18.10.2011

Auch Wahl-Spam von links nervt – zu den Wahlen 2011

Nerven Sie sich dieser Tage auch über unerwünschte Wahlpropaganda im Briefkasten trotz „Stopp“-Kleber? Über die alljährlichen Pamphlete von Tonis Zottelsünnelern, all die lachenden Gesichter von Kandidierenden, die ohnehin nicht den Hauch einer Chance haben am nächsten Sonntag?

Nun, es kommt noch schlimmer.
Von Parteien, von denen man es nicht erwartet hätte.

Da wählt man ein Leben lang brav links und der Dank dafür ist Spam auf allen Kanälen – sogar vor dem unbeliebten SMS-Spamming schreckt linksgrün nicht mehr zurück.

Bei Kollege Sultan und einer anderen Person ist diese Woche diese Kurznachricht eingegangen:

Spam von Links: Ebenso unerwünscht wie der SVP-Schrott auf allen Kanälen

Die SMS-Spam-Problematik haben wir schon vor vier Jahren diskutiert – für so eine Aktion gibt es kein pardon, egal, von wem sie stammt. (Edit: Wie inzwischen bekannt ist, gehört die Nummer 079 886 18 88 der SP des Kantons Bern.)

Ich werde zudem seit Jahren mit Werbe-E-Mails und sogar Briefen der Sozialdemokratischen Partei eingedeckt, obschon ich mich niemals für Mailings angemeldet habe. In den Mails fehlt sogar die Abmeldemöglichkeit – laut Fernmeldegesetz illegal.

In den Mails von Margret Kener Nellens parl.ch-Absenderadresse stehen dann so Allgemeinplätze wie „als Finanz- und Steuerpolitikerin ist es mir wichtig, Sie auf die Bedeutung von [bla bla bla] hinzuweisen.“ Am Schluss wird gleich zum beliebten Weiterspammen aufgefordert: „Bitte leiten Sie dieses Mail weiter an Ihren Freundes- und Bekanntenkreis.“

Nun könnte man sagen, dass ich eine gewisse Kundenbeziehung zur SP habe, da ich viele SP-Leute und Sektionen onlinerisch betreut habe und betreue, was juristisch gesehen die unaufgeforderte Zusendung von Nachrichten legitimieren könnte. (Ich riskiere mit diesem offen verfassten Text demnach auch Aufträge, gehe aber davon aus, dass man zwischen meiner privaten Meinung und meiner Arbeit unterscheiden kann.)

Wenn ich allerdings jede Mailadresse für nicht mit dem ursprünglichen Zweck zu tun habende Dinge missbrauchen würde, hätte ich vermutlich bald keine Kundinnen und Kunden mehr.

Sultan bekommt allerdings auch ohne Sozi-Website-Mandate Post von der Partei. Ich bin etwas neidisch; sein persönlicher Betreuer ist Parteipräsident Levrat höchstpersönlich! Ich dagegen muss ungewollte Post von einer Nationalrätin lesen, die ich seit der Mietaffäre ohnehin nicht mehr wähle.

Dass solcherlei Werbung übers Ziel hinausschiesst, müssten die lieben ParteistrategInnen doch eigentlich merken.

Mich wundern an diesen sektiererische Züge annehmenden Werbefeldzügen mehrere Dinge:

– Offenbar sind SP-Leute und Grüne an unsere persönlichen Daten bis hin zu sonst nirgends publizierten Handynummern herangekommen und haben diese bereitwillig in irgendwelche dubiosen SympathisantInnen-Karteien eingespiesen. Ich dachte immer, der Schutz der Privatsphäre sei in linken Kreisen ein durchaus geachteter Wert? Scheinbar nicht – wir haben eine Fiche bei SP und Grünen. Schön. Das schreit nach einem Auskunftsbegehren nach Art. 8 DSG!

– Für die eigene Sache böse Dinge zu tun scheint auch bei jenen nicht tabu zu sein, die wir doch für ach so vernünftig gehalten haben. Dazu gehört es nebenbei gesagt auch, drei Tage lang wichtige Veloparkplätze in der Innenstadt zu blockieren:

Spam der unangenehmen Sorte: Die ohnehin schon raren Plätze werden noch weiter ausgedünnt - sorry Alec: bad idea! VERY BAD.

Nebenbei gesagt ist die Präsidentin von Pro Velo Bern, die sich für mehr Veloparkplätze einsetzt, in der selben Partei wie der Ständeratskandidat – aber wenns dem eigenen Zweck dient, darf man ja auch wichtige Prinzipien über Bord werfen.

