26.10.2016

Vor 20 Jahren: Die erste Website

Vor 20 Jahren ging meine erste Website online – diejenige des Instituts für Medienwissenschaft der Universität Bern (das heutige ikmb), wo ich von 1996-2001 mein Unwesen trieb.

Roger Blum und Erwin Koch in einem Seminar 1996Chef Roger Blum (rechts im Bild anno 1996 mit Erwin Koch) sagte dem 24-jährigen Hilfsassistenten mit den grauenvollen Think-Pink-Hemden im August 1996, er solle „mal so eine Houmpeitsch“ machen. Meine Antwort: „Was ist das genau?“

Den Grundstein gelegt hatten zuvor einige netzophile Studierende – ich verdanke meinen heutigen Job quasi Frank Lenggenhager. Ich verfeinerte (aus heutiger Sicht: verschlimmbesserte) den von ihm und einem Freund entworfenen Auftritt mit „GNN Press„, einem der ersten Web-Editoren (entwickelt 1993) – und staunte, als wenig später unter der Adresse http://ubeclu.unibe.ch/imw nach dem Hochladen mittels eines rätselhaften Tools namens „FTP“ tatsächlich eine Website erschien. (Auf „ubeclu“ lagen damals die meisten Uniwebsites.)

Zu Beginn des Wintersemesters 1996/97 – genau in dieser Woche vor 20 Jahren – war es soweit: Die Ur-Fassung hab ich zwar nicht mehr, aber dafür eine sanft renovierte Fassung von 1997. Ein Freund feedbackte am 24. Oktober 1996: „Gute Sache im Internet. Mach weiter so!!“ Die Icons – heute würde man wohl „Kacheln“ sagen, also ein wenig revolutionär war das schon – bestanden übrigens mangels Software (oder Wissen) aus in Word geschriebenen, ausgedruckten und eingescannten „Schildern“.

Der Blogger und seine Halbbrüder anno 1997Damals waren Internetseiten und E-Mail eine mittlere Sensation, und Teammitglieder frotzelten laufend „der Jacomet hat ja eh immer das Mailprogramm offen, unglaublich, da machts dann grad ‚pling‘ wenn so ein Mail kommt – öhm, kostet das eigentlich was, ein Mail zu verschicken?“

Ich (rechts im Bild 1996 mit meinen Brüdern, die 20 Jahre nach dem Bild soeben ihren Bachelor gemacht haben) bekam Panik, denn so sicher war ich mich auch nicht, ob ein Mail denn nun – wie damals ein Telefongespräch – kostet oder nicht.

Dumm war nur, dass mein 486er mit Windows 3.11 ständig abstürzte, wenn jemand ein Attachment über 500 KB schickte. Zudem hatte ich nur einen 640×480-Monitor – dennoch stand auf der Startseite „Best viewed with Netscape/Explorer 2.0 or higher, 800 x 600 high resolution“. Irgendwann konnte dann unser mausarmes Insti neue Compis beschaffen (Pentium mit 2×500 MB Harddisk, boah!), und das Problem war gelöst.

IMW-Website anno 1996 (Klicken für Ausflug in die Netzvergangenheit)Links auf andere Websites setzen war ein unglaublich gutes Gefühl – dass am Bildschirm plötzlich Seiten aus einer ganz anderen Welt erschienen, war in der Webpublishing-Pionierzeit schier unfassbar. Ich war unheimlich stolz, unter einem Bild von sich die Zähne putzenden Studis einen Link zur „Colorado Dentist Association“ gemacht zu haben.

Surfen daheim war noch alles andere als einfach – die Uni bot ab 1997 für Studierende einen Dialup-Access mit 14’400 bps an, der aber ständig besetzt war. Surfen konnte man damit aber zunächst nur auf uniinternen Sites… auf web.archive.org ist archiviert, wie ein neuer, unbeschränkter Dienst angekündigt wird. Hier begegnen wir auch wieder alten Bekannten wie melkor.unibe.ch und sehen, dass die Informatikdienste (ID) empfehlen, Eudora statt Simeon als Mailprogramm zu benutzen. Dazu gibt es Software für Windows 3.x und 95.

Natürlich waren die 1990-er auch die Pionierzeit der Internetpornos, was die Uni Bern vor Probleme stellte – das Netz wurde zusehends langsam, da… lassen wir das. Jedenfalls sperrten die ID – wohl eher im Rahmen einer Sensibilisierungsaktion – jeglichen Webtraffic mit der Zeichenfolge „sex“. Was zur Folge hatte, dass Seiten mit „Gasexplosion“ oder „Essex“ plötzlich nur noch Fehler lieferten.

