18.12.2012

Vor 20 Jahren: Abschluss der Rekrutenschule

Rekrut Blöker an der Telefonzentrale 85 (Sommer 1992)In diesen Wochen vor 20 Jahren ging meine Rekrutenschule zu Ende. Auch wenn ich danach so vernünftig war, mich “auf dem blauen Weg” vom damaligen EMD zu verabschieden, frage ich mich heute, wieso man mit 20 Dinge mit sich hat machen lassen, bei denen man heute lächelnd wegspazieren und Hasstiraden einfach ignorieren würde.

Ich habe die entsprechende Archivkiste nach zwei Jahrzehnten erstmals wieder geöffnet und bin auf ein paar lustige Dinge gestossen.

Eine Rückschau auf die 17 vermutlich seltsamsten Wochen meines Lebens, die aber allem Ärger zum Trotz auch gute Seiten hatten.

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Vor zwei Jahren wurde mein Halbbruder zum Leutnant befördert. Meine langjährige GsoA-Mitgliedschaft und meine Abneigung gegen das Militär haben mich immerhin nicht so verbohrt gemacht, dass ich Lucas seinen Erfolg nicht gönnen würde. Wenn das etwas für ihn ist, go for it!

An Übermittlungssoldat Jacomet anno 1992 hätte Leutnant Jacomet aber vermutlich nicht so Freude gehabt.

Im Funk-Pinz mit der guten alten SE-412 (Sommer 1992)

Der oftmals im Felde auf seinem Block daherkritzelnde Träumer mit der Blume im Lauf des Sturmgewehrs 57 und dem “Stop-FA-18“-T-Shirt unter dem Kämpfer war zum Glück schon damals ein An-allem-möglichst-das-Positive-Sehender: Bei den Artillerie-Übermittlern gabs recht viele Intelellos, und so fand sich schnell eine sympathische Gruppe zusammen, die den ganzen Karsumpel so gut es halt ging über sich ergehen liess, die schönen Wanderungen – pardon, Märsche – durch die bisher völlig unbekannte Ostschweiz genoss, abends bei einem netten Glas Wein im Torggel statt im Piwi zusammensass und zum Ärger von Adjutant Bader DRS3 in den Armee-Äther Frauenfelds sendete.

Marschbefehl, Sommer 1992

Auch wenn ich mich heute frage, wie ich mir von fast Gleichaltrigen sinnlose Befehle erteilen liess und diese seltsamerweise (meistens) auch noch befolgte, war es rückblickend eine nicht uninteressante Zeit, in der ich einen ansonsten nie möglich gewesenen Einblick in die männliche Volksseele erhielt (was mich bezüglich der Zukunft des Landes nicht nur positiv stimmte).

Ich bezahlte ein Jahr später für ein Gutachten und war aus dem Verein draussen, verdiente meinen Dienst für die Gesellschaft lieber mit unbezahlten Non-Profit-Projekten ab. Zivildienst gabs damals nicht – wenn ich heute so höre, was für coole Dienstleistemöglichkeiten meine Verwandten um die Zwanzig bekommen, wäre das sicher eine gute Option gewesen.

Aber wie überlebt man 17 Wochen sinnlose Tätigkeiten?

Auch wenn mich viel Unsinn im Militär – wie z.B. Zugschule mit “ganz natürlichem Armschwingen bis Brusthöhe”, PD/ID oder der altbekannte “Tenuefigg” – immer wieder zur Weissglut trieb: Es war halt einfacher, schicksalsergeben gewisse Dinge einfach zu tun und möglichst seinen Humor zu behalten. Offenbar konnte ich das.

Meinen damaligen Lokalradiojob – damals konnte man sowas noch ungestraft tun – beendete ich kurz vor dem Einrücken jedenfalls seufzend, aber mit einer Portion Ironie:

Go get Adobe Flash Player!
(Lieber in eigenem Player hören – MP3, 2.5 MB)

Und sonst? Nun, in der Armee ist man oft draussen, und in der Natur war ich ja schon immer gern. Den komischen Anzug und das umgehängte Tötungsinstrument blendet man irgendwann aus. Man findet zudem in jedem Haufen ein paar coole Leute. An die nächtlichen Männergespräche mit Korporal Colonel “Körnel” G. erinnere ich mich jedenfalls heute noch grinsend zurück.