– Die SP hat offenbar ohne mein Wissen meine neue Adresse rausgefunden – letzthin kamen von der „Response Central“ gleich drei Briefe, einer an meine Freundin (die das Zeug auch nie bestellt hat), einer für mich an die alte Adresse (von der Post nachgesandt), einer an mich. Ging natürlich alles unfrankiert „refusé“ zurück; bedrückend ist aber, dass die SP offenbar Geld für Adressharvesting hat. Wie sozial!

– Wieso bombardieren einen ausgerechnet jene Kreise, die man eh gewählt hätte, mit Werbung? Persönlichen unbestellten Polit-Spam finde ich ebenso widerlich wie die SVP- und sonstigen Rechtsaussen-Pamphlete, die sowieso ungelesen und auf dessen Kosten zurück an den Absender gehen. Am linken Spam ist umso komischer, das er bevormundend rüberkommt, so nach dem Motto „du bist wohl ein Wackelwähler, dir verpassen wir eine gesonderte Abreibung, um dich an die richtige politische Linie zu erinnern“.

(Ebenso nervig sind die derzeit grassierenden, teils stündlich wiederkehrenden Aufforderungen auf Facebook, unbedingt Liste XY einzuwerfen: „GÖT GA WÄHLE LÜTLIS!! s’isch wichtig!!“ – „Hesch scho gwählt???“ – „Wer grün wählt, wählt die Zukunft. Echt grün. Echt stark.“ – Undsoweiter. Der totale Overflow. Ja, mir wüsses iz de langsam. Gähn.)

Es gilt dasselbe wie damals für den Progr, Nokia und andere heutigen oder ehemaligen Spammer, die es nur gut meinen: Normalerweise möchten wir mit Spammern nichts zu tun haben, weil das Gespamme sonst eben weitergeht.

Und weil unerwünschte Werbung tierisch nervt.
Egal aus welcher Ecke.

Ich wünsche mir gerade von Linken einen verantwortungsvollen Umgang mit Adressdaten und von niemandem unbestellte Belästigungen per Post, SMS oder E-Mail.

Ansonsten bleibt nur noch die Wahlabstinenz: Grünliberale sind derzeit unwählbar, da sie u.a. mit der BDP und EDU Listenverbindungen eingegangen sind (allerdings ist auch die Berner Listenverbindung von SP und Grünen mit der PdA ziemlich bizarr). Folkloristische, chancenlose Splittergruppen à la parteifrei, Hofers, Rauraques, AL & Co. sind eh einfach nur mühsam, da sie allen Beteiligten viel Arbeit machen und unnötig seitenweise Papier bedruckt werden muss.

Parteien mit einem E oder einem C sind unwählbar, da sie auf dem Glauben an Zombies und Geister basieren. Piraten? Sind mir zu verzettelt und in netzethischen Fragen nicht auf meiner Linie. FDP, BDP, SVP, und alles noch weiter rechts kommt ohnehin nicht in Frage.

Wen haben wir also noch übrig? Die üblichen Verdächtigen: SP und GFL/GB alias Grüne Bern. Die sich nun viele Sympathien bei uns StammwählerInnen mit aggressiv-mühsamer Werbung verschenken.

Ein Auge zudrücken?
Da mehr auf dem Spiel steht als unsere Mailboxen?
Mal schauen.

Schade, dass einem der ganze doofe Zirkus die eigentlich grosse Begeisterung für die Politik nadisna verdirbt.

Find‘ ich gut. (5 weitere Leute finden diesen Beitrag auch gut.)

Kommentare

Herrlich… Meine ersten NR Wahlen im NW sind das Beste, was mir je unterkam: 1 Sitz, 3 Kandidaten (rechts, mitte, grünlinks), fertig. Und der SR ist still gewählt. Schont Umwelt (20g Papier maximal) und Nerven!

Mein Lieblingswort in obigem Text? ParteistragetInnen! Ragetemässig geblökt! 🙂

[upsla… ist korrigiert – Anm. d. Red.]

Jemand berichtet, dass die Nummer der SP Kanton Bern gehöre und die Adressen „aus dem Pool Unterstützungskomitee 4-gewinnt“ stammten – wir versuchen dies zu verifizieren. Der Empfänger war jedoch nie Mitglied dieses Komitees. Das Absenderhandy ist inzwischen abgeschaltet – „bitte rufen Sie später an…“

Ich habe die SP des Kantons Bern inzwischen um eine Stellungnahme gebeten. [Edit: Sie ist weiter unten zu lesen.]

Gar nicht zuversichtlich stimmt mich diese Website, wo geradezu zum Spammen aufgefordert wird – per Post-it an Briefkästen oder über ein SMS-Tool: „Neu könnt ihr euren Bekannten, Freunden und Kolleginnen kostenlos personalisierte SMS mit einer Wahlaufforderung verschicken.“ – Ist sowas legal?