Ein anderer Freund schrieb im Oktober 1996: „Das Thema Internet gewinnt immer mehr an Aktualitat. Vor einigen Jahren waren ausgesuchte Informatiker und Informatikerinnen stolz auf ihre Visitenkarten, auf welchen das magische Zeichen @ (deutsch: Affenschwanz, englich: at) vorhanden war. Damals prahlte Mann und Frau mit einer eigenen E-Mail Adresse um elektronische Botschaften zu erhalten. Die Zeiten andern sich rasant – und wer heutzutage nicht uber eine sogenannte Homepage im World Wide Web (WWW) verfugt, betreibt eh kein ernstzunehmendes Business. Unterdessen surfen in der Schweiz 700’000 aktive und weniger aktive Leute im Internet herum; eine stolze Zahl – weltweit sollen es bereits uber 50 Millionen sein.“

Er schickte auch gleich die erste URL des Berner Alternativradios „RaBe“ mit: http://ourworld.compuserve.com/homepages/radio_rabe

Genau: Compuserve, HotMetal Pro, HotDog, Suchen mit Hotbot und Altavista (OK, manchmal auch Astalavista, zugegeben)… und dazu eine kurze, handliche Mailadresse andreas.jacomet.1@sm-philhist.unibe.ch – das waren noch Zeiten! Auf Radio RaBe hatten wir als „Fachschaft Medienwissenschaft“ eine eigene Sendung und verlasen auch die aktuellen Internet-Tipps  – hier einige Beispiele aus der Web-Urzeit, als vieles heute Selbstverständliche noch wahnsinnig neu war:

– Was zum Henker ist das „3W“? – Frank erklärts – und erwähnt die „neue Website des ISC“. Zudem wimmelte es schon damals von „stinklangweiligen Seiten“ – immerhin, gottseidank gabs noch keine Blogs. Die Internettips aus der Medien-UniBox vom 16. April 1996:

 

– Internettipps vom Juni 1997:

 

– Aus einer Zeit, als Windows 95 noch der letzte Schrei war und ich mich mit Windows 3.1 abmühte… Gewisse Angebote sind nur über Compuserve erreichbar, oder was war der URL-minder schon wieder? Und wieso muss man ächtscht Faxen oder schreiben, um mehr Infos zu den vorgestellten Websites zu bekommen? Die Internettips aus der Medien-UniBox vom 24. Mai 1996 (MP3, 2.5 MB):

 

– „Ich bin da nicht so der Web-Spezialist“ – Von wem könnte dieses Zitat stammen? Und wieso findet man die besten Medienseiten via „Bilanz“-Website? Die Internettips aus der Medien-UniBox vom 17. September 1996 (MP3, 2. MB) – In diesem Manuskript haben wir den SRG-Medien, die den Internetzug verpennt hatten, tüchtig eingezeizt.

 

Vor 20 Jahren hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich eines Tages als Selbständiger mit solchen Dingen mein Geld verdienen könnte, egal von wo aus auf dem Planeten. Und dass das an der Uni aufgebaute Beziehungsnetz bis heute die Ur-Basis meiner Geschäfte ist – 100x mehr Wert als jedes Diplom.

Screenshot der IMW-Website von 1998 bis 2000Wenig später waren wir ab 1998 – mit neuer Website (erstes Bild rechts) – das erste Institut, das Prüfungsresultate online veröffentliche (Matrikelnummer und Note). Eines der Frühwerke von Michael Herrmann war ein Perl-basiertes System, das ab etwa 1999 Prüfungsanmeldung und Notenmitteilung samt Mailings zuverlässig automatisierte und uns Stunden an Arbeit sparte. Im Jahr 2000 gestaltete uns Bastiaan von nothing eine für damals äusserst moderne Website (zweites Bild), deren Design bis zur Übernahme des Uni-Designs Bestand hatte.

„Online first“ war aber Ende der 1990-er nicht jedermanns Sache. In einem Sitzungsprotokoll beklagte ich mich 1999 bitter: „Input fürs Web kommt ab und zu von X und Y, selten von anderen, ansonsten bringt auch mehrfaches Nachhaken praktisch nichts (z.B. Bitte um neue Projekttexte oder themenverwandte Links). Diese Situation ist bisweilen frustrierend. Gerade Fehler auf der IMW-Website werden so kScreenshot der IMW-Website von 2000 bis 2003aum entdeckt. Viren-Hoaxes werden wie in der Internet-Steinzeit weiterhin fröhlich weitergeleitet, obschon mehrfach darauf hingewiesen wurde, dass solche Meldungen reiner Unfug sind. E-Mails werden ausgedruckt, obwohl das Verschieben in eine andere Mailbox reichen würde. Linkvorschläge werden manchmal auf Papier eingereicht. Aus der Situation lässt sich eine geringe Sensibilisierung für Online-Anliegen herauslesen.“

Gut, einiges hat sich bis heute nicht verändert…

Mich hatte inzwischen der Internet-Virus aber komplett gepackt – ich brach das Studium ab und entwickelte zusammen mit Role ab Mitte 2000 beim Kanton Bern die ersten Websites der Staatskanzlei, des Grossen Rates, der Gesetzessammlung Belex sowie für Wahlen und Abstimmungen. Auch diese Pionierjahre möchte ich trotz aller Kämpfe gegen eine gewisse Innovations-Lethargie der öffentlichen Verwaltung nicht missen.

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