Einmal im Leben 50km am Stück wandern? Liegestütz machen? Mit viel Gewicht am Rücken nach dem Nachtessen noch schnell zwei Hügel erklimmen? Wieso eigentlich nicht. Ironischerweise würde mir das heute auch gut tun, nur mache ich es ohne Zwang schlicht nicht.

Militärische Zugtickets aus dem Jahr 1992

Dennoch brachte die RS auch psychologische Drucksituationen, an die ich mit Grausen zurückdenke. Das Vortraben bei Instruktoren, die entweder gute Schauspieler oder tatsächlich sadistische Arschlöcher waren, und die über “Weitermachen oder nicht” entschieden, versetzt mich noch heute in Wallungen.

Irgendwelche Typen, die über wertvolle Zeit im einzigen Leben, das ich habe, bestimmen? Sei’s Zeit für Rekurse, für Gefängnisstrafe bei Verweigerung, sei’s für Weitermachen und Abverdienen selbst – ich hätte auf nichts davon auch nur die geringste Lust gehabt.

Ich verbrachte so manche schlaflose Nacht – nicht wegen des schrillen Läutens der Feldtelefonzentrale 57 auf der Holzladerampe unseres 2DM, sondern weil mir beim Gedanken Angst und Bange wurde, mehr Zeit als unbedingt nötig mit Dingen zu verbringen, die letztendlich weder mir noch sonstwem irgend etwas nützen. Ich wusste: Die RS mache ich jetzt einfach mal, und dann ist Schluss.

Auf einem Notizzettel finde ich 20 Jahre später die im Felde hingekritzelten Stichworte “Sinnloses Anmelden ganze Zeit, Knarre Scheisse, Unterdrückung, Armee als fieses Instrument zur Züchtung von Anpassern und Kuschern, Instr Of unmenschlich / verletzend” – vermutlich Gesprächsnotizen für ein Qualigespräch mit unserem Zugführer.

Andere erhaltene Zettel offenbaren klassische Zeitvertriebsformen: Aktuelle Musiktitel aufschreiben, die man sich noch besorgen musste, oder selbst verfasste Krankenrapporte.

Entscheid der Armee: Entlassung aus der RS wegen Diagnose GSoAt

Mein Badge aus der Art RS 232 und ein Notizzettel zu aktueller Musik, die man sich im Zivilleben auf eine Cassette kopieren musste, um sie im Militär auf dem Walkman anhören zu können

Ohne “November Rain“, “Sleeping Satellite“, “Digging in The Dirt“, “The Things That we Say” und vor allem viele nette Menschen wäre es tatsächlich schwer gewesen, diese Welt auszuhalten: Ein guter Freund, der mich am Abend des Fak-Ausgangs regelmässig besuchte. Eine Freundin einige Hügel hinter Frauenfeld. In der Verlegung im Welschland: Eine Schulkollegin, die am Genfersee arbeitete und mich zum Nachtessen in eine gute Beiz am See ausführte.

Dabei war der Akt des klandestinen Ungehorsams sehr wohltuend, sich im Wald der Militärkleidung zu entledigen, ins Tenue zivil zu wechseln und einen ganz normalen Abend mit alten Freundinnen und Freunden in den falschen Kleidern ausserhalb des erlaubten Perimeters zu verbringen. Streng verboten! Das waren die kleinen Fluchten am Mittwochabend, die einen am Leben erhielten. Einige Rechnungen sind noch erhalten:

Rechnungen von Fak-Ausgängen ausserhalb des erlaubten Rayons von 1992

Nachdem ich nebst dem Job als Funker und Telefonist zur Post-Ordonnanz ernannt wurde, hatte ich meinen Traumjob gefasst, in dem ich meinen Prinzipien, sanfte Obstruktion zu betreiben, sehr untreu wurde – schliesslich ging es hier darum, durch das zügige Verteilen von schönen Nachrichten von “draussen” den armen Kollegen einige schöne Augenblicke zu bescheren.

Allerdings musste ich aufpassen, nicht zu angenehm aufzufallen. Der Spagat aus dem Ehrgeiz, einen kleinen Dienstleistungsbetrieb mit einem kundenfreundlichen Angebot aufzuziehen, und dem möglichst passiv-unauffälligen Mauerblümchendasein war nicht so einfach.