Die SP hat offenbar ein echtes Problem mit merken, wann etwas „too much“ ist.

Da steht ernsthaft geschrieben:

Sollten sich Leute von eurem Engagement für den Wahlkampf gestört fühlen, dann sucht mit ihnen das Gespräch. Macht ihnen klar, wie wichtig es ist, am 23. Oktober die SP-Liste einzuwerfen. Und dass sich die Post-It auch wieder abnehmen lassen, ohne Spuren zu hinterlassen.

Mit Verlaub, aber genau so argumentieren notorische Spammer: „Sie können unser Mail ja einfach löschen.“ Ich bin etwas fassungslos, dass sich eine Partei, die mir nahe steht, auf so etwas einlässt.

… diese klebt ihr in eurem Quartier an die Haustüren und auf die Briefkästen. Verteilt die Post-It auf dem Heimweg nach der Arbeit. Stellt euch einen Plan auf, wann ihr in welchen Strassen in eurer Umgebung die Post-It kleben wollt.

Begreifen diese Leute, was für einen Schaden sie mit solchen Aktionen anrichten? Dass solcher Bockmist den meisten Leuten primär auf den Wecker geht und dass man damit vermutlich ebenso viele Stimmen verliert, wie man gewinnt (wenn überhaupt)?

Ich bin schockiert, dass aus meiner politischen Ecke nun solche kontraproduktiven Guerilla-Wahlkampfmethoden propagiert werden.

Vielleicht hätte ich bei einem einzelnen Brief, einem einzigen Werbe-SMS gar nichts gesagt. Am fragwürdigsten ist hier die geballte Ladung verschiedener Werbekanäle, die man schon gesondert als grenzwertig bezeichnen kann – und dass diese sinnloserweise an Leute geht, die ohnehin schon mit links sympathisieren. Als ich dann noch die Aufforderung zum Post-It-Spammen gesehen habe, hats mir dann den Nuggi endglütig rausgejagt.

Wenns eine Partei gäbe, die einigermassen bescheiden Auftritt fährt, einfach Inserate schaltet, marktschreierisches Gehabe in den Statuten verbietet, Stoppkleber beachtet, würde ich sie sofort wählen.

[…] In seinem neuesten Blogartikel lässt Andi Jacomet seinem Ärger über unerwünschte Wahlreklame freien Lauf. Auch wenn ich der Meinung bin, dass es […]

Hier die Antworten zu einigen Fragen, die ich heute der SP des Kantons Bern geschickt habe.

Gehört die Handynummer 079 886 18 88 tatsächlich der SP Kanton Bern?

Diese Nummer gehört der SP Kanton Bern.

An wieviele Empfänger ging das oben abgebildete Massen-SMS?

Diese SMS ging an ca. 1900 Personen.

Woher stammten die Telefonnummern für dieses „Mailing“; hatten die Empfänger bei einem allfälligen Eintrag in die Liste dem Versand von Werbungs-SMS zugestimmt?

Diese Telefonnumern werden speziell für gemeinsame Kampagnen von SP und Grünen aufbereitet, wie die aktuelle Kampagne für die Ständeratswahlen mit Hans Stöckli und Alec von Graffenried. Sie stammen einerseits von eingetragenen Mitgliedern und SympathisantInnen von SP und Grünen oder aus einem Wettbewerb, den SP und Grüne bei den Wahlen 2010 gemeinsam durchgeführt haben. Die Wettbewerbsteilnehmenden wurden anfangs Jahr angefragt, ob sie keine Informationen mehr wünschen und entsprechend gelöscht. Selbstverständlich werden die Daten nach dem Versand wieder auf dem Server gelöscht und nicht gegenseitig weitergegeben. SP und Grüne Kanton Bern kaufen grundsätzlich keine Adressdaten.

Wie wird sichergestellt, dass über das SMS-Tool nur Personen an-ge-smslet werden, die dem Empfang solcher unpersönlicher Mitteilungen mit Werbecharakter zugestimmt haben?

Mit diesem Tool können alle Personen, welche sich ein Konto einrichten unter Ihrer eigenen Mobilnummer ihren Freunden und Bekannten SMS versenden (Code wird an eigene Mobilenummer versendet). Es ist also in der Verantwortung jeder einzelnen Person, wem sie eine Nachricht sendet.

Wie wird bei intern geprüft, ob die Inhaber einer Post- oder Mailadresse dem Empfang von Newsletter und anderer Botschaften zugestimmt haben?

