17.11.2006

50 Jahre Ungarnaufstand – 50 Jahre in der Schweiz

“Jacomet” tönt nicht ungarisch – ist auch nicht ungarisch. “Engel” tönt auch nicht ungarisch – ist aber in diesem Falle ungarisch: Heute vor 50 Jahren – am 17. November 1956 – ist die Familie Engel, sind meine Grosseltern in einem Alltag in Ungarn: Meine Grosseltern im Mai 1951 in Sopron (Ungarn) - klicken für grosse FassungSchweizer Auffanglager angekommen. Mit meiner dreijährigen Mutter im Schlepptau, nach einer abenteuerlichen Flucht vor den Wirren des Ungarnaufstandes.

Zum Bündner Nachnamen kams später nach Skiferien in Sedrun – aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Im Grunde genommen bin ich also ein Secondo, nur merkt mir das kein Mensch an, nicht mal ich selbst. Ich habe weder einen Nachnamen mit -ic, noch sprech ich voll krass mann ey und werde bei der Lehrstellensuche auch nicht diskriminiert – und das ist irgendwie ungerecht.

Mitunter dank der antikommunistischen Stimmung der 1950er-Jahre wurden die Flüchtlinge Des Bloggers Grosseltern und Urgrosseltern anno 1952 in Sopron (Ungarn) - klicken für grössere Fassungjedenfalls noch euphorisch willkommen geheissen – Schwein gehabt. Diese Geschichte wurde aber schon oft erzählt, auf dieser Seite zum Beispiel. Hier für einmal ganz persönliche Erinnerungen eines dieser Flüchtlinge.

Ich habe vor einem Jahr mit meinem inzwischen 76jährigen Grossvater ein Gespräch geführt – anlässlich des 50jährigen Jahrestages der Flucht vor den Kommunisten sind hier einige Ausschnitte zu hören.

Zunächst erzählt “Apu” (“Papa”) vom schwierigen Alltag in Ungarn und von den Gründen für die Fucht – unter anderem hätte seine Frau (im Ausschnitt “Anyu”, “Mama”, genannt) als Lehrerin die kommunistische Lehre verbreiten sollen; für sie als Christin unerträglich.

O-Ton 1: Gründe für die Flucht, schwieriger Alltag im Ungarn der frühen 1950er-Jahre: Auch Jugendliche kommen ins Gefängnis

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Nach der Ankunft in Buchs (SG) mit der Bahn wurden die Flüchtlinge in verschiedene Auffanglager verteilt, meine Grosseltern und ihre Angehörigen kommen nach Litzirüti bei Arosa (GR), siehe auch Foto ganz unten.

O-Ton 2: Ankunft in Litzirüti, erste “interessante” Begegnungen mit der bündner Küche – Polenta verfütterte man in Ungarn vor allem den Schweinen, was viele Ungarn vor den Kopf stiess…

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Zufällig gings dann weiter ins Baselbiet – der Kanton Baselland übernimmt die meisten Flüchtlinge. Der spätere Arbeitgeber meines Grossvaters holt die Familie persönlich ab.

O-Ton 3: Von Litzirüti ins Baselbiet (wegen der Suezkrise und Benzinmangel mit der Bahn): Wir sind im Paradies!

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Nach diesem Gespräch wusste ich endlich, warum ich Webpublisher geworden war – mein Urgrosspapa war in Ungarn Webermeister!

Nun – wie einige unverbesserliche Menschen aus anderen Gegenden der Welt heute waren auch die Ungarn damals nicht nur Engel, was in der Schweiz natürlich schlecht ankam. Davon bald an dieser Stelle – weitere Ausschnitte aus dem Gespräch mit “Apu” folgen bald.

Litzirüti, heute vor 50 Jahren: Ankunft im Paradies... (Fotoalbum Familie Engel - klicken für grössere Fassung)

Ankunft unserer Familie in Litzirüti (GR) heute vor 50 Jahren (aus dem Familien-Fotoalbum; klicken für grössere Fassung)

Die Familie entdeckt die Schweiz und ist in meinen heutigen Gefilden unterwegs: Thunersee, ca. 1958 (Klicken für grössere Fassung)   Die Familie entdeckt die Schweiz und ist in meinen heutigen Gefilden unterwegs: “Apu” vor einer unbekannten Frau und dem Stockhorn auf dem Thunersee, ca. 1958 (klicken für grössere Fassung).
Heimisch geworden: Die Familie vor dem Schulhaus in Itingen (BL), wo ich 1979-1984 auch die Primarschule besuchte (klicken für grössere Fassung)   Heimisch geworden: Die Familie etwa 1959 vor dem Schulhaus in Itingen (BL) – hier drückte ich 1979-1984 ebenfalls die Schulbank (klicken für grössere Fassung)
Die beste Urgrossmutter: Gib dem Blogger geraffelte Äpfel, anno 1976 (klicken für grössere Fassung)   Gib dem Blogger geraffelte Äpfel: Der erste Grosskind [sic!] wird von der besten Urgrossmutter der Welt vorbildlich umsorgt – an diese Plastikschüsseln erinnere ich mich noch bestens. “Mati” lernte nie richtig deutsch, schlug sich aber immer irgendwie durch und erzählte stundenlang coole ungarische Märchen (klicken für grössere Fassung).
Find’ ich gut. (Eine weitere Person findet diesen Beitrag auch gut.)

Kommentare

[...] Nun: Der Gute geht wenigstens noch. Anderen habens schwerer. Der Krebs, der gerade meinen Grossvater auffrisst, soll bitte schleunigst aufhören. Got that? [...]

[...] “Göh mir go schloofe”, hat Apu in seinem unverkennbaren ungarisch-schweizerdeutschen Dialekt verkündet, wenn er müde war. Das hat er sich letzte Nacht um viertel nach drei auch gesagt und seinen letzten Flug angetreten. Den Humor hatte der Krebs nie besiegt, und so wird er mir es nicht übel nehmen, wenn ich frage: Wer bringt jetzt bitte in Südfrankreich die Croissants? [...]

[...] und ich sinnierte wieder einmal über die eigenen Grosseltern nach, die 1956 aus Ungarn in die Schweiz flüchteten bzw. väterlicherseits ein nicht ganz einfaches Leben in der noch völlig untouristischen Surselva [...]

[...] auch meine Herkunft und das “Direkt-Erlebt-Haben” eine Rolle: Als halber Nachkomme ungarischer 1956er-Flüchtlinge reiste ich als Kind einige Male ins zwar gulasch-, aber eben doch kommunistische Ungarn. Frühe [...]

hallo andi,
lebt dein grosspapa noch?
frag mal deinen grossvater (aus sopron), ob er joszef und jolanda ragasit – asboth ebenfalls
aus sopron kennt (oder sich errinert)
besten dank für deine antwort.
freundlichst
zoltan

[...] und schreibt man meine Muttersprache – allerdings eine, die ich nach meiner Kindheit ausser mit Verwandten nie regelmässig sprach, und (von wenigen Ungarnreisen ausgenommen) auch nie in der freien Wildbahn [...]

[...] nie was gehört?”: Eine nach Holland emigrierte Budapesterin, die wunderbare Fotos im Ungarn meiner Urgrossmutter gemacht [...]

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