichung von den vorgegebenen Parolen, ohne dass man gleich abgewählt wird.

Also eifert für einmal nicht weichgespülten Datenschützern nach und betreibt Täterschutz, sondern schält euch aus eurem ideologischen Kostüm: Auch ihr dürft mal sagen, dass in extremis etwas ausnahmsweise in Ordnung ist, auch wenn es einem prinzipiell nicht ganz in den Kram passt.

Differenzieren ist erlaubt. Jetzt mehr denn je.

Auf ein friedliches Zusammenleben, auf intensive und engagierte Wortgefechte, auf ein „Agreement to Disagree“ ohne Strassenschlachten, Sachbeschädigung und natürlich ohne Verletzte.

Find‘ ich gut. (12 weitere Leute finden diesen Beitrag auch gut.)

Kommentare

du sprichst mir aus dem herzen. danke für deine büez.

Wie andere mein verständlicherweise für Andersdenkende bisweilen etwas schwierig erscheinendes Engagement für eine friedliche Auseinandersetzung ohne Gewalt und ohne Anonymität auf Facebook sehen:

Wenn ich jede manchmal etwas heftigere Online-Diskussion mit dem allseits beliebten „SVP“-Totschlägervorwurf belegt, den Attributen „beleidigend“ oder „Feldzug“ abgebrochen und der Person „adieu“ gesagt hätte, wäre mein Online-Leben vielleicht ruhiger, aber auch weitaus weniger spannend verlaufen.

So sehr ich physische Gewalt verabscheue, so gern teile ich verbal auch mal ein wenig pointierter aus – und muss auch oft einstecken, klar.

Aber selbst mit mutmasslichen Tdf-Randaleuren bin ich auf Twitter nach etlichen Gehässigkeiten noch sportlich mit einem virtuellen Handshake aus dem Ring gelaufen. Ausgerechnet ein stadtbekannter Kulturjournalist, der zweifellos viel Wertvolles tut, entzieht sich nun dieser Debatte, weil er sich offenbar lieber mit anonym bleibenden Laberern solidarisiert statt sich im verbalen Kräftemessen mit (in diesem Fall) Andersdenkenden zu üben – schade.

Mit Lukas Vogelsang vom Kulturmagazin „ensuite“ habe ich schon so manchen „thread fight“ ausgetragen. Er stand auch schon begeistert auf „meiner“ Seite (auffälligerweise vor allem dann, wenn meine Blogposts ihm und seinem Produkt nützten).

Es konnte aber auch überreagieren, sich (vermeintlich) verabschieden und einen mit einer selbstgerechten Arroganz sondergleichen vor den Kopf stossen – schon einmal verkündete er nach einer Diskussion hier im Blog, als ihm meine Meinung nicht passte: „Ich verabschiede mich mal für eine Weile aus diesem “Stammtisch-Blog”, in dem anscheinend der Blöker die Welt erklärt und weiss, wie die Welt funktioniert. Es war wohl falsch von mir anzunehmen, dass jemand ein Interesse an einem Austausch haben könnte.“

Andere Meinungen (und jemand, der diese auch noch verteidigt)… ja, das kann natürlich anstrengend sein!

Aber irgendwie kam er dann doch immer wieder angekrochen, wenn es etwas zu debattieren gab, und ich fand das sogar gut, da ich zumindest versuche, nicht nachtragend zu sein und eine gewisse Selbstironie zu pflegen – etwas, das Lukas offenbar wirklich abgeht, wie ich früher schon vermutete. Ich bin bisweilen eben fast so naiv wie ich es oft anderen vorwerfe.

Offen und ehrlich: es mag mich schon ein bisschen, dergestalt abserviert zu werden, auch wenn die Reaktion und vor allem die Art der Ausführung mehr über Lukas aussagt als über mich. Blockiert in Facebook und auch grad vorsorglich in Twitter, wo ich ihm nicht mal folgte – der feige Herr Vogelsang zog es sogar vor, die Blockade klammheimlich und ohne direkte Kommunikation an mich zu vollziehen, ohne ein erklärendes Wort, nachdem ich aufgerechnet Stunden (die ich im Nachhinein gesehen lieber nicht investiert hätte) mit Argumentieren in seinen Threads verbracht und so aktiv zu den von ihm initiierten Diskussionen beigetragen hatte.

Ein paar für alle (ausser mich) sichtbare primitive Worte, die ich nicht zu Gesicht bekommen sollte und die nur über einen Kontakt zu mir gelangten, waren der Abschluss der virtuellen Beziehung. Das nenne ich charakterstark!

Zuerst dachte ich „Arschloch“ und twitterte im Affekt etwas halbwegs Nettes, löschte das dann aber kurz darauf – das Leben ist eigentlich zu kurz und wertvoll, um sich mit solcherlei abzugeben. Aber wenn man sich mit Herzblut engagiert hat und doch fürs Leben gern diskutiert? Hm.

Ich habe zig Online-Kämpfe ausgetragen, mit verschiedensten Leuten. Diese ultimative Reaktion gab es noch nie. Und sobald man mal von einer bestimmten Parteilinie abweicht, was in jeder politischen Bewegung täglich vorkommt, mit dem SVP-Etikett in den Allerwertesten getreten zu werden (einer politischen Linie, die ich grösstenteils verabscheue), ist nicht schön, das tut weh.

Zugegeben: Auch ich war schon einige Male nahe dran, ihn und andere zu „unfrienden“ nach Debatten – zum Glück habe ich es nie gemacht. Denn das Leben im Netz ist spannender, wenn man Diskussionen manchmal auch mit scharfer Klinge führt. Fast immer klappt das bestens.

Einmal schrieb mir Lukas: „Ich provoziere bewusst, um Dialoge anzuzetteln.“ – Nun, mit den provokativen Antworten schien er’s dann nicht so zu haben.

Was für eine Mimose.

Dass wir uns nie im Leben getroffen haben, stimmt nicht ganz, aber lassen wir das. Es waren tatsächlich kurze, oberflächliche Treffen.

So reihe ich mich also in die illustre Reihe derer ein, die es sich mit Luki verdorben haben – oder er es sich mit ihnen, wie auch immer.

Schade, an sich mag ich die Auseinandersetzung auch mit schrägen Typen, die anecken. Selbst wenn sie sich dann als allzu sture Böcke herausstellen. Aber vielleicht kommt Lukas, auch wenn er nachtragend sein kann, ja dann plötzlich doch wieder aus seiner Schmoll-Ecke, wenn es irgendwo heiss zu und her geht. Oder es um Themen geht, wo es für sein Heftli etwas zu holen gibt.

Und sonst möge er seine dank dem Blockier-Button (was wären wir ohne diese praktische Problemlösefunktion!) neu gewonnene Onlineruhe in vollen Zügen geniessen!

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