Bei der Teilnahme an Wettbewerben wird von unserer Seite immer garantiert, dass wir diese Adressen nie an Dritte weitergeben. Sie können aber für eigene Werbezwecke verwendet werden. Mitglieder und SympathisantInnen, die keinen Versand wünschen, werden speziell im System gekennzeichnet und nicht angeschrieben.

Wieso wählt die SP solche heiklen Wahlkampfmethoden, bei denen man offensichtlich doch riskiert, etwelche Leute zu verärgern?

Die SP und Grünen haben sich zum Versand dieser SMS entschieden – notabene handelt es sich hierbei um die erste SMS, welche seit eineinhalb Jahren wieder an diese Nummern ging (meines Erachtens kann bei so niedriger Frequenz kaum von SPAM gesprochen werden), um der niedrigen Wahlbeteiligung insbesondere in unserem Lager entgegenzuwirken. Wir hoffen auf eine zahlreiche Teilnahme an diesen wichtigen Wahlen.

Sekretariat SP Kanton Bern und Grüne Kanton Bern

Meine Freundin hat den SMS-Spam auch bekommen und fand die ganze Sache auch mehr als Frechheit denn gelungene Wahlkampfaktion.

Wenn die SP behauptet die Handy-Nummern stammen aus einem Wettbewerb, so bin ich mir sehr sicher, dass dies für meine Nummer nicht stimmen kann: ich nehme praktisch an keinen Wettbewerben teil, ich gebe nie meine Handy-Nummer auf einem Formular an (ausser es geht darum, dass ich überall und schnell kontaktiert werden möchte, was bei einem Wettbewerb sicher nicht der Fall ist).

Wenn die SP/Grünen der Meinung sind, dass 1900 versendete SMS kein Spam sein können, so ist das schlichtweg eine naive Einstellung (und wohl am Ende sogar illegal): ich habe mein Einverständnis für diese Form von Wahlwerbung nicht gegeben und ob das jetzt 19000 oder 1 SMS waren, interessiert mich als Betroffenen nicht.

Grundsätzlich staune ich ab der Fantasielosigkeit der Wahlkampa der SP. Wenn die Zielgruppe ihres Wahlkampfes diejenigen sind, welche sowieso Wählen gehen, und dann auch noch politisch auf derselben Linie ticken (Sympathisanten), wieso bombardiert man die noch mit solchen Nullnummern?

Folgender Kommentar spiegelt die persönliche Meinung des Autors, der sich eine solche trotz politischer Funktion auch leisten will.

Mensch kann natürlich eine Partei wählen, weil einem die Farbe des Wahlprospekts besonders gut gefällt oder weil das Lächeln der Kandidierenden am sympathischsten wirkt. Mensch kann eine Partei wählen, weil schon der Grossvater diese Partei gewählt hat (Grossmutter durfte noch nicht wählen), auf der entsprechenden Liste viele Bauern vertreten sind oder weil das Give-Away so witzig war und der Slogan neue Kraft verspricht. Mensch kann aber eine Partei auch wählen, weil sie die eigenen Werte und Zukunftsideen am besten vertritt und mit glaubwürdigen erfahrenen Personen antritt.

Mensch kann natürliche eine Partei nicht wählen, weil einem das Logo nicht gefällt oder im Parteienkürzel zuwenig der eigenen Lieblingsbuchstaben vorkommen, auch weil die eine Person im Fernsehen eine etwas schrille Stimme hat. Mensch kann eine Partei nicht wählen, weil sie versucht mit möglichst kostengünstigen Mitteln über die eigenen politischen Forderungen zu informieren, weil sie einem kurz vor Schluss nochmals ans liegengebliebene Wahlcouvert erinnert.

Mensch kann wählen, weil er in einem Land lebt, in welchem frühere Generationen die demokratische Ausgestaltung des Staates erkämpft haben und sich bis heute unzählige Personen meist ehrenamtlich in Parteien engagieren, diese ihre unterschiedlichen Ideen erarbeiten und vorstellen. Mensch kann wählen, weil er eine gute Schulbildung genossen hat und durch unabhängige Medien über die Wahlen informiert wird.

Mensch kann nicht wählen, weil das Couvert mit den Stimmunterlagen zu dick und die Wahlanleitung zu kompliziert ist oder weil in den Ferien schlicht alles vergessen ging. Mensch kann nicht wählen, weil sie in Bern ja eh machen, was sie wollen oder weil die eigene Meinung sowieso immer unterliegt. Mensch kann aber auch nicht wählen, weil das politische System gar keine Wahlen vorsieht, weil die herrschende Schicht alles nach eigenem Gusto manipuliert und steuert oder weil politisches Engagement sogar mit dem Leben bezahlt werden muss.