Beschriftungen meines RS-Postlokals in der Verlegung im Jura (1992)

Alle Waffen bleiben draussen - ein kleiner akt zivilenb Ungehorsams: in meinem Militär-Postlokal bestand ich auf Waffenfreiheit (Sommer 1992)

Aber der Job als Postverteiler ergab Freiheiten, die gut taten. (Und ausserdem konnte man alle Postkarten lesen.) Ich hatte Zugang zum KP, von dessen Telefon aus man nachts auf Staatskosten einem Freund in Übersee telefonieren konnte. (Auch mit dem Feldtelefon 50 konnte man an den für uns vorbereiteten zivilen Anschlusskästen perfekt alle möglichen Nummern wählen: Ein Klick für die eins, zehn für die Null… und schon war man mit Denver verbunden. Das war in einer RS ohne Mobiltelefonie Gold wert.)

Rekrutenschule in Frauenfeld, Besuchstag im August 1992, mit Feldtelefon 50

Also mehr ein idyllisches Zeitverplämpern als das grosse Leiden? Vermutlich schon. Richtig heftigen Widerstand, der zu “Scharfem” oder anderen ernsthaften Problemen hätte führen können, liess ich sein. Das ist rückblickend gesehen bequem und feige.

Ich wollte wohl – heute würde man wohl “nerviger Nerd” sagen – einfach so oft es nur ging demonstrieren, dass “mich das hier also im Fall anscheisst”: Blume im Sturmgewehr, Schoggischuhe statt harte Klötze tragen, GSoA-Shirt, eine kleine Bibliothek mit armeekritischen Schriften (wie dem “Panzerknacker”) und Soldatenkomitee-Verteilmaterial, Hammer-und-Sichel-Pin am Kämpfer, über den ganzen Betrieb möglichst viel lachen, “Keine Waffen im Postbüro” an mein Räumchen schreiben, möglichst lange und nervige Schreiben an die Vorgesetzten verfassen.

Zum Glück sind im Archiv noch Kopien aufgetaucht. Über diesen Abschnitt lache ich mich 20 Jahre später krumm:

Wenn Sie mir einen Posten in der Armee verschaffen, wo ich mich einigermassen wohlfühle, in Ruhe gelassen werde, bin ich durchaus bereit, auch als Soldat einen guten Job zu machen. Ich habe innert vier Wochen nie zuvor soviel Unsinn und Stupidität erlebt und bin ein Antimilitarist geblieben. Was aber nicht heisst, dass ich stur alles ablehne, sondern durchaus kooperationsbereit bin, wenn man mir entgegenkommt und auch etwas Menschlichkeit zeigt. Dann tue ich jemandem als Mensch gerne einen Gefallen und mache mit, auch wenn mir etwas nicht passt. Ich stelle aber fest, dass die im zwischenmenschlichen Umgang vieles erleichternden Worte “Danke” oder “Bitte” im Dienstbetrieb nicht zu existieren scheinen. Ich halte diesen Befehlston für Überflüssig. Wenn jemand etwas von mir will, kann er es auch höflich mitteilen. (…) Was muss in einem Menschen vorgehen, wenn er 140 Leute ins Achtung befehlen kann und sie anschreien, wenn “eine Banane drin” ist? (…) Meine Einteilung als Funker statt Leitungsbauer bringt Ihnen und mir mehr.

Oder an den Einheitsinstruktor:

Sie haben ja wohl schon meine Fiche behändigt, welche doch sicher in der Kaserne existiert. Wenn nicht: Der Beilage können Sie entnehmen, wie ich zur Armee stehe. Nach 7 1/2 Wochen steigt die Lust von Tag zu Tag, einfach nach Hause zu gehen und zu sagen “Was hast du in den letzten Wochen Verrücktes getan?” (…) Es wird mir immer klarer, dass ich diese sogenannte “Rekrutenschule” tatsächlich nur dank guten Kollegen im Zug, viel Post von den FreundInnen daheim, den Wochenenden überstehen werde, das Tagträumen, das Nachsinnen über Reisepläne nach dem Ende der RS. (…) Dies ist NICHT meine Welt. Menschenverachtend, natürlichem Denken widersprechend, unterdrückend, hierarchisch. Ich habe einen grundtiefen Hass gegen diese “Organisation”. Wichtig erscheint mir aber trotz allem, nicht destruktiv zu sein, sondern Diskussionen anzuregen und dazu aufzurufen, nicht jeden sinnlosen Mist anpasserisch zu schlucken. Und für sowas gibt man Millionen aus, für einen Sandkasten für Möchtegerngeneräle, sonstwo gescheiterte Menschen. Dieser volkswirtschaftliche Unsinn muss weg und das Geld gescheiter eingesetzt werden. Ich will heim!!!!!