Glücklich das Land, in welchem eine SMS oder eine E-Mail zuviel schon zur existenziellen Frage werden. Wer die Existenzbedrohung eher in der völlig intransparenten Parteienfinanzierung, dem Schüren fremdenfeindlicher Ängste, des Aushöhlen von wichtigen Staatsaufgaben wie Bildung und der damit zusammenhängenden Machtübernahme eines milliardenreichen Schlossherrn zu Rhäzuns ortet, dem sei ans Herz gelegt, diesen Sonntag wählen zu gehen und zwar links, trotz allen Fehlern, die auch diese Parteien machen und haben. Denn leider zeigen Untersuchungen immer dasselbe: Es sind vor allem die linken WählerInnen, die den Wahltag – trotz SMS – verschlafen.

dAniel Furter, lebt in Bern und arbeitet als Parteisekretär der SP Kanton Bern

@Daniel: Merci für deinen Kommentar – der mir allerdings etwas gar allgemein-filosofisch gehalten ist. Bleiben wir doch bei den Fakten:

– Es ist grenzwertig, wenn nicht sogar illegal, Massen-SMS oder Mails zu versenden, ohne dafür explizit die Einwilligung des Empfängers eingeholt zu haben.

– Es ist fragwürdig wenn nicht auch illegal (Stichwort Littering), Quartiere mit Post-Its zuzukleben. Spätestens hier müsste auch der Gedanke an die Umwelt bei SP-Mitgliedern langsam auftauchen.

– Unbestellte Werbung nervt, egal von wem und auf welchem Kanal.

Dann:

Mensch kann eine Partei nicht wählen, weil sie versucht mit möglichst kostengünstigen Mitteln über die eigenen politischen Forderungen zu informieren, weil sie einem kurz vor Schluss nochmals ans liegengebliebene Wahlcouvert erinnert.

Ich will von niemandem an eine Selbstverständlichkeit erinnert werden, schon gar nicht von VertreterInnen meiner politischen Couleur.

Das ist wie wenn Mama den Sohn bevormundet („Pass dann auf!“ – „Kommst aber dann um zehn nach Hause gell?“) und er dadurch noch mehr zum Teenierebell wird. Drum sag ich zu solchen Aktionen einfach nur: LEAVE ME ALONE! Bei mir war der Effekt gegenteilig – und er wird es je länger je mehr auch bei anderen Zielwählern sein, die sich von dem ganzen bevormundenden Geschrei abgestossen fühlen.

Wenn das andere wollen, bitte – alle sollen nach ihrer Façon glücklich werden. Dann bietet doch hochoffiziell einen Erinnerungsdienst per SMS oder Mail an, wie es Gemeinden auch für die Grünabfuhr oder bei Hochwasser anbieten. Opt-In vom allereinfachsten!

Meine und sultans Adressdaten wurden aber offenbar – ich mutmasse nur, denn wir wissens ja nicht sicher – einfach in Datenbanken eingespiesen, da wir Arbeiten für linksstehende Parteien ausführen. Es gab niemals ein Opt-In für Werbung, auf keinen Kanälen. Zumindest ich bin „halt auch einfach in diesem Kuchen“, und das ist gut so und ich mag diese Leute ja alle sehr… aber kein Zweck heiligt die Verwendung von Kontaktdaten für einen anderen Zweck als den urspünglichen.

Glücklich das Land, in welchem eine SMS oder eine E-Mail zuviel schon zur existenziellen Frage werden. (usw)

Auch dies ist eine altbekannte Ausrede von Spammern, die man in den letzten Jahren auf Beschwerden hin immer wieder gehört hat. Bitte nicht vom Thema ablenken. Es geht hier auch nicht um andere Themen, die uns rechts stören (drum wählen wir sie ja nicht), es geht hier und jetzt nur um den Spam von links.

Es sind vor allem die linken WählerInnen, die den Wahltag – trotz SMS – verschlafen.

wie hier nachzulesen ist, ok. – Dann, mit Verlaub, tickt „bei unseren Leuten“ halt irgendwas nicht richtig – vielleicht haben wir dann halt nichts besseres verdient als „schlechte“ Wahlresultate, ich sehe das pragmatisch.

In Zukunft aber noch mehr WählerInnen durch nervige Werbung verlieren finde ich auch keine gute Idee.

Was zB der Typ hier vorschlägt, ist haarsträubend:

Im Vorfeld von Obamas Wahl zum Präsidenten gab es Zehntausende Freiwillige, die persönliche Briefe an ihr Umfeld schrieben. Briefe, Mails, SMS, Anrufe oder auch automatische Botschaften auf Telefonbeantworter. Das wirkt, wenn es Inhalt hat und nicht wie Propaganda daherkommt.

Mit Botschaften auf Telefonbeantwortern könnten aber auch genervte Gegner mobilisiert werden.

Deshalb ist es ja so wichtig, dass man genau weiss, wer die eigenen potenziellen Wähler sind.

Kein Wort davon, dass man sich in den USA solche Methoden vielleicht gewöhnt ist, dass „d’Schwiizer“ aber vielleicht eine etwas Mentalität haben.

Also für mich ist der Fall klar:

– In Zukunft klare Opt-In-Strategie fahren – fokussieren auf jene, die das wirklich wollen.

– Datenschutz ahoi: Herkunft aller Adressdaten verifizieren und abklären, ob der Zusendung von Werbematerial (getrennt nach Kanal) zugestimmt wurde, ansonsten Datensatz löschen.

– Und nun halte ich mich halt auch etwas allgemein: Auf Aktionen generell verzichten, die gegen den gesunden Menschenverstand verstossen.

Ich betreue die Websites jener PolitikerInnen, für die ich zuständig bin, sehr gerne – weil eine Website halt ein bescheidenes, gutes Mittel ist, um seine Positionen darzulegen. Und Infomaterial zu bestellen, Geld für den Wahlkampf zu spenden oder sich für einen Newsletter einzutragen. Opt-In eben!

Ich habe mich inzwischen noch etwas im Freundeskreis herumgehört zum Thema. Der Tenor ist eindeutig: „Solche Aktionen sollen wohl zeigen, dass die eigenen Wähler wahlfaule Typen sind, denen man per Mail, Brief und SMS hinterherjagen muss, damit sie wählen und dann auch ja die Richtigen.“

So wollen wir von unseren bevorzugten Parteien schlicht nicht behandelt werden, auch nicht mit dem Vorbehalt, dass man das halt so mache und solche Reaktionen riskiere, weil irgendwelche Wahlkampfexperten zu solchen Aktionen raten.

Dann muss man sich vielleicht andere Experten suchen oder im Rahmen einer Mitgliederumfrage abklären, welche Art von Werbung die Basis begrüsst. Bis zu den Kantonalen Wahlen 2014 bleibt ja noch viel Zeit.

Vielleicht hilft ein „Tschutt ans Bein“ von den Mitgliedern, wenn man das Gespür dafür verloren hat, welche Aktionen sinnvoll sind und welche nicht? Ich weiss selbst noch, wie ich als 22-Jähriger für Radio RaBe möglichst günstige Werbungsarten mit zu entwickeln versuchte. Man kommt schnell mal in eine Spirale der Ideen, bei der man den Draht zur Realität etwas verliert und in seiner eigenen Welt Suuuuuper-Sachen entwickelt, die womöglich sogar kontraproduktiv sind – und man hätte drauf kommen können, wenn man sich ein wenig extern herumgefragt hätte…

So haben wir damals auch gefunden „momool, die Stoppkleber missachten wir“. Zum Glück bin ich inzwischen etwas älter geworden und finde: Ein Stoppkleber am Briefkasten heisst in der Regel nichts anderes als „ich entscheide selbst, ich brauche keine Hilfe, danke“.

Offenbar wurde hier zu breit bzw. mit einer wackligen Kontaktdatenbank gestreut.

Ich hoffe, dass man zurückkommt auf eine bescheidenere, ruhigere Schiene, bei dem auch unsereiner angesprochen wird, dem das ganze als kindisch-bunter Zirkus von durchgedrehten Campaignern und nicht mehr als das rüberkommt, was uns fasziniert und weswegen wir an sich an die Urnen gehen:

Politik!

Schade eigentlich, dass Velospammer wiedergewählt werden.

Nadine Masshart hätt ich lieber gehabt als eine Veteranin, die nicht mal davor zurückschreckt, die gesamte Velostation Milchgässli mit unerwünschten Drucksachen vollzupflastern – und das notabene zu einem Zeitpunkt, als 95% der Leute schon gewählt hatten…

Lieber Herr Jacomet

Ihre Kritik nehme ich ernst, und ebenso Ihre Fragen. Ich verstehe dass es Sie nervt, wenn Sie (im Gegensatz zu vielen anderen) schon gewählt haben bzw. sich schon entschieden haben, dann noch mehr Wahlaufforderungen wie SMS oder Flyer erhalten. Die Mobilisierung, also dass die Leute dann tatsächlich wählen gehen, ist wirklich unser grosses Problem – es tönt doof, aber der Wähleranteil der SP entscheidet sich zu einem guten Teil daran, ob die die eigentlich links wählen wollen, es dann auch wirklich tun. Auch in meinem persönlichen Bekanntenkreis gibt es sehr viele Leute, die es einfach verhängen. (und sich dann am Montag bei mir entschuldigen…)
Darum, auch wenn ich wünschte dass es so wäre, viele Leute gehen nicht einfach so wegen der Politik an die Urne, sondern nur wenn man sie dann auch noch mehrfach erinnert. Bei den anderen, wie eben Ihnen, können wir nur auf Verständnis hoffen dass es diese „Werbeoffensiven“ halt auch braucht.