(Darunter war ein Soldatenkomiteekleber mit einer geballten Faust und dem Text “Rebellion ist berechtigt”, und das i-Tüpfli meines Namens war wie immer in der RS ein Peace-Zeichen.)

Vielleicht hätte ich als Offizier so einen dahergelaufenen Besserwisserjüngling auch gern noch etwas gegrillt, auch wenn vieles natürlich durchaus auch heute noch stimmt.

Einh Instr M. mit seinem diabolischen Grinsen und seinem doofen Zürcherdialekt traue ich zwar heute noch nicht zu, dass er durchschaut hat, was ernst zu nehmen und was bloss als weinerliche Drohkulisse dazugeschmalzt war – vielleicht hat er aber seinen Humor nur geschickt verborgen und über den Quatsch auch nur gelacht.

Egal: Jedenfalls klappte das Spielchen, Herr M. fand, ich sei zu unreif zum Weitermachen und damit war das Hauptziel der RS erreicht.

Natürlich wird man in solchen Situationen bewusst oder unbewusst auch zum Mitläufer. Man nimmt einen Soldatenjargon an, den man kaum mehr wegbringt – ein subtiler Gruppenzwang, der in eine gesamtdeutschschweizerische Geheimsprache mündet, die heute noch in manchen Situationen mit Männerüberhang zieht.

Am Besuchstag gefiel es mir zudem trotz aller Armeefeindlichkeit, meinen Verwandten zu zeigen, dass wir geile Siechen sind, die schnell eine Antenne aufstellen und mit dem Leitungsbauer-Puch rasant von dannen düsen können.

Rekrutenschule in Frauenfeld, Besuchstag im August 1992, Uem Zug 1

Ob ich’s will oder nicht – meine Sturmgewehrnummer oder die alte AHV-Nummer kenne ich heute noch auswendig. Und das SE-412 könnte ich wohl heute noch bedienen…

Notizen von 1992 zur Funkanlage SE-412

… und die entsprechende Antenne dazu aufstellen ebenso:

Rekrutenschule in Frauenfeld, Besuchstag im August 1992

Und auch wenn ich damals zumindest anfangs Angst vor dem Schiessen vorspielte, kann ich heute zugeben: Das Ballern gefiel mir aus rein sportlich-geschicklichkeitlicher Sicht sehr wohl.

Der Autor (links) lernt das Töten im Liegen, Sommer 1992

Enttäuschend waren Klassenfreunde, die als Korporale plötzlich verlangten, dass man sie im Dienst sieze. Was für Affen! Aber gut, wir waren alle 19 oder 20, eigentlich noch Kinder, was solls. Künstliche Hierarchien und Autoritätsketten waren mir damals schon ein Greuel und sind es bis heute: Entweder kann jemand etwas und die Chemie stimmt, oder eben nicht – und dann gehts halt nicht und man sucht sich jemand anderes.

Mein damaliger Kadi ist heute offenbar erfolgreicher Jurist und sitzt in diversen Verwaltungsräten – das passt irgendwie. Diese Welt der beinahe schon an die katholische Kirche erinnernden Männerbünde (des Geschlechts, des Geldes und der Machterhaltung willen, weil man ausser eines künstlich geschaffenen Beziehungsnetzes nicht wirklich viel drauf hat) sagte mir schon damals nichts – so hat die RS vermutlich immerhin mitgeholfen, mein Wertesystem zu konsolidieren.

Wie würde ich mich heute Verhalten? Hätte ich mehr Zivilcourage, den Leuten gewisse Dinge ins Gesicht zu sagen? Würde ich alles mit einer Prise Humor nehmen? Würde ich draufgehen? Oder wäre ich heute mehr auf Konsens bedacht in dieser seltsamen Soldatenwelt? Würde mich die Lust am schauspielererischen Befehlston packen und ich wäre ein geborener Offizier?

Sehr selten träume ich tatsächlich noch davon, dass ich nochmals ins Militär muss. Stets macht sich eine gewisse Verzweiflung breit – “mein Leben ist doch zu kostbar für so einen Bullshit, wie komme ich hier wieder raus?”

Also bin ich einfach froh, dass diese Episode 20 Jahre her und abgeschlossen ist. Und dass ich sie als 20-jähriger ungeschliffener Naivling vermutlich einfacher durchlebt habe als ich es heute tun würde.

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