In der Hoffnung dass sie trotzdem in Zukunft links wählen
grüsst freundlich
Emanuel Wyler, Wahlteam SP Schweiz

Grüessech Herr Wyler – danke fürs Feedback. Dann kann die Welt also zur Kenntnis nehmen:

– Sie finden PostIt-Spamming in Ordnung

– Sie nehmen es mit gutem Gewissen in Kauf, dass hunderte unerwünschte Nachrichten versandt werden.

– Sie halten es für sinnvoll, Velos mit Flugblättern auszustatten, obschon diese z.B. bei Regen sich mit dem Fahrrad verkleben können (Stichwort Sachbeschädigung) und obschon diese meist am Boden landen (Stichwort Littering).

Korrekt?

Alle können dann selbst entscheiden, ob sie eine Partei unterstützen, die solche Sachen macht.

Oder eben nicht (mehr).

„Ihr Problem“ ist Ihnen – was ich völlig unverhältnismässig finde – wichtiger als alles andere und Sie nehmen in Kauf, dass von 100 in irgend einer Form angegangenen Menschen sich 2 freuen und wählen gehen und sich vielleicht 10 ärgern und von diesen 10 vielleicht 3 lieber eine nichtspammende Partei aus dem selben Spektrum wählen. Macht nach Adam Riese minus eins.

Verständnis für solche Massnahmen? Nein.

Auch, da gemessen am Aufwand und am Nervpotential der Erfolg vermutlich irgendwo im Promillebereich liegt.

Oder sogar Stimmenverluste bedeutet: Ich und viele andere aus meinem Bekanntenkreis (darunter langährige treue SP-WählerInnen und Ex-Mitglieder) wählen gern wieder SP, wenn von solchen Methoden Abstand genommen wird.

Natürlich bin ich nicht rasend und restlos begeistert von Post-It und Co. Nur – solange es nichts besseres gibt und viele Menschen so günstig zu erreichen, gibt es halt Post-Its und Flyer. Die genaue Verwendung (gerade im Regen aufs Velo ist ungünstig) kann man noch optimieren. Sonst nehme ich natürlich bessere Ideen sofort entgegen, aber zu Ihren Vorschlägen:

– Opt-In ist keine Option, da zuwenig Leute erreicht werden, und es vor allem ja ein Merkmal derjenigen, die man erreichen will (ein Grossteil der Wähler, und eben jene welche mit Streumaterial erreicht werden), dass sie nicht von sich aus aktiv werden. Opt-In funktioniert sehr gut mit Leuten wie Ihnen, Herr Jacomet, aber es sind eben leider längst nicht alle so Wahl-aktiv.

– Datenschutz: Einverstanden.

– Verlieren von WählerInnen durch Nerven: Auf Grund der Rückmeldungen kann man das nicht sagen – die SP erhält sehr viel Kritik (Dutzende mails etc. pro Tag während dem Wahlkampf), keine davon bisher wegen zuviel Post-Its. Mit Ihrer Schlussfolgerung, dass „gemessen am Aufwand und am Nervpotential der Erfolg vermutlich irgendwo im Promillebereich liegt“ bin ich daher nicht einverstanden.

Also: Dass man beispielsweise besser aufpassen soll wo und bei welchem Wetter man genau seine Flyer und Post-Its verteilt und die Leute nicht überhäuft, das nehme ich gerne entgegen. Aber einen Wahlkampf ohne Streumaterial wird es auch beim nächsten Mal wohl nicht geben.

Wie gesagt, für bessere Ideen sind wir immer zu haben. Bis dahin: entscheiden Sie auf Grund ihrer politischen Präferenz, welche Partei Sie wählen, und nicht wegen der Anzahl Post-Its – die bei anderen SP-WählerInnen für die Mobilisierung halt nötig sind.

Mit Verlaub, aber Opt-In ist für jegliche Versände per Mail oder SMS die einzige Lösung, die vor dem Fernmeldegsetz (und der Vernunft vor allem) Bestand hat, alles andere ist offen gesagt unprofessionelles Gebastel.

So lange es nichts besseres gibt und viele Menschen so günstig zu erreichen, gibt es halt Post-Its und Flyer.

Genau diese Attitüde halte ich für hochgradig arrogant: „Es ist zwar Mist, aber es dient halt meinem Zweck am besten“ ist genau so gedacht wie ein Raucher, der zwar ein schlechtes Gewissen hat, die Leute vollzuqualmen, es dann aber trotzdem tut, weil’s ihm alleine dann gerade gut geht dabei.

Es GIBT Besseres! Nämlich – nebst guter Politik – zuerst mal Opt-In. Es fällt doch niemandem ein Zacken aus der Krone, alle in der Mitgliederkartei mal anzufragen „Wollen Sie auf Kanal X und Y Mailings empfangen?“ und die entsprechenden Adressen dann zu sperren, wenn jemand „nein“ sagt?

Als Kompromiss bei der Streuwerbung an Nichtmitglieder würd ich sagen: Prospekte auf der Strasse verteilen ist OK – im Rahmen von Standaktionen und in Mailings in Briefkästen ohne Stoppkleber. Von „Überflutungsaktionen“ wie Postits und Velospamming wird klar Abstand genommen, ebenso wird ausnahmslos akzeptiert, dass jemand mit einem Stoppkleber auch keine Wahlwerbung wünscht, punkt.

Schön fände ich somit als respektvolle Minimalvariante die klare Ansage: „Wir verzichten auf Werbung in Briefkästen mit Stoppkelebern und wir hören auf, VelofahrerInnen mit Flyern zu belästigen. Wir bringen unser Material hauptsächlich Face to Face an den Mann und an die Frau, z.B. an Standaktionen.“

Mit Ihrer Schlussfolgerung, dass “gemessen am Aufwand und am Nervpotential der Erfolg vermutlich irgendwo im Promillebereich liegt” bin ich daher nicht einverstanden.

Gibt es denn eine Studie, die besagt, dass Ihre Aktionen in grossem Umgang tatsächlich Stimmen bringen? Oder werfen Sie das Geld einfach auf „gut Glück“ zum Fenster raus?

…Anzahl Post-Its – die bei anderen SP-WählerInnen für die Mobilisierung halt nötig sind.

Nun: Dann läuft aber irgendwas sehr falsch.

Ich war ja auch mal 22-jährig und dachte, ich müsse ALLE von unserem Superduper-Alternativradio überzeugen und ALLE fänden das super. Verbrachte Stunden in Sitzungen, an Standaktionen bei minus 5 Grad, verteilte RaBe-Zeitungen in ALLE Briefkästen. Irgendwann wird man aber zum Glück alt und weise und lernt, einen gewissen Respekt gegenüber den Wünschen anderer zu hegen.

Diese ungezielte Streuwerbung ist keinen Deut besser als der ganze Viagra- und Lottogewinn-Spam-Mist, oder Einladungen zu Wolldecken-Busfahrten, die man immer wieder gegegn seinen Willen bekommt.

Ich habe kürzlich einen Velospammer in Flagranti erwischt und ihm gottserdenschändlich meine Meinung gesagt – ich hoffe, er tut’s nie wieder.

Hallo Herr Wyler, sind Sie noch da? Können wir davon ausgehen, dass dies die SP so akzeptiert? „Wir verzichten auf Werbung in Briefkästen mit Stoppkelebern und wir hören auf, VelofahrerInnen mit Flyern zu belästigen. Wir bringen unser Material hauptsächlich Face to Face an den Mann und an die Frau, z.B. an Standaktionen.”

Oder kommt das für Sie so nicht in Frage? Ein JA oder NEIN genügt schon, sodass wir wissen, woran wir sind. Danke!

Tschuldigung dass es so lange ging – ich kann nicht für die ganze SP antworten. Aber so rigoros wie das hier steht, ist die Antwort ein Nein.

Rigoros…? Das wäre die Minimalvariante, die meiner Ansicht nach allein schon die Vernunft oder das „Gschpüri“ vorgeben sollte.

Gut, wenn nicht mal das Minimum drinliegt, dann hab ich mit SP-wählen soweit abgeschlossen und werde das meinem Bekanntenkreis so weitersagen. Danke für die kurze und klare Antwort.

Ich hoffe, die SP-Werbestrategen kommen eines Tages mit vernünftigem Personal wieder zu Sinnen.

[…] – Da kann der Blöker nur beipflichten, den in diesen Wochen gilt in Bern leider einmal mehr, wir hatten das ja schon mal: In Zeiten des Wahlkampfes werden jegliche Hemmungen (und zusammen mit dem gesunden […]

[…] keine Wahlwerbung in private Briefkästen werfen oder an Velos anbringen […]

Schreibe einen Kommentar (Hausregeln hier)

Dein Kommentar
(Anonyme Kommentare werden gelöscht.)

  (Hausregeln beachtet?)

Kategorien